Kinderseele.
Roman von Reinhol. d Ortmann. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Margarete aber liebte die Kinder mit aller Wärme eines unverkümmerten werblichen Gefühls, und sie traute sich darum auch die Fähigkeit zu, diesen Trotz durch die Muht geduldiger Liebe zu überwinden. Zärtlich zog sie die Meine zu sich heran und legte ihren Arm um das wie in leisem Widerstreben erzitternde Körperchen. „Wir toerden also hinfort miteinander leben. Und nur werden immer recht gute Freunde sein — nicht wahr, Dietlinde?"
Die Gefragte blickte nicht auf, aber ihre Antwort erfolgte sofort, trocken und automatenhast, mit der eingelern- rep Bescheidenheit einer auf Aeußerlichkeiten gerichteten erzieherischen Dressur. „Fa — wenn Sie es so »Pünschen, Fraulein I"
„Nicht, weil ich es so wünsche, sondern weil wir einander recht von Herzen liebgewinnen wollen. Nennt man dich hier im Hause immer bei deinem vollen Vornamens, oder hast du bet der Mama noch einen anderen?"
„Mama heißt mich immer Dietlinde. 4drr Josepha sagt Dita. Mer die Mama darf es nicht hören, denn sie hat verböten, daß Joseph« mich so nennt."
„Und wer ist Joseph« ?"
„Die mich hier heraufgebracht hat. Sie habe ich lieb."
Etwas eigentümlich Herausforderndes klang aus dieser letzten, in einem ganz veränderten Tone abgegebenen Er-
i «.
WÄrung. Und plötzlich sah Margarete die bisher beharrlich gesenkten Augen des Mädchen —i wundervoll tiefe, dunkle Augen — mit seltsam starrem Mick auf sich gerichtet.
„So ist sie wohl schon lange bei dir, die Josepha?"
„Sie ist immer hier gewesen, ihr ganzes Kleben lang. Die Mama ist erst viel später hergekommen. Und Josepha weiß alles, was sich jemals auf Klein-EMach zugetragen hat Sie kann so schöne Geschichten erzählen. Und ich habe sie sehr lieb." -
„Wenn du sie so lieb hast, hat sie es loahrscheinlich auch verdient. Mer deine Eltern liebst du doch jedenfalls noch viel mehr?"
In den Augen des Kindes ging es aus wie ein triumphierendes Leuchten. Und tvährend sich ein feines Rot unter ihrer durchsichtigen Haut ausbreitete, schüttelte sie energisch den Kopf. „Rein — ich habe niemand so lieb wie Josepha. Much Mama nicht. Mama am allenvenigsten. Und nun lverdeu Sie hingehen und es ihr erzählen — nicht loahr?"
.Mas sollte ich erzählen, Dita? Und wem?"
„Oh, ich weiß schon. Mademoiselle bat es ja auch getan. Und die Mama hat mich mit der Reitpeitsche geschlagen. Wer ich fürchte mich nicht vor der Reitpeitsche — nem, gar
nicht! Und ich werde es immer —i iminer — immer wieder sagen." >
Margarete fühlte sich eiskalt überriefelt. Jetzt verstand sie, >vas bei dieser ersten Begrüßung m der Seele deS Kindes vorgegangen war. Die neue Gouvernante bedeutet? für sie nichts anderes als eine neue Peinigerin, und aus einem tapferen Wahrheitsbedürfiris heraus hatte sie nicht gezögert, ihre Gedanken zu offenbaren. Mit vollem Bedacht lehnte sie sich auf gegen eine Zärtlichkeit, an deren Echtheit sie nicht glaubte. Ihr kindlicher Geist rvähnte einen Weg gefunden zu haben, der ihr rasch volle Klarheit verschaffen mußte auch über ihre neue Tyrannin. Weil melleicht einmal das Vertrauen, das sie einer Erzieherin geschenkt hatte, zür Ursache einer grausamen Züchtigung geworden war, darum hatte sie jetzt mit betonter Absichtlichkeit das verhängnisvoll« Wort wiederholt. Es hatte eine Probe sein sollen oder eine Ansage offener Fehde.
So erschütternd wirkte dieser todesmutige Verzweig lungskampf einer mißhandelten Kinderseele auf Margarete, daß sie die Kleine an ihre Brust drückte und ihr Gesicht mit Kiissen bedeckte.
Steif, regungslos, mit geschlossenen Augen und heftig atmender Brust liest Dietlinde die Liebkosungen über sich ergehen, aber als Margarete sie dann frergab, zitterten zwei große Tropfen an ihren Wimpern.
,Mama hat Mademoiselle verboten, mich zu küssen," sagte sie leise. „Und ich — ich mag auch nicht geküßt wer-, oen, Fräulein!"
„Gut, Dita, so werde ich dich erst wieder kiissen, »veirn du selbst ein Verlangen danach hastz. Mer von dem, was du mir gesagt hast, werde ich keinem Menschen erzählem Denn es war nicht recht von dir, so zu sprechen. Und alles Unrechte, das du tust, wird fortan immer ein Geheimnis! bleiben ztvischen dir und mir. Damit bist du doch einver- ftaiiden — nicht wahr?"
Wieder sah die Kleine auf. Diesnial aber tvar es nur ein vascher, scheuer, mißtrauischer Blick. ,,Jch — ich weiß nicht," kam es zögernd von ihren Lippen.
Margarete sah ein, daß sich dies spröde Herz nicht im Sturm gewinnen lassen würde, und fiir den Augenblick wäre ihr auch nicht Zeit zu iveiteren Versuchen geblieben, denn ein harter Finger klopfte nachdrücklich an die Zimmertür, und Josephas knochige Gestalt erschien auf der Schwelle.
„Fräulein iverdpn zu Tisch gebeten. — Komm, Dita!"
4. Kapitel.
Das Familienspeisezimmer war das letzte in der Flucht der unteren Gemächer. Die Wände toaren bis zur bemalten Decke hinauf mit tiesrotem Holz getäfelt, und aus demselben Material bestanden auch die mächtige Kredenz wie der große runde Speisetisch und die schtveren, hochlehnigen Stühle. Eine breite Glastür, die jetzt geschlossen war, schien auf eine nach der Parkseite des Hauses gelegene Terrasse oder Veranda zu führen. Eine andere, offene Tür gestattete


