Ausgabe 
9.7.1914
 
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rastlosen Söflftn, der bald leise gurgelnd und plätschernd, bald »nachlvoli rauschend von dem Wind hinübergetragen wuvde,

Er sah über den Damm des Teiches hinweg auf die dunklen Wellenrücken, die sich krümmten und bogen und wie flüssige Berge da hin rollten >

Er trat wieder zurück in die Wohnstube, in welcher Arda noch allein tätig war, Tisch und Zimmer in Ordnung zu bringen, Arda blickte mehr erstaunt als erschrocken aus und sagte: Sie sind noch auf, Herr Rene?"

Ich bin nicht gewöhnt so zeitig schlafen zu gehen, Arda. Es rst kaum zehn Uhr. Ich habe Lust, noch ein paar Minuten an den Strand zu gehen. Wollen Sie mir bitte, die Haustür ouffchließen,"

Arda griff schweigend nach der Windleuchtc und zündete sie an, dann nahm sie von einem Kleiderrechen einen großen Schal und reichte ihn Rene,Binden Sie den Schal um, Herr Rene, Es weht rin eisiger Nord,"

In dieser Bitte lag etwas so Schlichtes und Bezwingendes, daß Rene nach deni Tuche griff und es sich ungeschickt um Kopt und Hals wand.

Dann schritten sie die knarrende Holztreppe hinunter, Arda mit der Leuchte vorweg und sic hochhaltend, J!n dem Hausflur schritt sic nach der Hoftür und sagte erflärend zu Rene:D,e Glocke der Vordertür läutet so schrill, da möchte die Mutter aus- wecken," v

Auch hier wieder die rührende Sorge,

Sst öffnete die schmale Pforte und setzte die Windleuchte aus die Sleinfliesen,

Und während Rene ins Freie trat, fragte sie: .^Bleiben Sie lange, Herr Rene?"

Rene wandte ihr sein Antlitz zu. Es war aschfahl und unter den Äugen zeichneten sich schwane Ringe ab,

Arda fuhr erschrocken zurück und stieß hervor:Was wollen Sie da draußen am Meere, Herr Rene?"

Luft, Arda frische, kalte Lust in zehn Minuten bin ich wieder da vielleicht,"

Und Arda reckte sich auf und sagte fest: ,Hch gehe mit an den Strand, warten Sie einen Augenblick, Herr Rene,"

Und mit eckiger Hast sprang sie die Treppe empor, und nach laum einer Minute war sie tvieder bet Rene, Aber der Maler sagte:Ich dulde nicht, daß Sie sich meinetwegen der Gefahr einer Erkältung aussetzen,"

Aber sie lachte laut aus:Ich bin das eher gewöhnt als Sie, Herr Rene. Also kein« Sorge,"

Und sie trat an sein« Seite, Doch Rene blieb stehen,Rein, es geht nicht, Sie dürfen mich nicht begleiten, Denken Sie an Seede," <

Sie senkt« das Haupt und schwieg. Aber dann ergriff sie seine Haard und sagte:Seede setzt volles Vertrauen in mich. Kommen Sie,"

Nun schifften sie denr Meere zu. Hier und da schimmerte aus einzelnen Fischerhütten ein schwacher Lichtschimmer,

Das Meer schielt ruhiger geworden zu sein. Seine Wellen rauschten träumende Weisen und spülten matt an dem Ufer empor- Sonst regte sich kein Laut, >

Schweigsam ivaren sie an dem Bordeichc dahingcwandert, bis zu einer Stelle, wo das Ufer in einem schroffen Winkel vorspringt. Hier waren die Wellen wild und ungestüm, und es brodelte und gischte und schäumte in den Wassern, Am! Himmel schob sich ein schwarzes Gewölk,

Wollen wir umkchren?" fragte Arda.

Wenn es Ihnen recht ist, verweisen wir hier noch einige Minuten, Die düstere Nacht, die schwarzen, schauerlichen Wasser­massen, das Aus und Nieder der Wogen erinnern an eine zer­rissene, arm« Seele, in der es unheimlich ffnster aussieht und die nicht mehr weiß, wo aus noch ein, die sich bäumt und auf-« lehnt gegen das Schicksal und unterliegen muß,"

Arda sagte:Ich habe eine solche Seele gekannt, eine beimat- lose Seele, Nichte auf Erden dünkt mich so schauerlich, als heimatlos und verlassen zu sein, und dann tut sich das Herz auf, wenn es auch nur eine» Menschen findet, von dem es weiß: Der wird dich schützen und dir helfen. Auch wenn der Mensch sonst nichts wert ist, denn wahre, tiefe Herzensnot fragt nicht nach der Qualität des Helfers, und in dem Augenblick, wo einer Hilst, ist er immer gut."

Rene schaute in die Wogen und fragte müde:Und wenn Nün jemand einen solchen Helfer nicht findet?"

Dann mag Gott ihm gnädig sein,"

Rene lachte auf. Es war ein heiseres Lachen aus verbittertem Herzen,

Und während sie ani 'Strande furückschruten, dem 'Dorfe zu, sagte Rene:Und Sie fanden einen solchen Menschen in der Fremde, Fräulein Arda?"

Ich wußte, daß Sie jetzt so fragen wirr den. Sie meinen Pctrow Tikander Er war mir ein Helfer, und er liebte mich, uird diese Liebe läuterte ihn, wenigstens im Berkehr mit mir, Ich Muß ihm dankbar sein,"

,-Jch weiß, tvie er für Sie sorgte, Fräulein Arda, und auch ich lverde ihm dankbar sein, ivann und 100 ich ihn finde,"

Er ist über das Meer, Bor meinem Weggang von Hamburg sagte ich ihm kurz Md flar, daß ich auf Erden nur einem Men­schen angehören werde:Seede Bahlsen,"

Rene zuckte zusammen und fuhr sich mff der Hand nach dem Herzen, aber Arda merkte es Nicht, Sie fuhr fmck, zu er­zählen:Und da ist er über das Meer, er null nie wieder unser Land betreten."

Rene sprach:Ja, wer das könnle! Soll man seinen Kummer in der LLell herumtragen? Für Herzensnot ist die Erde ein elend kleiner Wellenwinkcl, nur das Menschlichste gibt dem Men­schen Vergessen, der Tod."

Da faßte ihn Arda an, und sie schrie:Rene! Was wollen Sie tun, was woflen Sie tun?! Wollen Sie durch Ihren Tod mir eine Last auf di« Seele bürden mein ganzes, armselige« Leben hindurch? Wollen Sie die reine, kläre Seele SeedeS trüben, daß der herrliche, gute Mensch nicht mehr fvoh werden kann?"

Sie rang nach Atem, und Rene umfaßte sie, und er sprach beruhigende, tröstende Worte zu ihr.

Und so gingen sie nach dem Schulhause.

10 . Kapitel,

Zwei Wochen weilte Rene nun schon im Fffcherdvrs bei Seede Bahlsen,

Er sprach wenig mit Arda, und sie vermied es, allem mff ihm zu sein.

Aber Rene bemerkte, wie sie ihn immer beobachtete, gleichsam über ihn wachte und stets mit stiller Sorgfalt für ihn sorgte.

Doch sein Herz konnte nicht fröhlich werden. Von Tag zu Tag ward er immer mehr inne, daß in Arda nur noch schwester­liche Liebe für ihn lebte.

In manchen Stunden ersüllle ihn das mit heiterer Ruhe um seiner und Seede willen,

Llber dann packte ihn wieder wahnsinniger Jammer, Es gab Stunden, wo er beschloß, sich Arda um jeden Preis zu erobern, und wenn er über Seede hinwegschreiten müßte.

Wenn ihm aber der Blinde mit seinem großen Herzen, welches erfüllt von wahrer Menschenliebe und so klar und rein, so un­getrübt von jeglichem Falsch gegenüberstand, dann wieder wußte er: Ich kann ihm Arda nicht rauben.

In diesen Tagen kam auch die Berlobungsanzeige von Kun Orsk mit Feodora von Braun,

Rene mußte still lächeln, als er die beiden Namen neben­einander las, Zivei konträre Naturen wie selten, und sie zogen sich an. Das alte Naturgesetz!

Er schrieb Kun einen langen Brief in herzlichen Worten, ver­mied aber, von sich und seinem Leben zu sprechen.

Seit einiger Zeit war eisige Kälte und darauf durch umge­schlagenen Wind plötzliches Tauwetter eingetreten,

Bon Norden her kamen beunruhigende Nachrichten,

Man befürchtete Treibeis,

Der Deichvogt mit seinen Gehilfen hatte alle Borsichtsmah- regeln getrofsen, um einer Sturmsee mit Treibeis erfolgreich zu begegnen.

Da eines Samstags gegen Abend meldete der Seismograph acht bis neun Windstärken von Nordwesten her. Und bel eintreten- der Nacht begann das Rasen und Toben in den Lüsten,

Ein eisiger Regen, wie Nadelspitzen so scharf, fegte schräg über den Strand.

Die wetterharten Friesen standen alle aus ihrem Posten,

Weit draußen vom Meere erklang ein eigentümliches Singen und Knirschen, ein Scharren und Reiben, das von Stunde zu Stunde immer stärker ward.

Auch Rene hatte sich eine Teerjacke geliehen und den Südwester über dem Kops zusammengebunden und stand nun in großen Wasserstieseln mit unter den Schisfern am Strande,

Wenn ein toller Windstoß wie ein Wirbel in die Höhe fuhr und die Wolken anseinanderpeitschte, goß der Mond aus Augen­blicke seinen rötlichen Schein über das Meer, Und da sah man, zwei Kilometer vom Ufer, im Meere draußen eine weiße, beweg­liche Mauer,

Eis kommt!" rief der Lugposten vom äußersten Punkte der Mole, und der Rus pflanzte sich von Mund zu Mund, und die Botschaft wanderte in das Dorf und in jede Hütte, und eines jeden Friesen Herz erzitterte, denn man wußte: Eis und Sturmflut, das sind die Mörder der Stranddörser,

Und die Flut stieg und die Wellen wurden kühner und das schauerliche Konzert der treibenden, sich reibenden Eismassen immer lärmender, .

Und nun kamen auch die ersten Boten: kleine Ersstücke, die von den tvilden Wellen wie ermattete Wurfgeschosse an das Land

geschleudert wurden.

Nun sausten zischende Raketen und Leuchtkugeln in, die Lust, Manche entsührtc der Sturm und trieb sie landwärts, andere verblaßten im.Regen und nur wenige erleuchteten aus Augen­blicke das Meer, aber diese kurze Zeit genügte, um das Grausige des Schauspiels zu erkennen,

Rene, der Binnenländer, wußte: wenn dies« Eismassen, von wütenden Wogen getrieben, den Deich überfallen, dann Ist alles, alles aus.