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ein Plätzchen in .dem Wagen bitten, der da hinter dem Stationsgebäude für Sie bereit steht?"
Da tauchte auch schon eine zweite Gestalt auf, die Gestalt eines Mannes in dunkler Kutscherlivree, der respektvoll seinen Hut lüstete und sich dann wortlos nach ihrem Koffer bückte. 1 1 ’ I
„Ist dies alles, was Sie an Gepäck mit sich führen?" kragte Herr v. Bardeleben. Und als sie leise erwiderte, daß däs übrige schon vorausgeschickt worden sei, gab er dem Kutscher ein Zeichen, die Tasche zum Wagen zu tragen. „Ich bitte um Entschuldigung, Fräulein Othmar," fuhr er fort, „daß «Ae hier so ungebührlich lange warten mußten. Aber ich war ja ganz ahnungslos. Da ich nach alter schlechter Ä^wohuheit mein Kommen nicht angemeldet hatte, hielt ich eS ftlr einen bloßen Zufäll, daß ich meinen Wageü hier vorfand, und ich war schon eingesstegen, als mich der Kutscher fragte, ob ich denn die Dame nicht mitgebracht habe, wegen deren er zur Station geschickt worden sei." Sie waren weitergegangen, und Margarete kämpfte
S ser gegen ihre Befangenheit, um nicht allzu linkisch zu deinen. „Es ist wohl eher an mir, um Entschuldigung
S bitten," sagte sie. „Ich habe Ihnen ja noch nicht einmal r den Beistand gedankt, den Sie mir an diesem Morgen zuteil werden ließen."
„Ach, das ist ja gar nicht der Rede wert. Sie sahen so hilflos und ängstlich aus, daß ich Sie am liebsten gleich mitsamt Ihrem Kösferchen an den Zug getragen hätte. — Darf ich bitten?"
Er faßte sie beim Arm, um ihr in den Wagen zu Helsen. Dann, nachdem er ebenfalls eingestiegen war, breitete er mit galanter Sorglichkeit die Decke über ihre Knie und lehnte sich, als die Pferde anzogen, bdhaglich in seine Ecke zurück, tan die junge Begleiterin mit unverhohlenem Jüteresse zu betrachten. '
„Aus den Umständen glaube ich zu erraten, daß ich die Ehre habe, in Ihnen eine neue Erzieherin meines Döchterleius zu sehen, und aus Ihrem Aeußeren ziehe ich zu meiner Beruhigung den Schluß, daß Sie die arme Dietlinde nicht gar zu sehr quälen werden."
,Mrälen, Herr Baron? —7 Nein, das werde ich ganz gewiß nicht." *
„Oh, Sie wissen vielleicht nicht, was ich damit meine. Es gibt sehr verschiedene Arten, einen Menschen zu peinigen, und Sie werden möglicherweise in nächster Zeit Gelegenheit
S enug haben, nach dieser Richtung hin einige Erfahrungen u sammeln."
Margarete preßte die Handflächen zusammen und starrte durch das Fenster zu ihrer Rechten in die beginnende Dunkelheit hinaus. Wieviel lieber würde sie jetzt zu Fuß durch Regen und Wind gewandert sein! Denn seit dem Augenblick, bä sie sich in der abgeschlossenen Enge des Wagens mit ihm allein wußte, fühlte sie ein seltsames Bangen vor dem riesenhaften Manne, dessen heitere Unbefangenheit sie nicht ermutigen konnte, weil sie ihr nicht als der echte Ausdruck seines Wesens erschien. Ohne irgendeinen Anhalt dafür zu
S n, stand sie unter dem Druck der Empfindung, daß diese enswürdigkeit nichts als eine gnädige Laune sei, die sich jäh in ihr Gegenteil verwandeln könnte.
Ihre Beklommenheit ließ sie stumm bleiben. Was hätte sie ihm denn auch auf eine so sonderbare Bemerkung antworten sollen!
Aufmerksam hatte er sie eine kleine Weile angesehen. Dann lachte er laut aus. „Ich verstehe es ausgezeichnet. Ihnen Mut zu machen — nicht wahr? Aber Sie dürfen unbesorgt sein. Was mir da entschlüpft ist, bezog sich natürlich nicht auf Sic und auf Ihre knnstige Stellung. Sre haben wohl schon gemerkt, daß ich von der Tatsache Ihres Engagements keine Kenntnis hatte. Darum halten Sie es hoffentlich nicht für unbescheiden, wenn ich Sie bitte, mir einiges von sich und von Ihrem bisherigen Leben zu erzählen."
„Ich weiß nicht, was ich Ihnen erzählen sollte, Herr Baron. Meine Lebensschicksale sind so aUtägliche, so —" „Danach sehen Sie eigentlich gar nicht aus. Wie alt sind Sie denn? Doch höchstens neunzehn oder zwanzig Jahre."
„Ich bin schon vor mehreren Monaten zweiundzwanzig geworden."
„Was Sie sagen! Nun, wenn ein junges Mädchen Mit solcher Ernsthaftigkeit und aus so traurigen Augen in die Welt schaut, muß wohl schon allerlei hinter ihm liegen. Ihre Mtelm sind noch am Leben?"
„Nein, ich bin Waise. Meine Mütter verlor ich schon als Kind, und mein Vater starb vor anderthalb Jahren."
„Das ist allerdings eine ausreichende Erklärung. Me sind bereits als Erzieherin tätig gewesen?"
„Rur im Hause einer befreundeten Familie, die mir nach dem Tode meines Baters eine Zuflucht gewährte. Aber diese Familie ist vor mehreren Monaten nach Südamerika übergesiedelt. Da mau mich nicht mitnehmen konnte, mußte ich mich nach einer anderweitigen Stellung Umsehen."
Er stellte keine weitere Frage.
Erst nach einer geraumen Weile nahm er das Gespräch wieder auf. „Wenn es Sie interessieren sollte: wir befinden uns schon seit einigen Minuten auf Klein-Ellbacher Grund und Boden. Auf dieser Scholle sitzen wir Bardelebtzns nun schon seit mehr als dreihundert Jahren. Aber meine Vorfahren hatten es besser als ich, denn ihnen rückte nicht von allen Seiten die Industrie als unbequeme Nachbarin auf den Leib. Sehen Sie die langen Lichterreihen dort in der Ferne? Das sind die Fenster der großen Webereien von Reins- waldau. Vormals Rasmussen & Söhne, jetzt natürlich Aktiengesellschaft. Von daher ist den Bardelebens schon so mancherlei gekommen — Gutes und Schlimmes. Besonders das letztere. — Aber verzeihen Sie — das kann Me selbstverständlich nicht interessieren."
Nein, es interessierte sie in per Tat nicht, und sie hatte jetzt überhaupt keinen anderen Gedanken und keinen anderen Wunsch mehr als den, daß diese Fahrt ihr Ende erreicht haben möge.
Wieder blieb es längere Zeit still zwischen ihnen.
Dann fühlte Margarethe plötzlich, daß ihr der Baron näher gerückt war, und während sie sich ängstlich dicht an die Wand des Wagens schmiegte, hörte sie ihn sagen: „Wir werden sogleich am Ziel sein. Vorher aber müssen Me mir noch ein vertrauliches Wort gestatte», mein Fräulein! Ich habe in den drei Jahren, während deren man meinem! armen kleinen Mädel nun schon mit Gouvernanten, Misses und Mademoiselles sein junges Löben verbittert, wohl mehr als ei» halbes Dutzend von dieser Gattung kommen und gehen sehen. Und ich habe ihr Gehen niemals bedauert, denn für meine Dietlinde ist jedenfalls nicht eine die richtige gewesen. Sie aber sehen mir so aus, als ob Me die sein könnten. In Ihrem Gesicht und in Ihrer ganzen Apf ist etwas, was mich von Ihnen Besseres hoffen läßt äss von den anderen. Sie müssen sich nämlich Ihre Aufgabe keinesh wegs als leicht vorstellen, mein liebes Fräulein!"
„Etwas Aehnliches hat mir auch die Frau Baronin! geschrieben. Nun, ich werde gewiß alles tun, Was in meinen! Kräften steht, um Ihren Ansprüchen zu genügen.":
„Na, werden ja sehen, wie lange Sie dazu Lust behalten. Es geht im allgemeinen nicht über die Maßen vergnüglich zu auf Klein-Gllbach, und je weniger Illusionen Sie sich von vornherein in dieser Beziehung mache», destp leichter werden Sie sich zurechtfinden. Die Hauptsache ist, daß Sie sich von Anfang an die richtige Stellung stcherü und sich durch nichts beirren lassen i» dem, tvas Ihnen für Dietlinde als das Beste erscheint. Ich selber kann mich au« verschiedenen Gründe» nicht viel um diese Dinge kümmern, und ich möchte es auch nicht, weil ich von der Erziehrtpä kleiner Mädchen nicht das mindeste verstehe. Mer wänn St« jemals meiner Unterstützung &u bedürfen glauben, gegpn Wien immer es sein mag, so bitte ich Sie, sich unbedenllich aü mich zu lvenden. — Und nun wären wir ja glücklich schon in der Allee, die zu meinem Hause führt."
Der Wagen hielt, und wieder war der Baron dem jungen Mädchen ritterlich beim Mssteigen behilflich.
Dann wandte er sich an den Kütscher: „Nicht aus>- spannen, Hilbert! Warten Sie hier auf mich, Sie sollen mich gleich nach Reinswaldau hinüberfahre»."
(Fortsetzung folgt.)
Der Blinde am Meer.
Roman von Karl Böttcher -Chemnife.
(Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
Reue wollte morgen wieder fort, nach Berlin. Ml dl« glücke liche Ruhe, das Gefühl des Geborgeuseins, das er noch vor einer Stunde besessen, war aus ihm gewichen.
Er trat arrs Fenster und öffnete es, uiti> er liefe, den eisigen^ passen Wind über sich ergehen. Er lauschte dem Wogeuschlag der


