Kinderseele.
Roman von Reinhol. d OrtmaniL (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Gegen drei Uhr nachmittags war die Station erreicht, «ruf der sie umsteigen mußte, um mit einer Nebenbahn das letzte Stltck ihrer Reise zurllckzulegen. Sie hatte hier mehr als eine halbe Stunde Aufenthalt, und da.sie seit dem krähen Morgen nichts mehr genossen hatte, war es ihre Absicht, in der Restauration etivas zu essen. Diesmal besann sie sich nicht, ihren Koffer der Fürsorge eines Gepäckträgers anzuvertrauen, und sie tvar eben im Begriff, sich dem Speiseranm zuzuwendcn, als eine Wahrnehmung, die ihr eigentlich hätte ganz gleichgültig sein sollen, ihren Schritt stocken machte.
Sie sah die Hünengestalt ihres blondbärtigen Ritters, der also hier ebenfalls seine Fahrt unterbrochen haben mußte, und sie sah zugleich, >oie er mit allen Anzeichen freudigster Ueberraschung eine junge Dame begrüßte, die dbe» ans dem Inner» des Stationsgebäudes auf den Bahn-
& herausgetreten war. Sicherlich fühlte sie kein beson- s Interesse für die beiden, und doch konnte sie nicht soaleich »nieder den Blick von ihnen tvenden. Ihr tvar, als habe sie nie ein schöneres Menschenpaar gesehen. Jetzt erst erkannte sie, daß der Mann noch jung war, getviß nicht über die Mitte der Dreißig hinaus, und daß die energischen Formen seines Gesichts von ebenso edler Bildung ivaren wie der Bau seiner prachtvollen Gestalt.
Aber »oas ihre Aufmerksamkeit noch weit mehr fesselte, tvar die ungewöhnliche Schönheit der Dame, deren zum Gruß dartzebotene Rechte er noch immer in seinen beiden Händen hielt, tvährend er heiter und lebhaft auf sie einsprach. Auch sie war beträchtlich über das Mittelmaß hin- frusgewachsen und nur um wenig kleiner als er; aber in ihrem knapp anschließenden, eleganten Retsekostüm erschien sie schlank wie eine Gerte, und wie sie jetzt mit Hellem Aufwachen den Oberkörper zurückbog, beinahe, als hätte sie dainit einer ihr zugedachten Liebkosung anstveichen »vollen, offenbarte sich in der Bewegung der Schultern und des Kopses die ganze Geschmeidigkeit ihrer ebenmäßigen Figur. Die kokett auf die Seite gerückte Reisemütze verbarg wenig oder nichts von der Fülle ihres tiefschwarzen Haares, und ihr Gesicht, das der Beobachter«! für einen Augenblick voll zugewendet tvar, inachte mit seinen großen Augen, seiner feinen, gerade»! Nase und seinem leicht geöffneten, herzförmigen Munde auf Margarete den Eindruck, als müsse sie es schon oft auf den Bildern alter italienischer Meister bewundert haben.
Sie war zu >oeit entfernt, um etwas von dem zu vertu, was die beiden miteinander sprachen, und sie hatte Auch gar nicht den Wunsch, sie zu belauschen. Sie getvahrte
stehen, ta Aus
, (»ur noch, daß der Blondbärtige der jungen Dame den * Arm reichte und sie in den Wartesaal führte, der zugleich ' den Restaurationsvaum des Stationsgebäudes durstellte. Da gab sie, ohne sich Uber die Ursache solchen Entschlußes! Rechensckiaft abzulegen, ihre Absicht auf, ebenfalls dorthin zu gehen, und blieb auf dem offenen, vom feuchtkalten Herbstwind durchsegten Bahnsteig, bis der Zug einfuhr, den sie erwartete.
Er wurde nur von tveuig Reisenden benützt, und sie hatte diesmal das Frauenabteil ganz für sich allein. So konnte sie wenigstens diese letzten zwei Stunden, während deren sie noch sich selbst gehörte, ohne jede lästige Störung ganz ihren wehmütigen Erinnerungen weihen und konnte sich vorbereiten auf das Ungewisse, dem sic entgegenging. —t
„Harmsdorf! — Zwei Minuten!" rief der Schaffneü unter ihrem Fenster. Erschrocken fuhr Diargarete aus ihrer Versunkenheit aus. Sie tvar an ihrem Reiseziel angelangt, ohne des Laufes der Viertelstunden gewahr zu werden, und nun hatte sie Mühe, die Wagentür schnell genug auszu- bringeu.
Draußen begann es bereits zu dunkeln, und sie tvurd? auf deni Bahnsteig zuuächsl: keines Menschen ansichtig, der ihr hält» behilflich sein können.
So stellte sie ihren Koffer neben sich a>if den Boden und blieb wartend stehen. Die Baronin von Bardeleben hatte ihr ja geschrieben, daß ein Wagen auf der Station fein würde, uin sie abzuholen. Wenn das der Fall war, mußte sich doch wohl endlich irgend jemand um sie kümmern
Ein feiner, eisiakalter Regen, der aus dem sch»veroil/ tiefhängenden Getoölk herabsprühte, netzte ihr Gesicht, und der stoßweise dahersahrende Wind ließ sie unter chvom Reisemantel erschauern. Als der Zug weitergesahren »bar, fühlte sie sich so hilflos und einsam, als ob sre auf etnev iwüsten Insel ausgesetzt worden wäre. WaS sie von der nächsten Umgebung des kleinen Stationsgebäudes sehen konnte — weitgedehnte, kahle Wiesen und Ackerflächen auf der einen und die tiefschwarze Mauer eines Tannenhoch- tvaldes auf der anderen Seite — tvar unter diesem abendlichen Regenhimmel getviß nicht danach angetan, sie mutiger und zuversichtlicher zu stimmen.
Sie hatte fast schon die Hofsnung aufgegeben, ohne eigenes Zutun ans dieser peinlichen Lage erlöst zu werden, da wurde hinter ihr der Klang eines raschen, festen Schrittes laut, und eine Männerstiinme fragte: „Fräulein Mär- garete Othmar?"
Sie wandte sich um, aber sie konnte in ihrer fassungslosen Bestürzung nur durch ein stummes Neigen des Kopfes bejahen. Auf nichts in der Welt war sie so wenig vorbereitet gewesen als darauf, ihren bloudbärtigen Helfer hier noch einmal vor sich zu sehen.
Der aber fuhr, sich mit einer leichten Verbeugung vorstellend, fort: „Bardeleben auf Klein-Ellbach. Es trifft sich ja sehr gut, mein Fräulein, daß tvir schon alte Bekannte sind. Darf ich Sie unter Berufung aus diesen Umstfind um


