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Berlin seinen Vergnügungen nachgeht und sich nicht im geringsten um sie rnmmert!"
„Uitd woher wissen Sie, daß das nicht meinen Min-- scheu entspricht?"
„stArtürlich weiß ich, daß es Ihnen so am liebsten ist. Und seitdem ich das weiß, gibt es für mich auch keinen Klveifcl mehr, wie ich Ihre Ehe zu beurteilen habe. Oder wollen Sie vielleicht leugnen, daß sie tief unglücklich ist? Wolle» Sie mich glauben niachen, daß Sie mit Ihrem Lose zufrieden sind? Ich hoffe sicher darauf, daß Sie bald an «ine Scheidung denken iverden, und dann —"
„Ich wüßte nicht, wie ich dazu käme, Ihnen gegenüber etwas zu leugnen oder zuzugeben. Derartige Fragen an mich zu richten, haben Sie nicht das geringste Recht."
(Fortsetzung felgt.)
Der Blinde am Meer.
Roman von Karl Böttcher-Chemnitz. <Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Und Rene hatte das gefühlt und ergriff feines Freundes Hände und sagte: „Mein lieber Junge, du bleibst, du mußt bsi Das bist du dir und das bist du mir schuldig. Ja. Dir das schuldig, Kun. Wen» ein Mensch von so klarer, schlichter wie du — bitte unterbrich mich nicht — wenn so einer im Herzen die Regungen der Liebe verspürt, so ist das ein sprossender Same, der sich nicht unterdrücken läßt, der aufgehen muß, wenn anders der Mensch nicht unglücklich werden soll. Also hege und vstege die keimende Liebe. Du wirst alt, mein Freund, es tft höchste Zeit, daß du dir ein Nest banst."
Kun Orsk entzog dem Freunde seine Hände und faltete sie zwischen seinen Knien. Er blickte sinnend zu Boden und nickte vor sich hin.
Dann sagte er: „Und du, Rene, was wird aus dir? Wie kann ich dir ei» Herz stehlen, das du liebst?^ Gr sprang auf und lief in großen Schritten im Atelier auf und ab. Dann rief er aus: „Zum Himmeldonnerwetter, Kun — Hornochs, bayrischer, geselchter was hast du gemacht?" Er trat dicht vor Rene hin und sagte: „Rene, ich nmß von Sinnen gewesen sein, daß ich mir einbilde, ich könnte jemals dies Weib mein nennen, das dich liebt."
Mer Rene zog ihn wieder neben sich auf den Divan und sagte: „Du irrst, Kun. Feodora von Braun liebt mich nicht, sie liebt nur meinen Ruhm und meinen Namen, den ich in oer großen Welt habe."
„Mer du liebst sic, Rene, du, mein einziger, bester Freund."
Dann sank Rene in sich zusammen und brütete vor sich hin.
Dann stand er auf und trat vor das große Bild und bliiüe aus Arda Jaski, und er sagte fest und bestimmt: „Nein, ich liebe Feodora nicht."
lind Kun Orsk trgt an seine Seite und schob seinen Arm unter den Renes und betrachtete nun lange still und stumni das Gemälde. .
Rene begann zu sprechen: „Du bist es auch mir schuldig, Kun, daß du deiner Liebe nachgebst. Meine Seele muß frä lein, frei von auch nur dem geringsten Stäubchen fremder Liebe. Nimm du mir, Feodova, damit ich kein Recht mehr habe auf ihre Liebe. Dann kenne ich kein Schwanken mehr, dann kenne ich nur ein geduldig Harren — ein Harren auf Arda!"
Neuntes Kapitel.
llrrd Kim Orsk blieb in Berlin, und es war ein offenes Geheimnis, daß der Helgoländer Gelehrte um Feodora von Braun warb.
ES war ein stilles Werben. Die Tage verbanden ihre Herzen Miteinander fester und fester.
Rene blieb dem Kreise der schönen Frau fern. Er war ein Einsiedler geworden. Sein Bild war längst im hölzernen Kirchlein des Fischerdorfes aufgestellt worden, aber auch dabet war er nicht zugegen gewesen.
Einige Tage nach dem.Weihnachtsfeste erklärte plötzlich Rene Kun Orsk, daß er aNf kurze Zeit an das Meer fahren müsse.
Er habe eine nnbezwingliche Sehnsucht nach dem einsamen Strand und nach Seede Bahlsen.
Kun stellte ihm das llnwirtsame der Küste zur Winterszeit vor, er malte ihm das Unbequem« der Reise in grellsten Farben «Nks, aber Ren« bcharrte bei seinem Entschluß.
Ta erbat sich Kun, ihn wenigstens begleiten zu dürfen. Frau von Braun habe längst den Wunsch gehabt, das große Geniälde dn Holzkirchleffi zu sehen und würde sich der Meerfahrt gern anschltetzen Rene überlegte geraum« Zeit, aber dann lehnte er jede Begleitung bestkmnit ab.
Und Mitte Januar reiste er nordwärts. Statt eisiger Kälte hemschte trüb«» Wetter und fast milde Luft.
.I» Hamburg suchte Rene Doktor Scllc auf
Der klerne, lebhafte Herr zeigte eine ungemessene Freud«, den beruh«,len Maler als seinen Gast zu sehen, uird forderte ihn herzlich auf, einige Tage bei ihm zu bleiben.
. . Doch Rene zeigte solche Unrast, daß Doktor Selle nicht weiter
rn ihn drang, als er die Einladung bestimmt ablehnte.
Ter Arzt berichtete von Arda Jaski.
Sie sei zwei Tage vor dem Weihnachtsfeste in ihre Heimat abgereist. In den letzten Wochen hätte sie eine auffällige Net- hung zur Schwermut gezeigt, so daß es ihm bange fet um das Mädchen.
Und Nun verließ Rene am anderen Tage in früher Morgenstunde Hamburg und reiste aus dem Landwege nordwärts.
Am späten Nachmittage endlich gelangte er in de:n kleinen Dorfe an, in welchem Seede im Schulhause wohnte.
Dicht vor dem Schulhause lag der nicht zu höhe Damm, und aus dem oberen Stockwerke konnte man über den Deich hinweg sund auf das weite, weite Meer schauen.
Rene hatte sich vom Bahnhofe der nächsten Stadt mit einem gebrechlichen Postwagen nach dem Dorfe fahren lassen.
Durchfroren Und durchrüttelt betrat er das Schulbaus.
- Die Glocke der Haustür schrillte auf, wie ein kläglicher Wehschrei, und Ren« tastete sich in dem dunklen Hausflur fort ms zur Treppe.
Da öffnete sichim ersten Stock eine Tür und im Hellen Lichtschein stand ein« Mädchengestalt, in der Rechten die Lampe, dt« Linke schützend vor die.Augen gehalten.
Es war Arda.^aski.
Beide Menschen, Rene und Arda, waren so erschrocken, daß
S eines rin Dort zu sagen vermochte, und sie standen sich in lummer Freude lange gegenüber.
Da ertönte aus dem Zimmer Seedes Stimmet „Wer ist da, Arda?"
Das Mädchen wandte sich »ach dem Zimmer, und Rene sah, wie ihre Hand^ die die Lampe hielt, zitterte, und er sah im vollen Lichtschein«, wie siefblatz ihr Antlitz geworden tvar.
Und sie sagte zu Seede: „Herr Brian ist gekommen." „Rene? Unser Rene?" ries der Blinde, uird er sprang auk Und tastete sich zur Tür und rief hinunter: „So komm doch herauf, Rene. O, diese Freude, diese Freude."
Und Rene eilte die Stufen empor Und umarmte den Blinden und küßte ihn auf die Wangen, wie einen Bruder, den er sesi Nähren nicht gesehen, und dann reichte er Arda beide Hände und zog ihre Rechte an seine Lippen, aber er küßte sie nicht. Asrdd ging hinaus und setzte sich an das Bett der alten Bahlsen, die mit in das Schulhaus übergesiedelt war und an der Gicht krank darniederlag. Arda umklammerte die alte Frau und drückte ihr Haupt in die kühlen Kissen, und ihre Glieder zitterten und ihr Busen wogte.
Mutter Bahlsen strich dem Mädchen über das Haar und sagte: „Du zitterst, Kind, was gibt es?" Und Arda stieß hervor: „Nun ist er wieder da." ^
Mutter .Bahlsen fuhr auf, siel aber ächzend auf das Bett zurück, und daun sagte sie in unendlicher Güte: „Laß ihn, Arda, er ist auch krank, vielleicht geneset er, wenn er dich sieht."
Und Arda sprach leise: „Es ist schon vorbei Mutter, mein Herz ist ganz still, und ich >mll ihm helfen, zu gefunden." „Der arme Rene," sagte traurig Mutter Bahlsen.
Drinnen im Wohnzimmer aber saß Rene neben dem Ofen, in dem es lustig prasselte. Und Seede rief Arda, sie solle zu essen bringen und auch einen Trunk.
Und nun saßen die drei Menschen unter traulichem Lampen- schein, Seede gesprächig und fast lustig, Arda mit niedergeschlagenen Augen und still und stnmni, und Rene mit einem Antlitz voll Killen Glücks, wie es wohl einer trägt, der sich nach langer Unrast sicher und geborgen fühlt.
Und Seede erzählte vom Strande und vom Meer, und er erzählte von seiner Tätigkeit, wie er als Autodidakt selbst seine Methode erfunden, wie er sich seine Zöglinge vorstell« und wie er sie alle liebte, trotzdenr er keines gesehen.
„Und schau, lieber Freund, das habe ich als blinder Lehrer zweifellos vor meinen sehenden Kollegen voraus: Ich loerde stets ein gerechter Lehrer sein. Denn es ist doch allzu menschlich und begreiflich, daß das Aeußere eines Kindes, sei es nun durch ein hübsches Gesicht oder durch saubere und gute Kleidung, stets einen Lehrer, und selbst den gerechtesten, beemflussen wird.
Ich aber kann die Kinder nur nach meinem Gefühl beurteilen, tnd bet Beurteilung der Unmündigen sollte stets das Gefühl >le erste Stimme habe». Wollten alle Lehrer erst daS ttzetulst md die Erinnerung ihrer eigenen Kindheit sprechen lassen, und xnm erst den wägenden Beistand, dann würde es weit ivemgeo Bebauten unter den Schulmeistern geben. Du staunst. Rene, wie Ich wagen kann, als Praktiker von kaum einem halben Jahr- Iber Erziehung und LehrtätigkAt »» urteilen. Doch sieh, auch Lese» Urteil entspringt nur dem Gefühl. Und ich habe auch mein« Lehrmeister gehabt, nickt große Pädagogen, sondern meine eigenen scküler sind meine I'ebrmcister Don ihnen lerne ich täglich und ff, jeder Stunde, ihr Verstummen sagt mir, daß ich etwas falfcfj gemacht, ihr freudiges Singeben, das Einsitzen ihre» besten Kömien» sagt mir: so ist es richtig. Und was mir das AUctztlgste :rschelnt, das lernen meine Kinder: sie lernen reden. Wa, nutzt


