Ausgabe 
6.7.1914
 
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feit so drollig, Herr ». Reibüitz, daß man Ihnen nicht auf die Dauer böse sein kann. Aber was für eine Menschen­ansammlung ist denn das dort bei dem Fischerhaus? Viel­leicht ist ein Unglück geschehen. Fragen Sie doch den Bur­schen, der uns da entgegenkommt."

Gehorsam lenkte Neibnitz sein Pferd zur Seite, um den jungen Menschen anzuhalten.Was gibt's da unten?" fragte er.Ist jemand ins Wasser gefallen?"

Der Gefragte rückte a» seiner Mütze und verzog den Mund zu einem breiten Grinsen.Hineingesallen wohl nicht Aber hineingesprungen das könnt' schon stimmen. Die Kreidels Regine haben sie eben gus'm See gezogen" Das Pferd des Herrn v. Reibuitz hatte einen Seiten- lprung gemacht, wie wenn die Faust des Reiters heftig in die Zugel gegriffen hätte.

Die Baronin v. Bardeleben aber, die jetzt ebenfalls näher gekommen war, fragte:Wen haben sie herausge­zogen? Die Regine Kreidel die Tochter des Werkmeisters aus der Weberei?"

Jawohl, Frau Baronin dieselb-ige. Es war noch ein Glück, daß der Kuhnerts Karl sie hatte 'reinspringen sehen."

Das Mädchen ist also nicht tot?"

Ganz tot wohl nicht. Sie haben sie ins Fischerhaus gebracht Und den Sanitätsrat geholt. Der meint, er bringt sie schon wieder zurecht."

Frau v. Bardeleben sah zu ihrem Begleiter hinüber, der schlaff im Sattel saß und wie geistesabwesend vor sich hin starrte. >

Es ist gut ich danke Ihnen," fertigte sie de» Bur-

S en ab und riß ihr Pferd herum, um den begonnenen eg fortzusetzen.

Da aber war Reibuitz sofort wieder an ihrer Seite. Nicht in dieser Richtung ich beschwöre Sie, gnädige Frau! Ich ich kann jetzt nicht dort vorbei."

Mit einem finsteren Blick streifte sie über seine zusam- menaesunkene Gestalt dahin. Dann, ohne ein Wort zu sprechen, machte sie kehrt, und er ritt in kurzem ?lbstauoe hinterdrein.

Während sie durch den Wald zurücktrabten, kümmerte sich die junge Frau um ihren Begleiter so wenig, als hätte sie sein Dasein völlig vergessen. Aber als sie dann eine kleine Strecke der langen Parkallee znrückgelegt hatten, machte sie Halt. Ein Mensch in der Kleidung eines Gärtner­gehilfen war aus einem der Seitenwege hervorgetreten und beim Anblick der Gutsherrin respektvoll grüßend stehen ge­blieben. Ihn rief sie in kurzem Befehlston heran.

Getrauen Sie sich, die Pferde bis an die Stallung zu führen, Weigelt?"

Zu Befehl, Frau Baronin!" ^ *

Gut! So tun Sie's!, Wollen Sie mir, bitte, be­hilflich sein, Herr v. Reibnih?"

Der Angeredete war schon aus dem Sattel, uin die

i ierliche Gestalt vom Pferde zu heben. Er sah noch immer ähl und verstört aus, und er wagte nicht, die Augen zu >em Gesicht der junge» Frau zu erheben.

Als sie, ihr Reitkleid aufrafsend, dem Seitenwege zu­schritt, blieb er zaudernd stehen, wie wenn es ihtn an Mut gebräche, sie weiter zu begleiten.

Da drehte sie gebieterisch den Kopf.Kommen Sie! Ich wünsche mit Ihnen zu sprechen."

In kurzer Entfernung von der .Hauptallee stand ein kleiner, geschlossener Pavillon. Bis sie ihn erreicht hatte, blieb die Baronin stumm. Sobald sie aber den mit einigen Bambusmöbeln ausgestatteten Jnnenraum des leichten Bau­werks betraten, warf, sie ihre Reitgerte auf de» Tisch und wandte sich mit hartem Gesichtsausdruck zu dem an der Tür stehen gebliebenen Begleiter.

Nun, Herr von Reibnitz, haben Sie mir nichts zu sagen?" i

Frau Baronin ich ich bin nicht wert, daß daß Sie"

Es ist also richtig! Das Mädchen ist Ihretwegen ins Wasser gegangen! Ah, wie schmachvoll das ist wie un­würdig und erbärmlich!"

Sie batte sich in einem der zierlichen Sessel niederge­lassen und die Arme unter der Brust verschränkt.

Ta stürzte Reibnitz plötzlich auf sie zu und kniete neben ihr niederBerdanimen Sie mich nicht, ohne mich gehört zu haben," flehte er.Ich ivill nicht versuchen, mich zu

rechtfertigen. ?lber im Grunde fällt alle Schuld doch nur auf Sie selbst."

Aus inich? Sind Sie von Sinne»? Mer stehen Sie gesälligst zuerst einmal auf!"

Ja, auf Sie!" sagte er, sich erhebend.Sie wissen, wie es um mich bestellt ist. Sie sehen, daß ich mich jn wahnsinniger Leidenschaft verzehre und Sie gewähren mir keine Hoffnung. nichts! Können Sie nicht verstehen, daß ein Verzweifelter endlich dahin gelangt, nach einer Ablenkung zu suchen, die ihn wenigstens aus Stunden seine Qualen vergessen machen soll? Und die Geschichte mit diesem dummen Mädel war so harmlos, so kindisch, so"

So harmlos und so kindisch, daß das arme Ding um dieser Geschichte willen in den Tod gehe» wollte! Uebrigens glaube ich doch gehört zu haben, die Regine sei verlobt'?"

Das ist's ja gerade. Weil sie in einigen Monaten Hochzeit machen sollte, hielt ich es ftir ganz selbstverständ­lich, daß auch sie der albernen Liebelei weiter keine Bedeu­tung beimessen würde. Und ich schwöre Ihnen, daß es nur ein Scherz gewesen ist, so unschuldig, daß ich niich dessen früher geradezu geschämt hätte."

Ihre Moralbegrisfe sind bewundernswürdig. Also nur, weil Sie einen flüchtigen Zeitvertreib haben wollten, haben Sie das Mädchen unglücklich gernacht?"

Unglücklich? Ich. bitte Sie, Frau Irma, warum denn unglücklich? Es ist ihr ja gar nichts geschehen. Aus dem! Kriegerfest, das vor vierzehn Tagen in Reinswaldäu nb- gehalten wurde, hatte ich sie kennen gelernt und hatte drei- oder viermal mit ihr getanzt. Kann ich dafür, daß sie in ihrer Einfalt meine kleine Artigkeiten sofort wie Liebes­erklärungen aufnahm, und daß sie mich durch ihr Benehmen geradezu herausforderte, de» Spaß sortzusetzen? Gleich in der ersten Stunde gestand, sie mir, daß sie ftir den Buch­halter aus dem Webereikontor, mit dem sie verlobt sei, gar keine richtige Liebe empfände, und daß sie eujentlich nup eingewilligt habe, um ihrem Vater eine Freude z» machen. Na, da bin ich dann eben auf die dumme Geschichte ein­gegangen, ohne mir Schlimmes dabei zu denken. Das ganze Verhältnis beschränkte sich auf ein paar abendliche Zusam­menkünfte unter freiem Himmel."

Und Sie haben ihr wirklich nichts in den Kopf gesetzt?"

Absolut nichts. Als ich vorgestern abend zu dein Stell­dichein ging, war es bei mir schon so gut lvie beschlossen, daß es das letzte Mail sein sollte. Aber die kleine Gans! hatte nicht verstanden, ihr Abenteuer mit der nötigen Vor­sicht zu behandeln. Ihr Verlobter, der augenscheinlich ein ganz überspannter Patron ist, hatte irgendwie Verdacht geschöpft und war ihr nachgeschlichen. Als sie eben auf inich zutrat, stürzte er aus dem Gebüsch hervor, und er würde mir unfehlbar zu Leibe gegangen sein, wenn ich ihm nicht meinen Revolver unter die Nase gehalten hätte. Da hielt er es dann allerdings für geraten, sich zurückzuziehen, und das Mädel war schon vorher davongelaufen. Ich sah die Geschichte damit als ftir mich erledigt an und lvar nicht wenig erstaunt, als gestern abend der alte Kreidel bei mir erschien und nicht mehr und nicht weniger von mir ver­langte, als daß ich seine Tochter auf dem Fleck heiraten! sollte, nachdem der rabiate Buchhalter die Verlobung gelöst hatte und auch gleich ohne Kündigung auf und davon ge­gangen war. Was ich dem braven Man» geantwortet habe, können Sie sich wohl denken. Und das ist von A bis Z die ganze Geschichte. Ich bin niir dabei keiner anderen Schuld bewußt als einer Schuld gegen Sie, Frau Irma. Und so wahr ich Botho v. Reibuitz heiße, ich bin bereit, mir eine Kugel vor den Kopf zu schießen, wenn Sie es nicht über sich gewinnen können, .mir zu verzeihen."

Daß Sie niit derartigen Drohungen keinen Eindruck ans niich machen, sollten Sie nachgerade wissen."

Sie verzeihe» mir aber nicht wahr, Sie verzeihen mir? Ich müßte ja verrückt werden, wenn Sie es nicht täten."

Was kann Ihnen an meiner Verzeihung gelegen sei»? Ich bi» es doch nicht, gegen die Sie sich versündigt haben."

Ja, Sie sind es Sie allein! Und wenn Tie es ftir möglich halten, daß meine Leidenschaft ftir Sie"

Bitte sprechen wir nicht davon! Ich kann Ihnen diese sogenannte Leidenschast nicht verbieten, aber ich tverde nicht länger wilden, daß Sie ihr Ausdruck geben. Vergessen Sie den» ganz, daß ich schon längst gebtcuden bin?"

Mh!" machte er mit einer ivcgwerfenden Gebärde. An wen denn? An diesen brutalen Mensche», der in