Ausgabe 
2.7.1914
 
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LOS

Bitte, flttn» mit Sie wollen, Herr Professor," ankworket« Ne kühl und warf dabei den Kopf hoch und wandte sich dann an Kun Orsk.

Rene lächelte vor sich hin. Er wußte, er hatte die schöne Frau helcidigt. Aber er fühlte nicht das geringste Bedauern, und als er sah, daß sein Freund kein Auge von dem schönen Antlitz Frau von Brauns wandte, und dieser seine Unterhaltung mit Wörme und Feuer führte, fühlte er eine leise Genugtuung.

Und Feodora machte kein Hehl daraus, daß ihr Herr Orsk gefalle. Sie war äußerst liebenswürdig zu ihm und zeichnete ihn auch besonders aus, als man dann drüben in den beiden «roßen Salons unter den zahlreichen Besuchen! des Hauses stand. Sie sührte Kun zu jedem, den er noch nicht kannte und stellte ihn mit ein paar liebenswürdigen empfehlenden Worten vor.

Rene stand anfangs ziemlich einsam. Die Gesellschaft fühlte, daß er bei der Frau des Hauses in Ungnade gefallen war, und so hütete man sich auch, ihm besonders zuvorkommend zu begegnen.

Gräfin Gotheim trat zu Rene.Sagen Sie mir, lieber Freund, ist es Ernst oder ist es Interesselosigkeit Ln diesem Getriebe hier, was aus Ihrem Antlitz spricht?"

Beides, gnädige Frau. Doch Sie werden mir verzeihen, wenn Sie bedenken, daß ich monatelang nicht unter solchen Menschen weilte. Ich bin des geschraubten, gesellschaftlichen Tones entwöhnt, und wer am Busen der Natur gelegen, muß erst nach und nach seinen Lebensmagen an die Kunstspeise, die aus Konvenienz, Lüae, Schminke und geistigem Hochmut zusammen­gerührt ist, gewöhnen."

Sie sprechen bittere Worte, Herr Professor."

Bittere Worte sind ober fast immer wahr, darum will sie auch niemand gern hören. Aber beobachten Sie die erlauchten Besucher dieses Salons, und Sie werden mir recht geben. Sehen Sie dort den Ministerialdirektor, mit welch bestrickender Liebens­würdigkeit er mit dem Leaationsrat spricht, und doch weiß ich zufällig bestimmt, daß er heute inorgen beim Staatssekretär des Auswärtigen die Kaltstellung des Legationsrates gedeichselt hat. Sehen Sie dort an dem Klingerschen Beethoven die beiden Offi­ziere. Wie laut und pathettsch der Gardeulan über Metzschebriefe doziert. Ich kenne ihn sehr genau. Er hat mit mir zwei Jahre die Schulbank gedrückt auf der Kreuzschul« zu Dresden. Ich ver­sichere Ihnen, gnädige Gräfin, er hat nie Nietzsche gelesen, und er tat recht daran, denn er würde ihn nicht verstehen. Schauen Sie dort meinen Kollegen Wirker. Er ist ein lieber, einfacher Mensch, in dem sonst kein Falsch ist, er ist ein echter Bafuvare. Hören Sie nur, er spricht mit Seiner Durchlaucht dem Prinzen Lobenstcin über die Erfolge des Wcinbergschen Stalles Der Aermstc, er hat >wch me ein Rennen gesehen, aber selbst der Biedere schämt sich, das dem Rennfavoriten Lohenstein, der dies Jahr die goldene Peitsche gewann, zuzugestehen. Nun sagen Sie, Frau Gräfin, ist das nicht Lug und Konvenienz, ist das nicht Schminke?"

Hören Sie auf, Herr Professor, ich merke, Sie sind ein anderer geworden."

Rene aber reichte Frau von Gotheim die Hand und sagte «rnstiIch danke Ihnen für dieses Wort, gnädige Frau."

Sie sind mir wunderlich. Da schauen Sie Ihren Freund Kun Orsk an. mit welch lebhaftem Feuer er erzählt. Kommen Sie, wir wollen ihm zuhören."

Und während sie in den K^eis traten, der sich um Feodora tarn, Braun und Kun OrSk gebrldct hatte, sagte Rene noch leise »ur Gräfin:Kun OrSk ist der einzige, der echt ist. Seine Morte sind schlicht und wahr und seine Verehrung für Feodora 'Aufrichtig."

Kun erzählte von seinen Forschungen auf dem Grunde des kV leeres, aber in so bescheidener, zurückhaltender und doch klarer und spannender, von Humor gewürzter Weise, daß er im Fluge die Sympathien seiner Zuhörer gewann.

Die Diener reichten jetzt Tee und Gebäck herum, und Rene benutzte diese Gelegenheit, sich unbemerkt aus dem Salon zu stehlen.

Im Entree sagte er zu einem Diener, er solle ihn später bet Frau von Braun entschuldigen und Herrn Doktor Orsk diskret Mitteilen, daß er ihn bet Josty erwarte.

Er giim zu Fuß die Anden vor. Ein naßkalter Wirch strich durch di« Straßen, und Rene vergrub fröstelnd seine Hände tief kn die Taschen seines Paletots. Er freute sich, daß er dem Drubel bei Feydora entschlüvft sei. Nun wollte er allein seinen Gedanke» nachhängen.

An der Friedrichstraße traf er einen bekannten Kunstkritiker, der ihn bat, sich ihin anschließen zu dürfen.

Wenn Sie auch den geringsten Versuch unterlassen, mich zu interviewen, gern."

Ich hätte ja gern einiges über Ihre letzten Arbeiten gehört, Herr Professor, aber wenn Ihnen nichts daran gelegen ist, ver-

vVAmäm in ivFnvfAvt "

dorthin wird auch später

______änder Gelehrte kommen."

Meinen Sie Kun O«k, den Meeresforscher?"

Gewiß. Kennen Sie ihn?"

* hörte ich »VN ihm. Zwei medizinische KavazstäFn.

Doktor Seile und Doktor Morgenstern, sprachen von ihm."

Doktor Delle? Dock» nicht etwa der Hamburger Kliniker?"

Eben der. Er ist ein Studiengem,sse von imr, und ich traf ihn heule morgen zufällig -m Lehrter Bahnhof."

Rene blieb stehen und blickte überlegend zu Boden. Er war Aufgeregt und seine Stimme zitterte, als er sagte,Können Sie mich mit dem Herrn bekannt machen, Herr Doktor?"

Aber gern. Cr wohnt im Passagehotel, und Sie können ihn morgen früh mit mir aussuchen."

Morgen früh? Nein, hegte noch, jetzt gleich."

Der Kritiker überlegte:Nun gut, wir telephonieren von Josty aus in sein Hotel und bitten ihn, in das Eafö zu kommen oder uns sonst einen Vorschlag zu unterbreiten."

Rene hielt eine Droschke an, und mit fuhren sie die Friedrich- straße vor und bogen in die Leipziger Straße ein. DeS ungeheuren Verkehrs wegen mußte der Wagen im letzten Zuge mit anderen halten. Plötzlich sprang der Kritiker auf und ries:Selle, Selle!"

Ein kleiner Herr mit goldener Brille blteb stehen.

Rene und Doktor Winter, der Krittler, sprangen aus dem Wagen und Doktor Winter stellte die Herren vor.

Der Arzt sagte:Ich freue mich, den berühmten Meister der arbe nun auch persönlich kennen zu lernen, nachdem ich manches ,'ild von Ihnen, besonders aber dasWaldmärchen" im Ham­burger Museum bewundert habe."

Und ich bitte Sie, wenn Sie eine Stunde Zeit haben, auch mein neuestes Werk zu besichtigen. Gerade Sie sollen das Bild zuerst sehen."

Und ich?" fragte der Kritiker.

Sie können mit, d. h. nur als Privalniann, denn Sie dürfen nicht einen Buchstaben über das Bild veröffentlichen."

Ich verspreche es."

Nun gut."

Die drei Herren bestiegen wiederum den .Wagen, und nun fuhren Sie nach Charlottenburg.

Rene war einsilbig und überließ den beiden anderen Herr«» allein die Unterhaltung.

Und nun standen sie in Renes Atelier.

Der Maler drehte sämtliche elektrische Birnen an und zog dann den Schleier vom Bilde.

Der Krittler stützte sein Haupt in die Hände und besä-auke das Gemälde, und Doktor Selle lehnte am Ofen und blickte still und ernst aus das Bild.

Rene.aber war ganz zurückgeteeten.

Lange, lange Zeit verharrten so die drei Männer. Endlich aber sagte Doktor Selle und legte seine Hände auf Rene Schultern! Ich kenne die Geschichte Arda Jaskis und begreife, daß Sie sie malen mußten, aber daß Sie das Mädchen so malen könnten, so in jeder Nuance naturgetreu, hätte ich nie sür möglich gehalten."

Erzählen Sie mir von Arda Jaski," bat Rene mit zitternder Stimme.

Sie ist mir ans Herz gewachsen wie ein eigenes Kind, und sie hat volles Vertraue» zu nrir. So erzählte sie mir eines Tages, als ich sie weinend fand, ihr Schicksal."

Und sie ist noch bei Ihnen?"

Noch wenige Wochen. Das Weihnachtsfest will sie in der Heimat feiern."

Und dann?"

lDann will sie ihre Hand dem blinden Erzähler geben."

Rene wandte sich ab und trat an das Fenster und blickte stumm aus die breite, hell erleuchtete Straße. Ein Hosfnungsbau war in ihr» zusammengebrochen.

Dann bat er die Herren, ihn zu verlassen, er müsse allein sein.

Etwa zwei Stunden später kam Kun Orsk. Er traf seinen Freund mit tiefernstem Antlitz vor dem Bilde sitzend.

Da bin ich, Rene. Du wirst lange auf mich gewartet haben. Verzeihe mir mein langes Ausbleiben. Feodora von Braun aber dielt mich so lange zurück, und ich ich gestehe es frei, ich war schwach genug, der schönen Frau nicht widerstehen zu können."

Rene zog Kun neben sich auf den Divan, und er sagte:Ich habe dich um Entschuldigung zu bitten, mein Kun. Erstens, daß ich mich bei Feodora auf englisch drückte, und dann, baß du mich nicht bei Josty antrafst. Höre nur"

Bitte, mein lieber Junge, ich weiß alles. Doktor Winter erzählte es mir. Und nun laß deint trüben Gedanken, Rene. Ich muß dir etwas beichten, etwas, worüber du so lachen und schelten wirst, daß dein Trübsinn im Nu verfliegt. Höre: Kun Orsk, das alte Nilpferd ist verliebt, verliebt in -ine Witlve, bei welcher sein bester Freund Vorkaufsrechte hat, verliebt bis über die Ohren. Und er will nun eilends, iwch in dieser Nacht, den Staub Berlins von seinen Füßen schütteln und auf sein meerumbraustes Jnselnest flüchten.

Kun Orsk schwieg. So sehr er sich bemüht hatte, seinen Worten einen leichten, lustigen Klang zu verlethen, «S war ihm nickt gelungen.

IFortsetzung folgt.)