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wieder zusammen, schlugen sie zu, schleppten sie fort, und Leute kamen, die Tragbahren Holken; alles in Hast, alles in Aufregung.
Erst nach langer, langer Z§it kam Hartrop und meldete: „Die Aerzte und Sanitätsmannschaften sind hinuntergefahren ins Bergwerk. Was sic dort machen wollen, weiß niemand. Der Geheimrat hat sie telephonisch bestellt."
Noch einmal kam ein Arzt, gefolgt von einem Manne der Sanitätskoloune, und schrie in seiner Erregung Hartrop wie ein Wahnsinniger an:
„Der Sauerstoffapparat! Es soll ein Sauerstoffapparat hier sein! Wo ist er?"
Hartrop ivar so erschrocken, daß er sich erst besinnen niußte. Wer dann lief er nach dem Borratsraume, und der Arzt mit seinem Begleiter folgte ihm, und sie schleppten! einen Sauerstoffapparat fort. Hartrop half ihnen beim Forttragen des Apparates bis zur Hängebank des Schachtes.
Lange blieb er fort, dann kam er zurück mit der! Meldung:
„Es soll noch ein Versuch gemacht werden. Wer es bat ja doch keinen Zweck. Zu erfahren ist nichts. Alles redet und schreit durcheinander; es ist- als ob die Leute den> Verstand verloren hätten." >
Frenetischer Jubel da draußen; Hurrarufe und das gellende Kreischen von Weiberstimmen.
Zwanzig Eingeschlossene aus dem Tiefbau hatten sich selbst herausgearbeitet und kamen gerade zur Erdoberfläche zurück. Und jetzt kannte die Menge, die sich draußen vor dem Tore staute, keine Rücksicht mehr. Ms die schweren Flügel des Gittertores geöffnet wurden, stürmten alle herein, rannten die wachhabenden Bergleute über den Hausen und fluteten rufend und schreiend auf den Grubenplatz, als könnten sie dadurch den anderen Eingeschlossenen helfen. Auto- Swbfle tuteten draußen und Wagen rasselten. Mehrere Tchwachgewordene der Geretteten Wurden in Transportwagen nach dem Knappschastslazarett geschafft.
Neues Geschrei da draußen; Hurrarufe, eilige Schritte. Mieder lvird die Tür aufgerissefl; vier Mann von der Sanitätskolonne stürmen herein, ihUen folgt ein Arzt.
„Macht hier vorläufig alles zurecht. Es sollen mehrere Krankentransportwagen kommen, damit die Geretteten in das Knappschaftslazarett gebracht werden können."
Daun erst sah der Arzt wohlDora und wendete sich zu zu ihr. Er riß den Hut vom Kopfe, wischte sich den Schweiß von der Stirn und von dem schmutzig gewordenen Gesicht.
„Graf Kliuter, der Bergrat und die fünf Mann sind aus den Brandgasen heraus. Einige von ihnen werden wir inS Leben zurückrufen. Graf Muter ist schon wieder ganz auf dem Posten; nur mit dem Bergrat scheint es sehr schlecht zu stehen." i >
Der Arzt stürmte wieder hinaus.
Jubelgeschrei da draußen und dann plötzliches Schweigen. Dann hörte man taktmäßige Schritte. Aulch der zweite Flügel der Tür zum Zechenhause wurde geöffnet, und die Smntätsmannschaften trugen sechs Bahren herein. Auf ihnen lagen die Körper des Bergrats Spalding und seiner fünf mutigen Begleiter.
Am Arme eines Arztes erschien wankend und nur müh- sani gehend Graf Klinter. Er wurde auf eines der Betten gelegt, die im Zechenhause ausgeschlagen waren, und mit dem Sauerstoffapparat behandelt. Dann wurden auch die anderen noch halb Bewußtlosen veranlaßt, Sauerstoff ein- zuatmen.
Dora sah alles wie im Nebel. Eine erschreckende Gleichgültigkeit gegen alles, was um sie vorging, hatte sich ihrer bemächtigt. Nicht einmal eine Hosfnung mehr war in ihr. Die Krankentransportwagen fuhren draußen vor, und die sechs Bewußtlosen wurden fortgebracht.
Graf Klinter weigerte sich, nach dem Knappschaftslazarett zu gehen. Er hatte sich auf den Bettrand gesetzt und erklärte:
„Es wird schon besser, die frische Luft tut mir Wohl.
habe mein eigenes Auto hier und fahre damit nach Hause." _
Er stand aus und versuchte zu gehen, was ihm auch gelang. Mit Anstrengung kam er ans die Estrade hinauf und reichte Dora die Hand.
Dora küßte diese Hand und erschreckte den gutmütigen Grasen dadurch dermaßen, daß er eigentlich erst jetzt zum vollen Bewußtfein kam.
„Nicht doch, nicht doch!" wehrte er ab.
„Sie haben sie gerettet," sagte Dora, und jetzt endlich fand sie Tränen und herzzerreißendes Schluchzen.
Der Graf setzte sich zu ihr und versuchte sie zu trösten. Er sprach einzelne zusammenhanglose Worte, wie es seine Erschöpfung und Verwirrung infolge der Gasvergiftung gestatteten.
Dora saß am Tisch, das Gesicht in den Händen verborgen.
Das Rufen und Schreien draußen wurde lauter, das Hin- und Herlaufeu vieler Mensche» deutlich vernehmbar. Lautes Hurrarufen! Der einarmige Hartrop kam m das Zechenhaus und ries:
„Die Hauptkolonne aus dem Tiefbau kommt herauf. Es sind alle gerettet!"
Dann verschwand er wieder. Es litt den alten Berg- niann nicht in deni geschlossenen Raume, er mußte hinaus. Um die Kameraden zu begrüßen.
Der Tumult draußen dauerte wohl eine halbe Stunde an. Dann kam müden Schrittes, seine Beine mehr schlep, pend als hebend, der alte Geheimrat Kersten. Sein Erscheinen hatte unsinniges Jubelgeschrei draußen angezeigt. Dieses Jubelgeschrei dauerte noch an, als er das Innere des Zechenhauses erreicht hatte und sich kraftlos auf eines der Betten setzte. Draußen an den Fenstern drängten sich Hunderte von Menschen, besonders Frauen und Kinder. Sie entdeckten den Grafen Klinter, nick dann ging draußen das Geschrei von neuem los: „Ter Graf Klinter, Hurra! Glückauf! Glückauf!"
Es half nichts: Graf Klinter mußte sich erhebe» und bis vor die Tür gehen, um ein paar Worte au die Leute zu richten. Er war der Held des Tages, er war der Retter der Verlorengeglaubten, ebenso wie der alte Geheimrat als Leiter der Rcttungsarbeite» das Verdienst hatte, daß die im Tiefbau Eingeschlossenen so rasch wieder befreit und ihren Angehörigen wiedergeben wurden.
(Schluß folgt.)
Der Blinde am Meer.
Roman von Karl Böttcher-Chemnitz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.) «
Feodora wandte sich zu den beiden .Herren und zeigte ein huldvolles Lächeln. Sie reichte ihre Hand zum Kusse und beteuerte ihre Freude, die .Herren schon so zeitig bcgriißen zu können.
Aus Kun, den Naturmenschen, wirkte diese ganze Situation: diese schöne Frau inmitten dieses reizende» Zimmers und in dieser Beleuchtung, wie ein secnhaster Zauber.
Aber Rene, der in der großen Welt Erfahrene, hatte den Eindruck des Gemachten, des beabsichtigten Esfektes.
Unwilltürlich verglich er die zierliche, gepflegte Schönheit tzeodoras mit der klaren, reinen und natürlichen Anmut Ärdas.
Und während Kun sich fast ausschließlich mit Feodora unterhielt, in seiner lebhaften, drastischen Art, mußte Rene immer an Arda denken.
Er war einsilbig und zerstreut, bis sich Feodora direkt an ihn wandte: „Nun, Herr Professor, erzählen Sie mir etwas von Ihrem neuen Werke, und vor allem, wann man es sehen kann."
Rene Brian wurde sichtlich verlegen.
Etwas in ihm sträubte sich, mit Feodora gerade von diesem Bilde zu sprechen, denn das Bild war ihm kein Ding, keine Sache, es war für ihn etwas Lebendiges, das er mit voller Seele liebte, aber mit jener heimlichen Liebe, von der man nicht spricht, die man hütet wie eine srühlingszarte Knospe.
Und Kun Orsk fühlte das, und er kam Rene zu Hilfe und sagte: „Gnädige Frau, mit dem neuen Werke meines Freundes hat es eine eigene Bewandtnis. Ich habe das Gemälde gesehen, cs ist unbeschreiblich schön, aber Rene will seine Schöpfung nicht verössentlichen, wenigstens nicht für die aUgemeine große Welt. Und ich habe ihm darin recht gegeben."
„Aber ich, das heißt — der Kreis seiner intimsten Verehrer und Freunde — werden doch das Werk zu Gesicht bekommen, Herr Professor?"
„Das liegt dann ganz an den Herrschaften selbst. Ich meine unter „dann" nach der endgültigen Missteltnng meines Bilde?."
„Und darf 'ich wissen, wo Sie eS ausstellen werben?"
„Ich bitte das vorläufig als mein Gehetnrnis betrachte» zu dürfen, gnädige Frau," sagte er unter elner konventionellen Verbeugung


