— 404
Gluck.
Zür 200. Wiederkehr seines Geburtstage« am 3. Juli.
Bon Dr. Hans K l e e m a n n.
Nachdem die Florentiner am Ende des 16. Jahrhunderts in der Absicht, das altgriechische Drama neu erstehen zü lassen, die Oper, d. tz. das Mnsikdrama gleichsam erfunden hatten und diese neue Klmstgattung rasch ihren Siegeslauf angetretcn hatte, da mährte es gar nicht allzu lange, und der ursprüngliche Zweck wurde aus dem ?ljuge verloren. Die Musik trat aus ihrer dienenden Stellung hervor und beansprucht« selbstherrlich den ersten Platz oder richtiger: die Gesangssolisten taten dies. Las gröbere Uebel war die jeder dramatischen Forderung widersprechende Handlung, das imuatürlicin Gebaren der antiken Götter und Heroen, die statt an das menschliche Empfinden des Hörers zu appellieren, vom Dichter zu inarioncttenhasten Srl>einen erniedrigt wurden, lind die Mehrzahl des Publikums besand sich dabei gang wohl. "Denn ihn, war die Person des Sängers, der in dieser oder jener Rolle niit endlosen Koloraturen glaiczte, tveit wichtrger, als eins vernünftige, pshchologisch begründete Entwicklung der Handlung.
Ein Reformator tat dringend not. Selbst im italienischen Lager begann mau zur Einsicht zu kommen, daß die einseitige Pflege der Soloopcr ein Uebel sei. In Wien hatte man tioch am wenigsten vergessen, daß die Oper ein Drama sein sollte. Hier hielt man im Gegensatz zu den Neapolitanern an der Verwendung des Chors fest, hier war die Oper nicht nur eine Gelegenheit für den Gesangsvirtuosen, seine Künste zu zeigen, sondern auch die selbständige Orchestcrmusik kam in durchgearbeiteten Nnstrumentalsätzen zur Geltung. Hier lernte Gluck, der 17-tb nach Wien kam, die an der alten Tradition festhaltenden Opern von 8-uj und Badia kennen. Vor allem aber war der Wiener Jn- ie-danl Gras Durazzv ein energischer Verfechter der Opernrejorm: loas Graf Algarottl in seinem „saggio sopra Lopera" (Versuch über die Oper) vorschlug: Wiederaufnahme von Chor- und Instrumentalmusik Nach dem Muster der französischen Oper (also bereits ein >oesentlicl>cr Gedanke der Gluckschen Reform', entsprach aich seinem Prvgrainm. In Gliuk fand er für die Ber- Ivirkltchung seiner Ideen den Musiker, ein geeigneter Dichter schien sch ihm in Calsabigi zu bieten. Es kann als wahrscheinlich gelten, hast diese beiden Männer überhaupt erst buch Ducazzo veranlaßt wurden, qecneinsam dem vorschwebcnden Ziel znzustrcbcn.
Lange hatte sich Gluck vom Stroni der italienischen Oper treiben lassen Nur im „Telemach" (Rom 1750) erscheint er ein anderer) da sticht er vor Uns als der Gluck, als den wir ihn uns vorzustellen pflegen. Der breite Raum, der darin dem Chor, drauratischen Ensemblcfätzcn und dem Tanz zugcstanden Ivird, hebt ihn dcutlch aus seiner Umgebung liecaus, obwohl das vcr- toickclte Intrigenspiel beweist, daß der Dichter der Schule Me- tastasios angehörk. Aber der „Telemach" blieb vorläufig vereinzelt, Und in den nächsten 12 Jahren bewegte sich Gluck wieder in misaefabrencn Gleisen. Darin unterscheidet er sich wesentlich von Richard Wagner, dessen künstlerische Entwicklung, sobald er sein Ziel einmal erkannt hatte, einen mit unbeirrter Konsequenz durchgeführten Aufstieg darftellt.
Mit dem „Orpheus" (1762) — Gluck war inzwischen 48 Jahre alt geworden — begann der Umschwung. Calsabigi hatte bei der Abfassung des Librettos das Jntrigensystem ganz beiseite gelassen mrd die Handlung in einfachen, klareil Linien entwickelt. Dauiit feierten die Rcnaissaneebestkebungcn, aus deiien heraus einst die Oper geboren war, eine neue Auferstehung. Die in Metastasios Anschauungen befangenen Zeitgenossen konnten ich freilich mit solchen Neuerungen nicht befreunden. Sie sanken ie langweilig. Und die Musiker vom Fach nahmen es ihm sehr ibcl, daß er, wie er selbst bekannte, sich nicht scheute, gelegentlich die Schulregeln zugunsten der Wirkung zu opfern.
Ausserhalb Wiens vermochte der „Orpheus" vorläufig nicht Fuss zu fassen. Eine gewisse Popularität von zweifelhaftem Werte geiiojs er in Italien. In Trajettas Buffo-Oper „Cavaliere errantc" tritt ein Wahnsinniger auf, der sich einbildct, Orpheus zu sei». Er fingt die Arie „Ade ich habe sie verloreii!" Hatten die Jta- licuer bemerkt, daß sich Gluck im Tou dieser Arie vergriffen liatle und daß die anmutige Melodie zum 'Ausdruck der Klage nicht stimmt? Aber >vas will dieser Mangel bedeuten gegenüber der tiefen 2lusdruckskrast, der ivir sonst im „Orpheus" begegnen. Wie genial ist in de» Furienchiören des 2. Aktes der Uebergangl voui finsteren Trotz bis zum Erwachen des Mitleids als einer diesen Wesen bisher ungekannten Empsitidung musikalisch erlebt! Wie idyllisch ist das Ballett der seligen Geister, von welchem Stimm»,igszauber der in seiner Naturschilderung Beethovens Pastorale vorahneude Gesang des Orpheus „Welche reines Licht"! vier liegt überhaupt eine der stärksten Begabungen Glucks, der als Förstersvhn in innigem Verhältnis zur Natnr stand.
»nzusriedeu mit dem hinter seinen Erioartungen zurückblei- beudeu Erfolg des Orpheus, und noch mehr zweier tveitercr Re- foruiopern „Alceste" 1 17671 und „Paris und Helena" (1770), ivandte sich Gluck jetzt nach Paris, wo ec rui Hinblick aut die Vorarbeit Lnlln« und Rauceaus aus größeres Verständnis für das eigentlich Dramatische in der Oper rechnen durfte. lind
wirklich tvurde di« Aufführung der „Jphigeirie in Aulis" (1774) z'um Ereignis. Dir Schwierigkeiten der Vorbereitung waren hier
noch grösser, da sich das gesamte Over,«Personal in höchst verwahrlostem Zustande befand) aber er sieche auch hier, zumal er in Maria Anboniettc, seiner ehemaligen Schülerin, eine einfluß- reiche Gönnerin besah. ,
i Eine Neubearbeitung des „Orpheus" für Paris, bei welcher bis ursprünglich für Alt (den Kastraten Guadagni) geschrieben« Titelrolle in eine Tenorpartie umgewandelt tvurde, tritg zur Per- größerung seines Ruhmes bei. Inzwischen waren aber auch die Gegner, die Anhänger der italienischen Oper, ivieder am Werke, Sie beriefen als Rivalen Nicola Piccini nach Paris, und nun entspaiui sich der weltberühmte Streit der Gluckisten und Piccr- nistcn, wobei übrigens, währeird die Parteigänger sich hestlg befehdeten, ihre Häupter in bestem Einvernehmen stairden und gcgen- seitig Beweise ihrer Neidlosigkeit lieferten. Der Ansgang ist bekannt. Gluck blieb Sieger, und auch Picciili beugte sich willig dem deutschen Genius. „Iphigenie auf Tauris" war die Oper, durch die er auch seine Gegner von seiner Ucberlegeuheit als musikalischer Clmrakterschilderer überzeugte. Gluck hatte, tvie Bulthaupt treffend sagt, „das Geheimnis des goldenen Schnitts gefunden, das verborgene Gesetz der Harnrvnle aller Teile, de» Punkt, aus tvelchem die uiusikalische Lyrik dramatisckte Betoeguug ivird und das Drama sich melodisch, mit lyrischer Ruhe aiisalmet."
So hatte Gluck bei den Franzosen das gefunden, ivas er bei seinen Rutschen Zeilgeuoffen, vor allen den Fachmusikern, vergebens suchte: Verständnis für sein Reformwerk. Entschädigt wurde er bei seinen Landsleuten durch die Wertschätzung, die ihn« die Dichter entgegenbrachteu. Der geistesverwandte Klopstvck, dessen Dichtungen ihn zu ties empfundenen Gesängen inspirierten, Wielaich, Schiller und Goethe zählten zu seinen Benmnderern Herder ersah im Geiste den Fvrtsetzer des von Gluck begonnenen Werkes, Ein Jahrhundert nach Gluck tvurde dieser Mann geboren: Richard Wagner, dessen Lcbenswerk mit dem Glucks vieles gemeiu hat,
humoristischer.
* Zweifelhaftes Lob. „Wie wurde Ihre Repe dem« ausgenommen?" fiagt rin Gesiuuunasgenvssc den Agitator. „Ich kann Ihnen sagen — als ich mich schließlich setzte, meint-n alle, es sei das beste, >oas ich je geleistet hätte." t i
" In den Zeiten der Errrteuerunq. Der eine Tragöde, vor dem Eierladen, zum Kollegen: „Sich nur die Preise! Weißt Du, so lauge das so bleibt, sind wir vor Eiern ziemlich sicher." _
vüchertisch.
— jGrzebeusReisesührer: Bau» 29, „Der Rhein". 29. Auslage init lt Karten und einem Grundriß. Fltk 3. .« Verlag
Albert Goldschmidt, Berlin W 36. Welch großer Beliebtheit sich der Griebeusche Rheiusührer erfieut, das beweist am besten seine hohe Auslagezisser . ist er doch soeben bereits in der 29. Auslage Lrschieiic». Dem Führer wurde die Rheinfahrt von Köln bis Mainz zugrunde gelegt, wobei all« Nachbargebiete weitgehendste Berücksichtigung fanden. So schließen sich z B. an das Kapitel Mainz tveitere über Frankfurt a. M., das Täunusgebiet uud Heidelberg,' anschließend an Coblcuz nffrd die Moselbahn nach Trier un» ents sprechende Rückfahrt mit Dampfer behandelt Empfehlende Berücksichtigung finden auch alle anderen Nebcntäler. Dank der gründlichen Ncubearbxitimg ist das Buch wescitllich bereichert worden, Das gesamte Kartenmaterial entspricht dnrckzaus dem neueste,« Stand. Als Auszüge aus diesem Baud erscheinen ein „kleineq Führer für die Rl»eiureisc", Preis Mk l,60, der für einen kurzen Äusenthalt am Rhein genüge» dürste, uud ein Spezialführer „Köln und Umgebung" (Preis 60 Psentfig.)
versteckrätsel.
Man suche rin Sprichwoct, beste» einzelne Silben in tolgenve« Wörtern versteckt sind, wie die Silbe .an" in .Wanderer-, Anlweroen — Biberpelz - Fehdehandschnb — Kohlenbergwerk Eigenwille — Mußbach — Geburtstagskind — Schornstciu- seger — Dornröschen — Adlerauge — Bienenkorb Auflösung in nächster Nummer.
Auslösung der Skat-Ansgabc in voriger Nummer- Abkürzungen: tr — Trost, p = 'Hone, c — Coeur, eae — Carreau trB — Trefi-Bnbe, pA — stigne-Asi, cD — Evenr-Taine «sw.
Das Spiel ist vrrliecbar. Vorhand muß haben trX, 1,0. tr9, Ir7, pD, p8, p7. carA, car9, < arl, Hinterhand die übrigen: Mittelhand drückt pZ und earZ. Spielgang:
1. B. tr« M. trA H. cX — - ls.
2. H. carK D. carA M, carD — — 18.
3. B tri) M. trZ 0. cD = — 16.
De» 4.-9. CItch erkält Blittelhand, aber der letzte auf tr» fönt den Gegnern zu (M. trZ, i\ pA, B. tr9 = — 11), so daß dieselben insgesamt 61 Angen erhalte» haben.
Redaktion - K Reuratb. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen llniversttätS-Buch- und Steindruckerei, R. Laug«, Dteßei^


