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und Ihr Sohn wird genesen Frau Glover hat mir nicht gesagt, wie es um sie steht! aber ich vermute aus den wenigen Worten, die sie in den letzten, Tagen mit mir gewechselt hat: da drinnen haben sich soeben zwei Herzen gefunden. Das Gluck wird Ihren Sohn gesund machen."
Vorsichtig öffnete Graf Klinter die Tür und winkte dem Geheimrat, näherzutreten. Dieser sah den Sohn und Barbara mit ineiuandergeschlungenen Händen nebeneinander sitzen und wußte genug. Er fühlte es, daß sein Sohn von jetzt ab genesen würde.
13. Kapitel.
Als Dora am nächsten Tage in ihr Zimmer im Generalbureau trat, lag auf ihrem Schreibtisch eine Anzahl von Schriftstücken, und oben daraus befand sich ein Brief mit der Handschrift Werners, der an das Generalbureau gerichtet war und lautete:
„Hierdurch bestätige ich den Empfang eines Brieses, durch den mir Fräulein Dora Buchwald nntteilen läßt, daß sie meiner Dienste vom 31. März kommenden Jahres nicht mehr bedarf."
Ein Geräusch in dem Zimmer nebenan ließ Dora aufschrecken.
Sie eilte zur Wr und öffnete sie. Geheimrat Kersten saß an dem Schreibtisch auf dem Platz, den er früher innegehabt hatte, und als er Dora erblickte, sprang er mit fast jugendlicher Leichtigkeit auf.
Dora sah, wie schwer Kersten in letzter Zeit gelitten hatte, und wurde von tiefstem Mitleid ergriffen.
„Guten Dag, mein liebes Kind," rief Kersten mit eigentümlich weicher Stimme, „guten Tag! Da bin ich wieder, und nun wird es hoffentlich keine Störungen mehr geben. Ksnn ich dich einen Augenblick sprechen?"
„Wer gewiß, lieber Onkel Geheimrat," antwortete Dora und trat in ihr Zimmer, wohin ihr Kersten folgte.
Kersten nahm auf dem Stuhl neben dem Schreibtisch Doras Platz und begann:
„Es wird alles noch gut werden, mein liebes Kind. Auf fliegen folgt immer Sonnenschein. Du gehörst ja zur Familie, du bist mir so lieb wie eine Tochter, darum sollst du auch erfahren, wie alles eine glückliche Wendung genommen hat. Du bist ja auch diskret und wirst darüber nicht sprechen. Gestern hat die liebe, gute Barbara Glover meinem Lothar ihr Jawort gegeben; sie sind verlobt. Angezeigt kann die Verlobung noch nicht werden, denn mein Sohn muß erst seinen militärischen Abschied haben. Dann kommt die offizielle Verlobung und die Hochzeit. Das Herzeleid meines armen Sohnes ist beendet. Wie töricht sind mir Menschen doch, und wie viele Qualen bereiten wir uns unnützerweise selbst! Nun sind sie glücklich einig. Weißt du, was in der Zwischenzeit geschehen ist, während wir von hier fort waren? Ich muß mit dir darüber sprechen im Interesse meines! Sohnesj denn du bist auch bis zu einem gewissen Grade dabei beteiligt. Weißt du, daß ein Duell stattgesunden hat?"
„Ich habe nur dunkle Andeutungen davon gehört," ent- gegnete Dora etwas unsicher.
„Dann bin ich verpflichtet, dich über alles aufzuklären," sagte Kersten, „denn es handelt sich auch um deine Person. In seinem Fieberparoxysmus hat mein Sohn, als er den Hergrat Spaldiug brüskierte und zum Duell zwang, auch dich beleidigt, und gerade um deinetwillen hat der Bergrat meinen Sohn gefordert. Die Beleidigung, die Lothar gegen dich ausgestoßen hat, ist nicht allzu schlimm und ist über-
? gupt keine Beleidigung, denn sie war die Tat eines Wahn- innigen, eines Schwerkranken."
Dann erzählte Kersten Dora alles Borgefallene, und er war so eifrig, seinen Sohn zu verteidigen und Entschuldigungen für das Verhalten des Kranken zu finden, daß er gar nicht sah, >vie sich das Gesicht Dovas inehr und mehr veränderte.
Endlich schloß Geheimrat Kersten:
„Und nun wird alles gut. Der gute, brave, edle Werner hat auch meinem Sohne verziehen. Montag kommt er selbst zu ihm, um ihm die Hand zu reichen. Mit Gottes gnädigein Willen ist ein großes Unglück verhütet worden, und nun hoffe auch ich, daß alles wieder gut werden wird."
Kersten war ganz gerührt. Er reichte Dora die Hand, schüttelte die ihre, yhne zu merken, wie kalt diese war, und ging dann in sein Zimmer zurück, um sich wieder zu fassen.
Dora saß regungslos an ihrem Schreibtisch, und ihre Auge» ruhten aus den Schristzügeu Werners, aus dem
Briese, durch den er die ihm zugcgangrne Kündigung bestätigte. —
*
Werner erledigte die schriftlichen Arbeiten sowohl betreffs der Verwaltung der Theresien .Hütte wie der Instiuus« Grube, seitdem er wieder am Schreibtisch sitzen konnte. Wenn ihm auch die Aerzte noch nicht gestatteten, das Zimmer zu verlassen, so hatte er doch regelmäßig täglich zweimal von den beiden Werken die Mappen mit den eingegangenen Schriftstücken erhalten und prompt alles erledigt. In einer der Mappen, die von der Theresien-Hüttc kamen, fand er den Brief des Generalbureaus, der an ihn persönlich gerichtet war und die Kündigung enthielt.
Die Ueberraschung Werners war doch nicht klein. Jetzt, in diesem Augenblick, hatte er natürlich eine Kündigung! nicht erwartet, obwohl er immer eine 'Ahnung gehabt hatte, daß vor Ablaus des Dezember diese Kündigung doch noch erfolgen würde.
Daß sie um so viel früher kani, war eine Demonstration egen ihn, war eine Brüskierung, war recht verletzend: und aß mau ihm die Kündigung zustellte, bevor er noch wieder in den Dienst treten konnte, noch in der Zeit seiner Rekonvaleszenz, war sehr rücksichtslos und ebenso verletzend. Man setzte ihn vor die Tür wie einen ungezogenen Schüler, man gab ihm vorzeitig den Laufpaß. Das war sehr kränkend für ihn und schädigte ihn in seiner ganzen Karriere; denn der Makel blieb an ihm hasten, daß man ihn aus! seiner Stellung, diefeine große Verantwortlichkeit in sich barg, nach kurzer Zeit herausgesetzt hatte.
Es war eine bittere Stunde, die Werner verbrachte. Aber er ivar bereits genügend genesen und besaß so viel Elastizität, um sich auszurichten. An die Stelle der Bitterkeit trat das Mitleid, herzliches, aufrichtiges Mitleid mit Tora, die er ja von ganzem Herzen lieb hatte. Sie selbst hatte die Kündigung unterschrieben, und das war Demonstration genug. Sie war die treibende Krast bei dieser Sache, sie wies ihn von sich, weil ihr Herz voll Mißtrauen war Es war ein Jammer, daß dieses iveibliche Wesen, das einen Mann so glücklich hätte machen können, dazu bestimmt schien, in Einsamkeit ihr Leben zu vertrauern. Dieses Mitleid mit Dora war bei Werner so groß, daß er alle Bitterkeit überwand.
Dan» kam der Gedanke an die Zukunft und vor allem daran, daß er in wenigen Monaten wieder drüben in Ame- rika, wo er von allen kleinlichen Rücksichten losgelöst war, frei schaffen und arbeiten konnte; und das tröstete ihn. Zwar lagen noch vier unangenehme Monate vor ihr». Mehr als hundertzwanzig Tage mußte er mit einem gewissen Widerwillen seine Pflicht als Beamter tun. Was er noch leistete, daran hatte er wenig Interesse. Von seinen Projekten, die sowieso zurllckgestellt waren, wurde natürlich keines ausgeführt, und irgendwelche besondere Neuerungen oder tatkräftige Arbeiten war ihm versagt; er konnte seinen Nachfolger nicht präkludieren. Er mußte die nächsten vier Monate absitzen und sehen, wie er mit sich und den Verhältnissen fertig wurde.
Anderthalb Stunden hatte er mit dem Nachdenken und den wechselnden Stimmungen verbracht. Dann wandte er sich seinen Arbeiten zu und erledigte diese um so rascher.
Arbeit, Arbeit! Das war das Heilmittel für ihn. Mit der Arbeit half er sich über die unangenehme Zeit, die noch vor ihm lag, hinweg. Und wenn er nicht für die Werke tätig sein wollte, weil er ja hier alles den üblichen Gang
S n lassen mußte, so konnte er sich mit Privatarbeiten lässigen.
Mittags kam Graf Klinter, um seinen Besuch zu machen, und da es recht sonnig war, ging er mit Werner im Garten spazieren.
lFortsetzung folgt.)
Der Blinde am Meer.
Roman von Karl Böttcher-Chemnitz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Als die beiden Damen am Parktor des Schlosse- Friedrichsruh vorüberfchritten, sagte Fcodora von Braun; „Worin besteht nun die Größe dieses Bismarck? In feinem Wollen oder in seinem Können? Ich glaube in


