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Der Blinde am Meer.
Roman von Karl Böttcher-Chemnitz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Was mögen in den Köpfe» der Ausivanderer für Gedanken Atzen? Was mögen für Luftschlösser gebaut werden, die aber drüben nur allzu schnell verfallen, und ein Häuschen kläglichen Elends bleibt übrig. Die Schiffskapelle des Dampfers halle sich jetzt aus dem Sonnendeck aufgestellt, und als die Passagier« erster und »weiter Kajüte aus dem Bahnhofsgebäude traten, letzte sie mit einer lustigen Wesse ein. Der große, eisernte Treppenturm wurde an das Fallreep herangeschoben. ?ln seinen« Eingang prüften die Beainien die Auslandspässe und dann bewiese» die Passagiere den Dampfer.
Herzzerreißende Mschiedsszenen spielten sich an dem Kai ab, jmb dazu spielte die Kapelle den neuesten Schlager des Berliner Metropoltheaters.
Immer und immer noch loaltcn die Menschen von den« Bahnhof nach dein Kai, und zu zivein passierten sie bet« Eingang »um Trepp«-««turn, Ter Bankee mit souveräner, lächeln-- wr Miene, der Geschäftsreisende gleichgültige«« Schritts, die Mutter, das Kleinste aus dem A-rm, mit tränenfeuchtem Antlitz.
Alle sind bepackt mit allerhand möglichen und unmöglichen Gepäckstücken, oft mit den unpraktischsten.
Endlich lichten sich die Reihe», und nur noch einige Spätlinge beeilten sich, m« Bord z» kommen. Die Dampfpfeise stößt den schrecklich brüllenden Schrei aus, der alles Geräusch uinher in ein Nichts ersterben läßt.
Der Lotse besteigt «nft dem ersten Offizier den Kommaudo- turn«, die Kaiarbeiler lösen die Riesentaue, der Treppenturm wird zurückgerollt, das Fallreep empvrgewunden und die Ladeluke verschraubt.
Ganz, ganz langsain, unmerklich säst, setzt sich der Ozcan- riesc in Bewegung.
Sllle Passagiere dränge«« sich nach dem Steuerbord, die Kapelle
I Vielt: „Muß « denn, muß i denn zun« Städlele lftnaus" — ein mndcrtfaches Tücherschtvenken .hüben und drüben, dann verl>allen unter dem Rauschen der Wellen die Klänge.
Mit «najcstätischcr Ruhe und doch rasend schnell fährt das Schiff dahin.
Die Zuschauer batten sich längst verlaufen, nur Arda lehnte noch an« Gesünder der Plattform und schaute dem dahinziehen- ben Dampfer nach.
„Wie viele Sorge» mag das Schiss mit wegnehmen, doch die meiste» bleiben da," sagte sie vor sich hin. Und sie kam sich jetzt verlassener vor, den» je Sie ging langsam am neuen Hasen hin, wo die Minenleger festgeinackt hatten.
Doch gss einige Arbeitssoldaten, die im Bauche eines Kohlcn- leichters standen und die Ladung löschten, ihr unzarte Worte zuriesen, entfloh sie nach dem Atüegehdst.
Zu ihrem Hetinweh kam noch ein Grauen vor dem Alleinsein, vor bcm UnheschÜtztsein.
Kaum erneu Tag war sie von der Heimat fort, und schon zlveimal batte sie Worte gehört, die ihre reine Seele verletzten.
Die Welt und ihre Art waren ihr so ffemd geblieben, haß erst jetzt eine Ahnung von pen drohenden Gefahren in ihr «ufstieg.
Sttmdenlang saß sie nun am Anlegehöst aus der schmalen Lattenbank und «vartete mif den Dampfer, der endlich gegen acht Uhr cintraf.
Mit ernbrechcndein tzlbend verließ die „Silvana" Cuxhaven und kurz vor Mitternacht machte sre an den St. Pauli-Landungsbrücken in Hamburg fest.
Schon von der Brunsbüttler Sck>lüsse an senkten sich graue, wallende Nebelschleier auf die Elbe, die einen feuchten Niederschlag zurückließen, und von Blankenese an setzte dünner Sprühregen ein, und dazu «var es empfindlich kalt.
An den St. Pauli-Landungshrücken verließ Arda säst als erste das Schiss.
Sic hatte sich entschlossen, zimächst ein einfaches Gasthaus aufzusuchen, und ain näckistcn Tage «vollte sie sich um eine Stellung bemühen, ganz gleich, welcher Art.
Mer vom Kai führten so verschiedene Straßen ab, daß sie lunschlüssig war, welche sie wählen jollte. Die riesigen Gebäude, das hellerleuchtete Fährhaus, die Seewarte, auf der Höhe das Seemanns- rmd Tropenhaus «virkten verwirrend aus sie.
Sie ging aus eine Gruvpe Menschen zu, um zu .fragen, --- doch was sollte sie fragen? Sie wußte ja selbst nicht, umhin sie eigentlich wollte.
So eilte sie die Helgoländer Mlee entlang. Doch die- Straße war still und ausgestorbcn. und sie kehrte voller Furcht wieder »rm und ging zu den Landungsbrücken zurück.
Der Menschenschwarm hatte sich verlaufen, nur einzelne Gepäckträger und Hoteldiener arbeiteten noch unter Schimpfen und Fluchen.
X»n der Holzmole, die zu Käses Hafenrundfahrt führt, kamen «ine Anzahl Burschen, und als ffe Arda bemerkten, liefen sie
lachend und johlend auf sie zu. Einer faßte sie a«n Arm, ein anderer uni die Hüfte.
Lähmendes Entsetzen ergriff sie. Sie riß sich los und rannte rn Todesangst über die Straße und ein Stück die Sylter Allee hinaus.
Aber die .Burschen überholten sie und verstellten ihr den Weg, und wieder umschlang sie einer und bog ihren Kopf zurück, um sie zu küssen. — Da traf ihn ein Faustfchlag ins Gesicht, und eine harte Hand riß ihn von Arda weg.
„Zwei Zoll Stahl zwischen die Rippen, wer das Mädel noch einmal berührt."
Arda prallte zurück. Sie schlug voll tiefer Scham die Hände vor das Antlitz und ließ ihr Bündel fallen.
„Petrow."
Die Burschen «vichcn vor dein langen, breitbrüstigen Matrosen zurück und begnügten sich mit höhnischen Zurufen
„Oho — Tikanders Braut," lachte einer, und ein Miderer johlte laut platt: „Kiek mal, Jungs, ick kann dat gor nich be- griepen, wat eegentlich mit Petrow los is?"
Aber Petrow brauste auf: „Gor nix hebbt Ji to seggen!" und schon blitzte in seine«- Hand das breite Klappmesser.
Da trollten sich die Freunde davon und Petrow nahm Arda bei der Hand und sagte barsch: „Du gehst mit mir."
Sie nahm ihr Bündel auf und folgte «hin willenlos. Sie gingen die Sylter Allee hinauf, am Zirkus Busch vorüber. Dann wandte sich Petrow nach rechts.
Trotzig blieb Arda stehen.
„Nun, «voraus «vartest du?" ftagle Petrow kurz.
„Geh du. Ich habe nichts mit dir zu schaffen," sfteß sie kuxz hera««s, und Scham und Zorn preßten ihr di« Träne«« aus den Augen.
Petroiv trat ganz dicht vor Arda hin, nahm ihr das Bündel aus der Hand und sagte kalt und ruhig: „Du gehst «nit mir. Was nullst du allein nachts in der Sündenstadt?"
Arda gedachte mit Schaudern des eben erlebten.Anfalles der Burschen, und so folgte sie Petrow, immer einen halben Schritt hinter ihm zurückbleibend.
Sie überquerten die Cuxhavener Allee und schritten nach dem Millerntor-Tamm.
Das massige Bis»iarck-Tenkn«al ragte wie ei» Riesenturm gespenstig in die feuchten Nachtuebel.
Arda ffagte «etzt ängstlich: „Wohin nullst du mich führen, Petrow?"
„In ein anständiges Gasthaus. Leute deines Schlages gehören um Mitternacht nicht nach St. Pauli."
Ein «veicher Klang lag im Tone seiner Sftmme.
Und nun gingen sie schtveigend «veiter, vom Zeughausmarkt durch die Hütten.
Diese Zeugen ältester Hansazeiten, diese.halbverfallenen Fach- werkbauten, dieses wüste Geschrei aus den Kneipen wirkte auf Arda grauenerregend.
Sie ging jetzt dicht neben Petrow u««d drängte, schneller zu laufen, und sagte leise: „Hier ist's schrecklich."
Petrow nickte und lief schneller u«rb am Holstenplatz bog er ein.
Der Regen fegte jetzt wild über den Asphalt. Arda «var zum Umsinken erinattet. Sie griff nach Petrorvs Arm und stützte sich.
„Jsl's »och weit?"
„Wir sind am Ziel. Ich werde dir hier ein Zimmer «nieten aus zivei oder drei Tage, dann werden wir «veiter sehen."
Noch unter der Tür sagte Arda: „Fragst du denn nicht- «vas ich —, ich meine, warum ich hier bin?"
„Was küinmert das mich! D» brauchst jemanden, der dir hilft, und das genügt mir. Ich kann auch mal eine anständige Gesinn««ng haben."
Sie traten in den Vorraunt des Hotels „Holstentor" und Petrow läutete nach dem Zimmerkellner.
Er sprach leise mit ihm, gab ihm Geld und reichte dann Arda die Hanv.
„Ich muß morgen früh mit meinem Schoner nach Bremen «mb komme erst übermorgen abend zurück. Wenn du willst, kannst du Mick abends sieben Uhr an der Lombardbrücke treffen, dort, wo die Alsterdampser halten. Ich verspreche dir, dich in keiner Weise zu
behelligen. Und nun ruhe dich aus. Gute Nacht."
Er trat «vieder in den Regen hftiaus, und Arda ließ sich von« Zimmerniädchen in ihr Zimmer ftihren.
6. Kapitel.
Herbst. Herbst i» Friedrichsruh.
Der buntblätterige, ehrwürdige Sachscnwald rauschte wch- «nütige Abschiedsweisen, und Tränen, gelbe, rötliche, und braune Tränen rinnen von den alten Riescneichen herab und decken nun die knorrigen Wurzeln.
Am Ausgange der Waldstrabe, die zwischen Mausoleum >,nd Hirschgruppc nach dem Schlosse führt, stand Feodora von Braun.
Sie trug ein enges, graues Kleid von vornehmstem Stil.
Den großen Florentincrhut hielt sie in der linken Hand an einem Baud von rosa Farbe wie ein Körbchen, und darin lagen bunt durcheinander Blättcrbüschcl und einige Herbstblumen.
Sie stützte sich leicht auf einen braunseidenen Sonnenschirm und blickte über die weiten, weiten Wälder.
Bon der Sägemühle oberhalb des Bahnhofs erklang eintöniges, schwaches Surren. Das einzige Geräusch in diestun Gottesfrieden.


