Ausgabe 
22.6.1914
 
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wünschte ihm von ganzem Herzen, daß er gute Nachrichten in Dasburg finden möge. Sie wünschte ihm das nicht nur für seine Person, sie wünschte es auch sich; aber sie sagte natürlich nichts davon. Sie wußte, der Geheimrat würde eine schlechte Nacht haben und voll Unruhe und Sorge sein. Und dieselbe erbärmliche Nacht drohte ihr, und den nächsten Vormittag Würde sic in Hangen und Bangen die Weitersahrt fortsetzen, die jetzt schon der alte Geheimrat antrat.

12. Kapitel.

Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter. Es kam natür­lich niemand auf den Gedankens die beiden Duellanten zur Rechenschaft zu ziehen. In einem großen Jndustriebezirke bestehen ganz andere Verhältnisse als in sonstigen Gegen­den des deutschen Vaterlandes. Da ist alles von der Jits- dustric abhängig, alles hat aus sie Rücksicht zu nehmen, und jeder einzelne hütet sich sehr wohl, sich mit den maßgebenden Persönlichkeiten in Konslikte zu setzen. Die untergeordneten Behörden werden gesetzmäßig von der Industrie unterhalb ten. Die Villa, in der Bergrat Spalding wohnte, und das Birkenwäldchen gehörten in das Revier des Amtsvorstehers Lenske, der gleichzeitig Inspektor auf der Theresienhüttc war. Lenske wäre sehr erstaunt gewesen, wenn man ihm zugcmutet hätte, seinen Chef, den Bergrat Spalding, wegen Duells der Staatsanwaltschast zu denunzieren.

Lenske wußte ja auch nichtsSicheres" davon. Man erzählte sich heimlich von Ohr zu Ohr, es habe ein Duell Mischen dem Bergrat Spalding und dem Hauptmann Lothar Kersten, dem Sohne des Geheimen Bcrgrats, stattgesundcn, und man erzählte sich ebenso geheimnisvoll, beide seien ver­wundet worden. Lothar hatte in Wirklichkeit das Fieber, aber das glaubte die Oeffentlichkeit nicht. DieEingeweihten" zuckten die Achseln und sagten, er habe ebensowenig das Fieber, wie der Bergrat Spalding niit dem Pferde gestürzt sei. Sie seien beide verwundet, und beide schwebten in der höchsten Lebensgefahr. Auch weshalb das Duell stattgesunden hatie, wußte man, Frau Wolf war natürlich nicht so diskret gewesen, alles zu verschweigen, was- sie wußte. So erfuhr man denn allmählich, daß Frau Barbara Glover, die jetzt verreist war und anscheinend allen Weiterungen und Un­annehmlichkeiten aus dem Wege gehen wollte, die Veranlas­sung zu dem Duell gegeben hatte. Beide Männer hätte» sie geliebt, und sie wollten sich gegenseitig an das Leben.

Mit dem Duell ist es nämlich wie mit dem Schmuggel: jedermann lpeiß, daß der Schmuggel ein Unrecht ist, aber man treibt ihn doch, und man findet nichts Ehrenrühriges darin. Auch das Duell ist ja verboten und strafbar, aber es ist dock etwas sehr Ritterliches, und selbst die enragiertesten Gegner des Duells sagen schließlich: Laßt doch den Leuten ihren Willen, wenn sie sich gegenseitig die Hälse brechen wollen. Diejenigen Personen, welche an dem Duell beteiligt waren, schwiegen natürlich und wahrten pflichtgemäß höchste Diskretion. Bon ihnen war nichts zu erfahren, und selbst wenn jemand töricht genug war, direkte Fragen an sie zu stellen, antworteten sie mit Achselzucken.

Mit Werner stand es nicht so schlecht, wie man zuerst geglaubt batte. Es erwies sich, daß der Schuß nur ein Streis- schuß an der rechten Kopfseite war. Allerdings, der Knochen wargeschrammt", aber die Verletzung war nicht so schlimm, wie sie zuerst ausgesehcn hatte. Besonders günstig war es, daß die Heilung fast ohne Eiterung verlief. Schlimm stand es dagegen mit Lothar Kersten. Nach den Gerüchten, die um­gingen, konnte man sein Ableben eigentlich stündlich er­warten.

Wenn Dora nur zu dem Zwecke nach Saalkirchen zurück­gekehrt war, um dort in der Nähe der Ereignisse zu sein und alle Nachrichten aus erster Hand zu empfangen, so hätte sie sich diese Rückkehr sparen können. Sie war in ihrem Schloß in Saarkirchen so vereinsamt und abgeschnitten, als lebte sie aus einer wüsten Insel. Graf Klinter war ein einziges Mal ganz flüchtig in Saarkirchen zu Besuch gewesen. Von dem Duell hatte er natürlich kein Wort gesagt. Der Geheimrat kaum auch nicht; der saß im Sanatoriuni bei seinem Sohne. Auf einem Zettel, mit Bleistift geschrieben, hatte er Dora mitgeteilt:

Die Aerzte wissen nicht genau, ob Lothar den Typhus hcrt. Ist dies der Fall, so ist die Krankheit ansteckend, und ich kann das Sanatorium nicht verlassen, kann auch das Gene- tLlbureau nicht aufsuchen. Laß mir doch die wichtigsten «gchen, Uird nur die allerwichtigsten, hierher senden, damit prüfe und kurz meine Anordnungen treffe. Nach Saal­

kirchen kann ich natürlich auch nicht kommen, uin euch nicht

zu gefährden."

Man sah es den Schristzügen des alte» Herrn an, wie mitgenommen er ivar,

Tante Schottelius verspürte natürlich große Lust, einen Besuch bei Frau Wolf zu machen, um sich dort nach dem Bcjinben des Bergrals zu erkundigen. Dora hatte ihr dies aber mit so heftigen Worten und in solcher Erregung unter­sagt, daß die Tante den Besuch unterließ. Aber telephonisch erkundigte sie sich bei Frau Wols nach dem Befinden des Bergrats, und Lenske meldete dem Generalbureau, wie es um Spalding stand, und die Meldungen lauteten ja recht günstig.

Erst war eine Krankenschwester bei Spalding; als er aber das Bett verließ und ansing herumzugehen, wich Graf Klinter nicht von seiner Seite. Das wäre ja schon eine Ent­schuldigung dafür gewesen, daß er nicht nach Saarkirchc» kam.

Den alten Gehcimral hatte Gras Klinter seit der Rück­kehr nicht ßesehen. Er durste ihn auch im Sanatorium nicht aussuchen, weil Ansteckungsgefahr vorlag. Gras Klinter war daS auch ganz recht. Sollte er dem alten Manne zu allem! Schmerz noch sagen:Dein Sohn hat in seiner Tobsucht säst den unschuldigen Menschen, den Bergrat Spalding ins Jen­seits befördert"?! Klinter wußte sehr gut, wie wohlgencigtz der Gcheimrai Werner war und wie er ihn inehr schätzte als einen nahen Verwandten.

Gras Klinter hatte den kranken Freund in den Garten hinuntergesührt an eine sonnige Stelle.

ES gehl noch nicht ordentlich mit dem Lauseli," meinte Werner.Die Beine wollen ganz anders als der Kops."

Unv'was macht denn der Kopf?" fragte Graf Klintcp.

Ter schmerzt immer noch sehr. Er ist noch gairz wund, Die Kugel hat einen ordentlichenSchramm" gemacht. Manchmal kommt es inir vor, als ob alle Schrauben >m Gehirngehäuse locker wären."

Sie werden schon wieder die nötige Festigkeit bekom- nien," tröstete Gras Klinter.Nur Ruhe, Ruhe und nicht zu zeitig in den Dienst gehen! Auf Jnstinus-Grube ist der Qnerschlag gestern fertig geworden. Obersteiger Mandlick hat cs mir mitgeteilt, daniit ich Ihnen die Nachricht weiter gebe. Es ist alles in bester Ordnung. Wir wollen nur hoffen, daß alles gut verläuft."

Mick wundert nur, daß das Gericht sicki noch nicht mit der Sache besaßt," meinte Werner.Mir sind banit ein paar Monate Erholung sicher."

Die Sache kann nicht so schlimm lverden," sagte Gras Klinter.Sie sind provoziert worden. Dem unglücklichen Hauptmann Kersten kann überhaupt nichts geschehen, selbst wenn er noch einmal gesund wird; denn er hat unzweifelhaft in unzurechnungsfähigem Zustande gehandelt. Das Höchste aber, was Sie bekommen, sind zwei Monate Festung, und die verleben Sie als Ferien irgendwo. Eine ehrenrührige Sach« ist es ja schließlich nicht."

Steht cs denn so schlimin mit dein .hauptmann Kersten?"

Die Aerzte zucken die Achseln, und Sie wissen, das ist immer ein böses Zeichen. Was ihm eigentlich fehlt, weiß man nicht. Er hat hochgradiges Fieber, das allen Medikamen­ten Widerstand leistet, und es fragt sich nur, ob das HerK das aushält, das schon durch die früheren Fiebcranfälle sch^ eschwächt ist. Zweimal ist er bereits tot gesagt worden, und ann kam immer wieder eine leichte Besserung."

Ich wünsche von ganzem Herzen, daß er wieder gesund wird, schon um des Vaters willen", meinte Werner.

Gewöhnlich erst spät abends verließ Graf Klinter die Villa des Freundes, um nach Hause zu fahren, und dort big tief in die Nacht die Arbeiten, die zur Leitung seiner Werke notwendig waren, »achzuholen.

Wenn sich Werner im Spiegel betrachtete, entdeckte er, daß er sehr blaß aussah. Er hatte außerordentlich viel Blut verloren, und die Kugel hatte säst (es bandelte sich nur um ein Zentimeter) die große Schlagader, die sogenannte Tenu- poralis, in der Schläfe zerrissen. An der rechten Seite war irf den Haaren ein zwei Finger breiter Zwischenraum, den man indes nur bemerkte, wenn der Verband abgenommen wurde. Der Arzt kam täglich, und jedesmal, wenn er de» Verband erneuerte, erklärte er sich von dem Fortschreite» der Ver­heilung der Wunde sehr befriedigt.

(Fortsetzung folgt.)