Ausgabe 
22.6.1914
 
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Weiber-Negiment.

Roman von OSkar Klaußmann.

(Nachdruck verbotene (Fortsetzung.)

Geheimrat Kersten hatte ein Telegramm bekommen, daß sein Sohn schwer erkrankt in Dasburg liege. Dora zeigte ihm das Telegramm, welches das Verunglücken Spaldiugs mel- bete. Auch diese Nachricht schien Kersten zu erschüttern.

Dora brachte es nicht fertig, den gebrochenen Manu noch mit der Nachricht zu erschrecken, daß ein Duell zwischen Spal- ding und seinem Sohne stattgesunden batte, und daß beido schwer verwundet seien.

Tante Schottel^is kam zurück, und da der Geheimrat hinausging, um nach der Exvedilio» seines Gepäcks zu sehen, konnte Dora der Tante noch warnend sagen:

Daß du ihm ja nichts von dem Duell erzählst! Der alle Mann ist vollständig gebrochen. Er erfährt alles zeitig genug, wenn er zu Hause ankommt. Daß Spaltung mit dem Pferde gestürzt und schwer verletzt ist, habe ich ihm mit­geteilt."

»Ja, ja," antwortete die Tante,man muß Rücksicht auf ihn nehmen, er erfährt alles noch früh genug. Unglücksnach- richten kommen nie zu spät, und wer weiß, was uns erwartet, wenn »vir die Heimat erreicht haben."

Im Inner» ihres Herzens aber »var Frau Schottelius außer sich darüber, daß sie das Geheimnis von dem Duell: nicht an den Mann, das heißt an den alten Geheimrat, brin­gen konnte, und sie hoffte, es »vürde sich unterivegs doch noch eine günstige Gelegenheit bieten, um die schlimme Nachricht ihm zu versetzen.

Dann wurde die Weiterfahrt angetreten über Stuttgart nach Karlsruhe. Dora und die Tante wollten dort übernach­ten: der Geheimrat wollte die Nacht durchfahren und früh in Dasburg eintreffen.

Wenn es nach der Unruhe in Dora gegangen wärp, hätte sie ihn auf der Nachtfahrt begleitet Aber jetzt, >vo der Geheimrai ivieder nach Dasburg kam und dort die Leitung des Generalbureaus übernehmen konnte, war für Dora erst recht keine Veranlassung vorhanden, so rasch zu reisen, keine Veranlassung wenigstens der Oesfentlichkeit gegenüber.

Wieder saßen nach der Abfahrt von München die drei Personen allein im Abteil erster Klasse, und erst nach eines Stunde begann der alte Gehcimrat zusammenhängend zu sprechen und zu klagen. Es schien jetzt der Augenblick gekom­men, wo er sein Inneres entlasten mußte:

»Wir haben Schreckliches durchgemacht!" sagte er zu Dora, der er gegenüber saß.Die ersten Tage in Merast ingen, dann packte meinen armen Sohn das Fieber, und ich abe geglaubt, es sei aus mit ihm. Auch die Aerzte schüttelten die Köpfe und schienen wenig Hoffnung zu haben. Sie sagten, sein Herz sei sehr anaegrissen, und es sei fraalick. ob es die

schweren Ficberanfälle aushalten könnte. Doch das Schreck­lichste war für mich das, was ich aus den Fieberphantasien meines Sohnes erfuhr. Was hat er gelitten, der arme Junge, welche schrecklichen sechs Jahre liegen hinter ihm!"

Aus den Augen des alten Herrn flössen Tränen, uijb eS dauerte lange, bis er sich so weit gefaßt hatte, um wiedev sprechen zu können.

Warum haben Kinder kein Vertrauen zu den Ellern? Warum hat mir mein Sohn nicht gesagt, was ihn bedrückte? Aus Herzensnot ist er nach beu Kolonien gegangen, in Her­zensnot und Jammer hat er dort gesessen, »veil er eine Frau liebte, die nicht für ihn erreichbar »var. Und vielleicht war eS doch recht töricht von ihm, vielleicht toäre es dennoch möglich gewesen, ihn glücklich zu machen, denn die Frau »vurde frei, sie wurde Mtlve. Sechs Jahre lang hat der arme Junge sich gequält und mit sich gekämvft. Ja, er ist mutig, tapfer und hart; aber das, was sein Gemüt bedrückte, wurde schließlich doch stärker als die Kräfte des Körpers. Deshalb kam er end­lich nach der Heimat zurück."

Kersten trocknete wieder seine Tränen und sah dann starr eine Zeitlang zum Wagenfenster in die Landschaft hinaus.

Nach einer längeren Pause, die Dora nicht zu unter­brechen »vagte, nahm er das Gespräch »vieder auf:

Gerade als wir glaubten, es »värc zu Ende mit dem armen Lothar, ging das Fieber zurück. Er erholte sich über­raschend schnell; aber der behandelnde Arzt meinte, es sei nicht der letzte Anfall. Doch Lothar ging mit mir aus, ev machte sogar einige größere Spaziergänge. Eines Morgens »var er fort, mit dem Nachtzug« war er davongefahren. Er hinterließ mir einen Brief: er müsse fort, das Leben Hab« keinen Wert für ihn, wenn er nicht Gewißheit habe. Er bäte mich dringend um Entschuldigung, und ich sollte mich nicht beunruhigen: in achtundvicrzig Stunden würde ich Nachricht von ihm haben. Er komme auf jeden Fall wieder zurück. Ich »vußte nicht, »vas ich davon halten sollte, aber es blieb min nichts übrig, als zu warten. Die achtundvierzig Stunden ver­gingen, und es kam keine Nachricht. Da erhielt ich gestern eine Depesche meiner Wirtschafterin aus Dasburg, in der mir mit­geteilt wurde, mein Sohn sei dort schwer erkrankt und nach einem Sairatorium gebracht »vorbei». Er »vird natürlich einen Rückfall des Fiebers haben, wie es der Arzt in Merail mir schon prophezeit hatte. Lothar muß aufs neue schtvcre seelische Erregungen durchgemacht haben, und daher »vird der Anfall noch stärker sein, als der war, den er in Meran erlitt. Weiß Gott, was ich zu Hause finde!"

Daun kam wieder eine lange Pause im Gespräch. Der Geheimrat und die Tante begaben sich nach dem Speisewagen, um dort etwas zu essen. Dora blieb allein, und ihre Erschöp-- sung war so groß, daß sie durch das taktmäßige Stoßen des Wagens uird die gleichmäßig schatikelnde Bewegung glücklich in Schlaf gelullt wurde. Sie mußte stundenlang geschlafen haben, ehe sie wieder erivachte.

Abends kam man in Karlsruhe an, und Dora ver­abschiedete sich von dem Gebeimrat, der »veitersubr. Sie