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die hohe Gestalt des Geheimrals fob aus wie eine Tanne, deren Wipfel umgcknickt war.

Kersten bemerkte Tora auch »nd kain ans sic zu. lFortsctzung folgt-)

Stdnöbcros Koffer.

Eine Friedrichshagener Erinnerung.

Von Bruno Wille.

Einc fröhlicheChronik aus Friedrichshagen" labt in diesen Tagen Bruno Wille unter dein TitelTas Gefängnis von« Preußischen Adler" bei Eugen Tiedcrichs in Jena erscheinen. Er erzählt darin von seiner inehrwüchentlichen Haststrafe, die er verwirkt hatte, weil er eine Geldstrafe lvegcn Unterrichts der Konfinnanden der Freireligiösen Gemeinde nicht zahlen wollte. Zunr Schluß erhielt erUrlaub" auf unbestrmmte Zeit, den erseltsamerweise zur Zeit noch immer genießt". Don den lustigen Episoden, die er schildert, heben wir die folgende heraus, die auch um der milwirkenden Personen willen besonderes Inter­esse hat. ( Die SchriftleUung.

Ich ioar zu dem Häuschen gelangt, das 'Olaf Norskeborg gemietet hatte. Da er sich in Schweden Nicht hinreichend aner­kannt fühlte, so hakte ihn seine lebenskluge Frau nach Berlin gebracht, -wo das Skandinavische neradc Trumpf war. Durch Bolschc, der die ZeitschriftFreie Biihne" herausgab, warNorske- borg für Friedrichshagen interessiert und Mitglied derKolonie" geworden, um sich, was ihm keiner übel nimmt, in Deutschland entdecken zu lasse«, wo schon mancher Prophet, der bei den eigenen Landsleuten wenig galt, den Grundstein zu seinem Ruh- mcsmonuinent gefunden hat. War auch Strindbcrg in solcher Absicht gekommen? Nicht doch! Das wäre zu klein gedacht von diesem Wickinger, den man naiv, nicht raffiniert nennen mag. llebrigcns war er nur vorübergehend hier, wie meine Frau sagte, t sonst in Paris ansässig.

?lls ich bei Norskeborg die Türklitigel gezogen, öffnete mir die Haushälterin Fröken Ingrid, eine stattliche Bauerntochter aus Schonen. Bon dort stammte auch Olaf Norskeborg, der Sprosse eines alte» Bauerngeschlcchts. Eben trat er zu mir auf den Flur, wo ich den Mantel ablegte. Ein schlanker Dreißiger, blau­äugig, mit blondem Schnurrbart, etwas nervös. Die Röte seiner durchsichtigen Wangen lief; merken, daß er animiert war sonst bfli'flbrt das Angesicht dieser Skandiitavicr frostige Unbeweglichkeit. Seine Augen drückten Staunen aus:Ssie bind nicht i»t Ge­fängnis? Ihre Frau s-agtc doch, wie?"Ich gehöre allerdings hinein doch cs behielt mich nicht hat mich ausgespien nnc der Walfisch den Propheten Jonas und, >vas komisch ist, lmomcnta» kann ich nicht zurück der Kerkerschlüssel ist verlegt."

-Ssonderbare Ssache," lächelte Norskeborgaber sainvs? Kommen Sie! Strmdberg ist da aua, iprzs cki Sie kennen doch den Polen?"-Aus der Freien Bühne, ja! Und wie steht es mit meiner Frau? Fst sie da?"Noch nicht hat aber zugeßagt."Immer noch nicht? Welche Verwicklung! Doch spaßhaft, sich treiben zu lassen von diesem krausen Wellensviel!"

Norskeborg führte mich ins Speisezimmer, es war eng, wie das ganze Häuschen. August Strindbcrg, dem ich nun vorgestellt wurde, war mittelgroß und kräftig, schlank und elastisch, obwohl er hoch in den Vierzigern Ivar. Hinter seiner selscnhasten Stirn lauerte finsteres Grübeln. Tie Locken verrieten rebellische Wüh­lerei. Das graublaue Auge schien nicht nach außen gerichtet, sondern mit verstecktem Innenleben beschäftigt: wenn es aber die Außenwelt schierte, fehlte selten ein Zug des Mißtrauens. Die kartofjclsörmige, oben etwas platt gedrückte Nase ließ aus lappländisches Blut schließen. Eine Mischung von Troß und Ge­ziertheit sprach aus dem kleinen, dicklippigen Munde. Nach oben spreizte sich ein kurzes Schtvedenbärtchen, eins aus denr Dreißig­jährigen Kriege, während über dem zurückliegenden Kinn, das winzig wie ein Knopf war, eine sogenannte Fliege saß.

Darf man Persönlichkeiten mit Getränke» vergleichen, und in mancher Gesellschaft lieg! dieser Vergleich gewiß nicht fern, so hätte für Strindbcrg das schwere und zähe, dunkle, bittere Porterbier gepaßt. Was ferner den Polen Przsckr bc- trisst, so würde ihm moussierender Schnaps entsprechen, wenn cs welchen gäbe. Ich nreine etwas brennend Prickelndes und lAusrüttelndes. Wenn er zu mir sprach, kitzelte es in meiner Nase wie Kohlensäure oder Schnupftabak. Schon sein Name luirfte so sieben zischende Konsonauntcn mit dem Fistelgezwit- schcr des einen Vokals: in echter Aussprache klang es fast wie pschih!" Als ich ihm zum erstenmal begegnet tvar, und er sich mir verstellte, meinte ich, dieser Herr, der sich vor mir ver­neigte und dabeipschih" sagte, toäre von einem Nies-Kobold tüberfallen, und so hatte ich mit lächelnder Höflichkeit erwidert: Pröstchen!" Ucbrigens tränten die mattblauen Augen des Polen, als habe er Schnupfen. Paßte das Schlagwort Tedance nicht im mindesten auf Strindberg, so desto besser aus Przscki. Seine schmächtige Gestalt hatte etwas Zusammengesunkencs. In den bleichen Zügen des schmalen Blondkopfes verschmolzen slawische Sinnlichkeit und romantische Träumerei mit dem ironischen Aus- beaehren eines geknechteten Edelvolkes, und cs war, als müsse

dieser polackische Byron seine schwermütige Schlaffheit imrner von neuem aufpeitschen durch einen Ruck seines Motors will sagen durch eine» Schluck aus denn Weinglas, das er hin und wieder mit Kognakfüllte. tUeb.rhaep: hrtt: au Norslebergs Tafel die Abstinenz nichts zu schassen, zumal sic auch sonst in jener guten alten Zerr fast bedeutungslos war . . .

Da Prscki aufsprang und mir einen schelmischen Wink gab. folgte ich ihm ins Nebenzimmer:Hörren Sie!" sagte er lebest, ich habbe sec einen gutteir Witz Sie müssen dichten parr Verse auf Strindberg ... Sie habben doch gehörrt von sein Koffer

den man soll habben gestollen Adder is »ich warr is sich geblibben stehn auf Bannhos Friedrichstraß Und hier is er nun! Jetzt abber der Strindberg! Das alles er weiß nicht! Soll fein Ucberraschung. Wirr machen dramattische Szenne."

Vergnügt ging ich auf den Plan ein, während Fröken Ingrid die Tür nach dem Speisezimmer abschloß und mit dem Polen das festliche Arrangement des Koffers vornahm. Außer den ge- tvünschten Versen verfaßte ich noch einen Bries, mit dem der Dieb die Rücksendung jdeswertlosen" Koffers beglseitele. Przscki schmun­zelteScrr gutt", und nach Verabredung der Rollen kehrten wir ins Speisezimmer zurück.

Aus seiner siegesgetvissen Miene entnahmen Norskeborgs» die ja in unfern Plan eingeweiht waren, daß die Vorstellung beginne, und Frau Lina meinte mit gespielter Wehleidigkeit; Ja, dänken Se sich, Doktorchen, Strindbarjen säin Kosser is ouf enr Bahnhof Freedrichstraße jestohlcn."Wirklich ge­stohlen" antwortete ich zweifelndhaben Sie denn schon auf denr Fundbureau augesragt?" Düster winkte Strindberg ab, als sei die letzte Hoffnung entschwunden.tWerr kann wissen!" Und der Pole stimmte seine Gitarre.Ach ja! Speelen Se!" animierte Frau Lina, und Przscki deutete auf mich:Hier derr freie Voggel, aus Käfig ausgeschlüpst, mäß singen ich be­gleite singen wirr Volkslied schweddisches mit Text deit- sches frisch versaßt von deitsche Lirrikcr." Und sein Präludiuml leitete die schwedische Weise ein:Mägdlein hielt Tag und Nacht

traurig an dem Spinnrad Wacht . . ." An des Polen Seite sang ich die improvisierten Verse:Striirdberg hielt Tag und Nacht grübelnd an dem Schreibtisch Wacht . . ." Ich schilderte seine Sehnsucht nach denr Liebchen Gold, wie er in Paris das alchhmistische Rezept zu Papier gebracht habe und siegesgewiß'geü Osten gereist sei, um mit seinem Freunde Olaf'im verschwiegenen Fritzenwalde ganze Klumpen Goldes zu bereiten. Tremolierend besang ich, wie ihm dicht vor dem Ziel ein Berliner Spitzbube den Kosser samt dem Goldrezepte gestohlen habe. Und wie er diese Untat wohl noch übertrumpfe, indem er die Manuskriptblätter als Fidibus für seine Tabakspfeife verivende. ... In tiefer Schwermut schloß das Lied unter harfender Beglntungl Hoffe, Alchhmiste mein, Morgen kommt der Kosser dein! Strindberg sann, die Zähre rann nie doch kam der Koffer an!" Da saß nun der Goldmacher am Grabe seiner Hoffnungen und zerwühlte die Lockenmähne. War bei den ersten Strophen ein geguältes Lächeln über sein 'Gesicht geschlichen, so rann jetzt eine wahrhaftige Zähre herab.

Da war es an der Zeit, das grausame Spiel in Wohlgefallen auszulösen. Aus einen Wink des Polen öffnete Fröken Ingrid die Tür und sieh, auf einein Schemel stand der betrauerte« Kosser, mit Tannenreis unikränzt, mit brennenden Lichtlein be­steckt, daß man meinen konnte, es sec hier Weihnachtsbescherung^ Ungläubig staunend starrte Strindberg ans den Koffer und aus das beiliegende Manuskript, streifte die Anwesenden mit einem durch­bohrenden Blick und schlich mißtrauisch zum Koffer. Aufleuch- tenden Auges ergriff er das Manuskript, blätterte hastig darin, drückte es an sein Herz und begann einen stanlpfenden Tanz, den sein Laudsmann Olaf sofort verständnisvoll begleitete.

Von Stund an 'war 'Strindbcrg verwandelt. Seine Augen lächelten kindlich, Heimische Weisen trällerte er vor sich hin, seine mürrische Schweigsamkeit war einer verbindlichen Plaudere« Heimchen. Nun ließ er auch in sein Ideenreich blicken. Zur Be­gründung seiner Lehre von der Goldbereitung führte er an, Gold sei kein Element, es gebe im Naturreiche kein starres Gefängnis, alles entwickele sich, lasse sich umwandeln. Silber sn Gold.

Auf Norskeborgs Zureden holle Strindberg, der sich Veran­lagung zur Malerei zutraute, ein Oelgemälde, mit dem er der lunverstandcnen Genialität der Stoffe seine Huldigung darbringen wollte. Eine Stranddistel wuchs aus bleicher Düne. Sübergrun hlomni sie durch die Nacht, als lodere hier ein mystisches Sehnen des geringen Standes, zunr milden Silber des Mondes um- gewandelt zu werden. Strindberg war befriedigt, als ich den Eye- rubinischen Wandersmann zitierte:

Mensch, was du liebst, rn das Wirst ou vcrivandelt werden:

Gott wirst du, liebst du Gott,

Und Erde, liebst du Erden ..."

Oh-, gewiß", versicherte Strindberg:wenn der Mensch sich transmutiert zu Gott, das ist oberste Alchymie." Mir Ivar noch eine ähnlicher Spruch desselben Mystikers eingefallen:

Die Goldheit machet Gold,

Die Gottheit machet Gott

Wirst du nicht eins mit ihr, , t So bleibst du Blei und Kot!"