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llnb diesem Manne wollte Dora vertrauen, und an ihn wollte sie glauben, durch ihn hosftte sie glücklich zu werden, durch ihn, der mit ihr nur gespielt hatte! Ihr hatte er Lie­benswürdigkeiten gesagt, und dabei erfüllte der Gedanke an die Witwe sein Herz.

Er ivar klug, dieser Mann, er hatte sich eine Reserve gehalten, wenn ihm die Sache mit Frau Glovcr mißglücken sollte. Dort, bei der Witwe, war sein .Herz. Wenn aber diese Hoffnung nicht realisiert wurde, dann blieb immer noch die Chefin in Saarkirchen mit dem vielen Geld, die er dann hei­raten konnte, um sich für den Verlust, der seinem Gefühl zu- gesügt wurde, schadlos zu halten.

Sic sind eben alle schlecht, erbärmlich schlecht, die Männer, und die Gefühle einer Frau sind ihnen nichts!"

Erbärmlich hatte er an ihr gehandelt, gespielt hatte er mit ihrem Empfinden, plumpe taktlose Andeutungen hatte er ihr gemacht, wohl in der Absicht, sie zu ködern.

Wie sie ihn haßte! Sie wünschte in diesem Augenblicke, daß er den bösen Streich, den er ihr gespielt hatte, mit seinem Leben bezahlen müßte.---

Dora entsetzte sich vor sich selbst und dem fürchterlichen Gedanken, den sie soeben gehabt, und brach in wildes Schluch­zen aus. Es w!ar alles in ihr gerissen und gesprungen, >vie die Saiten einer Zither. Es war alles zusammengcbrochen. Der Götze war vom Altar gefallen, und weil er aus Ton war, lag er in Scherben. Trümmer von Hoffnungen und Empfin­dungen rings um sie herum!

Dora schloß sich in ihrem Zimmer ein, antwortete Frau Schottelius, als diese aus der Kirche zurückkam, nur durch die Tür und wurde erst gegen abend wieder sichtbar.

Du kannst hierbleiben, Tante", sagte Dorä, als sie abends mit verstörtem Gesicht im Zimmer auf und ab ging. Aber ich muß nach Hause, wenigstens für einige Tage. Der Geheimrat ist verreist, der Bergrat ist dienstunfähig; cs muß. sich irgendjernand um die Werke kümmern."

Aber wenn der junge Kerstcn in Dasburg ist," meinte Tante Schottelius,wird doch auch der alle Geheimrat da sein."

Das glaube ich nicht", entgegnete Dora.Wäre der da­gewesen, so hätte er das Duell verhindert."

Ich lasse dich nicht allein fahren", antwortete Tante Schottelius.Wir sind drei Wochen hier gewesen, das genügt schon. Ich wäre ja gern noch länger hiergeblieben, aber natür­lich kann ich dich nicht im Stich lassen. Du brauchst jetzt erst recht jemand, der um dich ist. Wir können morgen früh schon nach München abfahren und gehen über Stuttgart, Karlsruhe und Trier nach Hanse.

Es wird wohl das Beste sein," sagte Dora.Klingle nach dem Kellner und laß die Rechnung bringen, damit wir heute abend noch alles begleichen. Ich gehe in niein Zimmer packen. Nein, nein, Tante, laß nur! Du hast mit deinen: eigenen Gepäck zu tun; ich werde mit meinen Sachen schon fertig werden. Das Mädchen kann erst dir helfen und dann mir. Sage dem Kellner, er solle das Mädchen aufzusinden suchen; sie wird im HotelZur Krone" sein, wo Tanz stalt- findet. Es soll ein Bote hingcschickt werden, um sie zu holen. Morgen früh mit dem ersten Zuge fahren wir."

Gegen abend kan: ein Telegramm aus Saarkirchen von: Gencralbureau, lautend:

Bergrat Spalding mit dem Pferde gestürzt, schwere Kopfverletzung, dienstunfähig."

Dora überlegte eine Zeitlang und telegraphierte dann an das Generalbureau zurück:

Bin übermorgen dort."

Der Zug nach München sollte am nächsten Morgen um 5 Uhr 45 Minuten von Berchtesgaden abgehen; um halb fünf sollte geweckt werden. Dora U!:d die Tante gingen zeitig schlafen, das heißt, Dora machte den Versuch zu schlafen.

Welch fürchterliche Nacht! Jede Minute wurde zu einer Seelenqual!

Fassungslos weinte und schluchzte Dora stundenlang in die Kissen ihres Bettes hinein, bis sie ganz erschöpft war. Aber auch dann fand sie keinen Schlaf. Die Angst, die furcht­bare Angst ließ sic keine Ruhe finden. Die Angst schreckte sie immer wieder auf: die Angst um ihn, der vielleicht mit den: Tode rang, die Angst um ihn, den sie > den sie haßte, ja, haßte mit aller Kraft ihrer Seele.

Sie haßte diesen Mann und sie zitterte für sein Leben.

Dora horchte auf jedes Geräusch nachts. Hatte doch Frau Wolf gesagt, sie würde telegraphieren,wenn ein Unglück geschah".

Um zwei Uhr nachts, als alles still war, als alles Leben in: Hotel erstorben schien, wurde heftig unten an der Glocke gezogen. Dann kamen Schritte heraus, die Treppe, den Korri­dor entlang, und Dora ahnte, daß an ihre Tür geklopst und ihr ein Telegramm gebracht werden würde mit der Todes­nachricht. Es war auch ein eiliges Telcgramin, aber für einen andere:: Hotelgast.

Die wenigen Augenblicke der Spannung hatten indes bei Tora ein Herzklopfen erzeugt, daß sie nun erst recht nicht cinschlafcn konnte. Endlich kam der Schlummer über sie. Aber kaum niochte sie eine halbe Stunde geruht haben, als man sie weckte. Sie mußte aufstehen und fühlte sich körperlich wie zer­schlagen. Sic war todmüde und abgespannt. Sie wußte nicht, daß diese Uebcrmüdung eine Wohltat für sie war; denn die körperliche Schwäche lähmt auch die Gedanken und schwächt Angst und Sorgen ab.

Dora kleidete sich an, sie frühstückte und fuhr mit der Tanle und dem Mädchen zum Bahnhof. Das ganze Tal war voll Nebel, und als der Zug über Reichenhall sich durch die Berge wand, sah :nan nichts als Nebel rechts und links von den Kupecfcnstern, und Dunkelheit und Feuchtigkeit lasteten auf den Körpern, wie der seelische Druck auf Doras Gemüt.

Nun war sic während der Fahrt anderthalb Tage außer aller Verbindung mit der Heimat. Keine Nachricht konnte sic erreichen, weder eine schlin:me noch eine gute, und das war ihr eine Beruhigung. Aber sie wußte, daß sie die Angst vor dem, was sie in der Heimat traf, um so schrecklicher an­fallen würde, je näher sie der Heimat kam.

In Freilassing wurde der Salzburger Schnellzug be­stiegen, der nun nach München eilte. Der Nebel stieg e:npor, und die goldene Herbstsonne trat allmählich in ihr Recht. Als inan gegen halb zehn Uhr Rosenhcin: erreichte, war strahlen­der, Heller Sonnenschein.

Tante Schottelius hatte wiederholt versucht, mit Tora ein. Gespräch anzuknüpfen, aber gar keine Antwort erhallen. Nu» gab sie alte Versuche auf, um Dora nicht ärgerlich zu machen. Diese saß mit der Tante in einen: Abteil erster Klasse allein und hielt die Augen geschlossen. Die taktmäßigcn Stöße des Wagens riefen ihr ununterbrochen zu:

Vorbei vorbei! Ans aus!"

Es war alles vorüber: alle törichten Hoffnungen, alle Aussichten ans Glück und Zukunft! Sie gehört eben nicht zu den Kindern des Glückes; wenn ihr eininal das Glück erschien wie eine Fata Morgana, so verschwand es auch wieder.

Vorbei vorbei! Aus- aus!"

Was wollte sic denn in Saarkirchen, wozu fuhr sie dort­hin? Glaubte sie wirklich, daß sie inistande sei, die Werke selbständig zu leiten? Mußte nicht nach der Erkrankung des Sohnes auch der alte Geheimrat Kersten jeden Augenblick dort eintrcsfen, und übernahm dann nicht wieder der die Leitung des General-Bureaus?

Die Angst trieb sie nach Hause, die namenlose Angst. Sie wollte dort sein, um alles zu erfahren. Alles wollte sie wissen, obgleich sic ahnte, daß ihr das .Herz bluten würde, wenn sie erst die ganze Wahrheit erfuhr. Sie mußte dort sein in der Nähe des Elenden, der sic betrogen, der mit ihren Gefühlen gespielt halte; sie mußte dort sein, wenn ein Un­glück cintrat.

Laß ihn leben, o Gott, laß ihn leben für die andere! Aber rette ihn!"

Dora hatte dieses Gebet gesprochen. Es war ihr selbst unbegreiflich, daß sie fähig dazu gewesen war. Aber in ihrer Seele war ein Zwiespalt, in ihrem Innern war eine Zer-- risscnhcit, in ihr wechselten innerhalb einer Minute die wider­sprechendsten Gefühle.

Endlose Schienenstränge zur Rechten und zur Linken, Wage», Lokoniotiven, ein -und ausfahrende Züge! Man befand sich im Bahnhof München. Um 10 Uhr 45 Minuten wurde der Zentralbahnhof erreicht. Es gab länger als eine Stund? Aufenthalt bis zur Meitcrfahrt nach Sluttga:t. Tante Schottelius wollte einen Spaziergang machen, um sichdie Beine zu vertreten", da man doch den ganzen Tag weitersuhr und keine Bewegung hatte. Dora war tödn:üde. Sie blieb im Warlcsaal sitzen, und zeitweise wollte sie der Schlaf über-- wältigen. Sie sah das Kommen und Gehen der vielen Men- schen nur wie durch einen Nebelschleier. Aber als drei Viertel­stunden nach ihrer Ankunft die hohe Gestalt des Gcheimrats Kersten in den Wartesaal trat, erkannte sic ihn doch, und sic sah deutlich, wie entsetzlich verändert der alte Herr aussah. Früher hatte er sich iinmer hochaufgerichtct und straff gehal­ten. Jetzt war ihm der Kopf nach vornüber gesunken, nnl»