Ausgabe 
20.6.1914
 
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Samstög, den 20. Juni

Wriber-Kegiment.

Lioman von Oskar Klaußmanit.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Welch eine Närrin lvar sie doch, daß sie sich so quälte! Sie wollte ja so gern glauben, und wenn sie sich noch sträubte, tvenn sie immer noch dem Zweisel Einfluß aus sich gestattete, so lvar das nur eine Erinnerung an ver­gangene böse Tage. Aber von jetzt ab wollte sie glauben und vertrauen, das gelobte sie sich) nie sollten die Zwei­sel sic wieder quäle».

Stiminen wurden hinter ihr laut) Touristen kamen zum Lockstcin hinaufgczogen, um hier im Fluge das Panorama zu besichtigen. Ihr Reden und Lachen paßten nicht zu Doras Stimmung. Sie trat den Rückzug an und schritt wie­der durch den Buchenivald und dann die Straße hinab bis zum Hotel.

Als sie hier »ach halbstündiger Wanderung ankam, war Tante Schottelius mit dem Mädchen, das in Doras Diensten stand, noch in der Kirche. Aber der Zimmerkellner brachte einen Brief, den Frau Schottelius hinterlassen hatte. Er trug Doras Adresse, und oben stand das Wort: Eilig!".

Dora öffnete de» Umschlag und fand einen Briefbogen mit der Handschrift der Tante, der nur die Worte enthielt:

.chlics doch die schreckliche Nachricht, die ich soeben bekomme! Ich bin ganz außer niir und wollte schon nicht in die Kirche gehen, weil ich nicht weiß, wie ich mich be­ruhigen soll."

Das klang allerdings vielversprechend! Ein zlveiter Brief lag darin, und als Dora nach der Unterschrift sah, entdeckte sie, daß er von Frau Wolf, der Wirtin des Bergrats Spalding, kam. Dieser Brief lvar an Frau Schot­telius gerichtet und lautete:

Gnädige Frau! Und wenn ich hundert Jahre alt werde, kann'ich den schrecklichen Augenblick nicht vergessen! Mir zittern »och die knie, wenn ich nur daran dentle. Es war mir schon ausgefallen, daß der Bergrat so frühzei­tig aufsland, selbst nach der Küche ging und sich Kaffee be­stellte Dann kam der Herr Graf geritten und stellte sein Pferd bei uns ein. Er ging mit dem Herrn Bergrat nach dem Birkenwäldchcn. Sie wußte» natürlich nicht, daß ich sie beobaclitetc. Es vergingen nur wenige Minuten, dann hörte ich schießen, und nach einer Viertelstunde brachte Graf Klinter mit einem fremden Herrn den Körper des Herrn Bergrats getragen und ein Militärarzt ging nebenher. Wie ich erschrocken lvar, ich kann eS nicht sagen. Tao ganze Ge­sicht und daS Oberhemd des Herrn Bergrats voll Blut, er regungslos wie ein Stück Holz. Er gab keinen Laut von itch. So brachten sie ihn in sein Schlafzimmer, und Graf klinter telephonierte nach Aerzten. So aufgeregt.habe ich

den Grafen noch nicht gesehen. Er sagte mir, ich müsse ihm schwören, niemand zu sagen, was vorgefallen sei) es würde behauptet Iverden, der Bergrat sei mit dem Pferde gestürzt und habe sich am Kopfe verletzt. Das ist aber na­türlich alles nicht lvahr, und Ihnen muß ich die Wahr­heit sagen, denn Sie sind doch meine gnädige Herrschaft. Ich habe das alles erst int Lause des Tages erfahren. ES ist ein Duell gewesen zwischen dem Herrn Bergrat und dem Herrn Hauptniann Kersten, und ziva'r wegen der Frau Glo- ver. Der yerr Bergrat hat einen Schuß im Kopfe. Es sind ain Vormittag noch zwei Aerzte gekommen, und zusammen mit dem Militärarzt haben sie lvohl eine Stunde im 'Kran­kenzimmer gesessen, tntb sie haben gesagt, es sei nicht alle Hoffnung auszugeben, und vielleicht könne der Bergrat noch gerettet werden. Wie sich alles zugetragen hat, kann ick> Ihnen nicht genau beschreiben, ich weiß es selbst nich^ Hauptniann Kersten muß auch etwas abbekommen haben, denn er ist in das Sanatorium geschafft worden. Ich bin den ganzen Tag nicht zur Besinnung gekommen, tzchchmit- tags kam Frau Glover, und als sic die Treppen hinunter­ging, hat )ic geschluchzt und zweimal gerufen:lind um meinetwillen sollte er sein Leben verlieren! Ich hätte nie wieder eine ruhige Stunde gehabt!" Aber so ist cs immer: Erst rühren solche Damen die Geschichten ein, und dann sind sie außer sich. Sie toerden ja, gnädige Frau, dem Gericht auch nichts mitteilen, und hier wird alles vertuscht. Zwei Aerzte sind schon bis abends beim Bergrat geblieben) dann ist er aus kurze Zeit wieder zu sich gekommen, und ich habe schnell etwas Bouillon Herstellen müssen. Jetzt schläft er, der Militärarzt ist bei ihm. Es ist Mitternacht, und ich schreibe diese Zeilen an Sie, gnädige Frau. Entschuldigen Sie, wenn ich nicht alles richtig dargestellt habe, aber ich lveiß noch immer nicht, wo mir der Kopf steht. Ich fürchtete mich davor, schlafen zu gehen, damit ich nicht den blutigen Körper des Herrn Bergrats im Trauine sehe, so, wie sie ihn in das Haus hereinbrachten. Sie kamen durch die Hinter­tür, und die Mädchen haben nichts gesehen. Wenn nur nicht noch der unglückliche Herr Bergrat stirbt! Was doch eine Frau für Unheil anrichten kann! Wenn ein Unglück geschehen sollte, telegraphiere ich Ich muß schließen, denn der Brief soll noch zuin Bahnhof."

Dora las den Brief zweimal, bis sie seinen Inhalt voll­ständig begriff.

Sie sah nach dem Datum: Der Brief lvar vor zlvei Tagen geschrieben. Er war aber mit der ersten Post gekonr- men, während Dora schon den Spaziergang angetretcn hatte.

Also ein Duell, und uni Frau Glovers willen. Und diese Frau jammerte und schrie, daß er fein Leben um ihretwillen verlieren sollte. Ja, warum hatte sie ihn denn dazu veranlaßt, sein Leben für sie einzusetzen? Diese elende, kokette Person, die so unnahbar tat, und dadurch die Männer an sich zog!

Er hatte sein Leben für Frau Glover opfern Ivollen, für die Frau, die er liebte!