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„Ich nehme a», das; Sie im Fieber reden, Herr Haupte y»ann, und da» Sie nicht wissen, tvaS Sie soeben gesagt haben. Ich will Rücksicht auf Ihren Zustand nehmen, soweit es sich um meine Person handelt. Aber ich untersage Ihnen ein für allemal, eine nicht anwesende Dame zu beleidige» und über Fräulein Buchwald Aeußerungen zu tun, die ebenso verletzend wie unpassend sind."
„Also auch ein Ritter dieser Dame!" höhnte Kersten. „Run, wenn Sie Mut haben und so ritterlich gesinnt sind, Wissen Sie ja, was geschehen soll."
Lersten machte kehrt und verließ das Zimmer.
(Fortsetzung folgt)
Unsere Zchwarzwaldfahrl.
Bon Direktor Brackmann.
Glühend hoch brannte die Sonne vom Himmel herab aus Unseren ersten Abkochplatz bei Ziegelhausen am Neckar. Unsere Zelte, die das Regiment Kaiser Wilhelm liebenswürdigst geliehen lfatte, gemährten einen guten Schutz gegen die glüheirden Strahle», und bald schmorte und kochte es in allen Töpfen. „Das ist der Duft der Kückie" sang einer aus der hungrigen Schar mit grober Begeisterung. Und Hunger hatten wir alle. Mit der Abfahrt am l. Juni morgens um 4,56 Uhr von Gießen hatten wir, mit zehn Teilnehmern des GießenerP ädagogiums, kaum etwas gegessen. Mit einer ungestümen Fugcndkrast, die überhauvt nicht erschöpsbar schien, waren war in Heidelberg aus dem D-Zug geklettert, aber allein schon der Marsch auf das Schloß "mit 40 Pfund im Rucksack hatte uns gezeigt, daß wir keinen Spaziergang vor uns haben würden, sondern eine tüchtige svort- liche Leistung. Galt cs doch noch, aus unserer Fahrt den Feldberg bei Freiburg mit seinen 1500 Meiern zu besteigen. — Doch langr- sam, eins nach dem andern. Essen stärkt ja wohl, macht aber auch träge. Wdr es deshalb zu verwundern, daß wir mit einem Nachen gen Heidelberg fuhren. Noch ein letzter Blick auf das Schloß, Lessen Anblick immer und immer wieder das Herz mtt Freude füllt, ging es unter frohen Schesfelliedcrn zur Bahn und dann mit dem D-Zug nach Straßburg. Die Schwarzwaldbcrge zu uncsrcr Linken wurden höher und höher, die Hornis-Gründe grüßte herüber, als wollte sie sagen: „Seht frohe Gesellen, so hoch müßt Ihr steigen und noch einmal die Hälfte höher, dann hobt Ihr meinen größeren Bruder bei Frciburg bezwungen." Doch das konnte uns gar nicht sonderlich imponieren. Ter Mensch ist ja dann immer am leichtesten bereit, sich seiner Leistungen zu rühmen, wenn er nichts zu Icisten hat. Als wir am Bahnhof in Straßburg erfuhren, daß unser Quartier (Kaserne d. Fußart.-Regts. Nr. 10) noch 5 4 Stunden entfernt lag, wurden selbstverständlich aller Gesichter lang und länger Glücklich angckouimcn, ging es mit derselben Selbstverständlichkeit ans — Essen. Wie um eine Ausrede verlegen, tvenn es gilt, sich selbst zu verteidigen, behauptete man allgemein, der Ballast im Rucksack müßte entfernt werden und wäre, da dies die einzige Möglichkeit, im Magen zu verstauen. Daß uns trotz dieser ausgiebigen Krastzufuhr am ersten Tage unserer Fahrt und einer erauickenden Nachtruhe auf Slroh- säcken, die nur einmal durch eine leider erfolglose Jagd auf Mäuse unterbrock>eii wurde, am Morgen des nächsten Tages die 380 Stufen zur Plattform des Münsters leichter geworden wären, läßt sich kaum behaupten. Tie Achtung vor Meister Erwins! Werk wuchs mit jeder neuen Treppenstufe. Doch ein herrlicher Rundblick pon oben belohnte uns und nicht ohne besondere Anerkennung gedachten wir Goethes, nicht weil er mit solcher Begeisterung von dem auch für uns herrlichen Denkmal gotischer Baukunst geschrieben hat, sondern — Poesie und Prosa! — weil er bei seinem Bemühen, schwindelfrei zu werden, von seinem luftigen Standort nicht abgestürzt war. — Doch, wir durften nicht nur bewundern, wir wurden vielmehr auch bewundert. Einige Ausrufe zeigten das. „Deutschlands letzte Rettung" wurde mit der Antwort guit- tiert: „Und Frankreichs Ende!" Scheinbar hatte der Französling, dessen Gehege seiner nicht mal guten Zähne das Wort entflohen war, genug von unserer Antwort: sein, höflich gesagt, nicht sehr geistreickies Gesicht und schneller Abgang bewiesen das. „La guene civile" sagte ein anderer. Wieso >vir den Bürgerkrieg darstellten, war uns zunächst wenig klar. Als uns dann aber eine, imc es schien, den gebildeten Ständen angehörige Dame fragte, ob wir denn unsere schwarz-rot-gelbc Jahne — toir hatten unsere Tourenfahne mit den Farben des Pädagogiums, die uns vergangenes Jahr auf unserer Rheintour auch begleitete, wieder mitgenommen — so öffentlich tragen dürsten, das seien doch die Revolulions- sarben von 48, da begann es uns zu dämmern. Stille Heiterkeit und umso größere Freude an den geliebten Farben waren das Resultat der naiven Anfrage. Im allgemeinen trafen unö in Straßburp wenige freundliche Blicke. Tie Wackesgelchichte von Labern hat scheinbar das niedere Volk nicht gerade für Deutschland begeistert. Oder war es etwa schon vorher so>
In Frcibrirg, dem nächsten Ziel unserer Fahrt, gefiel cs uns allein deshalb schon bedeutend besser. Wir bedauerten nur uncnd- llch, daß der Turm des herrlichen Münsters, dessen streng gotische.
himmclanstrebende Schlankheit bewundern zu können wir uns so lehr gefreut hatten, mit einem riesigen Holzgcrüst umgeben! war. Acht Jahre soll das gräßliche Ding stehen bleiben, sagte man uns. Um so mehr Beachtung fanden die anderen Bauten der Stadt, alte und neue. Besonders die für die moderne Baukunst charakteristische neue Universität erregte unsere Bewunderung Ein herrlicher Bau in seiner machtvoll, breit hingelagcrten Sckßvere. Dabei innen von einer trotz marmorner Treppen imponierenden Schlichtheit. Es muß eine Lust sein, in solchem Hause bedeutend»» Lehrern zu lauschen. — Doch zurück zu unserer Fahrt. Nackchem uns das Freiburger Artillerieregimcnt gastlich ausgenommen, gings am nächsten Morgen mit der Bahn bis zur Station Himmelreich. Hier sollte die eigentliche Fußwanderung durch den südlichenSchwarp- wald beginnen. Vom Himmelreich gings — ins Höllental. Grausiger Namen, aber herrliche Landschaft. Immer neue frohe Lieder führte» uns die stark steigende Straße hinaus am Hirschsprung Und an der Ravennaschlucht vorbei nach Titisee. Das wild zerklüftete Tal entließ uns zu einem herrlichen Blick auf den zirka 800 Meter hoch liegenden See. Nach kurzer Rast gings weiter. Das anfangs etwas trübe Möller klärte sich mehr und mehr aus und der Rucksack zeigte bei der immer stärker werdender Steigung bald, daß noch genügend in ihm war. Wenn dieser oder jener nicht mehr so recht weiter konnte, dann „wurde die Landschaft betrachtet", ein eitpheniistischer Ausdruck für „Luft schnappen". Endlich nach langem Steigen kam der auf seinen Höhen noch mit Schnee bedeckte Feldberg in Sicht und wurde mit kräftigem, dreimaligem Heilrus begrüßt. Doch wer geglaubt hatte, datz wir nun bald am Ziele wären, hatte sich gründlich geirrt. Noch zwei Stunden angestrengten Steigens gebrauchten wir, ehe wir am Feldbergerhof und Bismarckdenkmal vorbei aus dem höchst«« Gipfel anlangten. Auch hier nur eine kurze Rast, da die Alpen im Nebel lagen und nicht gesehen werden konnten, schnell eme Aufnahme der Wanderer im Schnee gemacht, dann gings hinab nach Macnzenschwand. Hinab, ja eigentlich! Aber uneigentlich verliefen wir uns und lairdeten nach nochnialigem starkem Steigest auf dem Hcrzogen-Horn. Von da gings ohne Weg nach dem Kompaß. Ter dadurch notwendige Abstieg an einer fast 300 Meter hohen ziemlich steilen Wand war nicht ganz leicht, führte uns aber dem ersehnten Ziele greisbar näher. Fast 60 Kilometer warm wir an diesem Tage gelausen, trotzdem wurden die 40 Kilometer des folgenden Tages, der uns durch das herrliche Albtal nach Alb- brück führte, gut zurückgelegt. Alles war gesund und munter und — müde. Und dennoch bewuirderten wir nach unserer Abkunft in Neuhausen, wohin uns der Zug gegen 10 Ubr brachte, in heller Begeisterung den im Mondschein überwältigend schön daliegenden Rheinfall bei Schafshausen. Wenn Goethe einst schrieb, man werde nie alle Empfindungen, die diese Naturerscheinung in uns Hervorrufe, restlos »um Ausdruck bringen könnm, so fanden wir das am anderen Morgen beim Blick vom Käuzelr und Fischatz aut die gewaltigen, den Felsen hinabdonnerndm Walsermassen erst recht bestätigt. — Doch weiter! Mit dem Dampfer gings stromauf nach Konstanz. Auf dem Untersee überraschte uns ein ziemlich starkes Gewitter. Ein Blitz schlug in ein von unserm, Schiffe gar nicht allzu weit entferntes lleines Schifferboot Und erschlug den Insasse», einen Schisser airs Ermattingcn, wie wir später erfuhrm. Die Naturgewalten in ihrer Riesengröße und die Kleinheit des Men- schen kamen uns an diesein Tage unserer Fahrt so recht zum Be
wußtsein.
Konstanz hatte sein FestNeid angelegt. Doch nicht, lvie wir selbstverständlich zuerst im Bewußtsein unserer Bedeuttmg an- nahmen, um uns, leider! Die badischen Minister und Landtags- abgeordneten weiltm in dm Mauern der Stadt. Zum erstm Male seit hundert Jahren, wie ein Wgeordneter au, dem abends im alten Konzilgebäude stattfindmden Festbankett in seiner Rede betonte. Uebrigens ein Ort. bedeutende Feste zu feiern, wie er besser nicht zu findm ist. Die Saaldeckm werden von gewaltigen Eichbäumen getragen, zwischm dmen schon Duß sem Todesurteil empfing, u. das Groß-Konzil der katholischen Kirche von 1414—1418 staltsand, das einzige auf deutschem Boden. Sre haben gegrünt, als die Karolinger noch regierten und vielleicht haben sie einem aus der Jagd ermüdetm Herrscher aus diesem Hause zu erauickmder Rast kühlenden Schalten gespendet. Schauer ahnungs- voller Erinnerung an jene Glanzzeiten deutscher Geschichten wurden beim Durchschreiten der Säle in uns wach. Altes und Neues reicht sich hier unten am Bodensce die Hand: Konstanz und Fried- richshascn. Hier der Glanz allen Bürgerreichtums 0>Kvnstantia dives" sagt der Chronist', dort der Liebling des Deutschlands voll heute: Gras Zcpvelin Gern, allzugern hätten wrr einen Blick in die Werkstätte dieses großen Teutschm geworfen, aber das gräßlichste Regenwetler vereitelte diesen Wunsch und am nächsten Morgen gings nordwärts am Hohmtwiel, dem Ekkehordberge, vor- ber über Tvnaucschmgen, wo wir zum Besuche der Donauguells noch einmal Halt machten, durch unzählige Tunnels besonders bei Tribcrg, in ununterbrochmer Fahrt wieder nach Gießew — Sechs Tage wareii wir imlerwcgs, unendlich viel Schöiies in Natur und Menschenwerk haben wir gesehen. Das best« Tonnmwetter hatte uns bis zum letzten Tage begleitet. Kern Wunder, wenn alle Teilnehmer trotz einer gewissen Müdigkeit freudig bereit waren, die Tour gleich noch einmal zu mache». Ziel und Ziveck der Fahrt, der Jugend die Schönheit unseres weilereii Vaterlandes


