Ausgabe 
17.6.1914
 
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Ich werde nun wieder meine Ritte allein aufnehmen

und hoffe es ju vermeiden, in Ihre Waldschonuna zu ge­raten, gnädige Krau. Mit Graf Muter werde ich wohl wenig zusammen reiten können. Der ist jetzt fortwährend

unterwegs, und dann ist er auch zerstreut und wenig zu­gänglich."

Ja, es ist mir auch schon ausgefallen," bemerkte Frau Glover;es hat eben jeder sein Päckchen zu trage«. Ich holst aber, die Sache bei unserem Grafen ist vorübergehend und wird sich in Wohlgefallen auflösen. Sie aber bitte ich doch besonders, und Mar im Namen aller Ihrer Freunde,

e t) nicht übermäßig anzustrengen, damit wir in einigen ochen ein frohes Wiedersehen feiern können. Noch einmal: grüße» Sie den Herrn Grafen."

Barbara Glover reichte Werner noch einmal die Hand, und dieser küßte dieselbe wieder und blieb aus dem Fleck, auf dem sich Barbara von ihm verabschiedet hatte, halten, um ihr »achzusehen, bis sie hinter der Parkmauer von Ivershofen verschwunden war.

Eine prächtige Frau," sagte er dann für sich;wirklich, eine wunderbare Frau! Verständig und selbstbewußt im besten Sinne. Ihr gegenüber fühlt man sich so sicher und vertraut, als wäre sie eine Schwester."

Dann ritt Werner in Sinnen versunken weiter den Weg auf Station Buchwald zu. Seine Gedanken waren weit fort; sie gingen unwillkürlich von Barbara Glover zu eineni andern weiblichen Wesen über und nahmen Werner derart in Anspach, daß er erst wieder zur Wirklichkeit erwachte, als das Pferd den Versuch machte, über den Straßengraben in ein benachbartes Feld zu gehen. Da erst schreckte er empor, zog das Pferd zurück und besann sich aus die Wirklichkeit.

Es tvird noch alles gut werden", tröstete er sich selbst. Dann setzte er dem Pferde die Sporen ein und ging im Galopp die Chaussee hinunter über die Eisenbahnkreuzung bei Buchwald und bis zu seiner Villa.

Werner frühstückte und fuhr nach der Justinus-Grube. Obersteiger Mandlick erwartete ihn und brachte ihn im Quer­schlag an die verdächtige Stelle.

Aus Anordnung Werners war ein Bohrloch wagrccht in den Stoß (Wand des Stollens) so weit vorgetrieben worden, als dies mit den mechanischen Hilfsmitteln möglich war. Das Bohrloch reichte über zwei Meter in den Sandstein hinein, s war dann ein selbstregistrierendes Thermometer bis an is letzte Ende des Bohrloches vorgcschoheu worden, und das esultat war ein sehr überraschendes: im Innern der Stein-

Ö tand war es bedeutend kühler als in der Strecke selbst. Der chterschied betrug 12 Grad Celsius. Die Richtigkeit der Be­obachtung war nicht in Zweifel zu ziehen; in Gegenwart Wer­ners wurde das Thermometer herausgezogen und abgelesen. Die Sache ist nicht natürlich", meinte Obersteiger

f andlick,und gegen alle sonstigen Beobachtungen. Im tüern des Gebirges ist es doch sonst immer wärmer als den Strecken, und hier ist es bedeutend kälter."

Es muß an der verschiedenartigen Schichtung liegen", meinte Werner,sonst kann ich mir die Sache auch nicht er­klären. Aber natürlich leitet brüchiger Tonschiefer die aus dem Innern der Erde kommende Wärme ganz anders als der Sandstein. Der Sandstein kann wieder mit Ton durch­setzt sein, und das letztere ist sogar wahrscheinlich. Vielleicht kommt die Kälte aus einer Tonschicht, unterhalb deren sich Wasser befindet."

Sollen die Beobachtungen fortgesetzt werden?" Warum nicht?" antwortete Werner.Immerhin be­kommen wir vielleicht einige Resultate, die uns Material zu einem Artikel für eine Fachzeitung geben. Man ninß solche Beobachtungen den Fachgenossen nicht vorenthalten. Viel­leicht hat man auch an anderer Stelle ähnliche Temperatur- disserenzen bemerkt."

Als Werner mittags »ach Hause kam, teilte ihm Frau Wolf mit, der Hauptmann Kersten habe schon dreimal an- telephonicrt und müsse durchaus den Bergrat sprechen.

Ist der wieder hier?" fragte Werner einigermaßen überrascht, denn er wußte von der Rückkehr des Hauptmauns nichts. Er vernmtete auch, daß der Geheimrat gegen seine Absicht bereits zurückgckehrt sei, und telephonierte in der Wohnung an. Die Wirtschafterin aber teilte ihm mit, der Hseheimrat sei noch nicht zurückgckehrt, wohl aber der Haupt- Ntasln seit dem Tage vorher. Der Hauptmann war nicht an­wesend, sonder» nach Neuenburg gefahren; indes wollte er rtachmittags wieder da sein.

Werner bat ihm mitzuteile», daß er (Werner) sich ge­meldet habe.

Im Gencralbureau fand Werner nichts Wichtiges vor. Als er dann nach der Theresienhütte kam, ivurdc ihm mit- geteilt, der Hauptmann Kersten habe sich wiederholt telepho­nisch gemeldet.

Werner ließ sich sofort Verbindung mit der Wohnung des Gehcimrats Kersten besorgen, und diesnial antwortete die Stinime des Hauptmanns sofort selbst:

Ich muß Sie sprechen, heute noch, unter allen Um­ständen", erklärte er, als er erfuhr, wer am Apparat sei.

Ich stehe gern zu Ihrer Verfügung", antwortete Werner.

Ich bitte, können Sie um 8 Uhr in der Weinhand­lung von Zimmermann sein?"

Jawohl. Es wäre mir allerdings lieber vielleicht um achteinhalb Uhr."

Also um achteinhalb Uhr erwarte ich Sie bei Zimmer­mann", kani die Antwort.

Die Stimme des Hauptmanns hatte merkwürdig erregt geklungen. War etwas mit dem alten Herr» nicht in Ord­nung? War Gcheimrat Kersten vielleicht erkrankt oder gar verunglückt? Warum war Lothar allein zurückgekehrt, und weshalb wünschte er Werner so dringend zu sprechen?

Nun, in wenigen Stunden wußte Werner ja, um was es sich handelte.

Der Dienst vollzog sich nachmittags wie immer; nur verließ Werner etwas zeitiger die Theresienhütte, uin nach dem Bauplatz zu fahren, aus dem die Mädchensortbildungs- schule errichtet wurde. Er wollte sich selbst von dem guten Fortgänge des Erweiterungsbaues überzeugen, um am näch­sten Tage dienstlich an Dora berichten zu können.

Werner dann Abendbrot, kleidete sich um und fuhr mit seinem Auto nach der Stadt zn Zimmermann. Hier fand er den Hauptmann Kersten in Zivil, doch in Gesellschaft zweier Offiziere von dem Infanterie-Bataillon, das in Ncuenburg in Garnison stand.

Hauptmann Kersten, der ei» auffallend gerötetes Ge­sicht hatte, kam auf ihn zu und sagte:

Bitte, wollen Sie im Nebenzimmer Platz nehmen. Ich muß allein mit Ihnen sprechen, ich komme sofort zu Ihnen."

Es handelt sich also um eine wichtige Sache, dachte Werner, als er nach dem Nebenzimmer ging, das noch ganz leer war, um sich hier einen Platz zu suchen und die Weict- karte zu prüfen.

Nach wenigen Minute» kam Kersten in das Zimmer und nahm am Tische Werners Platz.

Werner wartete auf die Anrede des Hauptmanns; dieser aber saß ihm stumm gegenüber und klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne. Daun blickte er auf, und Werner erschrak über den haßerfüllten Blick, der ihm aus den Augen des Hauptmanns entgegenleuchtete.

Kepsten schien sich nur mühsam zu beherrschen. Langsam und Mit eigentümlichem Tonsall begann er:

Ich hatte heute früh Gelegenheit ungesehen von Ihnen zu beobachten, wie Sie von dem Spazierritt mit Frau Glover zurtickkehrteu. Ich sah, wie Sie ihr zweimal zärtlich die Hand küßten, ich sah, >vie Sie ihr entgeistert nach- starrteu, ich sah, wie sie endlich in demselben Zustand von Entgeisterung nach Hause ritten."

Der Hauptmann inachte eine Pause, und Werner fühlte sich nicht veranlaßt, ihm zu antworten. Diese Einleitung war denn doch etwas sehr sonderbar. Seine Ruhe schien aber Kersten noch mehr zu erregen. Hastig stieß er die Worte hervor:

In welchen Beziehungen stehen Sie zu Frau Glove iir Jvershosen?"

Wollen Sic mir vielleicht sagen, was Sie zu dieser Frage berechtigt?" fragte Werner scharf.

Was mich dazu berechtigt?" entgegnete Kersten.lltun, es ist eine Unverschämtheit von Ihnen, Ihre Augen zn diele» Frau zu erheben! Sie sind ein Mitgiftiäger und weitert nichts. Wenn Sie aber durchaus nach Geld heiraten wollen, so wenden Sie sich doch an das Gänschen in Saarkiochen, an Ihre Fräulein Chefin. Dort ist noch mehr Geld zu holen, als bei Frau Glover."

Werner hatte sich erhoben. T-er Manu da ihm gegeu- über handelte wohl tu einem Zustand von Unzuvechnunaö!» fähigkeit und wollte ihn durchaus brüskieren. Noch be­herrschte sich aber Werner und erklärte: