Wriber-Kegiment.
IRomau vo» Oskar Kl a uh mau n.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
10. Kapitel.
Werner hatte de» Gedanken aufgegeben, sich um eine andere Stellung zu bclvcrben. Es war unvermeidlich, daß von seiner Bewerbung der Geheiinrat Kersten ebenso lvie Dora Buchholz etwas erfuhren. Ein Geheimnis läßt sich schwer wahren, besonders, wenn es sich um Stellungswechsel bei hervorragenden Beamten in der Industrie handelt. Warum hätte er die Stellung aufgeben sollen? Er sah ja, Dora ignorierte de» Vorfall genau so, wie er selbst so tat, als ob nichts geschehen lväre. Wenn er sich jetzt um eine Stellung beivarb, so >var das ein Zeichen seines bösen Gewissens. Geheimrat Kersten lväre so lange in ihn gedrungen, ui» den Grund seines Fortganges zu erfahre», bis er ihm Hütte gestehen müssen: „Ich habe eine Dummheit gemacht und büße dieselbe freittnllig." Die Stellung auszngcbe», dazu hatte er iininer noch Zeit, wenn die Verhältnisse sich zu seine»! Ungunsten verschoben und wenn die Kiindigungssrlst Herankain. Wenn er sortging, konnte er nicht i» der Nachbarschaft bleiben. Es lväre ihni doch zu qualvoll gewesen, Dora immer lvieder j» begegnen. Wenn er sortging, dann lvollte er auch das Vaterland wieder verlassen und in das Ausland gehen. Er >var bei seinen Bermögensverhältnissen durchaus nicht auf den sofortigen Antritt einer neuen Stellung angewiesen) er konnte schon noch ein paar Jahre zu Studien- zweclen auch im Allslande leben, und in Nordamerika empfing man ihn sofort lvieder mit offenen Arme», besonders in Pittsburg. Wen» er aus der Stellung bei den Buch- waldschen Werken lvieder ins Ausland ging, inachte das auch einen viel besseren Eindruck. Man sagte sich: der Malm hat seine Stellung aufgegeben, iveil er eben noch lveiter stlldieren toollte und vor allem, iveil er noch nicht das gefunden hat, was er suchte.
So hatte Werner nach seiner Ueberzeugnug auch an einen sicheren Rückzug gedacht und kam nicht in die Gefahr, von irgendlvelchen unvermutet austretenden Verhältnissen überrascht zn werden. Mit Dora hatte er nur geschäftlich verkehrt. Er sandte ihr schriftliche Berichte, und sie schrieb gewöhnlich direkt unter dieselben ihre Entscheidungen. Es lvar das notlvendig, damit Akten über die betressenden Angelegenheiten vorhanden lvareu. Sie fügte sich stets den Vorschlägen Werners.
An den lGrafen Klinter hatte Dora eine Ansichtspostkarte geschrieben, und der Graf hatte ihr auch, soviel Werner lvußte, geantlvortet. Daß sie an ihn, Werner, nicht eine Ansichtspostkarte schrieb, lvar sclbswerständlich. Es wäre das eine Vertraulichkeit gewesen, die zlvischen der Lhesin und ihren, Angestellten nicht statthaft loar.
Krüh um sechs Uhr schwang sich Werner auf sein Pferd und ritt nach Jvershofen hinüber, wo er mit Graf Klinter usammentressen und Frau Glover abholen wollte. Gr lvun- erte sich schon, daß er das Pferd des Grafen nicht auf dem Schloßhofe fand.
Frau Glover kam zu Pferde von den Stallungen her und sagte ihm nach der Begrüßung:
„Sie müssen sich heute schon mit meiner Gesellschaft begnügen. Herr Bergrat. Graf Klinter ist durch ein Dele- gramm abbcrufen worden. Er mußte eine kleine Reise an» treten; er lvill indes heute nachmittag wieder hier sein. Wir könne» unsern Spazierritt heute nicht zu weit ausdehnen, ich muß bald wieder zurück sein."
Frau Glover sah übernächtig aus, und es lvar so viel Unruhe in ihr, daß es selbst Werner ausstel. Sie sah sich auch während des lveiteren Ritts wiederholt um, als erwarte sie, daß ihr jemand folgen könne.
Solange Barbara und Werner in scharfer Gangart ritten, lvar natürlich das Reden ausgeschlossen. Aber selbst wenn sie die Pferde lvieder im Schritt gehen ließen, kan: es zu feiner ordentlichen Unterhaltung. Bald von der einen, bald von der alidern Seite sielen abgerissene Bemerkungen, aus ivelche kurze Antworten kamen, durch die ein dauerndes Gespräch nicht eingeleitet lvurde. Es lvar etlvas mU Frau Glover nicht in Ordnung, das sah Werner mehr und mehr ein) aber er hatte kein Recht, sie zu fragen.
Früher als sonst lvandte Frau Glover den Kvps des Pferdes lvieder nach Jvershosen, nnd als sie in Sicht ihrer Besitzung war, hielt sie das Pferd an und sagte unvermittelt zu Werner:
„Gruße,! Sie den Herrn Grafen von mir, lvenn Sie ihn Wiedersehen. Ich beabsichtige, morgen nachmittag zu verreisen. Wie lange ich fortbleibe, kann ich Ihnen nicht sagen. Aber ich bedarf der Erholung und muß fort, ohne eigentlich ein bestimmtes Reiseprogramm zu haben Ich weiß nicht einmal, lvohin ich meine Schritte lenke; vielleicht gehe ich nach Paris, vielleicht nach London, aber ich kann mich noch anders entscheiden."
„Ah, Sie lvollen verreisen, gnädige Frau?" sagte Werner. und der Ton seiner Worte drückte lvohl Erstaunen aus.
„Ja, es jst ja die allgemeine Reisezeit." antwortet« Frau Glover. Es geht jedermann jetzt auf Reisen, und man kommt sich ganz deklassiert vor, lvenn inan nicht auch feine Herbstreise antritt. Lange kann ich ja nicht sortbleiben, schon wegen der Ausführungen im Musikverein nicht. Allerdings müßte es schlimmstenfalls auch ohne mich gehen; niemand ist unersetzlich."
„Das lvollen ivir nicht so schross hinstellen, gnädige Frau! Ich bin erst kurze Zeit hier, aber ich weiß, wieviel von Ihrer Person für diesen Berein abhängt."
„Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung," sagte Barbara und reichte Werner die Hand. Dieser hielt dies« einen Augenblick fest und küßte sie.


