Ausgabe 
15.6.1914
 
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In d«r allen Witten Hütte lag bleierne Stille. Der Findling schlieft und die Mte stand davor und schaute nrftleidsvoll aus baff Kind.

Nun ging sie still an ihre Arbeit, und dabei rann ihr Trane >rm Träne aus den Augen.

..Das ist Bojens Netz, der brauchtts nicht mehr, und das ist OntleS Netz, den hat's auch draußen behalten in letzter acht.

©olt, was bist du für ein Gott? Raubst mit einem Schlage das Mannesvolk, das uns ernährt, und wirfst dafür ein fremdes Lind ans Land."

Und ihre schweren Gedanken konnten sich nicht zurechtsind«» vttt diesem Gott. Sic stickte »veiter und legte Netz um Netz beiseite, und nun war sic fertig mit Micken und fertig mit Denken.

Ein wunderlicher Gott," sagte sie und faltete doch die Hände tat Schoß und betete zu diesem wunderlichen Gott: .Laß mir nicht ivieder solche Gedanken kommen und tröste di« Armen und Verlassenen im Orte."

Da legte sich eine Hand auf ihren Arm, eine kleine, braune Minderband.

Was bin ich erschrocken, Kind." Sie hob das Mädchen hoch und betrachtete es von allen Seilen.

Vielleicht an drei Jahre." Sic richtete Frage um Frage an das Kind, doch -das schluchzte und rief fremde Namen und weinte und zeigte auf sich und sagte:Corna."

So nannte es die Witten Corna und behielt es in ihrer Hütte. Die andere» aber im Dorfe blickten es scheu an.

Das welsche Kind und seine Leute sind schuld, daß ihr Waisen seid," das hatten die Hastigkinder viele Male gehört.

So blieb Corna eine Einsame. Sie vergaß bald ihre welschen Worte und sprach mit schwerer Zunge mühsam die Sprache der Halligbewohner.

Jahr um Jahr verging und Corna Witten hotte moch keine Jreunbc. Sie ward ein träumerisches Kind. Stundenlang saß l« am Deiche und schaute in die spielend« Sec. Dann trabte ie scheu durch den Ort, warf ivvhl hie und da einen sehnsüchtigen blick nach den Kindern, die im Kreise ihre Friesenspiele trieben, und eilte hinweg und weinte.

Wie ost sah man sie nicht weinen? Sie weinte für sich und weinte mit anderen Jedes Fremden Schmerz ging ihr nahe, und wenn sie jemanden leiden sah, vergaß sie ihre Scheu und ging hin und tröstete mit plumpen, schweren Worten, und fand sie kein«, so tröstete sic mit Tränen.

Tränenmariell" nannten sie die Halligleute.

Noch mancher Sturm hatte an den Jnselchen gerüttelt, noch mancher der Braven war draußen geblieben, aber auch manch Schiffbrüchiger war hcreingeholt worden in sichere Hut.

Aber nach Corna hatte all die Jahre niemand gefragt. Sie wohnte noch immer bei der alten Witten, die nun schon uralt war und längst keine Netze mehr flicken konnte.

llnd was der Mten einst eine Last war, den Mndling zu nähren, das wurde ihr jetzt ein Segen, den» Corna hegte die Witten wie ihre leibliche Mutter. Und was damals für die kleine Insel wie ein Hohn des Meeres erschient ftir vierzehn Männer ein welsches Kind, das war jetzt für die Hallig ein Geschenk.

Träncnmarjell war überall. Wo es eine Wöchnerin gab und wo einer sterben ivollte, >vv der Hunger an der Schwell« hockte lmd das Fieber schleichend sich in die Kammer machte, da hals sic mit ihrer weichen Hand und tröstete mit ihrer weichen Sttmme. Aber viele ließen dies nur geschehen, weil sic es brauchten, und viele dankten ihr cs nicht und sahen sie lieber hen als kommen, denn der Werglaube hat noch Leimatsrecht! nterm Teiche und Tränenmarjcll war und blieb doch immer eine Angeschwemmle.

Tränenmarjcll mochte nun siebzehn Jahre alt sein. Da brachten die Lotsen drei Fremde ans Land. Die hatten zu­unterst im Schiff gesessen.und lvaren von den Mannschaften des Schoners verlassen worden, denn sic hatten den Tod im Leib« die Pest.

Weit hinter dem Dorfe standen drei Hütten. Dorthin brachten die Lotsen die Kranken und blieben gleich selbst mit draußen, um die Ihrigen zu schonen.

Der Deichbevollmächtigtc ging nun von Hütte zu Hütte und bot Summe um Summe, aber keiner fand sich, der binaus wollte, die Kraulen zu pflegen. Ta machte er sich selbst auf zuid halte doch sieben Kinder und ein Weib zu Hause.

Vor Wittens Hütte saß Corna und besserte Netze aus.

..Wohin, Bcvollmächttgter?" fragte sic den Mann.

Der zeigte nach den Pcsthütten.

Was gibtts da draußen zu suchen, Bevollmächtigter?"

Ten Tod, Marjcll."

Und er schritt weiter, Corna aber war ihm zur Seite, und als sic hörte, daß die draußen die Pest im Leibe hätten, hielt! sie mit beiden Armen den Mann zurück, und schon rieselten große Tränen aus ibren Augen.

Bleibt, Bcvostmächtigler, und denkt an Eure Kinder. Aber ich will gehen. Und wen» ich draußen bleiben sollte, versteht Ihr: für immer, scx-sindcl Ihr ivohl den Weg zu Mutter Witten und wohl auch ein Stück Brot für lie."

Drei Tage hörte man nichts von MarjAl. Man trug Speise und Trank an den Deich und Marjell holte sie.

Am vierten Tage stand der Korb noch unberührt und anr fünften kreisten Krähen in trägem Flug um die Hütten. Still und heimlich, wie Marjell gekommen war, hatte sie sich wieder davongcmacht.

Aus ihrem Grab steht ein schwarzes Kreuz, und darauf in unbeholsencn Lettern:

Tränenmarjcll, ein welsches Kind. Gestrandet am 11. No­vember 1824 gestorben um Jesu willen am 23. April 1841.

Jetzt sprechen die Halligleute von Tränenmarjcll wie von einer Heiligen."

Serbe schwieg.

Noch lange saß man im KrÄse und keiner sagte ein Wort.

Der Blinde hatte die rechte Hand vor den Äugen, während seine linke schlaff herunterhing, und Arda erfaßte sie und küßte sie.

Und als Rene mit Seede und Arda heimging, fragte Arda! Ob Tränenmarjcll recht getan, ihr junges Leben dahinzuopscrn?"

Rene schüttelte den Kopf.Die Jugend hat ein Recht aus das Leben, der Tod gehört den Alten."

Seede aber sagte:Eine große Seele lächelt des Todes, denn sie macht sich zum Herrn über ihn, indem sie sich ihm ergibt, ohne zu murren. Nur wer den Tod fürchtet, ist des Todes Knecht."

5. Kapitel.

Rene arbeitete mit hoher Begeisterung an seinem Werk. DeS vormittags saß ihm Sede und am Nachmittag Arda.

Er hatte in der Gartenlaube ein Atelier errichtet und ließ nun Entwürfe und Skizzen entstehen, aus deyen er dann in Berlin das eigentliche Gemälde zusammensetzen wollte. Durch das tägliche und stündliche Zusammensein mit Arda und Seede kam er den Herzen dieser beiden Menschen immer näher.

Auch Mutter Bahlscn wohnte ost den Sitzungen bei und mußte ebenfalls als Modell dienen, desgleichen eine große Anzahl typischer Norden und Fischer.

An den ^achnttttagssitzungen war Rene meist mit Arda allein, denn Seede ging an den Strand. Er hatte solch unbo- zwingliche, eigenartige Sehnsucht nach dem Rauschen des Meeres, daß es ihn nicht im Hause litt, wenn er an dem Tage noch nicht am Deiche gewesen war. Er nannte das Strandfieber.

Eines Tages saß Rene wieder allein Arda gegenüber. Er war abgespannt und chm fehlte die rechte Lust zur Arbeit. Außerdem war er aufgeregt. Seine Berliner Verehrer und Freund« hatten nach wvchenlangem Suchen seinen Aufenthalt entdeckt und bestürmten ihn nun, doch zurückzukehren.

Seine so mühsam errungene Ruhe war wieder ins Schwanke» geraten und nun weilten seine Gedanken öfter als ihm lieb war in Berlin. So anch jetzt wieder.

Er ließ die Pinsel ruhen und blickte gedankenvoll in daH Buschwerk des Gartens.

Sie sind heute so einsilbig, Herr Brian," sagte vorwurfss- vost Arda.

Sie haben recht. Verzeihen Sie mir. Mir sehlt heute die rechte Schasscnssreude. Das Stillsitzen macht mich nervös. Ich wäre Ihnen dankbar, trenn Sie mit mir zum Strande gingvtt Vielleicht hat das Meer beruhigende Wirkung auf mich."

Arda erhob sich und half'Rene das Malzeug zusammcnpacken.

Sie blickte lange auf das Bild, welches sie selbst darstellte, auf eineni Boote sitzend und mit verklärtem Auge zu Seede aufblickend, der am Freiniast steht und erzählt.

Sie malen mich zu schön, Herr Brian," sagte sie mit seinem Lächeln und senkte ihr Haupt.

Aber Rene schien ihre Worte nicht verstanden zu haben Er verglich Original und Bild und schaute dann sinnend zu Boden.

Eiidlich sagte er:Es gibt eine Schönheit, die kann kein Künstler auf die Leinwand bannen, es ist die Schönheit, die nur das Leben hat, und dann auch nur auf karye Augenblicke, ein«; Schönheit, die der Moment gebiert, eine heilige Schönhett, wie Sie sie im Augenblicke haben."

Herr Brian." Arda richtete sich hoch auf und wandte sich ab.

Sic fühlte aber trotzdeni Rcnes Blick auf sich ruhen, und das tat ihr weh. Sic mußte an Seede denken, sie mußte daran denken, ob Rene dieselben Worte gesagt haben würde, wenn Ihr Bräutigam zugegen gewesen wäre. Rene aber sagte jetzt mit weicher Sttmme:Verzeihen Sie einem Manne, den das künst­lerische Empsindcn regiert, dessen Lebensgöttin die ewige, die reine Schönheit ist." _

Arda ging zwei Schritte vorwärts und neigte jich über einen Rosenstrauch, und sie verbarg ihr glühendes Antlitz in fttsch er­blühten Rosen.

Tann brach sie eine der Rosen und steckte sic an ihren Busen, und nun ivandtc sie sich wieder zu Rene und fragte unbefangen: Mögen Sie Mädchen leiden, die eitel sind, Herr Brian?"

Ich kann mir ein Mäd'chcn ohne Eitelkeit nicht denken Diese spezielle Fraueneigenschast, die allerdings auch manche Männer in Pacht genommen baden, gehört zum Mädckien >vie der Duft zur Rose. Sie umgibt das Mädchen mit jenem Hauch iugendlichen Reizes, der es so lieblich macht, ^ie ist die Mutter der Verschämt­heit, die das Mädchen wie ein zarter Schleier der Reinheit und des Unberührlseins umwallt. Mädchen, die nicht eitel sind, haben keinen Sinn ftir Schönheit und naives Glück, sic haben Neigung