362
unleidlich uud unangenehm zu sein, und doch will ich Ähre Liebe. Haben Sie Mitleid rmt mir! .
Lothar Kersten."
Barbara steckte de» Brief wieder in die Schublade des Schreibtisches. Dann verbarg sie ihr Gesicht in de» Händen und lveinte.
Wie ein Gcwitierstiirm war diese Lebensepisodc über sie gekomnien. Und doch hatte sie sich jahrelang gesagt, daß 08 vielleicht einmal mit Lothar Kersten zu irgendwelchen Auseinandersetzungen kommen könnte. Dieser Gedanke war ihr ebenso unangenehm gewesen, wie er freudige Gefühle in ihr erregte. Der Gedanke brachte sie in Zwiespalt mit sich selbst, und deshalb wußte sie, daß sie einst einen schwere» Augenblick um dieses Mannes willen durchmach«» würde.
Barbara Glover war eine Deutsch-Amerikanerin und hatte in verhältnismäßig jungen Jahren, mehr dem Willen der Eltern als ihrer eigenen Neigung gehorchend, einen bedeutend älteren Mann geheiratet. Sie war mit ihm dann nach Deutschland gegangen, wo Glover als Industrieller tätig war, bis er seine sämtlichen Berg- uud Hüttenwerke verkaufte und nur das Gut Jvershofcu behielt, auf dem er die Landwirtschaft zu seinem Vergnügen betrieb und um einen Zeitvertreib zu haben. Da kam vor sechs Jahren Lothar Kersten zu einem längeren Urlaub nach Hause, und Barbara war selbst überrascht, als sie entdeckte, welch tiefen Eindruck sie auf ihn machte. Sie wußte es wahrscheinlich früher, als sich Lothar darüber klar geworden war, daß eine wilde Leidenschaft ihn ergriffen hatte. Sie tat nichts, uni ihn zu ermutigen, sie wich ihm aus und steigerte dadurch seine Leidenschaft umsomehr. Glover hatte Fuchsjagden nach englischem Muster eingeftihrt, die nach seineni Tode aushör- trn. Bei einer solchen Fuchsjagd war Barbara einer falschen Spur gefolgt, welche einige Hunde der Meute aufge- nomnien hatten, und batte sich weit von der anderen Jagdgesellschaft entfernt. Lothar, der sic nicht aus den Augen jetassen hatte, eilte ihr nach, und als sie allein lvaren, ge- tand er ihr seine Liebe. Sie wies ihn Mit Entrüstung von ich und erklärte ihm, sie würde von der Schmach, die ihr Lothar angetan, ihrem Gatten nichts sagen, schon um Lothars Vater willen nicht; sic verlange aber von ihm, daß er sie meide und verlasse. Sie war dann querfeldein davon-
Ä unb noch zum Schluß der Jagd zurechtgckomMen.
r ging am nächsten Tage, trotzdem sein Urlaub noch nicht vorüber war, nach der Garnison zurück, und kürze Zeit darauf erfuhr Barbara von dem Geheimrat, dem der Schritt des Sohnes sehr unangenehm war, Lothar habe sich zur Kolonial-Ärmee gemeldet und sei bereits nach Afrika abgegangen. ,
Sie wußte, was ihn fortgctricben hatte, und sie gedachte oft seiner. Keine Frau ist gleichgültig gegen Huldigungen, die ihr von einem Manne dargebracht werden, ain allerwenigsten aber gleichgültig gegen solche Leidenschaft, wie Lothar Kersten sie für Barbara empfunden hatte.
Ein Schlagansall, der Glover traf, machte Barbara zur Witwe. Sie hatte sich schon bei Lebzeiten ihres Manyes eine glänzende Stellung in der Gesellschaft verschafft, und sie hielt jetzt diese Stellung aufrecht. Sie bewirtschaftete ihr Gut lveitcr und freute sich der Freiheit, die ihr die Witwenschast brachte. Sie lvurde mehr und mehr selbständig und entwöhnt, einen anderen Willen neben sich zu habe,. Sie hatte deshalb auch nie daran gedacht, zu heiraten. Es gab freilich auch niemand, der ihr so seicht Neigung eingeslößt hätte, und so wurde es ihr nicht schwer, die Körbe auszuteilen, die sie in de» letzten Jahre» in nicht geringer Zahl an Freier gespendet hatte. ,
Da erschien plötzlich dieser Mann ivicder aus der Bild- flächc, der sie in Schmerzen und Jammer geliebt hatte und wahrscheinlich noch liebte. Tiefes Mitleid ergriff Barbara Glover, als sie au jenem Sonntagnachmittag de» schwer- kranken Lothar erblickte. Sie sah in de» Blicken, mit denen er sie betrachtete, die alte Leidenschaft, sie ahnte und sühlte, daß dieser Mann sie noch immer liebte, und ahnte gleichzeitig dre Kämpfe, die ihr bevorstanden.
Lothar war ihr nicht gleichgültig; das ist für eine Frau nie ein Mann, der die Frau liebt, Aber Barbara war jetzt Mitte der Dreißiger, und sie kam sich wirklich wie eine alte Frau vor, die nicht daran denken konnte, einem Manne, der nicht einmal älter war als sie, die Hand zum Ehebund« zu reiche». Sie war an Selbständigkeit und Freiheit gewohnt.. Sie müßte es sich sorgfältig überlegen, ob sie diese Freiheit so ohne weiteres mifgeben sollte, und sie tat dies, wenn sie
die Gattin Lothars wurde. Die Liebe hätte indes auch diele Freiheitseinschränkung überwunden, und Barbara glaubte selbst daran, daß sie de» Bewerbungen Lothars auf die Dauer nicht widerstehen würde.
Aber die Art und Weise, wie er ihr nun seine Liebe auss neue gestand uud sie zur Entscheidung drängte, verletzte sie, stieß sie ab, machte sie nicht geneigt, den Werbungen des Unglücklichen Gehör zu schenken. Allerdings, er war krank, er war im Fieber, er war wohl unzurechnungssähig; das bewies sein Brief. Aber sicher stand in diesen Zeilen, die zum Teil im Fieberwahn geschrieben waren, keine Unwahrheit. Er war aus Rand und Band, er war körperlich und seelisch so herunter, daß das Leben für ihn keinen Wert mehr hatte, loenn ihm nicht in der Zukunft das Glück winkte. Dieses Glück aber konnte nach seinen Erklärungen ihm nur Barbara bringen.
Nein, nein, das war sicher nicht die Art und Weise, lvie man um sie werbe» konnte. So überrumpeln ließ sie sich nicht, in dieser Weise ließ sic ihren Gefühlen keine Gewalt antun . . . Und doch, der Unglücklich« tat ihr leid.
Wenn er nur nicht die Torheit beging, wirklich selbst zu komnien und sie zur Entscheidung zu drängen. Sie konnte sich jetzt nicht entscheiden, sie konnte ihm keine Antwort geben, die ihn irgendwie befriedigt hätte, denn sie war sich über ihre Gefühle selbst nicht klar. Die empfand Mitleid niit ihm, mehr als Mitleid; aber ob das Liebe war, dieüLiebe, die auch zu Opfern bereit ist, sei es auch nur das Opfer der Selbständigkeit uud des eigenen Willens, das ivußte sie nicht, uud deshalb konnte sie ihm keine befriedigende Antwort geben. Sic wußte nichts, ob sie die Wahrheit sprach, >venn sie ihm sagte, sie liebe ihn; sie wrißte nicht, ob sie die Wahrheit sprach, wenn sie das Gegenteil behauptete. Aber in gewaltiger Erregung befand sie sich; sie fühlte ihr ganzes Inneres durcheinander geschüttelt wie eine Wassermasse, die der Sturm aufpeitscht und wütend gegen die Ufer schleudert.
Sie wußte, daß der Unglückliche zum Revolver griff und sich ein Leid antat, wenn sie mit kühlen Worten seine Liebeserklärung ablehntc. Das wollte sie dem Unglücklichen nicht antun, auch dem alten Vater nicht, und am allerwenigsten sich; sie ivußte, wie tief unglücklich sie selbst werden wurde.
Ein lauter Wortwechsel draußen im Vestibül ließ Barbara ausschreckcn. Sie war sonst nicht so nervös, iveder Tiere noch Menschen konnten ihr imponieren, selbst wenn sie noch so zornig waren. Aber in ihrem Zustand von Unruhe und nervöser Erregung war das Zittern, das jetzt durch ihren Körper lief, erklärlich. Sie ging bis zur Tür und stand hier mit verhaltenem Atem.
Es lvurde draußen ivioder ruhig.
Barbara trat an das Fenster und hörte das Fortrollen einer Equipage.
Sie klingelte nach dem Diener und fragte, was geschehen sei.
,Herr Hauptmann Kersten war hier," meldete der Diener. „Ich habe ihm gesagt, daß die gnädige Frau unwohl ist und niemand empfängt. Er wollte mit Gewalt in daS Zimmer eindringen, und ich habe ihu nur mühsam und durch gutes Zureden verhindert, dies zu tun. Er erklärte, er müsse die gnädige Frau unter allen Umständen sprechen. Ich habe chm gesagt, er solle seinen Besuch auf gelegenere Zeit verschieben; heute empfinge die gnädige Frau niemaiw."
„Ich danke", antwortete Barbara und winkte dem Diener, das Zimmer zu verlassen.
Sie stand vor einer Katastrophe. Sie wurde zu einer Entscheidung gezwungen, die höchstwahrscheinlich sie selbsh und eine Anzahl anderer Menschen sehr hart traf.
(Fortsetzung folgt.)
Der Blinde am Meer.
Roman von Karl Böttcher-Chemnitz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Das ans Land gelvorfcnc Küid aber lag »och immer am Strande, noch niemand batte sich seiner erbarmt. Nun toeint« es und ries fremde Nanien mit weicher, ivvhllautender Stimm«. „Ein welsches ltind."
„Danke, wer ernährt die unsrigcn?"
Da bückte sich die alte Wüten, hob das Bündel auf und schritt damit den Deich entlang Die anderen sahen ihr kopfschüttelnd nach


