Ausgabe 
15.6.1914
 
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Wrider-Mgiinent.

Roman von OSkar Klaußmann.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Graf Klinker trabte nach Hause und dachte unterwegs daran, daß in letzter Zeit die Welt hm allgemeinen und die Menschen im besonderen aus den Fugen zu gehen schienen. Für ihn selbst war der Augenblick gekommen, wo ein Paar Mädchenaugen ihn mehr interessierte» als alle seine Werke. Bergrat Spalding war melancholisch, und nun schienen irgendwelche seelischen Kampfe auch Frau Glover, die Un­nahbare, zu erschüttern.

Es muß doch aber schließlich in der Welt auch noch etwas anderes geben als Kohlengruben und Walzwerke!"

Zu diesem Resultat war Graf Klinter gekommen, als er vor seiner Billa anhielt und aus dem Sattel stieg, um das

Pferd dem herbeigeeilten Stallknecht zu übergeben.....

Frau Barbara Glover war auf dem Schloßhofe bis vor den Stall geritten, stieg hier an der besonders erbauten Rampe, bis zu der sie das Pferd lenkte, ab und ging dann nach dem Schloß. Sie erklärte dem Diener, daß sie sür nie­mand zu sprechen sei, ivenn Besuch konmren sollte, und zog sich in ihre Zimmer zurück. Hier guia sie lange Zeit erregt auf und ab. Dann trat sie an den Schreibtisch und entnahm einer Schublade desselben einen Brief, den sie am Tage vorher erhalten hatte, und durch den sie in solche Aufregung versetzt worden war. Dieser Brief kam von dein Hauptmann Lothar Kersten und lautete:

Lieber den Tod als die Ungewißheit! Ich befinde mich seit Tagen wieder in einem fieberhaften Zustande, der nicht enden will, da die seelischen Erregungen de» Körper nicht zur Rübe kommen lassen. So oder so muß ein Ende gemacht werden. Ich will Klarheit habe»» Was hat es für einen Zweck, zu genesen, ivenn das Leben keinen Wert für mich hat, und warum soll ich mich weiter quälen, wenn das Leben mir nichts mehr bietet?

Seck>s Jahre sind es her, daß ich Ihnen in einem Augen­blicke, in dem ich ineine Selbstkontrolle verlor, meine Liebe gestand. Sie iviesen mich init Entrüstung von sich und taten recht daran, den» Lie waren das Weib eines anderen

Ich ging um Ihretwillen aus der Heimat und versuchte in fremden! Lande in den Aufregungen und Mühsalen des kolonialen Lebens Sie zu vergessen. Ich versuchte, mein widerspenstiges Herz zu bezwingen, und ich Narr dachte eine Zeitlang, daß es gelungen sei. Ich wußte, daß Sie zwei Jahre nach meinem Fortgange Witwe wurden, aber ich kehrte zu Ihnen nicht zurück. Ich scheute das Wiedersehen mit Ihnen; ich fürchtete. Sie würden mich unfreundlich einp- fangen, ich glaubte. Sie zürnten mir lvegen der Vergangen heit, und deshalb blieb ich Ihnen uird dem Vaterlande fern. Es gab Stnndeli, Tage, Wochen, ja Monate, in denen ich

glaubte, ich hätte Sie vergessen, die leidenschaftlich« Neigung zu Ihnen sei geschwunden. Da versagte endlich nach sechs­jährigem Ausenthalte in den Tropen mein Körper. Ich hatte absichtlich niemals um Urlaub nach der Heimat gebeten, weil ich Si« nicht Wiedersehen wollte. Ich kehrte vor kurzem zu­rück, und gleich am ersten Tage zwang mich mein Vater, in Ihr Haus zu kommen, weil er bei Ihnen eine Besprechung hatte.

Endlich nun habe ich Sie wiedergesehen, Barbara, und habe fürchterlich gelitten. Ich sah sie schöner und begehrens­werter als je, ich sah Sie srei, ich hörte, wie alle Welt Sie pries und verehrte. Alles, was ich in mir erstorben geglaubt, es wurde wieder lebendig. Am nächsten Tage brachte mich mein Vater fort aus Ihrer Nähe und hierher, obgleich er nichts von dem ahnte, was in mir vorging. Erst hier in der Einsamkeit ist wieder alles das lebendig ge­worden, was ich je für Sie empfunden habe. Nichts davon ist verblaßt, nichts davon ist milder geworden. Nein, heißer, lechenschastlicher, glühender, als es je gewesen ist, ist das, was ich für Sie empfinde. Die furchtbare seelische Erre­gung hat mir das Fieber wieder gebracht Ich habe einige Tage in Bewußtlosigkeit gelegen, und ich glaube, ich habe mir Ihren Namen gerufen. Ich bin wieder zum Leben e?» Ivacht. Ich bin abgeschlagen und fiebrig, ich bin zeitweise meiner Sinne nicht mächtig. Ick» frage »nich fortwährend: hat es noch Zweck, weiterzuleben?

Ohne Sie will und kann ich nicht leben. Ich liebe Sie nicht, wie sonst ein Mensch liebt, ich liebe Sie bis zum Wahn­sinn. Von Ihnen Ivird es abhängen, ob ich weiterleben soll oder nicht.

Werden Sie »nein Weib, Barbara, und ich werde genesen in der Stunde, in der Sie mir Ihr glückverheißendes Ja sagen. Ich weiß, daß ich ein Narr bin. Jahrelang bin ich von hnen fern gewesen, vor Jahren habe ich zu Ihnen von iebe gesprochen, und jetzt komme ich wieder und verlange von Ihnen, daß Sie mir das Höchste geben, was Sie z»t vergeben haben: sich selbst. ?kber es ist etwas in mir »vie eine Ahnung, tvie die Gabe eines Sehers: ein Etwas, das »nir sagt, daß Sie mich »vieder lieben müssen.

Ich habe vierundzwanzig Stunden vergehen lassen, »veil ich merkte, daß ich unlogisch »vurde und daß meine Gedan­ken sick» verwirrten. Ich »vill nichts von Ihnen, als daß Sie mir gestatten, um Ihre Liebe zu »verben; ich »vill nichts, als daß Sie »nir sage»»: ich darf versuchen, »nir Ihre Liebe zu erringen Stelle» Sie mich auf die Probe, verlange» Sie von mir, »vas Sie »vollen; nur geben Sie mir Hoff­nung, sonst kann ich nicht leben Ick» werde und muß diesem Leben ein Ende machen, wenn mir nicht die Möglichkeit geboten wird, »um Sie zu känipsen und zu ringen. Ich »veiß nicht, was ich von Ihnen verlangen soll, ich weiß nicht, ob tch erlvarten darf, daß Sie »nir auf diesen Brief ant­worten. Ich »veiß nicht, ob es anaezeigt ist, ivenn ich bin­nen wenigen Tagen diesem Briefe folge, um mir von Ihnen die Antwort selbst zu hole». Ich fürchte jetzt schon, Ihnen