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„Nach bet' Theresicn-Hütte!" befahl er dem Chausscur.
„Ich habe i» meinem Bnrcan Die SkizKen liegen. Wh springe nur rasch einmal hinauf, um sie zu holen, und dann können wir weiter nach der Kleinkinderschule fahren."
Eine Unterhaltung war bei ber schnellen Fahrt nicht gut möglich. Vor bem Tore des großen Wertplatzcs ber There- sien-Hütte hielt bas Auto. Werner sprang eilig ab unb kehrte nach wenigen Minuten mit einer Rolle Zeichnungen und einer Mappe zurück. Nach einer weiteren Viertelstunbc war bie Kleinlinberschule erreicht, die in Dorotheenhof neben ber Arbeiterkolonie, Ivelchc zur Buchwald-Grube gehörte, unb hinter ber Eisenbahnstation Buchwalb lag, errichtet war.
Das Auto hielt vor bem großen Spielplatz, auf bem die Wärterinnen unb Lehrerinnen mit ben kleinen Pfleglingen Ringeltänze unb Spiele aufführten. Die Hausmutter, bie Leiterin ber Kleinkinberschule, erschien eilfertig, um Mel- bung zu erstatten. Dora sagte ihr aber, sie wolle nicht bie Schule besichtigen, sonbern käme wegen neuer Bauprojekte, uuo bat bie Hausmutter, sich nicht von der Arbeit abhalten zu lassen. Werner rollte bie Kartenskizzen auseinander, hielt mit Tora bas widerspenstige Watmanu-Papier fest, bas sich immer wieber zusammcnrollen wollte, unb erklärte, wie leicht bie Ausführung ber Baupläne sei, wenn man ben einen' Scitensliigel verlängerte unb auf bie bisherigen, nur aus einem Stockwerk besteheuben Gebäulichkeiten noch ein zweites Stockwerk aussetzte.
Es entstauben dadurch Räume für eine zweite Kiuder- schule, unb zwar Platz für Haushaltungsuuterricht, für Näh- Unterricht unb Schneiderei, aber auch für Unterricht im Gartenbau. Ein Obstgarten war bereits Vorhänden. Eine Wiese, bie sich neben hem Spielplatz erstreckte unb auch noch Buchwalbsches Eigentum war, konnte mit in bie Um- Mauerung einbezogen werben unb gab einen zweiten großartigen Spielplatz auch für die Schülerinnen ber Fortbildungsschule, wenigstens in ben Freipausen'.
Dora war von ben Plänen ganz begeistert.
„Wir wollen keine Zeit verlieren," sagte sie, unb ihr Gesicht glühte vor Eifer unb freudiger Erregung, „wir wollen sofort mit der Bauausführung beginnen."
„Sie brauchen nur Ihren Namen, gnädiges Fräulein, unter die Pläne und unter den Kostenanschlag zu setzen, und mit der Ausführung kann morgen früh begonnen werden."
Es stand in der Nähe eine Holzbank mit einem Holztisch für die Kleinen. Tora nahm hier Platz, und unterschrieb mit dem Füllfederhalter, bert ihr Werner reichte, sowohl die Zeichnung wie die Papiere.
„Bitte noch das Datum hinzuschreiben," sagte Werner, und Tora erfüllte seinen Wunsch.
„Es soll mit möglichster Beschleunigung gebaut werden," bemerkte Dora noch bittend.
„Selbstverständlich!" erklärte Werner, und als sic ihm noch einmal die .Hand zum Danke reichte, konnte er nicht umhin, diese Hand zu küssen.
Während Werner die Zeichnungen znsammeurollte, nickte Dora einem kleinen Mädchen zu, das sich von seinen Spiel- kamerabinuen losgemacht hatte und in bie Nghe bes Tisches gekommen war. Es war ein entzückendes kleines Geschöpf von vier bis fünf' Jahren, mit einem zarten Engels- gesichtchen, umrahmt von goldblonden Locken, und aus dem Gesicht schwebte ein schelmisches Lächeln, nicht ganz sicher, denn die Nähe der fremden Personen, welche die Kleine betrachtete», machte sie wohl etwas.scheu.
„Sehen Sie doch dieses allerliebste Kind!" meinte Tora, auf das kleine Mädchen weisend.
„Komm' mal her!" ries Werner freundlich der Kleinen zu. Aber diese schien nicht geneigt, der Aufforderung Folge zu leisten, hatte lvohl auch etwas Lust zum Necken und Scherzen. Sie lief davon und sah sich mit schelmischem Lächeln lvieder nach Werner und Tora um.
Werner lief auf die Kleine zu, um sie zu Haschen. Mit dein Jnstillkt des Kindes suchte die Kleine aber Schutz bei Dora, indem sie in einem großen Bogen ans diese zulief und sich all ihrem Kleide festhielt.
Tora beugte sich zu dem lliinde herab, lvährend Werner ebenfalls nähertrat.
„Wie heißt du denn?" fragte Dora.
„Marie", antwortete die kleine, und das Gemisch von Unsicherheit unb Schelmerei in dem Gesicht des lieblichen Kindes lvirkte noch entzückender als vorhin.
Auch Werner hatte sich zu dem Kinde niedergebeugt und kniete neben Dora.
„Wer bin ich denn?" fragte Werner.
„Du bist der Bergrat", sagte Mariechci?.
„So du kennst mich?" fragte Werner erstannk.
„Ja, du fährst immer im Tanto", antwortete Ma« riechen.
„Und wer bin ich denn?" fragte Dora.
Mariechen lächelte schelmisch, dann hob sie die kleine rechte Hand und wies, nicht mit dem Zeige-, sondern miti dem Mittelfinger, erst aus Dora und dann auf den Bcrgrat und sagte:
„Du bist die Frau von dem Bcrgrat!"
Im nächsten Augenblick geschah etlvas, gegen den Willen Werners, plötzlich, wie ein Naturereignis.
Werner hörte eine Stimme, und das ivar die seine, und diese Stimme sagte:
„Ach nein, mein liebes Kind, so leicht gibt es den Himmel nicht aus Erden!"
Unmittelbar darauf fühlte Werner ein Brausen in seinen Ohren, und das leidenschaftliche Bedürfnis, sich selbst in das Gesicht zu schlagen oder in irgendein Mauseloch zu kriechen, das sich in der Nähe befand. Aber cs war zu spät, er hatte diese törichten Worte gesprochen.
Er hatte gesprochen?
Nein, nicht er, etwas anderes. Fremdes in seinem Innern: ein zweites Ich, ein Narr, der plump und unvorsichtig alle selbstgezogenen Schranken durchbrach, alle Pläiie über den Haufen warf, eine unerträgliche, sonderbare Situation schuf.
Dora erhob sich. Ihr Gesicht war blutrot.
Sie sagte der Kleinen:
„Geh zu den andern zurück und spiele weiter." .
Dann schritt Dora dem Tore und dem Auto zu, und Werner folgte stumm und geradezu fassungslos. Er fühlte, wie er abwechselnd rot und blaß tvurde ob seiner Taktlosigkeit. Er setzte sich neben Dora in den Krastivagen und besohl dem Chauffeur:
„Nach der Theresicn-Hütte!"
Ohne ein Wort zu sprechen, saß er neben Dora. Bov dem Tore der Theresicn-Hütte stieg er ab und verbeugte sich vor Dora, die noch einen Augenblick zögerte, ihm aber daun die Hand reichte und sagte:
„Also cs bleibt dabei: es >vird morgen angcsangcu, und der Bau wird so rasch wie möglich betriebene Sie machest mir Mitteilung, wann sich die Fertigstellung der neuen Anstalt sicher bestimmen läßt. Ich iverde mich unterdes um das Engagement der Lehrerinnen bekümmern."
Sie nickte ihm noch einmal zu, daun fuhr ihr Auto rasch davon.
Werner ging nach seinem Bureau, tvarf die Rolle mit den Zeichnungen auf den Tisch und setzte sich auf seinen Schrcibstuhl lvic ein Mann, der einen schweren Schlag cr-t halten hat.
„Plump und taktlos! Plump und taktlos!"
So schrie eine Stimme in ihm. Hatte er nicht genau dasselbe getan ivie sein berühmter Herr Vorgänger? In plumper, inltloser Weise hatte er sich der Chefin der Werke anf- gedrängt, in einer Art und Weitst, die ihn tief hcrabsetzeit mußte in den Augen dieses mißtrauischen Mädchens. Alle guten Vorsätze, alte Absichten, alle festen Entschlüsse, sie waren in einem einzigen Augenblicke davougcslogeu Ivie Spreu vor dem Winde.
Es war eine regelrechte Liebeserklärung, die er mit den wenigen Worten, an das kleine Mädchen gerichtet, der neben ihm knienden Dora machte.
Ja, wenn er ein freier Mann gewesen wäre, und Tora nicht seine Chefin, nicht die reiche Erbin! Dann wäre seine Bemerkung durchaus nicht unpassend, dann wäre sic vielleicht ein geschickter Husarenstreich gewesen, wie man solche auch in der Liebe auwendct, und wie sie die Frauen recht gern haben. Es war ein klippc und klare Liebeserklärung, angebracht im unglücklichsten Moment und au falscher Stelle.
Was sollte nun geschehen?
Wenn Werner zu dem verzweifeltsten Mittel griff, wenn er sich totschoß — und er hatte große Lust dazu — schaffte er feine Taktlosigkeit doch nicht aus der Welt. Die war nun einmal geschehen, und mit der vollendeten Tatsache mußte er rechnen.
Was nun?
Hier war er fertig, in Dasburg und Umgegend hatte er keine Chancen mehr für die Zukunft. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Best des Jahres abzusitzen, sich mög»


