Weiber-Krgiment.
Roman von Oskar Klaußmann.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
8. Kapitel.
Nach vierzehn Tagen jging alles schon luteb-er seinen gewohnten Gang im Generalbureau. Täglich kam Werner zu bestimmter Zeit nach Saarkirchen gefahren und fand auf dem Schreibtische entweder dro bereits vorbereiteten Sachen sowie die Rapporte der verschiedenen Werke, oder er nahm von den einzelnen Ressortchefs des Generalbnreaus Vorträge entgegen. Die Buchwaldschen Werke waren in starker Entwicklung und gutem Vorwärtsschreiten begriffen. Bei allen Betriebssührern macht« sich der Wunsch geltend. Neues zu schaffen, zu vergrößern, auszubauen. Das erforderte Mittel und, da so vielfache Neuerungen eingeführt werden sollten, ganz ungeheure Mittel. Es war »vichtig, diese Entlvicklung nicht zu rapid und allgemein eintreteu zu lassen, sondern etwas zu bremse» und ein gemäßigtes und dadurch gesünderes Tempo des Fortschritts für die Werke cinzuschlageu. Es handelte sich da um außerordentlich Nächtige, eventuell kostspielige Angelegenheiten, und immer wieder mußte Werner Dora ausführlichen Vortrag halten und darauf Hinweisen, daß eine Ueberau streng ung in Bezug auf Geldausgaben nicht angängig sei. Dora sah das ein; sie billigte alle Vorschläge Werners, der jetzt auch seine eigenen Reformen betreffend die Theresieu-Hütte zu- rückstcllte. Es gab vielleicht dringendere Sachen zu tun, besonders betreffs der Kohlengruben. Man mußte diese nicht nur soweit bringen, daß sie für die Werke genügend Kohle lieferten, sondern daß auch durch Verkauf von Kohle Kapitalien herangcschasft wurden.
Dora war stets von drei bis vier Uhr in ihrem Zimmer anwesend und saß an dem Schreibtisch, über deni das Bild ihres Vaters hing. Eben hatte WernÄ: lvieder Feinen Bortrag bei Dora beendet, und nach einigem Ätachdenken erklärte ihm die Chefin:
„Ich sehe es ein, daß mir einen Teil der Projekte, hie von Len Werken kommen, zurückstellen und daß wir auf Erschließung neuer Kohlenfelder alle vorhandenen Mittel verwenden müssen. Auch meine eigenen Projekte muß ich aufschieben. Ich weiß nicht, ob Geheimrat Kersten schon mit Ihnen darüber gesprochen hat: Ich Ivollte eine Mädchen- Fortbildungsschule gründen, vor aller» eine Hanshaltungs- Und Nähschule. Es ist erschreckend, ivie wenig die jungen Mädchen, wenn sie heiraten, von der Hauswirtschaft verstehen. Sie gehen mit jungen Jahren in den Dienst der Industrie, heiraten darrir, ohne eine Ahnung davon zu haben, ivie inan nur eine Suppe kocht, verstehen nichts vom Eiu- kaufen, von der Wirtschaft, verstehen es nicht, für den Mann das Essen zu bereiten und das Heim behaglich zu gestalte»,
und ivie man Kinder erzieht, davon fehlen ihnen alle Begriffe. Diese Mädcheu Fortbildungsschule hat mir sehr am Herzen gelegen. Jetzt aber werde ich natürlich den Plan aufgeben." i
„Sie verzeihen, gnädiges Fräulein," entgegnete Werner, „es ist nicht nötig, daß Sie diesen Plan zurückstellen. Herr Geheimrat Kersten hat mir vor zwei Monaten von Ihren Absichten erzählt, und ich erioartete schon seit einigen Wochen diesbezügliche Aufträge von Ihnen. Ihr Plan läßt sich sehr leicht verwirklichen. Wir haben eine Kleinkinderbewahranstalt, in ivelcher vormittags und nachmittags, wenn die Mütter in der Industrie beschäftigt sind, die Kinder unter Aufsicht abgewartet und erzogen werden. Auf diesem Gelände läßt sich durch einen Erweiterungsbau mit Leichtigkeit die Mädchen-Fortbildungsschule unterbringen. Die Kosten sind wirklich im Verhältnis zu dem, ivas geleistet werden kann und soll, sehr gering. Ich habe unseri» Werk-Architekten veranlaßt, ein paar Skizzen und einen Kostenanschlag zu machen, und wir werden mit der SumUie von hunderttaufend Mark reichlich auskommen. Diese Ausgabe für soziale Zwecke ist nicht zu hoch und kann unbedenklich geleistet werden. Es bedarf nur eines Befehls von Ihnen, gnädiges Fräulein, und die Haushaltungsschule kann zu Winter bereits in volle Tätigkeit treten."
Dora schien freudig überrascht; ihr Gesicht strahlte lvieder in dem bezaubernden Lächeln und zeigte jene Lieblichkeit und Liebenswürdigkeit, welche jetzt noch mehr als früher Werner entzückte. >
Sie reichte ihm mit einem kräftigen Drucke die Hand.
„Ich danke Ihnen recht sehr," sagte sie, „ich danke Ihnen herzlich, daß Sie sich für mein Projekt interessiert haben. Ich weiß, wie Sie mit Arbeiten überlastet sind, und doch haben Sie noch Zeit gefunden, um sich auch ucit meiner Idee zu beschäftigen. Sie haben mir eine große Freude gemacht. Wie haben Sie sich die Erweiterung der Bauten für die Kleinkiudcrschulc gedacht?"
„Gnädiges Fräulein, das könnte ich Ihnen am besten und deutlichsten an Ort und Stelle erklären. Sie brauchen nur zu bestimmen, wann Sie das Terrain besuchen wollen. Ich werde mich dann mit den fertigen Skizzen eiufiuden, und werde diese an Ort und Stelle erklären."
„Ja, lvarum zögern?" meinte Dora. „Erlaubt es Ihr« Zeit, daß nur sofort hinfahren?"
„Selbstverständlich!" erklärte Werner.
Dora klingelte und befahl dem eintretenden Burcau- diener, ihr Auto Vorfahren zu lassen.
„Sie entschuldigen mich noch, gnädiges Fräulein, für einen Augenblick. Ich habe nur ein paar dringliche Unterschriften in meinem Zimmer zu leisten und stehe dann ganz zur Verfügung."
Nach fünf Minuten stand das Auto vor der Tür; nach weiteren zehn Minuten hatte Werner feine llnterschristen geleistet und stieg mit Dora tu den Kraftwagen.


