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llchst reserviert und vorsichtig zu betrogen und selbst vor Ablauf von neun Monaten zu erklären, daß er nicht weiter in der Stellung bleiben wolle, wenn das nicht so wie so von der ander» Seite geschah. Aber man hatte sich dann wenig­stens gegenseitig gekündigt, und die Blamage, daß man ihn sortjagte >vie seinen Vorgänger, hatte er sich gespart. Es. tvar doch recht klug von ihm gewesen, daß er sich die Probe­zeit ausbedang. Wie ein Alp würde auf all seinem Tun und Lassen von seht ab der Gedaitbe liegen, da/ßs er ging und gehen mußte, ivenn seine Zeit abgelaufen war.

Konnte er irgend etwas tun, um leine Taktlosigkeit wie­der gutzumachen? Dazu gab es wohl keine Möglichkeit. Er konnte sich natürlich nicht bei Dora entschuldigen. Das hätte di« Sache noch verschliminert und wäre von ihr als eine plumpe Annäherung und Taktlosigkeit empfunden worden. Dem Geheimrat konnte er sich nicht anvertrauen, der war verreist, und brieflich kann man solche Sachen nicht erledi­gen. Selbst an seinen Freund, den Grafen Klinter, konnte er sich nicht wenden, denn er hätte ihm auch nicht ratest können. Außerdem war Graf Klinter seit einigen Tagen ebenfalls verreist.

Es kamen Briefe zur Unterschrift. Werner verrichtete feinen Dienst und ging nach Schluß der Bureaustunden nach Hanse, >

tFortsetzung folgt.)

Der Blinde am Meer.

Roman von Karl Böttcher - Chemnitz.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Aber seine Gedanken fanden nicht Rast, so sehr er sie auch schall. Er sah Ärda vor sich, nun schon in vielen Bildern: wie sie gestern abend Seedes Erzählung lauschte, wie sie ihm die Pforte öffnete, er sah ihren biegsamen Leib an seinem Bett und sah sie in ihrer rührenden Liebe, als sie Seede gn sich zog und ihm die quälenden Sorgen von der Stirn küßte.

Und immer war sie schön, schön und rein. Und ein neuer Gedanke schlich in seine Seele, der flüsterte:Und sie ist nicht dein."

Nene jpraiig ans »nd verdeckte mit der Hand seine .Augen. Er schämte sich dieses Gedankens. Er entnahm seinen, Kosscr eine Kassette und erschloß sie und entnahm ihr «in Bild. Das stellte er vor sich aus den Schreibtisch. Es war die Photographie einer Frau.

Auch sic ist schön," sagten seine Lippen, aber sein Herz ächzte:Aber sie hat dich verraten."

Er stöhnte ans und stützte seine Arme aus die Knie und den Kops in beide Hände, und er blickte lange, lange Zeit auf das Bild.

Arda trat in das Zimmer und sah ihn so sitzen, und ihr Herz, das Herz eines Weibes, wußte sofort um seinen großen Kummer. Sie verharrte einige Augenblicke schweigend, und als er sich nicht rührte, fragte sie weich:Herr Brian, wollen Sic jetzt essen?"

Rene richtete sich auf und sein Anlitz zeigte ein verzerrtes Lächeln, als er sagte:Ja, ich will essen."

Dann lachte er laut aus:O, eisernes Gesetz. Mir wollen vergehen vor Jammer, das Hirn will zerspringen, das Herz blutet, aber wir essen, wir essen."

Und da Arda voll Interesse auf das Bild blickte, ries er höhnisch:Sie ist schön, was?"

Sic ist schön, und sie muß gut sein."

Da packte er voll Zorn das Bild und schleuderte es in den Kosser und ries barsch:Bringen Sie das Essen."

Arda ging zur Tür, doch an der Tür wandte sie sich und blickte scheu zu Rene, und als dieser sie nicht beqchtcte, sagte sie zaghaft:Wir dachten, Seede und ich, Sie würden mit uns essen?" x

Rene sah ihre dunklen Augen mit fast angstvoller Spannung stuf sich gerichtet, und unter diesem Blick schwand sein Groll.

Er trat zu Arda und reichte ihr beide Hände und sagte: -Seien Sie mir nicht böse, Fräulein Arda. Nehmen Sie Rück­sicht auf einen kranken Mann. Ich habe schlimme Tage hinter nur, die meine Seele zermürbten und mir den Glauben an die Menschen stahlen, nein, zerschlugen, mit Keulen zerschlugen. Aber vielleicht gibt es für mich noch ei» Gesunden, hier unter starken Menschen, am Meere, in freier Lust, und vielleicht helfen Sie mir, Sie und Herr Bahlsen."

Arda entzog ihm sauft ihre .Hände, und sie glättete ihre Schürze mit mädchenhafter Scham. Aber dann schaute sic ihm mit freieni Blick in die Augen »ich .sagte:Wer wirklich gut ist, kann den Glauben an die Menschheit nicht verlieren, lveil er die Menschen verstehen wird in all ihrem Denken und Tun. Denn zum Verstehen gehört vor allem ein Wollen, und dies findet nur ein guter Mensch, dessen Herz die Liebe regiert. Ich bi» ein armes, dpinmes Mädchen, Herr Brian, aber Seede,

mein Seede hat mich solche Gedanken gelehrt. Seede weiß alles, er findet von allem, lvas geschieht, die Ursache, denn er hat das große, das tiefe Wollen gefunden, die Welt und die Men­schen zu verstehen, und darum lieben ihn alle Menschen, die ihn kennen, und er hat nur einen.Feind, Und den hat er um meinet­willen."

Arda hatte immer lauter und eindringlicher gesprochen, nur bei den letzten .Worten umschleierte eine tiefe Traurigkeit ihre Stimme.

Rene aber wurde klar, welch große Seelen in diesen beiden schlichten Menschen wohnten und welch hehre Liebe sie verband.

Sein Kummer, seine Seelennot kam ihm so unsagbar klein vor, in ihm erwachte ein grenzenloses Vertrauen zu diesen beiden Mensche», ihm ward zumute wie einem Kranken, Ivelcher zu einen: berühmten Arzte konimt, der mit sicherem Blick die Krank­heit erkennt und die Gegenmittel anordnet.

Voll fröhlicher Hoffnung sagte er:Ich will versuchen, das Wollen, die Menschen zu verstehen, zu finden, und ich bitte Sie, mein Pfadfinder zu sein. Sie und Seede Bahlsen, dann will ich versuchen, auch die Menschen zu verstehen, die mir wchegetan, vielleicht, daß es dann besser mit mir wird."

Arda sagte:Nun Glück zu, Herr Brian," und sie verlieh das Zimmer, und Rene hörte im Garten Teller klappern und all die Geräusche, die beini Zurichten einer Tafel entstehen.

Dann beugte sich Arda zum Fenster herein und rief:DaS Tischlein deck dich ist bereit, Herr Brian." Und Rene trat mit Seede Bahlsen fast zu gleicher Zeit in den Garten.

Rene schüttelte dem Blinden die Hand und führte ihn zur Laube, wo gedeckt ivar.

Haben die Kleinen Sie gut nach Haufe gebracht, Herr Bahlsen?"

Ja, das taten sie. Aber sie waren nicht zufrieden mit mir. Ich sollte ihnen erzählen, doch ich mußte immer ivieder an Ihr Wort denken: Wonach der Mensch strebt, das hält er für sein Glück. Ich habe auch ein Streben, ein Ziel, das ich für das höchste Glück auf Erden halte, und ich meine, es ist cs auch, und bliebe mir die Erftillung versagt, sch kann mir das nicht ausdenken."

Er seufzte tief auf und tastete nach Ardas Hand, und Rene wußte, was sein höchstes Ziel .und sein heißes Streben ivar.

Arda legte vor, nachdem man die Bickbeerensuppe gegessen hatte, einem jeden eine gebackene Scholle, und dann Pumper­nickel und Trockenkäse und frische, goldgelbe Butter.

Und Rene mit Appetit, und vergaß seine Herzensnot.

Er war aufgeräumt und erzählte den lauschenden Nordcn- kindern aus seinem Leben und von der großen Berliner Welt und von seinen Fahrten nach den Kunst- und Sonnenländerir.

Ardas Augen hingen an seinen Lippen, und dann schaute sie in weite Fernen, und .giuc leise Sehnsucht, die noch ver- träunit in ihrer Seele ruhte, wurde wach, eine Sehnsucht nach Hohem, Herrlichem, eine Sehnsucht, die die Seele erklingen läßt in märchenhaften Tönen, sanft und weihevoll, und den Alltag zum Feiertag stimmt.

Sie mußte ihre Gedanken niit Gewalt in ihre alten Bahnen zwingen und Nun dachte ste an das Meer, an ihr Meer, und sie sagte:Wie schön ist doch die Welt allerorten, wie wunder­lherrlich muß es doch sein in diesen Ländern des ewig sonnen- strahlendcn Himmels und der milden, dustenden Winde. Wie gerne würde ich die Rebenberge sehen und in den Palmenhainen träumen."

Aber dann straffte sie ihren Körper und rief fest Und wuchtig: z.Doch was sind blaue Sec» und Zephirwinde gegen nnser Meer mit den grünpläischernden Wellen, was sind Rom und Bosporus gegen unsere Buchten und Risse? Klägliche Machwerke, dis den Menschen zum Weichling machen, die keine stählernen Mus­keln erzeugen, die keinen Kamps kennen, kein Ringen des Mcnschen- leibcs mit höllenwütendeii Wasscrbergcn."

Und sie breitete die Arme aus und rief:O, du mein Meer, du elviges Wasser."

Rene stand auf.

Ein tiefes Verstehen erfaßte ihn.

Solche Menschen sind die Friesen, solche Menschen sind die Halligleute. Sie führen mit dem Meere durch Jahrhunderte erbitterten Kampf, oft um einen Quadratmeter öden Landes.

Und dieser Kamps uni Herd und Scholle macht ihn stark, und er liebt das Meer mit großem, treuem Herzen und kämpft doch Mit ihm. Und zieht er in die Fremde, so wird er krank und die Sehnsucht ist stärker als sei» Wille, und dann ist er wieder an feinem Meere i

An alles das dachte Rene. Er hatte diese Menschen, nie ver­stehen können, er hatte in dieser piebe cnvas nniiatürlichos ge­funden, und nun er diese Menschen kennen lernte, fühlte er: Es uiuhie so sein. !

Arda räuinte das Geschirr ab imd auch Seede ging ins Haus. Er hatte ivenig gesprochen, doch man sah cs ihn, an, dal, viele Gedanken sein Herz bewegten.

Am Nachmittage ruhte Rene am Strande und schaute stunden­lang dem Wellenspiel zu.

Das Meer hat seine Lau»«». Jetzt hat es langrllckige. wuch­tige Wogen, die wie ein grünes Gebirge, das plötzlich slüssig ge-