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nicht" tx? Führers >gar nichts zu entgegnen und so muhte das kos entscheide», wer den Korb zu verlassen hatte. Kanin >var neu abgewogen, da erscholl der Befehl: ,.Fertig — los!" und stolz stieg die „Marburg" unter deni jubelnden Tücherschwenken der zahlreichen Zuschauer in die Lüste. Ta lag cs nun imlcr uns, unser liebes Gießen, nett und sauber, wie aus der Spielzeug- fchachtel. In der Mitte die verwitterten Ziegeldächer von Alt Gießen, umgeben vom grünen Kranze der Anlagen und darum fchwarzgrau leuchtend die Neustadt In allen Straßen winkte es und die Schulen taten .auch ihr möglichstes zum Abschieds- jubel Aber des Berweilens war nicht lange. Wir halten sosort in 900 Mtr. die Gleichgewichtslage erreicht und steuerten mit 80 Klm. Fahrt in der Richtung Frankfurt, hinter uns stiegen Gewitterwolken aus: unser Ballon aber ivar schneller als sic und lies ihnen davon. Toch der „Marburg" geiiel die cingeschla- gene Richtung nicht. Wahrscheinlich wollte sic mir Neuling im Korb sofort das schönste Stück Vaterland zeigen und zur Nacheiferung anseuern. So zog sie es vor, mit einem eleganten Bogen über Klein-Linden weg in das Lahntal zu schwimmen. In gleichmäßiger Fahrt, immer in Gleichgewichtslage, schwammen wir Über Wetzlar, an Braunsels vorbei, das mit seinem stolzen Schloß von oben fo ganz anders aussah wie gewöhnlich. Plötzlich sielen Böllerschüsse, und wir bildeten uns beinahe ein, daß die Kayenköpse uns zu Ehren ihren ehernen Mund hätten sprechen lasse», bis wir bei nähereni Zuschauen sahen, daß cs gewöhn liche Sprengschüsse eines Steinbruchs waren.
Um lO Uhr etwa sichtete» wir Weilburg. Ich habe selten ein schöneres Städtebild ^eschen, als es dieser Ort aus seiner Insel, umflossen von der grüne» Lahn, umgrenzt von ivaldigen höhen, bietet. Aber des Berweilens war auch hier nicht lange. Unsere „Marburg" wollte weiter und da ivaren ihr die vielen Krümmungen der Lahn, denen wir.seither immer gefolgt waren, zu zeitraubend. So zog sie es vor, um an den Rhein zu kommen, sich auch den Westerwald ein wenig zu beschauen. In Sicht von Limburg verließen wir unter militärischem Trommel- und Pfeifen- schall das Lahntal und stiegen über den Westerwald. Aber viel folltcn wir von ihm nicht sehen, hinter Hadamar türmte sich rin ausgeivachsener Cumulus, der rechte Sehnsucht nach uns hatte. Aber die nötige Ballastabgabe brachte uns über ihn und nun genossen wir den überwältigenden Genuß einer Wolkensahrt mit aN ihren, Zauber, lieber uns ein tiefblauer Himmel, unter uns ein wallendes, tvogendes Nebelmeer, auf dem unser Ballon- fchatten langsam dahinzog und mit seiner Aureole Farbe in das blendend« Weiß der Wolke brachte. Taniit auch die Wissenschaft nicht zu kurz kam, hielt unser Führer einen Vortrag über Luftschichten und Wolkenbildungen und ihren Einstuß aus die Fahrt. Als wir die Erde wieder sichteten, lag er vor uns, der herrliche, grüne Rhein. Aber schön und grün sah er nicht aus. Trotz blendenden Sonnenscheins und lachender Fluren zeigte er ei» mürrisches Gesicht: trüb und langsam wälzte er seine Fluten. Dennoch schien unser Ballon eine groß« Zuneigung zu ihm gefaßt zu haben, „halb zog es ihn, halb sank er hin." Ta mußte der mürrische Flns-gott sein Opser haben. Mit 2 Säcken Ballast war er zufrieden und ließ uns in 1700 Mtr. unsere Wege ziehen und ztvar recht langsam, damit wir seine Schönheiten auch ausgiebig kosten konnten Und cs war ein herrliches Panorania, an dem sich das Auge tvcidele. Nach Norden schweifte der Blick bis Vallendar mit feinen Inseln, im Süden wurde der Horizont begrenzt von Oberlahnstein und der Burg Stolzenfels, und unter ims lag Koblenz und das Moseleck mit dem Kaiserdenkinal. Ta gab es zn schaue» genug, und die langsame Fahrt, die wir machten, gab uns überreichlich Zeit dazu. Fast 3 ,i Stunden benötigten wir, um Rhein und Mosel zu überqueren und in die Eifel einzutretcn. Mer da sah es bedenklich aus. Vor uns türmte sich Cumulus ans Cumulus und aus einen schien es die „Marburg" abgesehen zn haben. Das Gesicht unseres Führers wurde immer bedensticher, und kaum war ihm das Wort entslohen: „Der liefert uns," da sahen wir auch schon drin im Nebel. Unwillkürlich kam mir der . Gedanke an Niflheim, aber zu weiteren Betrachtungen blieb keine Zeit. In rasender Fahrt riß uns der vertikale Luststroni auswärts Tie Zahlen lauten 12.50 Uhr — 2500 Mtr.: 12.55 Uhr 2750 Mtr : 12.57 Uhr — 3000 Mtr. In dieser Höhe schnitt unser Führer das Schlepptau los und mit einem unangenehmen Geraffel sauste cs in die Tiefe. Zum Schluß gab es noch einen kräftigen Ruck, der den Ballonkorb in kräftiges Schwanken brachte. Noch schneller, als wir oben ivaren, sielen wir nun durch. Wenns nicht Aneroid und Vareometer angezcigt hätten, an unser» Ohren merkte» wirs zur Genüge. Tie Fallzeiten lauten: 12.57 Uhr — 3000 Mtr.: 12.59 Uhr — 2100 Mtr : 1.01 Uhr — 1600 Mtr Zum Parieren brauchten wir 5 Sack Ballast. Als wir bei Münstermaiseld die Erde nsieder sichteten, konnten wir trotz alles Suchens nur noch !>/r Sack im Korb entdecken Ta war Holland in Not Und vor uns lag der schönste Teil der Eifel. Ganz fern am Horizonte sichteten wird das Pulvermaar und von meinen Wanderungen her wußte.ich, daß dann auch der Mäuscberg mit seinen stimmungsvollen Maaren und das prächtige Manderscheid nicht weit waren. Unferm Führer gingen wohl ähnliche Gedanken durch den Kopf. Und als er sich noch die schönen Kornfelder unter uns betrachtet und wohl schnell den Flurschaden berechnet hatte, den es da unten geben würde, sagt« er: „Eigentlich müßten
wir landen: aber ich verlasse mich auf Ventilzug und Sonnen-
strahlnng."
Und so zog unsere „Marburg" weiter, bald hoch, bald lies: >e nachdem tvir Sonne oder Wolkenschatten halten, bis wir an das liebliche Pnlvermaar kamen. Das sah wie ein dunkelblaues Auge, umgeben vom grünen Kranz herrlicher Buchen, zu uns herauf Nabe seinem liier lag ein heidekegel in voller Pracht blühenden Ginsters. In dessen goldiger Flut tvolllcn tvir ein- tauchcn und die prächtige Fahrt beenden. Doch cs gelang vorbei. Sonnenstrahlung zog uns wieder hoch. Langsam zogen wir nun über das nahegelegcne Dörfchen Gillenfeld. Und als wir auch da nicht landeten, erhob sich eine Flut von Tönen, hundegebell, Hahnengeschrei und Menschentöne umwoben uns. Es war ein ganz harmonisches Konzert, in dem nur die Bässe sehlten, und es schien mir, als ob nur die niit Sopran begabten Wefen ihrer Enttäuschung lauten Ausdruck gaben, während die Herren der Schöpfung den Schmerz, uns nicht an ihrem Dorfe tpiedcr an die Erde gekettet zu sehen, mit mehr Würde trugen. Hinter Gillenfeld war nun ein geeignetes Landungsfeld, auf dem der Führer niedergehen wollte. Doch der Führer dachte, aber die Sonne lacht« unfern Ballon so freundlich an, daß er den Lockungen nicht widerstehen konnte und hoch zu ihr stieg. Allein ein energischer Ventilzug er- mnerte ihn an seine Pslichten der Mittler Erde gegenüber. Und nun begann ein« interessante Fahrt, landschaftlich sowohl nne sahrtechnisch. An d.em Mäuseberg mit seinen melancholischen Maaren, dem Schauplatz von Klara Viebigs herrlicher Novelle „Totenmaar" vorüber, über das idyllifch gelegene Manderscheid hinweg ging die Fahrt über vielsach bewaltetes Gelände, das schlecht Landungsgelegenheit bot. Schlepptau, Ventil und der letzte Ballast halsen über die gefährlichste Stellen hinweg. Zum Schluß mußten wir noch über einen herrlichen, hochstämmigen Buchenwald. DaS gab eine prächtige Fahrt. Dicht über den Wipfeln ging die Fahrt und gar manchmal tauchte der Korb hinein in das grüne Blatter- mecr. Doch inimer wieder hob er sich zu neuein Schwung über die grünen, wogenden Gipfel, bis wir endgültig scstsaßen. Da keinerlei Sandballast mehr vorhanden war, mußte der Verpackungsplan herhalten Niit Krachen sauste er hinunter, riß einige Aeste jrcit und fiel glücklich zu Boden. So entlastet, stiegen wir etwas hoch und landeten bald auf einer nahegelcgenen kleinen Waldwiese, ohne die Reißleine gezogen zu haben. Es war eine richtige Tamenlandung, Kaum waren wir gelandet, als auch schon die Bevölkerung herbei- strömte. Sie hatten noch nie einen Ballon gesehen und betrachteten ihn mit großer Neugierde. Als aber unser Führer befahl: „Zigarren und Pseifen weg", verzogen sie sich in respektvolle Entfernung. Bei der nun folgenden Verpackung halfen sie jedoch fleißig und bald waren wir reisefertig. Nur der Vcrpackungsplan fehlt« noch. Da die nach ihni ausgeschickten Kinder trotz des versprochenen Trinkgelds erfolglos zurückgekehrt waren, .mußten wir uns felber aus die Suche machen. Wir fanden zwar bald die Stelle, wo wir Königlich preußischen Tomanialwald beschädigt hatten, doch den Plan, den sah nian niemals wieder. WahrschBnlich deckt er heute den spitzen Rücken einer dürren Eifelkuh. Aber noch eine Enttäuschung sollte uns Vorbehalten sein. Wie wir »ns auf ünsereM Landeplatz an einem mitgenommenen guten Tropfen stärken wollten, fanden wir nur noch die schlechte hülle. Der edle Inhalt war in den durstigen Kehlen unserer Helfer verschwunden.
Da inzwischen unser Fuhrwerk angckommen war, packten wir auf und fuhren aus holprigen Wegen nach dem malerischen Khll- burg zur Fahrt in die Heimat.
Das Stottern der ttinder.
Bon Dr. med. Th. H o e p f n e r.
Das Wort „Stottern" auszusprechen ist eine so schlechte Angewohnheit von Eltern und Erziehern, daß es jahrelanger Arbeit der Forscher bedurft hat, um seststellen zu können, daß man diesen Ausdruck im Volke irrtümlich auf die im Grunde allerverschiedcnsten Erscheinungen anwendet.
Ter Ausdruck „Stottern" besagt, wenn wir der Logik und nicht dem Herkommen die Ehre geben wollen, nur, daß an den Anfängen von Worten die ersten Buchstaben und Silben niehrfach gesprochen werden, etwa wie „D-T-D-David" oder „Te-Tc-Te- Teller". Diese Wiederholungen sind Erscheinungen einer ungenügenden Verbindung zwischen dem Willen zu sprechen (einer geistigen Triebkraft) und dem Worte (einem Formclemente unseres Denkens). Tie Ursache ist verschieden, und es darf als ein unbestreitbares Verdienst der psychoanalytischen Forschung angesehen werden, auf diesen Umstand hingcwiesen zu haben. In dreißig Prozent der Fälle, in denen ein dauernder Zustand aus solchen Anfängen sich entwickelt, ist ein Unfall oder ein seelischer Chok als Urfache für diese anfängliche Erscheinung nachzuweisen, die ihrerseits auf einer Lockerung oder Zerreißung der eben genannten Jdeenvcrbindung, aber nicht aus einer irgendwie beschaffenen Schädigung der Nervensubstanz beruht. In weiteren dreißig Prozent der Fälle ist eine hochsieberhaste Erkrankung des Kindesalters die Ursache dieses anfänglichen Stotterns: im letzteir Drittel findet infolge einer ungünstigen erblichen Beeinflussung der Entwicklungs- gleichmäßigkeit eine anfängliche Ungleichartigkeit zwischen geistiger und sprachlicher Entwicklung statt. Soweit paßt der Ausdruck „-tot-


