Ausgabe 
6.6.1914
 
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Mriber-Krgiment.

Koma» von OSkar Klaußmann.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Der Wagen hielt vor dem Seitenflügel des Herren­hanse-? in Saalkirche», nnd Kersten führte Werner durch die Räume des GeneralbureauS, um ihm die einzelnen Be- amten vorzustellen und ihnen mitzuteileii, daß Werner vorläufig fiir ein Vierteljahr feine Vertretung übernehme.

Neben dein Zimmer Kerstens fanden sie in ihrem Privat Bureau Dora, die ein technisches Werk über Hütten- beirieb vor sich hatte und anscheinend eifrig studierte.

Nun, ivieder sleißig, mein liebes Kind? Es ist wirklich rührend, welche Mühe du dir gibst, in dieses für dich so langiveilige Zeug einzudringen. Hier bringe ich dir un­seren hilssbereiten Freund, der mich vertreten wird und die neue Arbeit gern ans sich nimmt. So hat er mir wenig- ste>ls heuchlerisch versichert."

Dora reichte Werner die Hand, und Werner bückte sich tief herab, um die Hand zu küssen. Er folgte einem Im­pulse, einem plötzlichen Zivauge, und ivar dann einigermaßen verlegen. Er hatte bei dienstlichen Zusanunenkünften Dora sonst nie die Hand geküßt.

Dora errötete und wies mit einer Haudbelvegung Ker­sten nnd Werner nach den Ledersesseln, die zur Rechten ihres Schreibtisches stallden.

Ich habe Bergrat Spalding schon im Generalbureau vorgestelit, nnd dal kannst mit ihm besprechen, wann er täglich auf eine Stunde hierherkommen soll. Es ist wohl notwendig, daß du dann auch anwesend bist, um eventuell beiitc Willensmeinung itub Entscheidung kundzugeben. Wir müssen Rücksicht darauf nehmen, daß der Bergrat sehr lvenig Zeit ()at; aber natürlich müssen auch deine Wünsche, Dora, berücksichtigt werden."

Ich kann mich mit meiner Zeiteinteilung immerhin nach den Wünschen des gnädigen Fräuleins richten", er- klärte Werner.

Diese Wünsche treten selbstverständlich zurück", sagte Dora bestimmt;sie sind aber auch gar nicht vorhanden. Mir ist jede Zeit am Tage genehm. Es handelt sich um ivichtige Dinge, und für die muß man immer Zeit haben."

Wenn der Dienst iin Generalbureau ebenso eingeteilt ist lvie in den Betriebsbureaus, so wäre es vielleicht am passendsten, wenn ich nachmittags zwischen drei und vier hierher käme. Dann sind die Eingänge, die im Laufe des Tages eintreffen, durchgesehen und geordnet, etlvaige Be- antivortnngen sind fertig, die täglichen Rapporte sind ein- gegangen und vorgeprüst worden. Ich hätte dann immer noch Zeit, nach Theresien-Hütte hinuberzufahren und dort die Ausgänge zu unterzeichnen sowie eventuell noch auf L"sti»uS Grube einmal nachzusehen. Ich werde ja aber

auch die anderen Werke möglichst häusig besuchen müssen, schon um mich über die Betriebsverhältnisse zu unter­richten."

Du tvirst den Herrn Bergrat in den verschiedenen Be­triebswerkstätten den Chefs vorstelleu?" fragte Dora halb fragend Kersten.

Das ist nicht nötig. Der Bergrat ist mit allen Be­triebsführern persönlich bekannt. Es genügt ein Rundschrei­ben des Geueralbureaus an die Betriebsvorstände, daß der Bergrat ineine Vertretung übernimmt, und damit ist ja die Sache erledigt. Dieses Rundschreiben kann heute nachmittag hinausgeschickt werden und bis inorgen früh durch die Hände sämtlicher Betriebsvorstände gegangen sein."

Ich lverde die Absenduug des Rnndschreibens sofort veranlassen", erklärte Dora.

Und inich entschuldige", bat Kersten;ich muß noch einige Reisevorbereitungen treffen. Wir müssen heute abend abreiscn. Je eher wir von hier fortkomnien, desto besser. Lothar wollte dir einen Besuch machen und die alte Kinder­freundschaft erneuern; aber er wird das nachholen, wenn wir zurückkommen."

Ich wünsche dir und Lothar glückliche Reise", faste Dora,und gute Erholung."

Werner und Kersten verabschiedeten sich von Dora, und vor der Tür fragte Kersten;

Wie kommen Sie nun nach Hanse? soll ich Sie vor Ihrer Billa absetzen?"

Das ist nicht nötig. Ich gehe durch das Birkenwäldchen in zwanzig Minuten hin. Es ist herrliches Wetter, und der Spaziergang wird mir sehr wohltun."

Der große, gut gepflegte Park, der das Herrenhaus von Saarkirchen nach Norden und Westen umgab, ging allmäh­lich in die Landschaft über, und zwar in ein Wäldchen aus Birken, Eichen und Nadelhölzern gemischt. Ein breiter und tiefer Graben, über den nur zwei nebeneinander liegende Balken führten, trennte das Wäldchen von dem Park. Das Birkenwäldchen führte ja seinen Rainen nicht ganz mit Recht, denn es bestand auch aus anderen Bäumen, die Birken waren aber vorherrschend, und die weißen Stämme und das hellgrüne Laub dieser Bäume bildeten an verschiedenen Stellen einen wirkungsvollen Kontrast zu dem dunklen Grün der Kiefernadeln und den knorrigen, alten Eichenstämmen. Es war parkartig eingerichtet, ohne der Natürlichkeit der Landschaft Abbruch zu tun. Es gingen einige nicht befestigte, aber doch beständig reingehaltene Wege kreuz und guer durch das Wäldchen, das auf einem welligen Hügelgelände stand. Auf der Spitze mehrerer Hügel, von denen aus man eine hübsche Aussicht hinüber nach dem Park von Saalkirchen, nach Dasburg und nach den Bergwerken im Norden hatte, waren Bänke aufgestellt. Ein Bach, der auch den Grenz- graben zum Park von Saalkirchen mit Wasser versorgte, floß durch das Wäldchen und machte es zu einem angenehmen Aufenthalt, so daß die Betpohner von Dasburg, welche nach­mittags Zeit hatten, ihre Spaziergänge gern nach dem Bir-