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„Wonach der Mensch strebt, das halt er für sein Glück." sagte er immer.wieder, „Das Wort muh ich mir überdenken, Herr Brian, Bitte, sühren Sie mich bis sunt Dorf, dann geleitet mich jedes Kind gern nach Hanse,"
Und Rene führte ihn sorgsam wie ernc Mutter, und wenn eine Stufe kam oder ein Absatz, dann warnte er ihn, und er lächelte still vor sich hin und dachten „Wenn mich so meine .Berlines sähen, ihren vergötterten Meister als Blindenführer,"
Kaum waren sie am Dorfe, da svrangen Junge,>s und Mädels herzu in ihren klavvernden Holzschuhen, und sie entrissen ihm fast den Blinden, und ein jeder wollte ihn an der Hand führen, und sie riefen jubelnd: „Unser Seedc, unser Seede!"
Und im Triumph führten sie ihn fort,
Rene aber ries den Kindern nach: „Bringt ihn gut nach Hanse," Und hie Kleinen antivvrteten int Ehore: „Mok di man feen Sorgen," —- — —
In der Ferne verklang der Lärm, und die Gassen lageit wieder still.
Rene lehrte um und ging denselben Weg zurück Am Deiche lagen noch sein Mantel und die Mütze, Er raffte beides auf und blickte noch lange auf die Stelle, »vv Arda und Scede gesessen hatte». Dann sagte er: „Ich gedachte, andere Menschen hier su finden, und doch bin ich glücklich, solche, wie diese beide», gefunden zu haben. Wen» ich ihrer wert würde,"
Er schritt de» Deick, hinab bis zur Böschung und setzte sich auf die Steine, die »och feucht waren von der znrückweichen-- den Flut,
Aber er fand keine Ruhe, und »ach tvenigen Augenblicken wanderte er tveiter, und unbewußt lenkte er seine Schritte heimwärts.
Er trat in sein Zimmer und beschloß, vor Tisch noch ei» wenig zu ruhen,
(Fortsetzung folgt)
Schreibtisch: denn ein solches Beruistuöbel hat er vor leinen letzten Lebensiahren nie sein eigen genannt, Ihm genügte zue Niederschrift seiner sämtlichen Werke ein Salontischchen, das einer Weltdame zur Abfassung ilrrer Billets dvux zu unbeauem gewesen träee. Schleppte er doch dorthrtt icdesmal, bevor er anhob, erst Papier, Tintensatz und den Gänsekiel, dem er vor allen Stahlfedern den Vorzug gab. Aber iticht nur dalmm, auch unterwegs stellte er in bezug auf die Arbeitsbedrnguugen keine riet Ansprückw« Jede Umgebung tvar ihm recht: die nackten vier Wände emec Spelunke taugten ihm ebenso lute ein behagliches Hotelzimmer^ i9hn vor übertriebenem Luxus hegte er ciue starke Abneigung^ Doch das Hauptgeheimnis seiner beispiellos ergiebigen Schöpferkraft lag in der wundersamen Harmonie seiner Gaben, dev frühzeitigen AnSgegltchenheit seines Wesens, seiner körperlichen, qersttgen und seelischen Geradtviichsigkest, Er. der so unzähligen Problemen des MenschenherzeilS uachgeganqeu, barg in der eige- inen Brust nichts Problemalisches, keine Rtsse, die verkittet, leine Klüite, die überbrttckt werden muhten, feinen Zioiesvalt, der langwierige innere Kätnpfe verursachte, Ebeti darun^ konnte ec die gesammelte Energie, ohne gleich anderen Kiiititlern einen beträchtlichen Teil davon für aufreibende Delbstbefehdung zu verbrauchen, der Arbeit zulvendet,: daritm mutzte er nicht mit sich ringen, bevor er mit dem Werk rang. Seine Art hatte etwas Leuchtendes und Beschwingtes, und zu leuchten und zu beschwingen hielt er and) für die eigentliche Ausgabe seiner Kunst, Nur mein die Welt munde, so hörte ich ihn sagen, der könne sie mundgerecht machen: deshalb fei es die Boranssetzung aller Poesie, Geschmack an ihr zu finden, und ihr Ziel, ihn anderen beizubriitgen. Demnach betrachtete er das <oü>asfen als eine unmittelbare Aeutzening gesteigerter Lebenstreude oder, wie er rm Gespräch sich oimnal auSdrückle, als einen Ueberfchutz an Gesundheit, „Dichte» ist ein Uebermut", schrieb er mir ein andermal; .wenn ich den nicht in mir spüre, rühre ich keine Hand, '
Heber Me Art von Paul heyses Schaffen
erzählt Ludwig Fulda in höchst persönlich gehaltenen Erinnerungen an den verstorbene» Frennd altertet interessante Einzel - beiteil, die die erstaunliche Fruchtbarkeit des Dichters erkläreit. Wir finden de» auch an Briefen Heyses reichen Aufsatz im Ännlhest von Bel ha gen & Klasi „ gs Monatsheften, demselben Heft, das and) die letzte Novelle des Meisters veröffentlicht, Fulda sürreibt: „Er nintzte täglich arbeiten. Er mutzle; er konnte nicht anders. Er ivar nicht imstande, anf seinen Lorbeeren auszurilhen, zwischen dem eben beendeten Werk und den: nächsten zu pausieren oder in höheren und höchsten Semestern aüfzuhören. Ohne Zweifel hätte er klüger daran getan, noch im Vollbesitz seiner Mittel zu verstntnme», statt d»rch schwächere Altersleist,nigen die glänzende Ernte seiner Mannesiahre oor- llibergehend in den Schatten treten zu lassen. Doch zu dieser Klugheit mangelte ihm nicht nur die kühle Berechnung: Leben lu»d Dichten waren für ihn so sehr eins, das, der Treimnugs- schnitt, lue»» er ihn überhaupt hätte aussnhren können, mitten durch sein Herz gegangen tväre. Ec billigte me die hochmntiga Aeslhetenvarole: „l-'art pour I’art"; aber ein anderer Wahlspruch wäre ihm ans der Seele gesprochen gewesen: „Le travaii pour le travaii". Das Glück des Wirkens galt ihn, uiienMid, viel mehr als das Schicksal des Werkes. Seine heitze Baterliebe für das^Buch, an dem er schrleb, erkaltete angenblicktich, sobald er den Schlnftvunkt dahinter gesetzt, und zioar sür immer. Die Folge davon war, da» es bet ihm in gründlich« Vergessenheit geriet, Bor ein paar Jahren erzählte er mir eilten drolligen Beleg dasltr. Er hatte in irgend einer provenzalischen Ehronit kürzlich einen Stoff anfgestöbert, der ihm ungemein reizvoll schien, hind machte sich mit freudigem Eifer an seine novellistische Ans- sührnng. Ein gutes Stück davon war bereits ausgezeichnet, als er durch einige ihn sonderbar bekannt anmutende Details und Eigenname» stutzig wurde Wo waren ihm die nur schon vorqekom nnuV Bon einem unbestimmten Argtvohn getrieben lorschte er in seinen eigenen Schriften »ach, und siehe tza. die Geschichte stand längst in einem seiner Novellenbände. und er luitte sie bis zur Hälfte ahnungslos zum zweltenmal versatzt.
Um immer arbeiten zu tvollen, bedurfte er nur seiner an- lgeborenen unermüdlichen Betätig,ingslnst. Das, er es an» immer 'konnte, tvar das Ergebnis zahlreicher Faktoren, wie sie sogar bei begnadeten Menschen sich nur ausnahnisweise vereimgeii. Dazu gehörte vor allem eine nie versagende Phantasie, die ihn Um Motive, Gestalten, Fabeln nie verlege» tverden lietz. An der einen „och brentietlüen Fackel entzündete er die andere, Darum »ahmen viele seiner Hervorbringungeu ungesiicht einen jvNisckten Eharakter an. Eine provenzalijche, eine Meeraner lstovelle be- schtvor ein ltzilbes Dutzend heran!: ein tragischer Einakter viianzie sich zu einer Sippe fort: ein lhriiches Thema iveckte eine lange Me,t»e von Variativnen, Dazu gehörte ferner seine beneidenstverie pkervenlosigkelt Aentzere tlmstäiive übten aus seine Arbeitskraft Vicht den geringsten Einftntz Jeden Morgen, veil Gott tverden lietz, satz er drei Stunden lang, nickit weniger u,w nicht mehr, an feinem Tisch und schrieb, Ich sage absichtlich nicht: an seinemt
vermisste».
' Die verkannte Königliche Hoheit. Die Cr- nenntmg des Prinzen Alexander von Teck znin britischen General» gouvernenr von Kanada erweckt die Erinnerung an eine amüsante kleine Geschichte, d,e sich vor fahren in eine», der grüßten Ber- gulignngsetablissements der br,tischen Hauptstadt abspielle. Der Direktor des UnternshnienS geifte als llnger Gcschäilsniann bereits seit langeni »ach der Ehre, Köuiglihe Hoheiten in seinem Theater empsangen z>, dürfen, den» ersah, migsgemnn machen sich derartige Ehren sehr bezahl! >l»d steigern die Kasseneinnahmen, Wie groß ivar datier die Freude des Direktor«, als er am Nachmittag benachrichtigt lvnrde, der Prmz und di« Prinzessin Alexander von Teck beabstehtigte» die Abendvorstellung zu beinchen, Ter Herr Direktor ivar nicht ivenig aillgeregt und seine srendtge Nervosität wuchs, je näher die Stunde des Borst-llungLansmiges heranrnckle Er beschloß, das Hauplportal de« Theaters für die erlanchtc» Gäste srei- znhaltcn, damit sie au! dem Wege von der Hoiegnipage zu ihrer Loge nicht i» Verlegenheit kämen, sich durch einen Hanken gewöbn- licher Sterblicher,» drängen und woniöglich gar Esienbogenslöße z» emvlangen. Der Herr Direktor libertvachle selbst die Räumung des Vlitteloortals. Nur ein junger Mann iveigerle sich energisch, seine» Platz ,n ve>lassen; er erklärte, er habe sich mit seiner grau hier verabledet, er inlisse sie er,vart«n. »Aber Manul' schrie der Direktor, «Sie müssen fort, ich erwarte Königliche Hoheile»,' Der jung« Man» grinste und schüttelte de» Kops, ,Aeb, ich gehör« auch zu jener Gattung.' Es war Prinz Alexander jelbst, der hier ain Thealerportal seine Frau erwartete, die Nachkommen wollt«.
* R e j l e x i o n, Kavalier; „'s fällt immer schwerer, Geld auszutreiben! Um lumpige 500 Mark zusamnienziibniigen, habe ich heute die Uhr, den Winterpaletot und viermal 's Ehrenwort verpfänden Müssen !" _
Lharadr.
Die beiden ersten Silben künden Dir die olympische Gestalt,
Die einstmals ans verschiednen Gründen Als göllllch hehres Wesen galt,
Tenn olt, so »irl:en uns die Sagen,
Fand im Olymp das Drille statt,
Und alle schtlirsten mit Behagen Was Ein? und Zwei geböte» hat.
Das Ganze aber bildet heute
Nach großem Werk ein Fest der Ruh',
Tie Maurer und die Zimniecleut«
Erscheinen herzlich ge>n dnz».
Auslösung in nächster Nummer,
Auslösung des Arithmogriphs in voriger Nummsrt «eis — I<!lche — Istar — tlaesar — Nase — Sieg — Tee — After — fteicr; Reichstag.
Redaktion • K Neurath. — Notatiousdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei. 9t, Lang«, St


