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Der Blinde am Meer.
Roman von Karl Böttcher-Chemnitz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
In den Gassen des Dörschens log ein stiller, sonniger Frieden, «nd wohin er blickte, überall sah er freundliche, >ve»n auch ernste Menschen, die seine» Gruß durch ein Kopfnicken oder durch ein ttirzes Wort/ meistens in Platt, erwiderten.
Am kleinen Hafen war soeben ein Kutter eingelausen, ein Robbeujäger, der fünf oder sechs Seehund« an Bord hatte
Das naß in der Frühsonne erglänzende Fell der seltenen Tiere schimmerte ivie Samt. Die Seehunde bäumten sich in ihren Netzen, und sie bellten heiser, und ihre groben, seuchlen Augen sahen bittend zu Rene auf, so sehnsuchtsvoll nach der verlorenen Freiheit
„Wo haben Sie diese Tiere gefangen?" wandte sich Rene an »inen der Fischer.
Der versenkte die Hände tief in seine Hosentaschen, maß ihn mit verächtlichem Blick von oben bis unten, spie aus und drehte sich weg.
Rene lachte in si-h hinein und dachte: Der eckstc Norde. Wenn «r keine Lust hat, zu sprechen, zwingt ihm keine Macht der Erde rin Mort ab.
Und er fragte de» anderen Robbenjäger.
Der erzählte ihm etwas in solch wüstem Platt, daß er weiter nichts daraus entnehmen konnte, als daß die Seehunde auf einer Sandbank eine Stunde vor der Küste gefangen worden wären und nach Stellingen zu Hagenbeck gebracht würden.
Bom Hasen ging Rene nach dem Deich und wanderte auf ihm entlang.
Bor ihm lag das lveit«, «veile Meer. Es war gerade Hoch-
£ ut, da aber nur ganz schwacher Wind ivehte, war die Wellen-- tweaung eine sanfte.
Hier und da sprang zwar eine kühne Woge über den Zement- kwrd, aber sie >var machtlos und zerlief, »nd die Wasser rannen zurück ins Meer.
Weißschimmernd« Möwen schaukelten auf den Weile», und sie schosse» in das Wellental und wurden senseils wiÄer einpor- getrage», und es schien, als spielten sie mit den Fluten.
Rene breitete seinen Umhang aus dem Deiche aus und lagerte sich.
Er verschränkte sein« Arme unter dem Kops und träuinte mit offene» Augen in das Himmelsblau. Die Wölkchen zogen in kleinen Scharen dahin, sie vereinigte» sich und trennten sich wieder und kamen an anderer Stelle wieder zusammen. Und Rene dachte: So sind auch die Menschen: die zusammen waren, fest und lcheinbar unzertrennlich, gehen auseinander, und sie wandeln «in jeder seine Bahn, als müßte has so sein. Und doch drängt! alles in ihnen wieder zur Bereinigung, — und wenn die Herzen vor Sehnsucht krank sind, und der Trotz ganz, ganz klein geworden ist, dann lausen sie eines Tages ipteder zusammen und begreifen nicht, daß sie je sich trennen konnten.
Und er dachte an sein Leben.
Voll Trotz und Zorn ivar er dem Leben entslohen in diese Einsamkeit, und er lauschte auf sein Herz und fühlte, daß es noch nicht vor Sehnsucht krank sei, er fühlte, daß er hier freier atmete, als in der schwülen Lebenslust Berlins.
Und er ivar so froh, so glücklich, und er streckte seine Arme weit von sich »nd reckte und dehnte sich, und die langen, dürren Grashalme an seiner Seite tanzten mit ihren Büschelkronen im lnatten Seewind.
Und Rene ries lachend: „Ja, tanzt ihr nur, ihr Zeugen Weines Friedens," und als er ganz fern am Fretmast die Wimpel auf und nieder slattern sah, rief er: „Nun tanzt ihr im hellem Gonnenglanzc, ihr Heuchler, die ihr nachts schaurig slöhnt, wenn der Blinde darnnter seine Märchen erzählt."
Bor seinen Augen stand das Bild des gestrigen Abends.
Mit einem Ruck setzte er sich auf, zog sein Skizzenbuch hervor «nd entwarf in großen Umrissen das Bild, und wie er so zeichnete und alles um sich vergaß, Hörle er nicht, daß Arda kam und sich hinter ihn stellte und gespannt Strich um Strich verfolgte. Ihr Herz erzitterte, als sie ihren Körper entstehen sah, wie sich Linie «i Linie fügte, und sie schlich sich hinweg und ging leise jcnfrita! des Dammes entlang
Und in Rene entstand ein Schaffensdrang, wie er ihn seit Jahren nicht empfunden. Er wollte malen, nein, Menschen entstehen lassen, lebende Menschen.
Und die Freud« des genialen Schöpfers erfaßte ihn und das »wingende Bwürfnis, sich jemandem mitzutellen, mit jemandem seinen Plan besprechen.
Er sprang auf und wanderte aus dem Deich dahin. Da sah irr mell das blond« Haupt Ardas erblinken. Die Sonn« hatte »kl ihr Gold aus diesem Kops vereinigt, und ihre Strahlen woben nun glänzend« Aureolen um ihre hohe Stirn, und Rene erschien «s wi« ein Heiligenschein.
Neben Acha. dt« am Damm« laß und auS einem Buche «orlat, lag Seede Vahlsen mit geschloffenen Augen Er hatte
sein Haupt in des Mädchens Schoß gebettet und seine Züg« verrieten gespanntestes Lauschen. >
„Ich höre Schritte," sagte ek halblaut und ivandte sich seitwärts.
,,Es ist Herr Brian, unser Sommergast," ries sie, und Serbe erschien es, als bebte ihr Körper ein iveiiig.
Rene trat heran »nd bat, sich mit zu ihnen setzen zu dürfen.
Arda schob ihre beide» Hände unter Seedcs Kops und drängle ihn zum Aufstchen, aber Rene, der das bemerkte, trat sofort zurück und sagte: „Sollte ich Sie auch nur >m! geringsten stören, suche ich mir ein anderes Plätzchen."
Eine tiefe Traurigkeit lag in seiner Stimme, und er schickte sich an, tveiter zu gehen.
Da sprachen Arda und Seede wie aus einem Münde: „Bitte, bleiben Sie, Herr Brian. Sic stören uns nicht."
Und Arda forderte ihn durch eine Handbewegung auf, sich an ihre Seite zu setzen. i
Reue lagerte sich nun dicht neben Arda und ergriff Seedes Hand, die dieser ihm tvillig überließ, und sagle: ,,Jch bin
Ihnen Noch Tank schuldig, Herr Bahlsen. Die haben i» mir gestern! abend einen ungeladenen Zuhörer gehabt und einen Bewunderer gefunden, der Sic bittet, ihm auch fernerhin Zutritt zu Ihren Erzählerabenben zu gewähren. Ihnen gebührt mein Dank ans vollem Herzen."
Ein sonniges Lächeln des reinsten Glücks lag aus Seedes Zügen.
Er sattele die Hände aus seiner Brust und lag so ganz still, geraume Zeit, und Arda und Rene erwarteten, daß er sprechen würde.
Er aber schwieg, und Arda sagle mahnend: „Seede!"
Seede sagte nun tveich: „In der Blindenanstalt in Haml- burg lernte sch einst: Wes bas Herz voll ist. des gehet der Mund über. Ich aber sage: Wem das Herz voll ist, der findet oft nicht Worte, zu sprechen. — Und das Herz ist voll im Glück und im Leid, und ich bin so glücklich, ach, so glücklich."
Und Rene sagte: „Ich liebe die glücklichen Menschen. Sie haben alles abgestreist: Neid, Mißgunst, Lug und Trug, und sie tragen ihr Herz auf den Händen und lassen einen jeden hinein- blickcn, und >oer sehen kami, der wird dann erkennen, daß. es noch gute und edle Menschen gibt."
Man schwieg, und Arda und Seede überdachten das Gehörte.
Nach einiger Zeit fragte Seede: „Glück macht die Menschen gut?"
„Ich denke."
„Und das Unglück?"
„Auch das kann wohl läutern, wenn es selbst verschuldet ist."
Da richtete sich Seede auf und in seiner Stimme lag tiefe Augst, als er fragte: „Wenn es aber nicht selbst verschuldet ist?"
„Tann macht es schwache, unselbständige Naturen zu Zweis- lern."
„Und die anderen, die Starken?"
„Die macht es stärker und demütig."
Seede schlug seine Hände vor das Antlitz und ries: „Mir lag das Unglück in der Wiege, und mir raubte es Bater n»d Mültür.- — und ich konnte nichts dafür und nichts dagegen, — mib wie bin ich nun? — Arda, sprich, wie bin ich nun?"
Er kniete vor dem Mädchen und rüttelte sic mit beiden Händen, und Arda »ahin seinen Kopf und zog ihn zu sich nieder, und sie sagte innig: „Tu bist stark und demütig," und sic küßte ihn aus Stirn und Wangen.
Rene aber blickte über das Meer und glaubte, noch nie so reines Glück gesehen zu haben, und als er sich wieder den beiden zuwandte, schaute ihn Arda ängstlich an, und sie sagte bjttend: „Verzeihen Sie, Herr." ^
Er aber sagte froh: „Ich liebe die glücklichen Menschen."
Arda erhob sich und ordnete ihre Kleider. Sie reichte Serbe und Rene die Hand und entschuldigt« sich, daß sie gehen müsse, weil zu Dause die Küche ihrer wartet«.
„Sie tvinkl Ihnen einen Gruß zu, Herr Bahlsen," sägte Rene.
„Mir? — Uns, Herr Brian, sie sendet ihn uns," antwortete Seede. und leise setzte er noch hinzu: „Sie liebt alle guten Menschen."
Aber Rene mochte das nicht gehört haben, denn er ergriff das Buch, welches Arda hatte liege» lassen, und las den Titel.
„Was — Sic lesen Grillparzer?" entfuhr es ihm.
Seede nickte: „Arda liest mir vor und ich erkläre ihr, was sie nicht versteht. Medea ist ein wuchtiges Werk, doch ich verstehe diese Menfchen nicht, ich werde irre am Wahren und Guten, und es wäre mir besser, Arda hätte dieses Buch nicht vorgelescn."
„Der Dichter hat wahre Menschen geschildert, Menschen, ivie wir wirklich sind, und nun staunen wir, daß wir so fiitb. Die Menschen in Medea streben, und wonach eilt Mensch strebt, das hält er für sein Glück. Und streben zwei nach einem Ziel, das nur einer erreichen kann, so wird das Streben zum Kampf. Und die Menschen in Medea kämpfen, — nein, sie rasen, und wird der Kamps ein Rasen, wer wägt dann die Mittel des Kanipses?"
„Wonach der Mensch strebt, das hält er für fein Glück," sagte Seede Er stand auf, nahm das Buch und schob feinen Arm unter den Renes.


