835
fn jeder Figur, in jedem Zug, in jeder Fair de, dar Bild: Der blinde Erzähler am Meere,
Diese Schöpfung sollte ihn gesunden, sollte neue Lust und Liebe zuni Lebe» in ihn; erwecken und ihn des Darms ver- vergessen machen.
Da Petrolv merkte, das; der Fremde ihn gar nicht beachtete, schwieg er trotzig, und als sie vor dem Dause der Witwe Rahlscn standen, sagte er kurz: „Dier wohne» Sie, Herr — gute Nacht," Er eilte schnell davon,
Neue Brian ries in die dunkle sskacht: „De — P.erow, hier etwas sü; den Weg." ^
Aber die Schritte des Bursche» verhallten in der Ferne, und Rrne lies; das Markstück tvieder in seine Tasche gleiten. Er tastete nach dem Türgriff und klinkte, doch das Tor war twr'ckl; ssen.
Da klopfte er laut und hart an die eichenen Bohlen und lauschte dann. — Nach geraumer Zeit vernahm er, wie leichte Schritte eine Dolzsticge hcrabkamen, und dann fragte eine Mäd- chenstimme: „Wer begehrt Einlass-"
Die Stimme schien Rene bekannt, diese vollen Töne mit dem weiche», vibrierenden llnterklang, wie sie leidenschastliche Menschen haben,
„Wer begehrt Einlaß?" fragte es drinnen wieder, jetzt säst mit dem Tone des Unwillens,
„Re"7 Brian, der Sommergast," antwortete Rene schnell. Das alte Schloss knarrte langsam und bedächtig, aber dann schlug die Tür schucll auf, und Arda, in der Rechten eine Wind- lcuchte, die sic hochhielt, stand vor Rene in der Tür wie in einem Rahmen,
Sie hatte die. blonden Flechten schon gelöst und das Daar wallte in vollen Fluten über Nacken, Schultern und Busen,
Die Lichter der Lampe spielte» in den Strähnen und leuchteten wie stammendes Gold,
Arda senkte die Augen und zog ihr Brusttuch sester uni ihre Schultern, als sie den Fremden vor sich sah. Sie war ein Bild reinster Schönheit und erhabenster Tugend, und Rene vermochte nicht, das Bild zu lassen mit seinen Augen, und er rührte sich nicht, und tvieder jubelte der Künstler in ihm auf.
Und Arda trat einen Schritt zurück und sagte: „Willkommen aus unserer Schwelle," aber sie wagte nicht, den Blick zu heben, und nachdem Rene eingetretcn >var, setzte sie die Leuchte aus die Steinsliesen des Bodens und stemmte dann ihren jungen Körper gegen die .Eichcntür und saßtc den Riegel mit beiden Dänden, und während sie die Tür verschloss, spannten sich die Muskeln ihres Leibes, und sie tvar jetzt ein Bild nordischer Kraft, Nun reichte sie Rene die Dand und sagte nochmals: „Willkommen ans unserer Schtvelle, Herr!"
Sie btickte jetzt Rene voll an, und der Maler sagte sich, daß dieses Mädchens Augen von unergründlicher Tiefe seien, die Sterne einer Seele voller Wunder und Märchen,
Er wollte eine Entschuldigung Vorbringen, weil er zu so später Stunde einkehre, aber diesem Mädchen gegenüber erschien ihn; eine Döflichkeitsphrase abgeschniackt, und er sagte nur: „Ich danke Ihnen für diesen Grus;, — ich danke Ihnen doppelt, weil er so schlicht und herzlich war,"
„Wir hierzulande reden, wie wir cs meinen, Herr. Viele Worte sind unsere Sache nicht, lind nun bitte ich Sie, in Ihre Zimmer zu kommen,"
Sie hob die Leuchte aus und schritt die schmale Flur entlang, und dicht »eben dem Treppenaufgang öffnete sic eine Tür, Arda ivandte sich ein wenig zu Rene und sagte im Tone der Entschuldigung: „Ich gehe voran," und sie schritt in das Zimmer und entzündete drin eine Lampe, dann trat Rene ei».
Während Arda eine schmale Tür, die nach dem Garten führte, schlotz Und dann das Rolleau des Fensters herabließ, Musterte er schnell das Zimmer,
Es tvar nicht groß, aber behaglich und zeigte sogar einige echte Möbel aus alter Zeit,
Fast die ganze Rückwand der Stube nahm ein riesiger, altdeutscher Schrank ein, der auf mächtigen Kugelfüßen ruht« und niit künstlerisch ausgeführtcn Schnitzereien und Eiscnschuncdc- arbeiten verziert war, Ani Fenster stand ein kleiner Schreibtisch, davor gucr im Zimmer ein kleiner Diwan und eine Art Serviertisch daneben, und endlich an der dritten Wand ein uraltes Spinelt aus gedrehte», dünnen Beinchen, und die zwei rundeir Dcnkelgrifse am Klappdeckel sahen auS wie große Auge», die ängstlich bittend nach dem riesige» Schrank schauten, als wollten sie sagen: „O — erdrück mich nicht mit deiner Wucht, ich bin noch ein zierliches Dämchen aus der seligen Rokokozeit und weis; selbst nicht, wie ich aus meiner bunte» Welt in diesen kalten Norden verschlagen wurde," In der vierten Wand war eine Glasschiebetür, die nach der Schlaszimmcr sllhrte, und links von ihr standen steif und erhaben, wie Wächter, zwei hochlehnige Kirchenstühle
Arda schob die Glastür zurück nnd trat mit der Leuchte in die Schlafstube, und sie sagte zu Rene, der sich vor dem Schreibtisch in den Sessel gesetzt hatte: „Wir erwarteten Sic erst morgen, Derr, und deshalb ist Ihr Bett noch nicht bereitet. Ich besorge es sofort."
Und Rene sah durch die Tür, wie sic draußen emsig schasste, wie sie die schneeigen Linnen entfaltete und ihr Körper sich bog und streckte.
Er sah, wie sic durch eine schnelle, anmutige Kvpsbewegung das widerspenstige Haar in den Nacken warf, und er sah, wie sich das Brusttuch verschob und von Augenblick zu Augenblick der weiße Hals schimmernd erglänzte, und er fühlte, wie seine Pulse schlugen.
Er aber deckte die Hand vor die Augen nnd sagte zu sich selbst: „Nicht so, Rene, — nicht so, Dier ist alles so rein, so klar, so fest, so sicher: die Stube, die Möbel, die Lust, das Mädchen da draußen. Du mußt auch so werden, Rene,"
Und die alten Möbelstücke schienen eigene Lust auszuatmcn, eine Lust, wie sie alte Prunkzimmer haben, eine Lust, die reden kann, die erzählen kann von verflossenen Zeiten, — Und Rene hörte, ivie der Schrank erzählte, und wie die holzen Kirchciv- stühlc erzählten, und das Spinelt flüsterte mit seinen; dünnen Stimmchen: „Komm her, Fremdling, und löse meine Zunge, du wirst Wunderdinge hören,"
Und mit magischer Gewalt zog cs ihn an das Instrument, Er schlug den Deckel zurück und griff in die vergilbten Tasten, nnd wie Märchenzaubcr war es um ihn her.
Er wußte nicht, was er spielte, die Töne quollen erst verworren, und ohne seinen Willen klärte sich die Musik, und nun war cs die Barkarole aus „Dossmanns Erzählungen", mit ihren schweren Akkorden, mit ihrem einschmeichelnden Geflüster und ihren dunklen Tönen aus einer anderen, geisterhaften Welt. Und er wunderte sich nicht, daß er gerade hier dieses Stück spielte, ihn; war, als müßte das so sein, als passe hier in diesen Raum, in diese Umgebung, in diese Nacht kein anderes Spiel so, wie dieses hohe Lied der Mystik,
Sein Ohr vernahm die Töne, aber seine Gedanken schwebten aus unsichtbaren Fäden in weite, weite Fernen, wo kein Meer braust ünd keine Brandung tost. Oder doch? — Braust dort nicht auch ein Meer, das Meer der Welt? — Tost dort nicht die Brandung des Lebens? Und wäre er nicht beinahe verschlungen worden von ihr, die die Menschen einen Kamps umS Dasein nennen, die Großen einen Kamps um Ruhm und Glanz und Gold, die Kleinen einen Kampf um Brot und Liebe, — Auch um Liebe?
„Auch um Liebe?"
Er brach ab, er hatte seine eigene Stimme gehört, und ihn schauderte.
Und als er aufblickte, sah er in zwei große, erloschene Augen, und er sah einen bebenden Mund, und der sagte zitternd: „Sie haben eine lange, eine herrliche Geschichte gespielt, und kein Wort daraus ist mir entgangen, und morgen abend will ich sie erzählen vorn an; Frcimast,"
Und Seedc Bahlsen wandte sich ab, und mit leiser Stimme sagte er: „Wie groß ist doch die Gabe des Herzens! Daß man auch mit Tönen erzähle» kann, habe ich noch nicht gewußt. — Das Meer habe ich rauschen hören, aber es sagt immer dasselbe: Ich bin die Ewigkeit in meiner Größe und bin wie das Gelvissen in meiner Unrast, — Und die Baumwipsel habe ich rauschen hören, und sie sagen: Wir sind wie das Leben, bald üppig und schön, bald kahl und öd, — Und ich habe gehört, wie sich der Wal durchs Wasser wälzt, und diese Töne sagen: Die Kraft hat die Macht, — Und ich habe gehört, wie der Ries?»- dainpscr brüllt aus weiter Ferne, aber der schreit: Nicht die Kraft, sondern der Geist hat die Macht,"
Da lau; Arda und schmiegte sich au Sccde, und ihr Haar sloß über seine Schulter und sie sagte weich: „Nicht die Kraft, Scede, und nicht der Geist allein haben die Macht, die Liebe allein hat die Macht,"
Und sie zog Seedc hinaus.
An der Tür wandte sie sich zu Rene und nickte ihn; zu, und ihre Augen sagten auch: Die Liebe hat die Macht, Rene aber stand aus UND der Frieden war entwichen aus seiner ^eele
Er stöhnte gequält auf: „?luch hier gehts um Liebe, und ich floh vor der Liebe, O, sagt mir einer, wo es keine Liebe gibt, vielleicht gibt es dort auch keine Qual und keinen Daß,"
Er öffnete die Tür nach den; Garten und schritt hinaus. Ein ganz, ganz schmaler Mondstreis schivcbtc aus den Wolken, und leine ivmigen Strahlen irrten durch das Gebüsch des Gartens, als fürchteten sie das Dunkel der Nacht,
Und Rene fand einen schmalen Weg, den schritt er dahin und wieder zurück, und die frische Lust tat ihm wohl, und das leise Wehm der Nacht erklang wie ein Märchen von fernen Gestade», Er spähte das Haus ab, aber alles war finster und still, und , er sagte sich, daß dort drinnen seltene Menschen wohnen, her Blinde mit seiner Scherstimme und dem Poetenherz u;ü> mit seiner Kinderphilosophie, und das Mädchen mit den dunklen Rätselai;geu mit einer Seele, die sich noch nie erschlossen l>at und vielleicht nie erschließen wird.
Und ihn hatte der blanke Zufall hercingewirbelt. Er suchte einfache Menschen mit Kindervcrstand,
Nnd was hatte er gefundm? — Ja, was?
Die Menschen interessierten ihn, sie erweckten die Lust in ihm, sie zu ergründen, sie trafen das Eigene in ihm, den Künstler, der zerlegt und kombiniert.
Nach langen;, langem Wandern endlich trat Rene in sein Zinnner und legte sich schlafm.
Und wie sich die Kisten an sein Haupt schmiegten, war es ihm, als seien sie die weichen Hände eines nordischen Mädchens,


