Ausgabe 
3.6.1914
 
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für Sie nicht mehr der mindeste Grund zu irgendwelchen Bedenken vorliegt/'

Das Auto film vor der Villa aw, und unmittelbar darauf empfahlen sich die Dame», die den Herren das Feld räumen und nicht für die Fröhlichkeit der nun kommenden Kneiperei hinderlich fein wollten. Die gesamte Beamten­schaft begleitete die Damen bis zu dem vor der Tür stehen­den Auto. Werner küßte Frau Schottelius die Hand sehr förmlich und Dora sehr warm. Er fühlte einen ganz leisen DrmI der Hand Doras.

Das Auto fuhr ab und die Fahrgäste lehrten nach der Billa zurück, uni hier den vortrefflichen Weinen ans dem Keller von Saarlirche» alle nur mögliche Ehre angcdcihen zu lassen.

7. Kapitel.

Erst gegen acht Uhr morgens wurde Werner wach-, die letzten Gäste waren erst gegen drei Uhr gegangen. Dann frühstückte er rasch und bestieg das Pferd, mit einen weiten Spazierritt zu machen.

Um nenn Uhr vormittags fuhr Frau Schottelius mit dem Auto vor der Direktor-Villa vor. Sie kam, um An­ordnungen betreffs der Ueberreste des kalten Büfetts und des Weines sotvie der Geschirre zu treffen. Sie tvar allein, denn diese häuslichen Angelegenheiten waren ihre Domäne.

Frau Wolf empfing beit Gast mit tiefen Knireu und verbindlichsten Redensarten. Es lag ihr sehr viel daran,

e die Gunst der Frau Schottelius zu erhalten. Sie ver- kte ihr nicht nur die Stellung als Kastellanin und Wirt­schafterin in der Direktor-Billa, sondern erhoffte von ihr noch die weitere Beförderung zur Leiterin oder Haus­mutter einer der Wohltätigkeitsanstalten, die demnächst von Dora Buchwald gegründet werden sollten.

Bon dem kalten Büfett war nicht viel übrig; die Herren hatten nachts noch einmal einen tapferen Angriff gcniacht, de^n fast die ganzen Reste zum Opfer gefallen waren. Frau Schottelius überließ diese Ucberblcibsel Frau Wolf und dem Personal in der Billa, ebenso die angebrochenen Wcin-

K cn Die intakten Flaschen, sotvie das Geschirr, mit i Reinigung die beiden Dienstmädchen beschäftigt wa­ren, sollten sorgfältig eingepackt und nachmittags nach Saarkirchen abgeholt werden.

Frau Schottelius fragte, ivie lange die Gäste in der Billa gewesen seien, und Frau Wolf erstattete Bericht und fügte aus freier Erfindung hinzu, daß die Gäste nicht ge­nug des Lobes über Speisen und Getränke gefunden hätten. Sie erzählte amü, der Bergrat sei fortgcriltcn und werde erst zu Tisch wieocrkontmen. Dann ivcrdc er wahrscheinlich lvieder arbeiten; es sei zu verwundern, tvic tätig der Herr sei, bis lies in die Nacht hinein arbeite er.

Frau Schottelius antwortete mit einem verächtlichen Achselzucken und der Bemerkung:

Neue Besen kehren gut."

Mit dieser Bemerkung schaffte sie für Frau Wolf, die sehr klug und vorsichtig ivar, sofort eine Klärung der Si­tuation. Die Wirtschafterin wußte jetzt, daß der Bergrat bei Frau Schottelius mißliebig ivar, und daß sie sich selbst schädigte, wenn sie ihn lobte und die Ruhmeslrompete für ihn blies. Sie hütete sich daher, »och irgend etwas zu seinen Gunsten anzuführen; im Gegenteil, sie ließ ein­sliehen, daß es doch imnicrhin im Hause eine Junggesellen- ivirtschaft sei, in der nicht alles so znginge, wie cs eigentlich sollte. Aus freien Stücken fügte dann Frau Wolf noch einige Klatschgeschichten hinzu: ivie die Tochter des Hülten- dircktors Grau Zusammenkünfte mit einem jungen Berg­beamten habe, und ähnliche Berichte aus der Skandal­chronik der Nachbarschaft. Frau Schottelius hörte schwei­gend, aber nicht ungern diese Klatschgeschichten au. Frau Wolf deutete daun darauf hin, daß sie sich immer noch des gnädigen Wohlwollens der Frau Schottelius versichert halte und hoffe, durch sic noch zu einer besseren Stellung zw gelangen.

Frau Schottelius stellte ihr eine solche auch in Aus­sicht, vergaß aber nicht hinzuzufügen:

Natürlich wird alles von ihrem Verhalten abhängcu. Vergessen Sie nicht, daß Sic hier vor allein die Interessen der Dienstherrschaft wahrzunehmeu habest. Sie sind nicht die Angestellte des Bergrats, sondern der Besitzerin."

Frau Wolf gab lebhafte Versicherungen ihrer Treue und Anhänglichkeit an Frau Schottelins und ihrer Ergeben­heit für die Chefin der gesamten Werke. Sic verschwieg,

daß sic wohl begriffen habe, wie sie von jetzt ab die Nolle der Aufpasserin gegenüber dem Bergrat zu spielen habe.

Fast eine Stunde blieb grau Schottelius in der Di­rektor-Billa, dann fuhr sie wieder nach Saarkircheu, mit dem angenehmen Bewußtsein, in der Direktor-Villa eine kleine Mine gelegt zu habe», die sie nach Belieben zur Ex­plosion bringen konnte.

Werner, der natürlich nicht ahnte, ivelch freundliches Interesse Frau Schottelius an ihm nahm, machte einen weiten Spazierritt, der ihn erfrischte, und kam erst kurz vor der Tischzeit nach Hause. Tie Nachwchen der nächtlichen Kneiperei waren bei ihm verslogen; er mit gutem Appetit, legte sich dann noch eine Stunde schlafen und kleidete sich um. Graf Klinter sollte kommen, um ihn zu in Besuch bei Frau Barbara Glover abzuholen, wo sie ihr Gutachten über die Kiesgruben und die demnächstige Ver­pachtung derselben abgeben sollten.

Der Graf kam auch pünktlich mit seinem Auto an­gefahren, und dieser schlug, nachdem Werner cingestiögcn ^var, die Richtung nach Jvershofen ein.

Ich habe aus Gründen der Klugheit Frau Glover veranlaßt, auch den Geheimrat einzuladcu. Er soll nicht übergangen werden, und ich möchte altes vermeiden, ivas ihn irgendwie verletzen könnte"

Meinen Sie, daß er es als eine Bernachlässignng> seiner Person empfunden hätte, wenn ihn Frau Glover nicht ebenfalls zu Rate gezogen hätte?" fragte Werner.

Vielleicht doch! Der alte Herr ist nun mal die berg- n»d hüttenmännische Autorität in der ganzen Umgegend. Ich habe aber noch etwas anderes dabei im Auge. Es ist möglich, daß der Gcheimrat selbst die Pachtung der Gruben übernimmt. Er ließ vor einiger Zeit wenigstens eine dahin­gehende Aenßerung vor mir fallen. E-r ist immer noch sehr tatenlnstig und vielleicht macht es ihm Spaß, irgend etwas aus eigene Rechnung zu unternehmen. Die Leitung der Buchwatdschen Werke wird er ja doch nun auch in nächster Zeit los. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß Sie noch vor Ablauf dieses Jahres die Generatdirektion übernehmen, und dann braucht der alte Herr eine Beschäftigung."

Wenn Graf Klinter eine Gegenänßerung von Werner erwartet hatte, so wurde er enttäuscht. Werner war nicht imstande, etwas zu antworten. Ablehnen konnte er den Gedanken nicht, daß er die Generaldirektion übernahm und daß er dauernd dablieb. Aber es waren doch recht gemischte Gefühle, mit denen er an die Zulünst denken mußte.

Der Gutshof vo» Jvershofen war sehr stattlich, das Herrenhaus ein wirkliches Schloß, seit ivenigen Jahren neu gebaut, mit Türmen und Zinnen, dabci schon von außen den Eindruck der Behaglichkeit und Wohnlichkeit machend. Frau Glover fand es nicht für nötig, sich irgend eine Garde­dame z» halten, wie Dora Buchwald in der Gestalt der Tante Schottelius. Sie war die Herrin und Königin ans ihrem Gute, und ihr ganzes Wesen und Auftreten zeigte die Herrennatur, die keines fremden Schutzes bedarf. Daß Frau Glover strenges Regintent hielt, sah man auf den ersten Blick, wenn man das Schlößchen betrat; die Dicner- schnst war gut geschult und sehr aus dem Posten.

Frau Glover empfing die Besucher im Salon, und als man wenige Minuten geplaudert hatte, hörte man den Wagen des Geheimrats Vorfahre».

(Fortsetzung folgt.)

Der Blinde am Meer.

Roman vo» Karl B ö t t ch e r - Cheinnitz. lNachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

In der Dunkelheit wuchs Petrolvs Mut. Er blieb stehen und sagte:Ihr BildWaldmärchen" hat mir sehr ge­fallen. Ich habe in Hamburg in -der Ausstellung stundenlang davor gestanden und mir gesagt: Wer so etwas malen kann, ist der Natur über." Ein schlaues Schmunzeln zog über Petrolvs Antlitz. Er war im Innern stolz aut seine Kunst, die Worte setzen zu können, und aus die Art, wie er die aus seinen Seo- reifeit erlangte Weltkenntnis anbringen konnte. Aber Rene hörte kaum ans die Worte des Burschen. Die noch vor wenigen Tagen in Helgoland von ihm geschmähte Kunst ivar urplötzlich lvieder in ihm erwacht. Ein Bild stand fertig vor seinen Augen, fertig