Ausgabe 
30.5.1914
 
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LauseS, wenn sie sich nicht vorgestellt sind, grußlos aneinander vorüber. Das zweitemal lächelte Fräulein Edith Sommer schon »in klein wenig, und jetzt nickte sie bereits so freundliche als IMären sie alte Bekannte, lind sie »mißte dock, nichts weiter von ihm, als daß er Fritz Rothe hieß und Bankbeamter ivar. Diese Kenntnis verdankte sie der Portiersfrau, die ihr die Aufwartung besorgte. Fast den ganzen Herbst über blieb's bei dein stummen Gruß. Aber Fritz Rothe sah iin Wache» und im Traum immer das liebe seine Ge­sicht der jungen Lehrerin vor sichs und cS war ihm, als habe er sich so, gerade so von jeher seine künftige Frau gedacht. Gar zu gern hätte er Fräulein Sommer einmal gesprochen, aber das wagte er natürlich nicht. Er wartete geduldig daraus, daß das Schicksal ihm so oder so gnädig die Bekannlsilmst vermitteln würde. Und loirklich, das Schicksal war so freundlich. Eines Tages fand Fritz- chcn in seinem Briefkasten eine Drucksache: Eindurchaus solides Heiratsbureau" bot ihm seineganz diskrete Vermittelung" an. Und nein, wenn das nicht ein Wsink des Schicksals war: gerade in diese Drucksache hatte sich eine Postkarte geschoben, die an Fräu­lein Edith Sommer, Lehrerin, adressiert tvar. Natürlich mußte er die Postkarte sofort persönlich abliefern, und daß er Fräulein Som­mer jetzt trcssen tvllrde, hatte ihul das Helle Fenster gesagt. Natür­lich würde er nur bescheiden anklopfen, die Karte übcmeiche» und sich vorstclle». Es kam aber viel schöner. Fräulein Sommer be­dankte sich freundlich und lud Frischen, nachdem er sich vorgestellt, zum Nähcrtrclen ein. Und er blieb zehn Minuten, und als er ging, hatte man für den folgenden Sonntag einen Spaziergang verab­redet. Fritzchcn hatte vorgeschlagen, sie möge eine Kollegin dazu aufsordcrn, denn er fürchtete, allein würde das junge Mädchen nicht mit ihm gehen, tvollen. Doch sic hatte lacheich abgewehrt und gemeint, zu zweien wandere es sich ain schönsten, und mit Kollegen sei sic schon oft genug zusammen. Auf Spaziergängen mit Kollegen lause immer die Schule mit, die man dock> ganz mal zu Hause ließe. Ec> wurde ein herrlicher Spaziergang, und es blieb nicht bei diesem einen Mal. An jeden» schönen Sonntag zogen die zwei jungen Leute zusammen aus, mitunter schon morgens. Bei schlechtem Wel­ler gingen sie ins Theater, dann besorgte Fritz die Billetts und Edith bcivirtete ihn nachher in ihrem netten Zimmer mit Tee und Butterbrot. All' ihre kleinen Freuden und Leiden vertraute sie dem jungen Manu an. Er erfuhr, daß sie säst ganz mittellos war, keine Eltern mehr hatte, uicd daß sie gar nicht sehr für ihren Beruf schwärme.Aber was bleibt einem armen Mädel, weiter übrig," seufzte sie manchmal, und dann strahlte Fritz. £>, er wüßte schon eine Hilfe, er wollte nur noch chen l. April abwarten. Wenn ihm die in Aussicht gestellte Gehaltserhöhung sicher war, würde er um das geliebte Mädchen werben.

Weihnachten brachte eine Trennung: Fritz reiste zu seiner Mutter, Edith zu einer Tante. Und nach Weihnachten gad's schar­fen Frost, unÄ nun ging's zuni Schlittschuhlausen. Fritz war ein guter Läufer. Edith, noch ungeübt, ließ sich gern von ihm führen. Daß ihn ein so seines, kluges, hübsches Mäschc»» lieb hatte, war ihm ost wie ein Traum. Alber es konnte doch nicht anders sein, sonst würde sie natürlich nicht so gern mit ihm zusammen sein. Fritz hatte keine Ahnung von der Kameradschaft zwischen jungen Männern und Mädchen, wie sie heute üblich ist. Gr war in einer Kleinstadt ausgewachsen: dort war eine solche Kameradschaft nicht denkbar. Zu gern erzählte er Edith von seiner Mutter, und sie hörte geduldig zu. Nun war der Frühling da, und Pfingsten stand vor der Tür. Der 1. Apoil, ost ein loser Geselle, hatte Fritzchen richtig dreihundert Mark Gehaltserhöhung gebracht. Edith hatte keine Reisevläne für die Ferien, da die Tante sie nicht gebrauchen konnte. Für den ersten Pjingsttag hatte Fritzchen mit ihr eine größere Tour verabredet. Sie wollten ein paar Stationen mit der Bahn fahren, dann ein malerisch über deni Fluß gelegens altes Schloß besuchen und dort bis zum Abend verweilen.

Die Sonne lachte Pfingsten freundlich vom Himmel, und strah­lend waudcrtc Fritzchcn mit Edith zum Bahnhof. Diesmal nahm er Fahrkarten für die zweite Klasse, denn der Andrang zu den Schal­tern der dritten war so groß, daß man auf einen leidlichen Platz nicht zu rechnen war. In einem Nichtraucherabteil kamen sie gut unter, nur ein Herr saß in der anderen Ecke. Edith sah in einem schlichten grauen Kostüm geradezu vornehm aus, und Fritzchen bemerkte mit heimlichem Stolz, wie der Herr immer wieder, unauffällig zwar, aber doch sichtlich interessiert nach ihr blickte. Nach kurzer Weile erhob er sich gar und streckte Fritzchen die Hand hi» mit den Worten: Ja, Fritzchcn, bist du's wirklich? Das ist zu nett, daß wir uns mal Wiedersehen. Willst du mich, bitte, der Dame vorstellen? Ich hosfc doch, dn erinnerst dich deines ehemaligen Schulgenossen?"

Ja, jetzt, wo ich dich sprechen höre; so von Ansehen hätE ich dich nicht erkannt. Herr Albert Münzel, Fräulein Sommer. Lebst du schon länger hier?"

Erst ein paar Tage, Fritzchen. Ich bin seit dem 1. Avril als Lehrer an der Akademie angestellt. Ja, das ivar Dusel! Wenn ich denke, ivievicl Maljünglingc in der Welt beinahe verhungern! Und mir fällt die Stelle, die mir noch reichlich Zelit für meine Privat­arbeiten läßt, durch Empfehlung eines Professors nur so in den Schoß." \

Ta muß man dir also gratulieren, Münzel. Also bist du wirklich Maler geworden, wie du schon aus der Schule vorhattest? Fräulein Sommer ist auch eine große Kunstschwärmerin, während ich wenig von diesen Dingen verstehe. Wlo fährst du hin, wenn ich kragen darf?"

Die Antwort ergab, daß der Maler dasselbe Ziel hatte wie Fritzchen und seine Gefährtin. Albert Münzel war sichilich befriedigt von diesem Zusammentreffen, und auch Edith wacks offenbar ange­nehm, daß der Künstler der Dritte im Bunde sein würde. Fritz war weniger erbaut davon. Er hatte soviel von dem Tag gehofft; sein ganzes Herz drängte ihn zur endlichen Aussprache mit Edith, und das Pfingstfest schien so recht geeignet zum Verloben. Nun mußte er sich gedulden bis zum Nachhausckommen. Dazu kränkte cs ihn, daß Münzel ihn fortwährend Fritzchen anredete: Edith gegen­über, die nicht wußte, daß er überall so genannt Ivurde, war ihn» das peinlich. Im Lause des Gesprächs warf der Maler, übrigens ein schöner, stattlicher Mensch, hin:Na, Fritzchen, .du trägst heute noch deinen Schulnamen mit Recht. Hättest ein bissel mehr in die Höh' wachsen können. Aber das läßt sich halt nicht erzwingen." Fritzchen fand keine Antwort aus diese Bemerkung und so begnügte er sich mit einem Lächeln, das ihn» aber herzlich schwer wurde; Ediths Blick streifte ihn fast mitleidig, und das tat ihm weh. Aber der Pfingstsonntag brachte dem armen Fritzchcn noch mehr Bitteres. Münzel nahm Edith vollständig in Anspruch, machte sie auf land­schaftliche Schönheiten aufmerksam, und sie lauschte niit sichtlichen» Vergnügen jedem Wort aus seinem Munde. Er war auch in an­deren Dingen, von denen Fritz wenig kannte, wohl bewandert, in der Literatur und in allerlei Kulturfragen. Da Edith auf alles lebhaft cinging, flogen die Reden und Gegenreden unaufhörlich hin und her. Fritzchen kam sich bald recht überflüssig vor. Auch als nian am Ziel angelangt war, übernahm Münzel die Führung, suchte in der Glasveranda einen Sitzplatz aus und stellte das Menü zusammen, dabei aufmerksam nach Ediths Wünschen fragend. Edith war von strahlender Heiterkeit, die sich während des Miltagcssens immer noch steigerte. Fritzchen schlug dann einen Spaziergang in den Wald vor, der sich vom Schloß aus stundenweit auf dem Bergrücken hinzog. Doch Münzel war der Meinung, man solle erst noch ein Stündchen sitzen bleiben und eine Tasse Kaffee trinken. Edith stimmte zn, und Fritzchen sagte hastig:So will ich den Kaffee bestellen. Sonst! dauert es zu lange, die Bedienung reicht heute offenbar nicht aus." Ohne eine Antwort abzuwarten, erhob er sich und wandte sich dem Schloßrestaurant zu. Dort bestellte er Kaffee, dann aber wandcrte er nach ciner anderen Richtung weiter, auf einem wenig begangenen Pfad, den er von früher kannte. Mochten die beiden Kaffee trinken, er mußte erst eine Weile allein sein. Was war denn eigentlich geschehen, daß er sich so unglücklich fühlte? Es hatte sich ein Freund aus der Schulzeit ihm und Edith ange­schlossen. Dieser Freund hatte ihnFritzchen" genannt wie einst, und wie alle taten, die ihm nahestanden. Nur Edith hatte ihn bisher nicht so genannt, weil er eben für sie nichtFritzchen", sondern Herr Rothe" war. Es war ihm schmerzlich, daß sie es nun wußte, nne man ihn anzurcden pflegte, aber früher oder später hätte sie's ia doch erfahren müssen, llnd daß sie lebhaft aus Münzels Unter­haltung einging, das durste er ihr doch nicht zum Vorwurf machen. Er hatte ihr noch nie von seiner Liebe gesprochen, auch nicht, wenn sic mal geseufzt hatte:So'n armes Mädel, wie ich, kriegt doch keinen Mann, und so werd' ich wohl zeitlebens schulmeistern wüsssen!" Wie konnte er da verlange», daß sie sich nicht mit einem anderen Menschen gut unterhalten sollte? Nein, die Schuld lag nur an ihm selbst, an seiner Schwerfälligkeit. Und wenn's wirklich heute nicht zur Aussprache kam, morgen war ja noch ein Feiertag, und für morgen hatte Münzel bereits eine Verabredung mit Bekannten. Und vielleicht konnte er ihr doch heute abeud noch sagen, wie lieb er sie habe und daß er nichts sehnlicher wünsche, als sie zur Frau zu bekommen und sie auf den Händen zu tragen. Mütig und von der Absicht erfüllt, nun fröhlich msit den Fröhlichen zu sein, eilte Fritzchen zurück und fand die beiden am alten Platz, Kaffee trin­kend und sich lebhaft unterhaltend. Sie rauchten Zigaretten und schienen in heiterer Stimmung. Als er an den Tisch trat, ries Münzel:Na, Fritzchen, du bist ja entsetzlich lange ausgeblicbcn, ich glaube, wir haben die Kanne allein ausgetrUukcn."

Ach, wirklich, Fritzchcn! Sie haben doch nichts dagegen, daß ich Sie auch so nenne? Die Kanne ist leer. Aber ich! habe gar nicht bemerkt, daß Sie weg waren. Herr Münzel hat mich so gut unterhalten, daß ich nicht aus dem Lachen herausgekommen bin. Es gibt hoffentlich noch mehr Kaffee."

Sicher," erwiderte Fritzchen mit Anstrengung.Ich Hab' mich vom Wald verlocken lassen, es ist so schön zwischen den hohen Tannen."

Ja, wir dürfen nun auch nicht länger faulenzen, Herr Münzel. Bis Sie Ihren Kaffee haben, Fritzchcn, wird es wohl zu spät. Sie kommen uns vielleicht nach?" Die letzten Worte klangen nicht gerade einladend. Doch Fritzchen nickte und sah den zwei schönen, fröhlichen Menschen nach, bis sic zwischen den Bäumen verschwan­den. Und nun wußte er, daß er heute nicht sprechen wälrde und morgen nicht und niemals. In dieser Nachmittagsstunde des Pfingsttags begrub Fritzchen seinen Liebestraum. Als Münzel und Edith zurückkehrten und fragten, warum er nicht nachgekommeii fei, erwiderte er mit ruhiger Stimme:Ich fand's hier so schön. Die Sonne schien so warm. Ich glaube, ich habe geschlafen und ge­träumt. Aber nun bin ich ganz wach." Edith streifte ihn mit fchcucm Blick, und der Maler lachte hell auf.

Das sieht dir ähnlich, Fritzchen! Träumst am hellichten Tag, wenn sich andere Leute amüsieren. Na, es muß auch solche Käuze geben!" Da nickte Fritzchen und sagte:Wir müssen wohl auf-