Ausgabe 
30.5.1914
 
Einzelbild herunterladen

Krau Wolf hatte de» Spieltisch für die Herren im ersten Stocktverk in dem Balkonzimmer zurechtgemacht.

Wir wollen erst etwas essen und dann an das Spiel gehen," schlug Werner öov; aber Graf Klinter und Kersten protestierten dagegen:

Das gibt es nicht!" sagte Kersten.Mit vollem Magen spielt es sich schlecht. Erst sollen Sie mit uns ei» Paar Runden Skat spielen, dann kommt das Essen."

Aber ich bin sehr hungrig," protestierte Werner.

Sie tverden es schon-noch anshalten."

Werner hatte das Gefühl, als ob er selbst oder hie beiden Gäste nicht richtig im Kopfe seien. Konnten denn diese beiden sonst so vernünftigen Menschen derart fanatische Skatspieler sein, daß sie ihn nicht einmal essen ließen? Oder was war sonst los? Gaukelte ihm die Unruhe, die ihn seit lo langer Zeit Tag und Nacht quälte, irgendtvelchc Phan­tasien vor?

Werner und seine beiden Besucher setzten sich an den Skattisch, und da es draußen anfing dunkel zu werden, mußte das elektrische Licht angedreht werden.

Werner spielte zerstreut, aber Klinter und Kersten noch zerstreuter. Wirklich, ein sonderbareres Spiel konnte man sich gar nicht denken; jeder der Spielenden schien an etwas anderes zu denken, aber nicht an das Skatspiel.

Meine Herren, Sie sind hungrig," sagte endlich Wer­ner;das merkt man Ihrem Spiele an. Ich bi» selbst ein elender Skatspieler, aber Sie sind Ivirtlich auch keine Leuch­ten des Spiels. Ich glaube, wenn wir gegessen haben, wird die Sache besser gehen."

Seien Sie doch nicht so entsetzlich inateriell," nieinte Geheimrat Kersten etivas ärgerlich,und reden Sie nicht fortwährend vom Essen! Wenn wir Fehler beim Spiel machen, so liegt das daran, daß wir noch nicht aufeinander eingespielt sind. Wirklich, Graf Klinter, Sie könnten etwas mehr acht geben. Durch Ihre Unaufmerksamkeit haben ivir die beiden letzten Spiele verloren."

Graf Klinter antivortete nicht, sondern lächelte sehr eigentümlich. Dann sah er nach der Uhr, und Kersten folgte seinem Beispiel.

Ich will Ihnen etwas sagen," bemerkte Kersten dann; Ivir spiele» bis acht Uhr, da»» können wir meinetwegen essen. Die halbe Stunde werden wir schon noch aushaltcn."

Werner spielte weiter ohne Aufmerksamkeit. Er wurde auch durch eine ihm unerklärliche Unruhe, die draußen auf der Straße und in der Nähe der Billa herrschte, ge­stört. Er kannte alle Geräusche, die sich tags und nachts rn der Umgebung seiner Wohnung bemerkbar machten, ganz genau. Aber heute gab es so viele außergewöhnliche. Autos fuhren hin und her, und zwar in allerschnellstcr Gangart, oas hörte man an ihrem ängstlichen Tuten. Es kam Werner vor, als höre er den Marschschritt von großen Kolonnen aus der Entfernung. Auch die Tone von Musik schiene» zu ihm hernberzudringen.

Er war seiner Sache allerdings nicht sicher; er wußte ja überhaupt nicht mehr, ob er Herr seiner Gedanken sei.

Die Regulator-Uhr im Zimmer fiW- bt Uhr. Werner und Graf Klinter zogen ihre Tast' um p ver­

gleichen.

Kersten legte die Karten auf de» Tisch, stand ans und össnete die Balkontür. Er trat auf den Balkon hinaus, und Werner wollte ihm folgen. Mit dem liebenswürdigste» Lächeln aber trat ihm Graf Klinter in den Weg und sagte:

Lieber Freund, verderben Sie uns unsere Freude Nicht!"

Ehe Werner noch eine Frage stelle» konnte, was das alles zu bedeuten habe, setzte draußen schmetternd eine Musikkapelle mit dem ?)orck Marsch ein. Die wuchtigen Rhythmen, unterstützt durch die Paukenschläge, erschreckte» Werner säst. Sie tönte» in unmittelbarer Nähe des Hauses.

Kersten stieß die Tür des Balkons ans und ries den beiden zu:

Nun ist es so weit! Bitte, treten Sie hinaus!"

Heller, grünlicher Schein ließ Werner fast erschreckt znrückprallen. Biele Hunderte von Magnesiumfackeln brann­ten da unten auf der Straße und kamen mit ihren Trägern marschiert, und hinter dem grünlichen scharfen Lichte des Magnesiums kamen viele hundert Bergniaiinslampen, deren Träger in Gliedern zu zwölf Mann 'die ganze Breite- der Straße einnahmcn.

Ein Fackel- und Lampcnzng Werner zu Ehren ans Anlaß ferner Ernennung zum Bergrat!

Jetzt verstand Werner das sonderbare Betragen des Geheimrats und des Grafen. Sie hatten ihn in Wirklich­keit überrumpelt, in seinem Bureau verhaftet und nach seiner Wohnung geschleppt, damit er auch anivesend war und sich der Ovation nicht entziehen konnte.

Tie Musik schwenkte von dem Hanse ab in den Garten, und betäubendes Geschrei der Fackelträger begrüßte Werner, der jetzt allein auf dem Balkon stand, den» der Graf und der Gehe,,»rat waren in das Zimmer zurückgetreten

Als der Zug der Fackelträger die Billa passiert hatte und der Anfang des Zuges sich ein Stück hinter der Billa befand, ertönte das KommandoHalt!" Die Fackelträger machten Front und gaben einen Teil der Straße für die Lampen tragenden Bergleute frei, die jetzt in Reihen an­marschiert kamen und sich vor die Fackelträger setzten. Die zweitausend Fackeln und die achtzehnhnndcrt Bergmanns- lampen ans engem Raume vereinigt boten ein wunderbares Bild Die Bergleute waren im Paradcanzng; auch die Hüt­tenleute hatten ihre eigentümliche Tracht mit den großen Hüten und den gewaltigen Schurzfellen angelegt. Das gelb­liche Licht der Bergmannslampen und das grünliche Licht der Magnesiumsackcln brachte ganz wunderbare Lichtessekle hervor.

Mit lautem, nicht cndcnwollcndemGlückauf!" begrüß­ten die Bergleute von der Juslinns-Grnbc den auf de», Bal­lon stehenden Vorgesetzten. Eine Deputation von Lberbeam- ten von der Theresien-Hütte und der Justinns-Grnbe kam durch den Garten in die Billa.

Wir müssen hinunter", erklärte Kersten,und unten die Deputation empfangen."

Werner war überrascht, ja ergriffen von der Ovation, an die er gar nicht gedacht hatte.

In den unteren Räumen harrte seiner noch eine weitere llcbcrraschnng. Dort empfing ihn nicht mir Frau Wolf mit sonderbarem Lächeln, sondern auch die beide» Diener von Saalkirchen in großer Livree, und ein Teil der Parterre- ränmlichkeiten war zu einem großartigen kalten Büfett ein­gerichtet, das wie durch Zauberschlag hier aufgebant wor­den war.

Inspektor Lenske und Obersteiger Mandlick waren die Führer der Deputation. Ju kurzen, kräftigen Worten spra­chen sie die Glückwünsche der Bcanitcn und der Arbeiterschaft ans und baten um ferneres Wohlwollen. Mit ivenigen, aber von Herzen kommenden Worten antwortete Werner. Er war sonst ein gewandter und sicherer Redner, aber es versagten ihm die Gedanken ebenso wie die Stimme.

Die Oberbeanlten baten Werner, durch die Reihen der Arbeiter zu gehen, uni deren Glückwünsche in Empfang zu nehmen. Werner durfte sich nicht sträuben Er nahm seine» .Hut und schritt, geleitet von den beiden.Obcrbcamtc», erst nach rechts, dann nach links die Reihen der Arbeiter ab, die ihn mit lautem Jubel und Glückauf-Rufen empfingen.

Als er zur Billa zurückkehrte, sah er am Eingangstor Tora mit ihrer Tante sowie Kersten und Gras Klinter stehe».

Die Damen wollten sich den Fackclzng ansehcn," er­klärte Kersten,wir tu» wohl am besten und führen sie hinauf aus den Balkon, damit sic sich, von dort aus das groß­artige Bild betrachten können."

(Fortsetzung folgt.)

Fiitzchens Liedestraum.

Psingst-Skizze von B. R i t t w e g e r.

Fritzchen hatten ihn die Eltern genatmt und die älteren Ge^ schwistcr, undFritzchen" hieß er in der Elementarschule und svätcr aus drr Realschule, die er besuchte, um das Einjährige zu erreichen. Aber er brauchte nicht zu dienen bei seinem schwächlichen Körperbau. Nicht besonders begabt, war er aber doch als leicht zu lenkender eifriger Schüler, als verträglicher Kamerad bei Lehrern und Mit­schülern wohl gelitten.Fritzchen" hieß er auch noch, als er schon Bankbeamter inil einem netten Einkommen war. Die Vorgesetzten schätzten den jungen Rothe als tüchtigen gewissenhaften Arbeiter, und wenn er etwas mehr Sicherheit in seinem Auftreten gehabt hätte, würde er am Ende gar Karriere gemacht haben. Doch ging danach sein Ehrgeiz nicht. Nur soviel verdienen, daß er mit der Zeit daran denken konnte, eine Familie zu gründen, das tvar sein Streben. Und eigentlich ivar er jetzt soweit. Das fiel ihm aber erst ein, als ein Stockwerk unter ihm! eine junge Lehrerin einge­zogen war, der er oft ans der Treppe begegnete. Als böslicher junger Mann zog er jedesmal den Hut. Das erstemal dankte sie etwas er­staunt, denn in Großstädten gehen gemeiniglich Bewohner desselben