Ausgabe 
28.5.1914
 
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Der Abschied.

Eine seltsame Geschichte von Alfred Möller (Graz).

An einem .herbstabend saßen im Spicgelsalon eines Hotels ln einer mitteldeutschen Kleinstadt mehrere Herrn zusammen. Sic waren die letzten Gäste ini Saal. Nur zwei Flammen eines elektrischen Lusters brannten noch, tiber ihrem Ecktisch, die Neben- räume waren dunkel. In einem dämmerigen Winkel des Haupt­raums schlummerte friedlich ein Kellner. Es war ganz still im Saal, man hörte nur den Hotelstellwagen, dev eben vom Bahn­hof gekommen war, in den hos rumpeln. Gleich daraus stürzte ein Kellner herein und weckte durch Zuruf den schlastrunkenen (Kameraden.he, Fritz! Gedeckt! Ein Gast ist da Wird speisen wollen."

Ter Angerusene flog aus.Ein Gast" murmelte er, knipste'eine Birne über einem Tisch an, legte einen Teller und Eßbesteck aus und errichtete daneben aus einer Serviette die übliche Pyramide.

Ei» sehniger Mann mir bronzebraunem Antlitz trat ein, dem trotz des Zivilanzuges der ehemalige Offizier anzusehen war. Er ließ 'eine schwarzen, etwas entzündete», tief liegenden Augen flüchtig über den besetzten Ecktisch scknveisen und »ahm dann dort Platz, wo der Kellner für ihn gedeckt harte. Er schob den Teller zurück und verlangte nur ein Getränk. Tann, zog er den Vorhang am Fenster ein wenig zurück und sah hinaus auf den Nachthimmcl, aut dem der Föhn zerrüttete Wolken, die aussahen wie zerrissene Trauerfahnen, hintrieb. Fetzt, als es so still im Saal war, hörte man das Sausen und Singen des Sturmes besonders deutlich. Ter Man» sah hinaus in die unruhige Nacht und nickte.

Die Herren am Nebentisch hatten ihn mit der natürlichen Neugier der Kleinstädter beobachtet. Ter stumme Ausblick des Fremden znm Himmel war ihnen nicht entgangen. Sie wähn­ten darin einen Ausdruck der Befriedigung zu sehen, sich nun so sicher unter Tach zu fühle». Nur der jüngest, hübschste Leut­nant beachtete den Ankömmling nicht, er dachte noch an das Liebesabenteuer, von dem er eben den Kameraden und Freunden erzählt hatte ....

Nun, Sie lächeln ja noch immer, Sie Glücklicher," sagte rin älterer Herr in Zivil, der den hübschen Jungen beobachtete,

Ich denke daran", sagte der Leutnant,wie viel Glück eigent­lich Liebende, wie viel Glück verbotene Liebe, hat. Ich möchte fast sagen, Liebe, auch unerlaubte iLebe genießt den Schutz des Himmels. Gott Amor gibt Blindheit nicht nur dem, der liebt, sondern auch dem, der betrogen wird."

Ter Fremde schoß einen finsteren, unwilligen Blick herüber. Tann sprach er schwer und langsam jedes Wort betonendeSehen Sie sich vor, Herr Leutnant! Die Verblendung der Liebhaber ist ost schlimmer als die Blindheit der Betrogenen. Nicht immer hat heimliche Liebe einen Schutzengel!"

Herr!" fuhr der Leutnant aus.Ich verbitte mir Ihre unberufenen Einmischungen und Belehrungen." Er faßte nach seinem Säbel. Auch die anderen Tischgenossen blickten unwillig nach denr Sprecher. Ter aber streckte beschwichtigend die Hand aus und kam zu den Gekränkten herüber.

Verzeihen Sie, ich glaubte freier sprechen zu dürfen, da ich zu einem Kanieraden spreche. Ich bin Major im Ruhestand" (er nannte seinen Namen).Ein eigentümliches Schicksal, das mich heute vor zehn Jahren traf, trat mir bei Ihren Worten eben so Ilar vor die Seele, daß ich mich ünwillkürlich hrnrcißeij ließ. Ihnen zu antworten. Nehmen Sie das einem älteren Kameraden, der Sic nicht beleidigen wollte, nicht übel."

Tie Worte wurden warm gesprochen, daß der Leutnant sich beruhigte. In dienstlicher Haltung erwiderte er die Vorstellung des Majors. Auch die übrigen Herrn erwiderten die Vorstellung des Angckommcncn.

Dieser scheußlich lärmende Landwind!" sagte der Fremde, als eben wieder ein besonders heiliger Windstoß gegen die Fenster fuhr und die eisernen Geschäftsschilder an der Straßenecke im Sturnr knarrten und ächzten.Sie werden mich für einen ent­nervten Menschen halten, aber dieser Sturm, den ich aus der «ce begrüßen würde, weckt zu Land Erinnerungen in mir, die mich"

Er brach ab. Aber man drang in ihn.

Sie haben mich lvarnen wollen", sagte der Leutnant.Ich Muß gestehen, ich habe bis jetzt meinem leichtfertigen verliebten/ Herzen nichts Böses, nur ein paar fröhliche Tuclle zu danken gehabt. Wenn Ihre Erfahrungen uns aber belehren könnten, ohne guälendc Erinnerungen in Ihnen zu steigern, wollten wir Ihnen dankbar sein."

Ich will gerne meinen Ausruf von vorhin begründen", ertviderte der Major.Es ist aus die Gefahr hin, von Ihnen allen ausgelacht zu »verden. Es ist übrigens eine ganz natürliche Geschichte. Nur verhängnisvolle Zufälle, die damals in selt­samer Art incinandergrisscn, geben ihr für mich zuiveilen den Charakter des Geheimnisvollen und Mystischen, den Charakter eines überirdisch waltenden rächenden Gerichts . > .'Dieser Jäh- rcstag und diese unruhige Nacht lassen mich tvicder einmal ausschließlich das Unheimliche, Grausige des Erlebnisses fühlen. Morgen bet Sonnenlicht sehe ich die Sache wohl wieder in klare» nüchternen Farben ... Es sind heute eben zehn Jahre, seit ich die Geschichte erlebte, die Sie nun hören sollen. Ich war m einer größeren Stadt auf Urlaub. Ten Namen gestatten Sie

Mir zu verschweigen, obwohl die hauptbeteiliaten tot sind, auch sie, an deren Grab ich Mdrgen abend zu sein hasse . . Sie hatte einen Gatten, der mein Freund war, mehr mein Kamera» als me», Vorgesetzter. Schon unsere Eltern waren innig be­freundet . . . Und obwohl sie diesen Gatten liebte und verehrte und obwohl ich als junger Offizier seinen kameradschaftlichen, freundschaftlichen Ton dankbar empfand, geschah doch nun. Sie werden ja hören ... Er lud mich stets in sein hausi Und wir beide, jch und sie, wir, wir fühlten bald das Nahen der Katastrophe. Das Herz zitterte uns, wenn wir seine graue» haare, seinen treuherzigen Blick sahen. Jch versuchte mich selten in seiner» Hause zu machen, aber da kam er mit Vorwürfen, holte mich selbst. Ich sehe noch ihren angstvollen Blick, als ich sic einst allein zu Hause traf. Wir saßen »ns stumm gegenüber. Sommer über dem Garten. Plötzlich hatte ich ihre Hand, sie begann zu weinen. Nun, meine Herren, wer küßt nicht eine schöne Frau, dankbar, selig. Mer m>an denkt natürlich, die viel zitierte moralische Kraft würde hinreichen, es dabei bewenden zu lassen. So dachten auch wir, aber der Teufel machte Gelegen­heit, ich hielt sie öfter auf Augenblicke in meine» Armen. In ihren Augen begann eine Sehnsucht zu brennen, die jeder Manie versteht. Was blieb »ns übrig? Ihm alles sagen? ,Der Er­zähler lachte höhnisch ans.) Es wäre zum Tuest gekommen. Ich sagte schon, sie liebte ihn. Miso sollte ich sie mit Verlusten strafen? Aber noch war ja nichts geschehen. Ihm entging es übrigens nicht, daß seine Frau stistcr geworden war, befangener., Sic litt unter der Lüge. Sie hatte keinen Tropfen leichten Blutes. Wenn sein Blick manchmal besorgt forschend ihr in die Angen brannte, dann sah ich, wie ihr die Tränen «heiß aufquostcn. Und ich mußte zwischen beiden sitzen und sehen und schweigen... Da kam eines Tages die Katastrophe. Anders alsjSie denken, meine Herren, ganz anders . . . ohne offenen Kampf . . . furcht­bar anders..." s

Er brach ab und horchte hinaus. Draußen lännte der Sturm. Ja, ja, so war es," nickte der Erzähler, y ,fo eine Nacht war's... In der nahen Industriestadt war Ärbeiterausstand. Die Polizei war angegriffen worden, die Arbeiter hatten aus den Häusern geschossen. Auch von uns wurden zwei Kompagnien hinbcordert. Leider nicht meine, sondern die des Hauptmanns, meines Frcuiches. Er lud mich zu sich, er wollte seine Frau, die voll Sorge um ihn war glauben Sie mir, es war ehr­liche Sorge nicht allein wissen. Und ich "ging, ging hin. hinaus durch einsame Vorstadtgassen, in das Villenviertel, wo sein heim war. Es war ein wilder hcrbstabend. i Schwarze Wolkenfetzcn am Himmel, Geheul und Geächze in der iflfrift, ein Sausen und Zischeln der welken Blättermässen, die rauschend Aber den Boden fegten. Und dann leuchtete mir warm.und lockend das Licht ihres Hauses, das ganz einsam als,eines der letzten der Stadt stand, entgegen. Und plötzlich war alles, ,war das Geftihl einer drohenden Schuld sortgeblasen aus meinem Herzen, nur Sehnsucht uich ein verblendendes Gefühl der Freude war da! Mit dieser Sehnsucht kam ich zu ihr, noch zwang mich ihr bit­tender, hifflos flehender Blick auf einige Augenblicke zur Ruhe, ein unendliches betäubendes Lcbcnsgesühl war in inir, ich fühlt^ nur das Glück dieser Minuten, stürzte vor sie hin, umfaßte ihch Knie . . . Ihr angstvolles Sträuben ließ sie mir noch ent­zückender erscheinen, ich küßte sie. halb sinnlos, bebend, Ließ sie es geschehen, vergaß sie, daß sie einem andern gehörte .... Es waren Augenblicke, die uns die Wonne von himmlischem Unendlichkeiten zu geben schienen!" ,

Der junge Leutnant, der früher die Süßigkeit verbotener Liebe so lebhaft gepriesen hatte, bestätigte nickend die Schilderung, die der Major von der Seligkeit dieses Abends /gab. l

Fast unwillig wandte sich der Erzähler an ihn. shören Sie nur weiter . . .Nun saßen wir still in dem kleinen Zimmer, in dem sie mich empfangen hatte. Eine Liampe mit dunkelgrünen» Schirm brannte hinter dem Klavier. Im Nebenzimmer war es dunkel. Die Fenster waren offen, der warme, wilde,Föhnwind hob die wcitgebauschten Seidengardinen an der Berbindungstür und wehte mit ihnen große Schatten über die Wände, lange seltsame Schatten. Plötzlich horchte sie auf. Im Nebenzimmer ertönte der feine silberne Schlag der Kaminuhlr. Elf.Ujhr. Sip schrak auf und läutete deM Mädchen.Sie können schlafen gehen, Anna. Der Herr hauplmann kann heule nicht mehr znrückkonimen. Ich werde den Herrn Leutnant selbst hinabgeleiten." Das Mäd­chen ging. Ans dem Ton der Stimme, ^nit her die geliebte Frau gesprochen hatte, hörte ich gualvolle Betangenheit und Klingst. Ich wollte beruhigend ihre Hand ergreifen. Shber sic legte die Finger an die Lippen mrd deutele mir Schweigen an.

hörst du?" flüsterte sie mir hastig zu.hörst du nicht? Geschrei ganz in der Ferne? Und jetzt hörst du, Jesus! Ein Schuß!" !

Jch vcrnahnr nichts, als das Sausen des Sturms. /Meiner beruhigenden Einrede wich der Ausdruck der Angst in ihrem Gesicht nur allniählich. Endlich gelang es mir aber doch, sic zu veranlassen, nicht mehr auf das wilde Geräusch, das lder Sturm erregte, hinauszuhorchcn. Wir ließen Uns mieber auf dem weiche» Fell, daS den Diwan deckte, unter der grünen Siandlamvc nieder. Ich nahm ihre kleine, nervöse Hand in meine. 1 Mer jetzt, da das Blut in unseren Schläfe» ruhiger Lochte, schien /mir selbst eine seltsame stnruhc außer uns zu erwachen. Dazu erregte mich