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in einem besonderen Schuppen unter der Decke aufgehängk, um dort mit heißer Luft getrocknet zu werden. Tie Leute sollen ein Bad nehme», aber damit geht ihnen nach ihrer Ansicht zu viel Zeit verloren. Sic ivcchseln die Wäsche, schwitzen sofort weiter, wenn sie ihre eigenen Sache» an- ziehe», und ertülte» sich auf dem Nachhausewege. Die jetzige Einrichtung mit dem Badebassin ist unbequem und ungenügend ; die Leute können nur gruppenweise in das Bassin und müssen aufeinander warten. Ich will eine große Halle anlegeu, die mit Brausevorrichtuugen au der Decke versehen ist, und durch diese Halle muß jeder Arbeiter, nachdem er seine Sachen abgelegt hat, hindurch, um auf der anderen Seite die frische Kleidung anzuzieheu. Er muß also unter allen Umständen, und zwar in allerkürzester Zeit, ein Brausebad nehmen, ohne daß Aufenthalt entsteht. Ich will um einen der Schornsteine auf Justinus Grube ein krauzartiges eisernes Reservoir legen, dessen Wasscrinhalt durch die Hitze im. Schornstein erwärmt wird. Wir brauchen das Wasser nur früh und abends, so daß die Schornsteinhitzc jedesmal zwölf Stunden lang das Wasser erwärmen kan». Tie ganze Anlage wird ungefähr 12000 Mark tosten, aber sic ist eine Erleichterung für die Arbeiter und erhält uns die Leute gesund."
„Reichen Sie den Plan an das Generalbureau ein," meinte Kersten, „und da es sich nicht um eine größere Ausgabe handelt, wird die Sache wohl bewilligt werden. Nun will ich aber gehen, denn Sie scheinen fortwährend mit neuen Vorschlägen zu kommen."
„Ich dachte, Sie hätten solche von mir erwartet, als> Sie mich hierher brachten," sagt« ^Werner, und Kersten bestätigte diese Ansicht, indem er lachend erklärtem
„Selbstverständlich habe ich gewußt, daß Sic ein Himmelsstürmer und Reformator sind. Sie sollen auch in allen Dingen Ihren Willen haben, denn Sie werden nichts Unvernünftiges Vorschlägen. Also Sonnabend, vergessen Sie nicht! Ich hole Sie um sechsdreivicrtel Uhr mit meinem Wagen ab."
Als sich der Geheimrat entfernt hatte, sagte sich Werner, bevor er wieder an seine Arbeit ging.
„'Ich hätte nicht geglaubt, daß der alte Herr ein so fanatischer Skatspieler ist. Er macht ja ei» Aufheben von der Sache, als handle es sich um die Seligkeit. Mas man doch alles an den Leuten erlebt!"
Dann tvendete sich Werner wieder seinen Rechnungen zu, bis die Bücher mit de» Briefen gebracht wurde», die zwischen eingebundenen Löschblättern lagen und der Unterzeichnung des Hüttendirektors harrten.
Zu den Persönlichkeiten, zu denen Tora Buchwald das vollste Vertrauen hatte, gehörte Graf Klinter. Er war ihr
f ckgenüber nach jeder Richtung hin uninteressiert; ihm konnte io wirklich Vertrauen schenken. Sic kannten sich seit der Kinderzeit; die Väter waren miteinander befreundet, die Kinder hatten miteinander gespielt. Die Brüder Doras waren ein Paar wilde Jungen, die keine Rücksicht auf die Krüppelhaftigkeit des kleine» Grafe» nahmen. Er tam deshalb bei ihren Spiele» nicht mit, und unwillkürlich schloß er sich bei Besuche» mehr au Tora an. Sie wurden gute Freunde Und nichts mehr. Tora hätte nie daran gedacht, die Gattin des Grafen Klinter zu werde». Nicht einmal der Titel konnte sie locken, und für ihr Empfinde» war der Tefekt am Bein, den Graf Edmund hatte, ein Grund, um sich ihn nicht als Gatten zu denken. Sie konnte ihn bemitleiden, aber nicht liebe». Ebensogut wußte Tora, daß sie als Gattin niemals für Edmund in Betracht kam. Graf Klinter war, ebenso wie es sei» Vater gewesen, ein liebenswürdiger Mbnsch, der im gewöhnliche» Verkehr keine Standesuntcrschiedc machte, da dies auch praktisch unklug gewesen iväre. Aber im Innersten des Herzens und bis zu einem gewissen Grade waren die Klintcrs doch stolz auf ihre Abstammung und aus ihre» Grafentitel. Schon als Knabe hatte Edmund erklärt, er werde niemals unter seinem Stande heiraten. Für ihn kam Tora trotz ihres großen Vermögens niemals als Gattin in Betracht, den» sie war eine Bürgerliche, und aus Vermögen brauchte der Graf schließlich nicht zu sehen. Er konnte ganz nack) seinem Herzen heiraten, wenn er nur die standesgemäße Lebensgefährtin fand, und er ivar aus dem besten Wege, sehr reich zu tverde», und eifrig bedacht, seinen Besitz zu mehren. Er galt deshalb auch hei Tante Schottelius als gänzlich ungefährlich. Als durch die traurige Katastrophe, die den plötzlichen Tod der beiden Brüder herbeisührte, Tora vollständig von der Gesellschaft abgeschlossen war, bat Kersten den Glasen Klinter. ftrfj choras anzunehmcn, und !j-
nicht ganz einsam werden zu lassen Seit dieser Zeit wären Kersten und Graf Klinter ständige Gäste draußen i» Saarkirchen, und es war Graf Klinter zur angenehmen Gewohnheit geworden, täglich bei den Damen vorzusprechcn, sich nach ihrem Befinden zu ertimbigen und eine Viertelstunde zri plaudern, ebenso wie er ständig Gast bei allen kleinen Festlichkeiten draußen in Saarkirchcn war.
Allerdings, in letzter Zeit ivurdc Gras Klinter wenigstens der beständig auf der Lauer liegende» Frau Schottelius etwas verdächtig. Er nahm den Mund doch gar zu voll, wenn er von seinem Freunde Werner Spalding sprach. Das lvar keine Lobestrompetc mehr, die Graf Klinter blies, das lvar ein Nebelhorn, das er in Tätigkeit setzte. Ganz von selbst itud ohne daß der Name SpaldingS genannt wurde, kam Graf Klinter immer wieder darauf zurück, wie stolz er aus die Freundschaft mit Werner sei, welch bescheidener, liebenswürdiger, uneigennütziger, psiichtgctreuer und tüchtiger Manu Werner wäre, der a» sicti immer zuletzt denke, vollständig ausgehe in seinem Berus und in den übernommenen Pflichten und doch ein gerader, aufrechter Mensch sei, ein jest umrissener Charakter, ein Manu, der Kopf und Herz aus dem rechten Fleck hatte itud wußte, was er wollte.
Tiescs Loblied Werners sang Graf Klinter, wenn er allein bei den Damen war, aber auch, wenn Kersten tam. Ter Gcheimrat war Dora gegenüber sehr vorsichtig geworden; er vermied es, sich lobend über Werner zu äußern, um nicht in den Verdacht der Protektion zu kommen. Wenn aber Gras Klinter alle Register des Lobes für Werner zog, koiinic Kersten natürlich auch nicht schweigen, denn das hätte wie Oppo- siriou ausgeseheu. Er begnügte sich hinzuzufügen:
„Spalding tut seine Pflicht in vollstem Umfange, und ich habe es nicht anders von ihm erwartet."
Kersten wollte seine Stellung Tora gegenüber wahren. Er war auch bis zu einem gewissen Grade ihr Angestellter, widmete ihr seine ganze Arbeitskraft, und Tora hatte energisch verlangt, daß das nicht ohne Entgelt geschehe. Deshalb war Tora auch sür Kersten etwas wie die Chefin, denn es lmudelte sich um ihr Vermögen, um ihre Werke, und der Gcheimrat traf nie eine wichtige Entscheidung, ohne sie vorher um ihre Meinung gefragt zu habe».
Wenn Gras Klinter, der Lobredner Werners, gegangen und Tora mit der Tante allein war, dann begann Frau, Schottelius wieder langsam einzureißcn, was Klinter aufgc- baut hatte.
„Tiefer Spalding versteht es, die Leute sür sich einzu- nehmen. Er ist wahrscheinlich ein großer Heuchler, daß er auch den harmlosen Grafen Klinter in dieser Weise beeinflußt hat. Ein Erzengel mit zwei großen Flügeln ist ja gar nichts gegen diesen Bergrat Spalding. Der Mann müßte galvanisch vergoldet und in ein Museum gestellt werden, ein solcher Ausbund von Tugend, Ehrenhaftigkeit und Liebenswürdigkeit ist er. Auch Graf Klinter wird nicht ohne Enttäuschung bleiben. Es ist kein Mensch ohne Fehler, und je mehr man au einem Menschen die Tugenden und Vorzüge hervorhebt, desto mehr fühlt man sich enttäuscht, wenn man die Fehler entdeckt und sieht, wie sehr mau die Vorzüge übertrieben hat. Der alte Kersten ist viel zurückhaltender; das ist ein Man» von Lebenserfahrung, der weiß, daß man niemand in dieser übertriebenen Weise loben darf, bevor man ihn nicht jahrelang geprüft hat. Ich sage dir, dieser Spab- ding ist ein Filou, berechnend und schlau. Aber es steht ja nicht der Graf Klinter allein in seinem Bann, sondern auch andere Leute, die sonst sehr nüchtern und vernünftig urteilen."
Ter letzte Satz bezog sich natürlich aus Tora; aber diese schwieg hartnäckig auf die Anzapfungen der Tante. Sie wußte, warum Kersten Spalding nicht ebenso laut und anhaltend lobte, wie dies Gras Klinter tat. Sie wußte, daß sie ihm einmal de» Vorwurf gemacht halte, er protemere Spalding. Aber der alte Geheimrat hätte ruhig dasselbe Loblied singen dürfen wie Graf Klinter. Tora hätte ihm das nicht übclgenommen, und mißverstanden hätte sie ihn auch nicht. Er hätte ja nur die Wahrheit gesagt, ebenso wie der unbeeinflußte, kluge und ehrliche Graf Klinter die Wahrheit sagte, wen» er Spalding rühmte.
Spalding war ja auch ein Mensch, wie man ihn selten traf, eine Ausnahme von .Hunderten von Männer», die Dora begegnet waren. Ter war ganz anders als diese Männer; er stand turmhoch über ihnen!
lFortsetzung folgt.)


