Ausgabe 
27.5.1914
 
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Unb wenn er seine Stimme schaurig dämpfte, daß es die Hörer grusclnd überlief, führte sie seine kalte Hand an ihre Lippen und küßte sie.

Die zwanzig, dreißig Burschen und Mädchen um den Frei- Mast saßen und hockten und lagen, und keiner rührte sich, und kein Bursche wagte, den beißenden Tabakssaft auszuspeien, > und alle erlebten mit, was Seed« am Maste erzählte.

lind er sprach:Trüben in Helgoland sah es vor 500 Jahren anders aus als heute. Die Felsen waren fester und das Meer war wilder und riß und zerrte und wühlte an den steilen Wänden des Oberlandes. Und oben gab es nur wenige Hütten und Gassen und einen freie» Platz, der heißt jetzt Hingstgars.,

In einem kleinen Hause wohnte ein alter Fischer mit seinem Enkelkind. Sie war blond wie ein lieber Himmelsengel und hatte Augen wie glänzende Sterne. Und wer das Mädchen an­sah, wurde ihm bald hold gesinnt, und je größer und älter sie ward, desto mehr wuchs ihre Schönheit. Ihr Sinn war weich und sanft und ihr Herz groß und gut. Wo eines krank lag auf dem Eiland, Ivo eines Kummer litt oder Not es packte, da war Gerda Pallcske und half und riet und tröstete, uild wo sie nur ihre weiche, zarte Hand auflegte, schwanden Fieber und Schmerzen, und sie ward verehrt wie eine Heilige.

Viele Burschen warben um ihre Liebe, aber keiner gewann ihr Herz. Sie war allen gleich freundlich, und darum war ihr keiner gram ob seiner verschmähten Liebe.

Ta wurde eines Tages ein fremdes Kauffahrteischiff an den Strand geworfen, und die Helgoländer kämpften in schwerer Nacht Mit dcni Meer um das Leben der Schisfsmaiinen. Aber nur einer wurde gerettet. Steis und halb tot fand utan ihn im Takelwerk und brachte ihn in Palleskes Hütte.

' _ Wochenlang rang der Frenrde mit dem Tode und Gerda wich nicht von seiner Seile. Sie pflegte ihn wie eine Mutter ihr Kind.

Und wenn sie an seiner Bettstatt stand und in sein seines, blasses Gesicht sah, das von pechschwarzen Locken umrahmt war, da regte sich etwas in ihrem Herzen. Eine wunderbare Macht zog sie hin zu dem Fremden, in ihrer Seele erklangen zarte, weiche Stimmen. aber süß und verworren, und das Mädchen verstand ihre Sprache nicht. Sie fühlte heiße Glut in ihrem Herzen erglimmen, die so mächtig aufloderte, daß sie sich eines Abends über den Kranken beugte und einen Kuß aus seine Lippen hauchte.

Ter Kranke schlug seine Augen auf, dunfte, heiße Augen, die lachend in die erschrockenen Gerdas blickten.

Und das Mädchen schlug die Hände vor das Antlitz und schämte sich seiner Liebe und weinte heiße Tränen. Aber der Fremde zog sie nieder und küßte ihr Träne um Träne aus den Augen, und er flüsterte ihr in iremder Sprache süße Worte zu.

Nach wenigen Tagen war der Kranke gesund, und die Leute der Insel sagten:Gerda hat ihn gesundet."

. Der Fremde war ein Portugiese, doch ihm gesiel das Eiland, «und er beschloß, auf der Insel zu bleiben und ei» Fischer zu lwerdcn. Aber bald packte ihn das Heinrwch und die Sehnsucht nach seinen Palmenhaincn und Bergesschluchten, und er fragte .Gerda, ob sie mit ihm ziehen wolle. I

Das Mädchen liebte ihn >mit ihrer jungen, heißen Seele, und sie vergaß um ihn Heimat und Freunde.

Am Tage vor der Abreise schlich sich Gerda aus der Hütte Und Ivandelle die Pfade ihrer Jugend, um Abschied zu nehmen.

Die Wolken umirrten traurig den Moird, und die nordischen Sterne verhüllten weinend ihr Angesicht, und die Wellen sangcit «in Nagend Abschiedslied, und ihre salzigen Wasser fluteten am roten Fels wie rausck>ende Tränenbäche.

Aus der ganzen Insel lag ein tiefes Weh, das griff mächtig an Gerdas Herz, und nur ihre große Liebe zu dem Portugiesen bewahrte sie, daß ihr Entschluß wankend ward.

Sic ging ani Strand hin und setzte sich zur Erde und strich kosend über den Heimalsbode», und sie harg ihr Haupt in dem trockenen Gras und netzte es mit ihren Scheidezähren.

Doch da hörte sie Schritte zweier Menschen und hörte Liebes- geslüster und sah zwei Schallen.

Da schüttelte der Mond einen Augenblick die Wolken ab, doch die sielen loieder über ihn her wie eine Meute wilder Hunde und deckten ihn zu und fraßen seine Lichtstrahlen. Doch Gerda hatte i» dem einzigen Augenblick genug gesehen, und ihr Herz stand still.

Dicht an ihr war Rodrigo, ihr Bräutigam, vorbeigegangen, und an seine Seite geschmiegt und mit ihm kosend Albina, eine leichtserlige Dirne.

So feierte der Süde Abschied vom Eiland.

Gerda verharrte einige Minuten. Eine ganze, große Welt war in ihr zusammcngebrochen und nichts zurückgeblieben als ein großes Grauen.

Sie stand auf und ging den beiden nach. Ganz ruhig, ganz ohne Erregung.

Sie standen vorm Kirchlein und schraken zusanimen, als sie die Schritte hörten.

Albina erkannte in der Nahenden zuerst Rodrigos Braut, und sie riß sich los. Aber Gerda hielt sic zurück.

Sir neigte sich z, Rodrigo und entriß ihm sein Dolchmesser und versenkte es kaltblütig in seine Brust.

Albina schrie auf und floh, und Gerda ftng ihren Bräutigam auf und legte ihn an den Stufe» des Gotteshauses nieder. Dann trat sie in das Kirchlein, und man fand sie betend vor dem Muttergottcsbilde.

Am nächsten Morgen ward Ding abgehalten. Die Norden haben «in kaltes Herz. Gerda ward des Mordes für schuldig be- sunden und inmitten eines großen Gartens gehängt.

Das ist der freie Platz in Helgoland, man nennt ihn Hingst- gars, der Hängegarten."

Seede verstummte.

Seine Stimme war zuletzt schauerlich eintönig geworden. Sein Antlitz war bleich und die Züge wie gemeißelt, seine Ge­stalt hart ausgerichtel und steif wie die nordischen Richter des Dings.

Sie nierften nicht, daß Seede schwieg, sie wußten nicht, daß ihre kurze Tonpfeife längst verglüht war, sie sahen nicht, daß Arda ganz zusammengesunken neben Seede saß und scheu zu ihm hinausblickte.

Sie wurde auch nicht gewahr, daß ein Fremder an der Lind« lehnte und mit höchstem Interesse das Bild da vor sich aufsog: Am Freimast der blinde Erzähler und an seiner Seite die Norden von seltener Schönheit, und im Kreise die rauhen Friesen, alle im Banne des Blinden.

Erst als der Freinde einige Schritte näher kam und der Sand unter seinen Füßen knirschte, schrak der stumme Kreis empor.

Man stand auf, man musterte den Fremden, und schweigend ging mau auseinander, mit schweren, wuchtigen Schritten.

Keiner sagte dem Erzähler Dank.

Und der Platz war leer.

Nur Seede stand noch am Freimast. Er hielt Arda an seiner Hand, und das Mädchen kniete neben ihm und küßte seine Hand, und Seede neigte sich zu ihr.

Da küßte sie ihn aus die blinden Augen.

Dann führte sic ihn fort. Da trat ein junger Bursche zu ihnen. Er sagte höhnisch zu Seede:Dein Märlein war fein, Volksredner. Nur schade, daß alles gelogen ist, denn Hingstgars heißt gar nicht Hängcgartcn, man hat den Platz nach Hengist ge­nannt, der ein Feldherr oder so was gewesen sein soll."

Die beiden antworteten nicht darauf, sondern schritten ruhig ihres Weges.

Da rief der Bursche wütend:Seid Ihr zu stolz, Bettel­volk, zu antworten? Na wartet, Ihr werdet noch an Petrow Tikander gedenken."

Lachend trat Petrow zu dem Fremden, der das Gespräch mit angehört hatte. Er musterte ihn, und als er erkannte, daß dieser zu dem Geschlechte derHerren" gehörte, verschwand sofort sein sicheres, mahlendes Auftreten. Er duckte sich und rückte die Mütze und fragte, ob er dem Herrn dienlich sein könne? Dem Fremden ward nicht wohl in der Nähe Petrows. Die stechen­den, lauernden Augen, der hämische Zug in seinem Gesicht wirkten abstoßend.

Er sagte deshalb kurz: ^,Jch bin erst vorhin mit Geschirr angekommen und suche nun meine Wohnung, die ich mir durch die Badeverwaltung besorgen ließ. Ich wohne bei der Witwe Bahlsen."

Petrow trat einen Schritt zurück und fragte unterwürsrg und bewundernd:Da sind Sie wohl der berühmte Maler Bnan?"

Den Fremden berührte diese dummdreiste Frage unange­nehm, und er antwortete barsch:Ich bin Rene Brian. Führen Sie mich zu Frau Bahlsen."

Die prächtige Stimmung, in die ihn Seedes Erzählung und das ganze Abcndbild versetzt hatten, war verscheucht.

Die flinken Beine der Kultur, die seinen Ruhn, schon in dieses weltentlegene Fischernest getragen hatten, waren schuld

Schlmigend durchschritten sie die dunften Gassen. Kein Laut regte sich, träumend schlief das Meer am Wattenrand, nur ganz, ganz in der Ferne klang verworrenes Rauschen.

lFortsetzung solgt.)

Die Zrau als Erfinderin.

Die Frau betätigt sich, seitdem sie immer mehr in das Leben hinaustritt, auch als Erfinderin, und ein Mitarbeiter derDame' weif; von einer ganzen Reihe von bedeutsamen Erfindungen zu erzählen, die Frauen Erfolg und Ehre «»brachten. Besonders wird es interessieren, daß sich auch Sarah Bernhardt als Erfinderin bewährt hat. Sie erfand ein Verfahren zum Ab- drücken von Fischen in plastischen Massen urrd zur Nachbtldung der erhaltenen Muster in Marmor, Bronze, Silber oder Gold. Die berühmte Tragödin hoffte damit dem Kunstgewerbe cme Incue Richtung geben zu können, und in der Tat hat der belaimte französische Juwelier Lalique eine ganze Anzahl von solchen Mustern erworben und ausgesührt. Aus dem Gebiete des Kunst­gewerbes hat auch die bekannte amerikanische Bildhauer!» Harrrct Hosmer ein bemerkenswertes Verfahren erfunden, durch das man gewöhnlichen! Kalkstein das Aussehen von Marmor geben kann, so daß er für bildhauerischc und kunstgewerbliche Arbeiten ge-