Ausgabe 
27.5.1914
 
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«cuit Uhr solle das neue Auto bereitstchen, um ihn nach der Justinus-Grube zu fahren.

Wer nie im Morgeusounenlicht Auf edlem, leichtbehuftem Pferde Die Welt durchslog, der kennt sie nicht,

Die höchste Wonne dieser Erde!"

In der frischen, kühlen Morgenluft des jungen Tages, der herrlich schön zu werden versprach, hätten die Empfin­dungen Werners viel wonniger sein müssen, als sie in Wirk­lichkeit waren. Aber um rasch fortznkvmmen und nicht in der Stadt aufgehalten zu werden, wählte er den Weg über Saarkirchen nach Klinterfelde. Park und Schloß vor Saar­kirchen lagen stumm und still wie in tiefem Schlase. Ms Werner in die Nähe des Schlosses kam, ließ er das Pferd im Schritt gehen und war dann so tief in seine Gedanken versunken, daß er fast mit dem Pferde gestürzt wäre, als dieses stolperte und gar keinen Halt an dem Zügel fand, den Werner ganz lose in der Haitd hielt. Dann aber er­wachte Werner aus seinen Träumen und ließ das Pferd in schärfster Gangart auf der glatten Chaussee hinunter bis nach Klinterfelde gehen.

Das Pserd des Grase» stand ebenfalls fertig vor der Tür, aber vom Fenster aus bat Graf Edmund den Besuch, doch einen Augenblick einzutreten und ein Glas Tee zu trinken.

Ich gratuliere z» der neuen Beschäftigung", rief Graf Klinter Werner nach der Begrüßung zu;es freut mich, daß Sie gerade die Justinus-Grube unter sich haben. Tort bin ich zu Hause, das alte Grubcnfeld kenne ich wie meine Tasche. Auf der Justinns-Grubc habe ich nämlich mein praktisches Jahr verbracht. Mein Vater lvar mit dem Men Buchwald sehr angefrcundet, und deshalb bin ich dorthin zur praktischen Arbeit gekommen. Das war kein Spaß, wie ich Sie versichern kann. Der alte Buchwald nahm die Sache höllisch ernst, es wurde nur nichts ge­schenkt, aber ich habe auch dafür etwas gelernt. Ich sage Ihnen, ikh habe nach einem halben Jahre einen Schramm gehauen, daß es' ein reiner Staat lvar. Ter Bergmeister früher hieß er »ochder Geschworene" »ahm sich niei- ner auch energisch an. Ich mußte einen ganz neuen Plan für die Wetterführung der Justinus-Grube ausarbeiten und habe natürlich zum Teil fürchterlichen Kohl verzapft. Ein Teil meines Planes ist aber doch zur Ausführung ge­langt. Ich weiß »och, wie der alte Geschworene mir klar­machte, die Lust sei vernünftiger als der Mensch; sie gehe nämlich immer den grade» und kürzesten Weg, während der Mensch die krummen liebe. Damit sprach er über meine Wetterführung zum Teil ein ungünstiges Urteil aus; denn ich hatte mich in allerlei kühnen Theorien ergangen, um auch in abgelegene Strecken frische Wetter cinzusühren. Damals dachte man noch nicht an Ventilatoren. Ich bin stolz darauf, daß in meinem Plan schon der große Venti­lator erwähnt war, der später aufgestellt wurde. Sie wissen ja, früher hatte man zwei Schachte: Durch den einen zog die oberirdische, frische Lust ein, und aus dem andern zog die unterirdische, schlechte Luft aus, und wenn bei war­mem Wetter weder oberirdische Lust einziehen noch unter­irdische ausziehen wollte, schadete es auch weiter nichts. Aber ich würde mich heute uoch in der Justinus-Grube, wenigstens im alten Felde, so aut zurechtsinden lvie in meiner eigenen Wohnung. Die atten Bergarbeiter und die älteren Beamten kenne ich auch alle noch von meiner Ar­beitszeit her, und es ist merkwürdig, lvie man durch die Erinnerung an gemeinsame, schwere, körperliche Arbeit zu den Leuten in Beziehungen tritt."

Werner und der Graf hatten unterdes jeder ein Glas heißen Tee getrunken und einige Kakes gegessen. Dann war Werner auch nicht abgeneigt, eine Zigarre zu rauchen, und nun bestiegen sie die Pferde, uni nach den Kiesgruben der Frau Glover hinüberzureiten.

Ich habe an Fran Barbara Glover telephoniert," erklärte der Graf,schon gestern nachniittag, und habe ihr mitgeteilt, daß wir uni sieben Uhr an den Kiesgruben sein werde». Frau Barbara behauptete, sie würde sich ebenfalls einsinden, obgleich ich ihr klarmachte, daß es dann noch früh am Tage sein würde. Sie schien sehr ent­rüstet und erklärte mir, sie sei Landwirtin und gewähnt, auch sehr zeitig auszustehen."

Tie Dame hielt auch Wort. Als sie in die Nähe dev Kiesgruben kamen, sahen sie von Jvershofen her eine Reiterin im Galopp herangejagt kommen Es war Frau

Glover, die ein auffallend hohes Pferd ritt und im Sattel eine vorzügliche Figur machte. Lebhaft und freundlich be­grüßte sie die beiden Herren und rief ihnen schon von wei­tem zu:

Ich bin nicht unpünktlich; Sie sind etwas früher, als Sie mir mitteiltcn." <

Die Kiesgruben wurde» besichtigt, ohne daß man von de» Pferden stieg. Die Gruben wurde» i» Form von Aus­decken betrieben, und man konnte oben vom Rande her in das ganze Getriebe ans dem Boden der Kiesgruben hincin- sehcn. Die Anlage wurde nach sehr veraltetem System be­trieben. Die Unternehmer schienen entweder nicht genügend Mittel zu habe» oder wollten solche nicht ausweuden. Ta durch die vielen Eisenbahnbauten in der Nähe für Kies ein sicherer und guter Absaß möglich war, hätte die Aus­beulung ganz anders betrieben werden müssen. Die Mehr­kosten des Betriebes kamen vielfach wieder herein, denn die Gruben konnte» die dreifache Ausbeute liefern.

Die Ausführungen Werners, die in vorstehendem Sinne lauteten, wurden von dem Grafe» bestätigt, und Frau. Glover meinte:

Ich ivürde die Kiesgruben nach Ablaus des,Kontraktes, der noch ein Vierteljahr dauert, anderweitig verpachten. Ich habe mir längst gedacht, daß ich eine höhe-- Pacht erhalten kann, wenn sich ein Unternehmer fi ., dev energisch den Betrieb aufnimmt."

Man müßte einmal die Akten studieren und sehen, wie früher die Ausbeute war, zu der Zeit, als Herr Glover noch selbst die Kiesgruben betrieb."

Tie Akten liegen bei mir zu Hause. Ich muß sie herans- suchen, und die .Herren müßten sich cinnial selbst zu mir bemühen und den Akten ein paar Stunden widmen."

Nach Besichtigung der Gruben ivnrde ein flotter Ritt gemacht, und zivar auf den Feldern westlich der Chaussee, die nach Tasbnrg führte. Schließlich verabredete man, daß am nächsten Sonntag nachmittag der Graf und Werner um vier Uhr bei Frau Barbara Glover sich einsinden sollten, um die Akte» dnrchzustudieren und um mit ihr zu verab­reden, in welcher Weise eventuell die Pacht auszuschreiben sei. Kurz vor Tasburg trennte sich Frau Glover von den Herren, um nach Jvershofen zurückzureilen. Ter Gras wollte nach Saarkirchen in das Bureau der Generaldirektion und begleitete Werner über Dasburg hinaus.

(Fortsetzung folßt.)

Der Blinde am Meer.

Roman von Karl B ö t t ch e r- Chemnitz.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

3. Kapitel.

Um de» großen Mast auf dem Freiplatz des nordsricsischcn Fischerdorfes saßen und hockten am Sonnabcird abend die Bur­schen und Mädchen des Ortes.

Vom Meer wehte ein scharfer Wind, und da es stark ebbte, brachte er einen Hauch von Tang und Seegelier mit, und darunter mischte sich Teergeruch der am Strand liegenden Boote.

Di« Dämmerung kroch langsam von Osten her, aber der nordische Tag ist ein zäher Bursche und läßt sich nicht leicht unterkricgen, und wen» die Nacht im Sicgesgefühl ihre Schatten durch die Fluren zerrt, da strahlt es ganz in, Weste», dort, wo das Meer den Himniel anslutet, noch einmal auf.

Tie Wimpel am Freimast rauschen und rauschen geheimnis­voll, und die langen Flaggschnuren klatschen an den Stamni.

Das klingt schauerlich, wie Flügelschlag, und wenn die Rahe knirscht, erklingts lvie Käuzchenschrei. Im nordische» Mann steckt noch ein gutes Stück Aberglauben, und in der Tämmerstunde ivird seine Gristerwelt lebendig und seine Seele össncl sich für Mär­lein und Geschichten und saugt sie durstig auf. Und am Frei­mast lehnte einer und erzählte, und er erzählte aus vollem Herzen Seine Stimme Nang bald klagend und weich und mild, und bald schwoll sie an, und sein Körper zitterte und ivurdle bald klein, und bald wuchs er «ms sich heraus lvie ein Ries«, Aber sein.' Augen blieben tot und still, und kein Feuer erglühte darin, wie in seiner Stimme.

Neben ihm hockte aus dem Kiel eines umgeslürztcn Boote- ein blondes Mädchen. Ten Arm auf das Knie gestützt und den Kopf in die Hand, so schaute es hinaus zu dem Erzähler.

Und was er erzählte, erlebte sie mit, sie fieberte und reckte sich mit und ward mit klein, und wenn der Erzähler zu laut unl» zu feurig wurde, ergriff sic seine Hand und flüstert« bittend! Seede."