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schmiegte sich mit dieser jetzt dem Gesänge an und wurde immer diskreter. Dre Begleitung erstarb fast, und die Stimme allein klang hell und klirr:
„Wolkenlos strahlt jetzt die Sonne Auf die Purpurwellen nieder.
Wie ein Held nach Schlachtenwonne Im Triumph sein Zelt sucht wieder."
„Das wird ein glänzender Erfolge" sagie sich Werner; „wenn die Stimme nur aushält."
Er begann wieder vorsichtig mit der Begleitung zu stützen, als die Stelle kam:
„Heil! Es ist ein Boot, ein Schiff Und ruhig segelt es seinen Pfad Ungestört durch das Riss."
Aber Dora hatte anscheinend nur die Kräfte für den Schluß gespart. Ihre Stimme klang frisch bis zu den letzten Noten:
„Hüon — mein Hüon — mein Gatte Rettung, sie naht!"
Die letzten Töne der Begleitung verschlang der dröhnende Beifall, der den Saal erbeben machte. Das war! nichts Gemachtes, das war die Begeisterung, die von der Sängerin und dem Begleiter ans die Hörer übergegangen war.
Dora war bescheiden zurückgetreten, und Werner hatte sich erhoben, um ihr den Arm zu reichen. Aber mit erneuter Gewalt setzte der Beifall ein. Dora mußte vortreten, und dem Impulse der Dankbarkeit folgend, ergriff sie Werners Hand und führte ihn mit an den Rand des Bühnenpvdiums.
Werner fühlte, daß er durch die überraschende Art und Weise, wie ihn Dora an ihren: Erfolge teilnehmen ließ, verlegen wurde.
Er reichte Dora den Arm, um sie von der Bühne nach dem Künstlerzimmer hinunterzusühren; aber er mußte noch einmal mit ihr nach vorn kommen, um zu danken. Dann waren sie über die Treppe in dem kleinen Künstlcrzimmer und allein.
Sie befanden sich beide in einem Zustande der Erregung, der das ruhige Denken völlig ausschaltete.
Der frenetische Beifall hatte beide aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht. Dora fühlte die freudige Erleichterung, die man nach einem schweren Werk empfindet, an das man mit Bangen und Zagen gegangen ist. Ihr Gesicht strahlte, ihre Augen leuchteten, ihre Brust wogte, glühende Nöte bedeckte Gesicht und Hals.
„Ich danke Ihnen," sagte sie und reichte, immer noch dem raschen Impulse folgend, Werner beide Hände.
Sie erschien ihm so schön, so begehrenswert in diesem Augenblick, wie noch nie ein Weib bisher. Auch in seinen Augen leuchtete es auf, er fühlte das Dröhnen des anfster- genden Blutes in seinem Kopfe.
Rasch und feurig küßte er beide Hände Doras; er drückte sie und fühlte einen leichten Gegendruck. Dann ließ er plötzlich Doras Hände sinken, trat zurück, fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als sei er aus einem Traume erwacht, und sagte halblaut:
„Es war wunderschön, Sic haben herrlich gesungen!"
Die Tür wurde aufgerisscn, und herein trat Gehcimrat Kersten, immer noch mit der Stahlbrille auf der Nase.
„Mädel," sagte er, in seiner freudigen Erregung burschikos werdend, „du hast gesungen wie eine Göttin, und Sie haben die Begleitung ausgezeichnet gemacht."
Dann kamen Graf Klinter und Frau Glover, zuletzt Frau Schottelius mit einer gewaltigen Pelzboa, denn die vorsorgliche Tante sah nichts, als daß Tora sehr erhitzt und erregt war, und fürchtete eine Erkältung.
Werner entzog sich allen Lobsprüchen und verließ das Zimmer.
Graf Klinter folgte ihni.
„Ich habe eine Höllenangst ausgestanden," sagte er, „als Fräulein Buchwald einsetzte. Ich dachte, sic würde umwerfen, so erregt war sie. Sie konnten ihr leichenblasses Gesicht nicht sehen, aber ich beobachtete es genau. Sie haben ihr durch Ihre kraftvolle Begleitung einen großen Dienst erwiesen und Mit großer Geschicklichkeit sie zur Sicherheit und Stimmreinheit gebracht. Ich gratuliere Ihnen zu dem Erfolg, der Ihnen allerdings noch manche Pflicht als Begleiter im Mu- stkverern auferlegen wird. Sie haben angeborene Anlagen zum Liedcrbegleiten. Das ist nämlich nicht eine Kunst, die man erlernen sann, sondern wirkliche Anlage. Erheben Sie pur nicht Prot est, ich will Ihnen damit keine Schmeichelei
sagen, und Anlagen sind ja schließlich nicht das Verdienst irgend eines Mannes. Kommen Sie jetzt in den Saal zurück. Es wird ein Männerchor verzapft, dann kommt das Orchester wieder dran, und den Schluß bildet eine Gesamtleistung des gemischten Chors und des Orchesters: „Einleitung und erster Chor des Oratoriums Paulus". Es wird dann an kleinen Tischen gegessen: ich werde Ihnen einen Platz besorgen."
„Ich bin Ihnen sehr dankbar, mein lieber Graf, aber bitte, tun Sie es nicht; ich will fort. Die Elektrische geht nur noch eine halbe Stunde. — Nein, nein, ich erhebe Protest dagegen: Sie wollen mich mit Ihrem Automobil nach Hause fahren! Ich werde nicht dulden, daß Sic in der Nacht noch den Umweg machen, und ich will es Ihnen nur gestehen: ich bin etwas sehr abgespannt, stecke in Berechnungen für neue Walzenstraßen und will morgen früh fertig werden. Ich werde kein Aussehen machen und mich ohne Abschied drücken. Ich bin mit Ihnen gekommen, und Sie haben mich eingeführt: ich brauche mich also nur bei Ihnen zu verabschieden. Wenn das Orchester mit der Einleitung zum „Paulus" fertig ist, verschwinde ich, und bin in einer halben Stunde im Bett. Einige Minuten später hoffe ich zu schlafen wie Gott in Frankreich."
,-Jch habe es nicht so gut wie Sie," sagte Gras Klinter lachend: „ich bin Adjutant der Frau Barbara Glover und muß ihr bis zum letzten Augenblick zur Verfügung stehen. Das ist kein leichter Dienst; man wird von ihr fortwährend hin und her gejagt. Aber es ist doch wieder ein Vergnügen,
8 r die intelligente und zielbewußte Frau tätig zu sein, ann sehen wir uns wieder?"
„Morgen früh werden Sie nicht allzuzeitig aufstehen, Herr Graf, aber übermorgen früh um siebe» könnten wir uns auf einem Morgenritt treffen. Ich möchte mir einmal die Gegend südlich von Dasburg ansehen. Wenn es Ihnen recht ist, bin ich um sieben vor Ihrer Tür, und Sie haben vielleicht die Freundlichkeit und erklären mir die Lage der Werke, die sich südlich von Dasburg befinden."
„Abgemacht!" sagte Graf Klinter. „Also übermorgen früh um sieben Uhr. Ihre Anwesenheit ist mir sogar sehr angenehm. Südlich von Dasburg liegen die Kiesgruben der Frau Barbara Glover. Sie will sie neu verpachten und hat mich gebeten, diese Gruben einmal zu besichtigen. Es ist mir sehr lieb, wenn ich Sie mit dabei habe; vier Augen sehen mehr als zwei. Auf Wiedersehen!"
Graf Klinter eilte auf seinen Platz im Orchester. Tora stand bereits wieder bei den Svpranstimmcn aus der Bühne, die jetzt mit Sängerinnen und Sängern dicht gefüllt war.
Drei Viertelstunden später befand sich Werner in sei- neni Arbeitszimmer in der Villa, die er bcivohnte. Der letzte Nachtwagen der elektrischen Straßenbahn hatte ihn vor der Türe abgesetzt, und Werner hätte jetzt zur Ruhe gehen können, wenn ihm dies möglich gewesen wäre.
Mitternacht mar längst vorbei, als er inimer noch in seinem Arbeitszimmer auf und abschritt, und erst nach ein Uhr nachts suchte er sein Bett aus, ohne jedoch sofort einschla- sen zu können. Der Sturm, der in ihm tobte, das Gemisch von heftigen, sich widersprechenden Gefühle» in ihm ließen tyn erst wirklich zur Ruhe kommen, als der Tag graute. (Fortsetzung folgt.)
Der Blinde am Meer.
Roman von Karl Böttcher-Chemnitz.
«'Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Endlich hob das Mädchen wieder an: „In dem Garten will ich Ordnung schaffen. Und abends sitzen nnr still auf der Steinbank vor der Tür und lauschen dem Meere, und dn gibst dann deine Seele aus, Seede."
Sie faltete die Hände vor ihrer Brust und neigte ihr Haupt und ahnte nicht, welch hehres Bild der Schönheit sie war — unb Seede Bahlsen konnte es nicht sehen. — Aber der hagere Bursche, der oben am Damme hockte, und dessen dunkle Augen wie die eines Luchses funkelten, blickte begehrlich nach Arda
^ Jetzt reckte er sich und stand geräuschvoll auf und schritt den Deich' herab.
Die beiden fuhren erschrocken zusammen uird Arda erbleichte.
„Petrow Ttlander," stieß st« hervor.
Sre fühlte, wie SeedeS Körper ein Zittern durchlief, und ft« sah, wie sich seine sehntM Gestalt rech« zuch jvix er dann sei»


