Ausgabe 
20.5.1914
 
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Gefühl aufs höchste spannte, um des Finnländers Nähe zu taxieren.

Petrow verglich mit absichtlicher Verächtlichkeit beide Hände in seine Hosentaschen, schob die kurze Stummelpfeife aus dem rechten Mundwinkel in den linken und trat dicht zu dem Paar.

Was feiert Ihr denn da für Andachtsstunden vor diesem ücndigen Wrack, he?"

Er betrachtete unter breitem, häßlichem Lachen das Haus und begann dann:Goddam, im Dach ein Leck am airdern, da kannstc Luft schnappen, so viel du willst, Arda und die Sonne kann rein. Ach so, die kann he arm lütt Deuwel nich sehen de arm lütt Jong mutt in'n Dustern sitten, für nix un wedder nix."

Er lachte häßlich aus und strich dabei Arda mit kühnem Griff die blonden Haarsträhnen, die im Wind« spielten, aus dem Ant­litz. Ilber Arda stieß ihn zurück, bleich vor Scham und Zorn.

»Jgitiait Petrow pfui," rief sie und zog Seedc am Arm fort, und flehend sagte sie §u ihm:Schwelg, mein armer, lieber Seede, dieser Mensch ist keines deiner Worte wert."

lind der Fiune lachte roh und schrie:Mit seinen Märlein kann er auch bei mir nichts richten und daß du nur es weißt, Arda Jaski: Ruhe sollst du vor mir nicht haben und diesen blinden Märchenmann will ich dir versalzen."

Aber der mitleidige Seewind trug die harten Worte ostwärts, so daß sic die beiden nicht erreichten, und Petrow stand allein am Häuschen und fluchte vor Wut, denn er fühlte, daß er hier unterlegen war.

Er bog in die Hafenstraße ein und mischte sich unter die dort hantierenden Fischer.

Aber niemand achtete seiner. Da schleuderte er lässigen Schritts zur Hascnkantine und lud den Schisfseigner Thedje, den er an einem Anlegegehöst traf, zu einem Glas Punsch ein.

Hast du denn noch Geld, Petrow?" fragte der Schiffer.

Mehr als genug, Alter. Hast du Begehr nach meinem Silber, so komm."

Und er nahm von dem schmalen Schenklisch den speckigen Lederbecher und rasselte verführerisch mit den Würfeln.

Solvey, der alte Branntweinschenk, mischte den Korn mit heißem Wasser und setzte die dampfenden Gläser vor die beiden Gäste.

Thedje ergrifs den Knobelbecher und schüttete ihn bedäch­tig aus.

Drei siebenneun Augen," zählte er aus.

Das war schlecht, Thedje. Sieh, so wird es besser," lachte Petrow und rollte blitzschnell die Würfel über den Tisch.

Na?"

Vierzehn," sagte gelassen der Schiffseigner.

Du zahlst den Punsch."

Stimmt. Und was gilts jetzt?"

Den Beutel mit Silber sind siebzig Taler, gute preußische," antwortete lauernd Petrow.

Was soll ich dagegen setzen, du. So viel Geld habe ich nicht bei mrr."

Ist nicht vonnöten. Dir gehört draußen an der Dünen- straße die alte Holzbude setz' sie dagegen."

Du alberner Fratz, die ist keine dreißig wert."

Für mich doch, ich will Grundbesitzer werden." Und er lachte dröhnend auf.

Meinetwegen. Ich fange an."

Die Würfel klapperten über die Platte. Gespannt beugten sich die beiden über den Tisch.

Fünf acht vierzehn."

Mit hastigem Griff packte Petrotv die Würfel, warf sie in den Becher, und weit ausholend, schüttete er den Becher aus und wie von ungefähr stieß er an Thedies Grogglas, so daß di« weiße Flüssigkeit diesem über die Knie lief.

lind während der Schiffer fluchend auffprang, drehte Petrow einen Würfel, der nur ein Auge zeigte, auf die sechs und brachte so seine Zahl auf fünfzehn.

Fünfzehn, Thedje," rief er jubelnd,die Bude ist mein!"

Und die Hose ist kaput," wetterte der ?llte,hätte ich doch nie mit dir gewürfelt."

Die Hose zahl ich dir. Hier, mit drei Talern ist sie doppelt bezahlt, und wenn du willst!, bring ich dir die nächste Woche eine neue mit von St. Pauli."

Tanke, die krieg ich hier besser."

Mir auch recht. Und nun verschreib mir die Holzbude."

Und mit großen, ungelenken Buchstaben bekannte der Schiffs­eigner, daß das Haus Dünenstraße 43 c mit Garten rechtmäßig in den Besitz von Petrow Tikander übergegangen sei. Und der Kantinenwirt mußte gls Zeuge ebenfalls seinen Namen unter das Papier setzen.

Währenddessen waren Seede Bahlsen und Arda Jaski durch das Dort gegangen.

Die Häuser waren schmuck und schlank und die.Gassen boten Mit ihren Giebelbauten, die alle gelbrot ober blau angestrichen und ein jedes von einem schmalen Borgärtchen geziert waren, einen freundlichen Anblick. Die Maisonne strahlte warm her­nieder, und die Stachelbeersträucher sonnten stolz ihre hellgrünen Blättchen in den blinkenden Strahlen.

Vor den Tür*» chßen .die Frauen und besserten Netze aut, oder sie schassten im Garten.

Und für alle hatte Arda ein sxeundliches Wort, und sie nannte Seede die Namen der Nachbarn, die sie grüßte. Und Seede nickte ihnen zu, ihnen, die er noch nie gesehen.

Fast am Ende des Dorfes stand das Haus der Mutter Bahlsen, in dein sie bis zu ihrem Tode wohnen durfte, dann fiel es an fremde Erben. Wie aflr Häjuser, zeigte auch dieses den Giebel nach der Straße.

In dem schmalen Garten davor sproßte das erste srische Grün.

Die Fensterscheiben erglänzten in her Morgensonne wie große, strahlenden Äugen, als wollten sic Kunde geben von dem stillen Glück, das im Hause wohnte.

Die alte Bahlsen, Seedes Großmutter, saß in einem riesigen Lehnstuhl. Ihre Beine waren mit wollenen Tüchern umschlungen und lagen hoch.

Trotz der Schmerzen, die die Gicht ihr bereiten mochte, zeigte ihr Gesicht doch einen friedlichen Ausdruck. Sie hatte die Händ« gefaltet und lauschte dm Worten eines altm Mannes, der neben ihr aus einem Holzsessel saß.

Mir wäre es schon recht, Hinrich Bahrd Ohlsm, wenn wir in den Sommermonaten noch ein paar Mark dazu verdienten. Die beiden Hinterstuben sind sauber und die Betten gut."

Na, also, Mutter Bahlsen. Das dmk ich auch. Und Arda Jaskr ist flink und wird die Herrschaften schon versorgen. Ich will Euch also mit auf die Liste schreiben."

Und dann verabschiedete sich der alte, biedere Hafenmeister. Unter der Haustür traf er Seede und Acka. Er nickte ihnen zu und sagte:Ich habe eine Nmigkeit gebracht, Mutter Bahlsm wird sie Euch erzählen."

Das flang wie Hinrich Bahrd Ohlsen," sagte Seede.

Er war es auch. Was mag der gewollt haben?"

Sie traten in das Wohnzimmer zur altm Bahlsen. Die er­grifs Seedes beide Hände und tzvg tjhn zu sich nieder, und fi« strich ihm das Haar aus der Stirne und schaute ihn lange an. Dann bat sic die beidm, sich zu setzen.

Ihr müßt Hinrich Bahrd Ohlsen getrossm haben?"

Ja, Mutter."

Er erzählte: Gestern abend hat die Gemeinde Sitzung ge­habt, und da ist Ohlsen zum Obermann für di« Badeverwaltung gewählt worden. Weil eS aber im vorigm Jahre an Wohnungen für die Fremden gefehlt hat, sucht er nun solche. Da hat er ge­meint, wir hätten zwei sauber« Stuben, und ob wir sie vermieten wollten im Sommer? Da könntm wir Geld verdienen."

Und was hast du gesagt, Mutter?" fragte Seede.

Ich habe ja gesagt."

Arda sprang auf.Das ist Hut Mutter, das ist gut. Und ich will die Fremdm versorgen."

Das weiß ich, mein Kind. Und Seede, was sagst du dazu?"

Ich freue mich ja auch, Mutter, daß etwas mehr Geld in das Haus kommen soll, denn ich schäme mich, daß ich so wenig verdiene."

Aber Seede, hu großer, dummer Junge," ries die alte Bahlsen und liebkoste ihren Enkel.

Seede fuhr fort:Hast du aber auch bedacht, Mutter, daß dann die Ruhe aus dem Hause gejagt wird? Und daß dann Arda nicht mehr so viel Zeit hat, dich zu pflegen?"

Ach, sorg« dich nicht um mich, mein Junge. Wir wollen es das eine Jahr versuchen, und hak es Uns nicht gefallen, sq tuen wir es nächstes Jahr nicht wieder." Und damit >oar di« Sache erledigt.

Arda ging nach der Küche, um für den Mittag zu schaffen, Seede aber blieb neben der Großmutter sitzen.

Nach langem Schweigen begann endlich die alte Bahlsen l Du gefällst mir heute nicht, Seede. Du siehst so sorgenvoll und vergrämt aus, und mir scheint es, du hast sogar geweint. Hast du wieder über dein Leid gegrübelt?"

Manchmal packt's mich an, Mutter, und der Schmerz über meine Blindheit ivill mich gasend machen. Aber das ist es nicht allein. Auch Arda macht mir Sorgen."

Was ist mit Arda, Seede?"

Ich weiß es nicht, Mutter. Sie ist lieb und gut zu mir und vermag mich immer zu trösten, wenn ich über mehr Leid klage. Und heute früh hat sie mir so schön von unserer Zukunft: erzählt. Und wir haben vor dem-Haus gestanden an der Dünen­straße. wo wir wohnen wollen, wenn wir verheiratet sind."

Nun? Weshalb dann die Sorge um Arda?"

Da beugte sich Seede nieder und sagte leiser:Arda ist zu schön. Alle Burschen im Orte sagen es."

Aber alle haben dick» gern Und keiner mißgönnt dir dag Mädchen."

Einer doch, Mutter. Petrow TUander."

Die alte Frau sank in sich zusammen, und wäre Seede Bahssen nicht blind gewesen, so hätte er gesehen, wie sich Mutter DghlsenS Antlitz vor Angst verzerrte. Sie schwieg, bis sie sich vollständig wieder in der Gewalt hatte, dann sagte sie:Hör«, mein Jungs. Dein Vater war Steuermann auf der Schonerbrigg Sturmvogel. Das weißt du längst. Deine Mutter war eine Helgoländerin und heglesietc ihren Mann auf vielen seiner Fahrten, bis sie in der SÜdsee vom Fieber dahingerafft wurde. Ganz gebrochen kehrte dein Pater zurück. Er brachte nur dich mit, ein Knäblein von