Weiber-Kegiment.
Roman von Oskar Klaußmaun.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Graf Klinker hielt sich mit Werner in der Nähe der Eingangstür auf und nahm immer wieder Gelegenheit, ihn den erscheinenden Damen und Herren, die dicht hintereinander ankamen, vorzustellen.
Zehn Minuten nach acht Uhr war der Saal gefüllt.
,Lch muß meine Bratsche holen und noch etwas stimmen", erklärte Graf Klinter; „ich wirke im Orchester mit, und das muß bereits sitzen, wenn die erste Nummer beginnt. Suchen Sie sich einen Platz im Saale, wo es Ihnen beliebt. Wir haben keine numerierten Plätze, da wir ^a auch keine Billette verkaufen, sondern nur geladene Gälte haben."
Zwanzig Minuten nach acht klopfte Frau Barbara energisch mit den, Taktstock auf das vor ihr stehende Pult und gab das Zeichen für den Frauenchor zum Einsatz der ersten Programmnummer: „Ständchen von Franz Schachert".
Verdienter, stürmischer Beifall folgte der sehr präzisen Aufführung.
Nach Frau Barbara trat Hüttendirektor Grau an das Dirigentenpult, und das Orchester spielte die „Fidelio"- Ouvertüre (Leonore III). Darm folgte eine kurze Pause, während deren sich der Männerchor auf der Bühne versammelte. Wiederum kam Schubert zu Gehör, und zwar der vierstimmige Männerchor: „Nachtgesang im Walde". Dann folgte eine grössere Pause, während deren Graf Klinter Werner aussuchte und ihn bat, mit ihm in das Künstlcr- zimmer hinter der Bühne zu kommen.
Hier fanden sie Dora Buchwald in leicht begreiflicher Erregung, denn die nächste Nummer des Programms war die Arie der Rezia, die sie unter Begleitung Werners singen sollte. Die Erregung gab Dora lebhafte Farben, und sie sah in der großen Gesellsck>aftstoilette geradezu entzückend aus.
Ihre Erregung fiel Graf Klinter auf, und er fragte sie direkt:
,,s>abe» Sie etwas Kulissenfieber, gnädiges Fräulein?"
„Offen gesagt: ja und ziemlich stark. Es bemächtigt sich meiner immer eine große Unruhe, lvenn ich öffentlich auftreKn soll, und sie erreicht ihren höchsten Grad in dem Augenblick, in dem ich ansangen soll zu singen. Wenn ich erst meine stimme höre, dann werde ich allmählich wieder ruhig."
„Sie müssen gar nicht an den Augenblick des Auftritts! denken. Sie sind ja auch so sicher, daß Sie wirklich keine Angst zu haben brauchen. Nun, lieber Herr Kollege, wte gefällt Ihnen die Stimmung hier?"
„Ich bin entzückt", entgegucte Werner; „ich habe mit wirklichem Erstaunen die Andacht bewundert, mit der alle Welt den Vorführungen lauscht,"
„Ich sagte es Ihnen ja vorher," bemerkte Graf Klinter, „cs liegt Schtvuirg in diesen Veranstaltungen, und unser Publikum ist sehr aufnahmefähig, allerdings auch etwas kritisch und verwöhnt, denn wir haben zeitweise hier hervorragende Künstler selbst aus Berlin, weil wir nicht auf die Kosten zu sehen brauchen."
Graf Klinter blickte auf die llhr und sagte:
„Ich muß auf die Bühne zum Annoncieren. Machen Sie sich bereit. Sie führen das gnädige Fräulein auf dos Podium."
Dora wurde plötzlich gairz blaß, so daß Werner sie mit Besorgnis betrachtete. "
Graf Klinter stieg rasch die wenigen Stufen zur Bühne empor und trat bis an den Rand des Podiums.
„Fräulein Buchmald wird die Freundlichkeit haben, uns die große Arie der Rezia aus dem zweiten Akt des „Oberon" zu fingen. Die Begleitung hat in letzter Stunde freundlichst
Herr Bergrat Spaltung übernommen."
Dan» wendete er sich nack der Treppe, an deren Fuß Werner und Dora standen, uno winkte ihnen.
Doras Hand zitterte auf dem Arme Werners, als sie die Treppe emporstieg.
„Mut, Mut!" rief ihr Werner halblaut zu: „es ist gleich vorüber. Nur mutig eingesetzt!"
Jetzt stand er mit Dora oben aus dem Podium, trat init ihr bis an beit Rand und verbeugte sich mit ihr zusammen. Ziemlich lauter Beifall erklang, denn Dora war eine beliebte Vortragskraft im Musikverein. Dora arrangierte noch rasch die Schleppe ihres Kleides, nahm ihr Notenblatt zur Hand, und Werner setzte sich an den prachtvollen Flügel.
Die Unruhe Doras schien ihn einen Augenblick aii- gesteckt zu haben. Dann gab er sich einen Ruck und griff in die Taften.
„Jetzt!" rief er Dora zu.
„Ozean, du Ungeheuer! Schlangeugleich - Hältst du umschlungen rund die ganze Welt.
Dem Auge bist ein Anblick voll Größe du,
Wenn friedlich in des Morgens Licht du schläfst."
Doras Stimme klang etwas unsicher und nicht ganz klar, die Erregung schien ihr in der Kehle zu sitzen. Werner begleitete stärker und lauter, als es zuerst seine Absicht gewesen >var, um Doras Stimme Halt zu geben und etwaige Unreinheiten zu verschleiern. Diese Begleitung machte Dora offenbar sicher.
„Rascher!" rief Werner halblaut der Sängerin zu. „Doch wenn in Wut du dich erhebst, o Meer,
Und schlingst die Knoten uin dein O.pfer her. Malmend das mächtige Schiff, als wär's ein Rohr, Tann, Ozean, stellst du ein Schreckbild vor!"
Die ganze Fülle ihrer Stimmenkraft legte Dora in diese Stelle und hob sich damit selbst zu Sicherheit und Schwung empor. Sie sang glockenhell und kräftig; jede Unsicherheit war geschwunden. Werner wußte, die Sängerin brauchte jetzt reine Stütze mehr an der Begleitung; er


