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W an jenem Morgen auf dem Kamm des Grasdammes Seede Vahlsen.
Er hatte die Beine iveit von sich gestreckt und den Kops aus den rechten Arm gestemmt.
Vor ihm lagen Weidenruten und eine halbfertige Aalreuse. Er summte ein schwermütiges Fischerlied vor sich hin. Nur von Zeit zu Zeit hob er den Klopf und lauschte nach dem Meere zu, besonders wenn eine Woge die Steinböschung übersprungen hatte und nun ermattet und kraftlos auf dem Borlande sich zerlief.
Er schaute dann mit begehrlichem Gesichtsausdruck nach jener Stelle hin, siel aber schnell in sich zusammen, und sein frisches, hübsches Gesicht wurde tiestraurig.
Seede Bahlsen war blind.
Er ergriff die Fischreuse und einige Weidenruten, bie er gewandt durch seine Finger laufen ließ, sie bog und drückte und dann schnell und sicher in den Aaltrichter verflocht.
Plötzlich sprang er auf, warf Geflecht und Ruten hin und lauschte mit vorgebeugtem Körper und angehaltenem Atem landwärts.
Mit seinem, wohl allen Blinden eigenen, feinen Gehör hatte er in weiter Ferne Schritte vernommen.
Aber der Ausdruck der Freude, der einen Augenblick sein Antlitz verklärte, verflog.
Seede ließ sich zur Erde fallen, drückte sein Haupt in das Deichgras und blieb so liegen. — Ein Zittern durchffog seinen Körper.
f eebe Bahlsen schluchzte, a ertönte hinter dem Teich eine helle, metallische Slimme: r,Seede? — Seede?"
Der Blinde richtete sich schnell auf, ergriff Reuse und Ruten und begann emsig' zu siechten.
Immer wieder rief es: „Seede? — Seede? — Min goter Jong, Seede Bahlsen."
Und dann tauchte über dem Dammweg ein blonder Mädchen- kopf aus, mit schwarzen, glänzenden Augen und kräftigem, elfenbeinweißem Gebiß.
Und das junge Mädchen blieb erschrocken stehen, als es Seede Bahlsen so zusammengeduckt am Deiche sitzen sah.
Sie lvarf den dicken Zopf, den sie über der Schulter auf dem Busen liegen hatte, durch eine hastige Kopsbeivegung zurück, setzte einen lleinen Korb nieder und kniete neben Seede in das Gras.
„Min Jong, min goter Jong, was hast du?"
Sie nahm SeedeS Kopf zwischen ihre Hände und schaute ihn an, dann ries sie bestürzt: „Du hast geweint, Seede Bahlsen, du hast geweint?"
Er schüttelte den Kopf.
„Lüg' ein anderer der frühen Gottessonne ins Gesicht. Du kannst es nicht. Deine Augen schimmern noch feucht, Seede, mein Seede, warum hast du geweint?"
Sie schmiegte ihren schlanken Leib an Seede und umschlang ihn.
Und der Blinde erzitterte leise und rührte sich nicht unter den Liebkosungen des Friesenmädchens.
Und als sie ihn losließ, ergriff er ihre Hand und preßte seine Lippen darauf, und mit glücklichem Lächeln sagte er: „Arda".
Nun saßen beide schweigend am Deich und lauschten dem Konzert des wogenden Meeres.
„Rede, Arda, ich höre wie das Meer klatscht und schlägt," bat der Blinde.
„Gut, Seede, das sind die breiten Wogen, die >vie flache Teller aus den Wassern springen und von oben platt auf das Land fallen."
„Sind das die schlimmen?"
„Nein, die sind zu laut, um viel zu schaden. Die lausen auseinander und sickern ein."
Seede nickte mit dem Kopfe und lauschte dann gespannt dem Wogen des Meeres zu.
„Ich höre, wie es leise schlürft und dazu lieblich singt."
„Das sind die heimtückischen, die machen es wie die bösen Menschen, die sich scheuen, laut aufzutreten, die immer locken und züngeln. Seede, die wühlen und lockern, was fest und gut >var."
„Ach, Arda, lehre mich das Meer kennen. Seit zehn Jahren sitze ich hier Tag für Tag stundenlang und starre aus die Flut. Mein Ohr kennt jede Welle', fühlt jede Woge, und ich zermartere mir das Hirn: Wie mag das Meer aussehen? Tu sprichst: Jetzt grün, jetzt weiß, jetzt glänzt es ,und> jetzt erscheints wie finstere Nacht. Ach Arda, was ist grün, und was ist weiß, und ivas ist Glanz?"
Und sein tiefer, innerer Jammer packte ihn wieder und preßte Tränen aus den erloschenen Augen, und Arda küßre Träne um Träne, die aus ihre Hand rollten, fort. Tann holte sie tief Atem und sagte tröstend: „Sei nicht traurig, Seede, du hast doch mich. Und kann ich dir auch nie lernen, wie das Meer aussieht und der Himmel und das Wiesenland, so kann sch dir doch sagen, daß die Welt nicht immer gut aussieht. Manches auf der Welt ist häßlich und erfreut picht des Menschen Auge, und das bleibt dir erspart, mein lieber, guter Seede "
Er nickte vor sich hin und sein düsteres Gesicht wurde friedlicher.
„Nur einmal möchte ich sehen, nur einen einzigen Blick in die Welt gönne mir das Schicksal. Dich und das Meer und Mutter Bahlsen, nur diese drei möchte ich sehen einen einziges Augenblick "
Arda hatte die Knie angezogen und die Arme darum ver
schlungen. Sie blickte traurig au, Seede Bahlsen und schwieg. Ihre Trostkunst war zu Ende.
Und Seede brütete wieder vor sich hin, lange lange Zeit.
„Soll ich singen?" fragte endlich Arda.
Er schüttelte sein Haupt.
Bald danach fragte er: „Wie gehts der Mutier, Arda?"
„Die alten Schmerzen, bald arger, bald geringer. Sie fragt nach dir. Du sollst komme» und ihr erzählen. Hast du eine neue Geschichte erdacht?"
. --Du weißt doch, Arda, ich erdenke mir keine Geschichten. Es rst wie beim Quell: sie fließen mir aus Sinn und Herz."
In Ardas Augen leuchtete es auf. Sie riickte näher an Seede und begann mit eindringlicher Stimme: „Seede, du bist eigentlich unzuftieden und undankbar."
„Arda!" _
„Gewiß, Seede Bahlsen, das bist du. Zwar hat dir Gott das kostbare Gut des Augenlichts versagt, aber siehst den» du trotzdem nicht mehr und besser wie alle anderen im Orte, siehst du nicht mit deiner Seele und Malst du nicht mit Worten, so bunt, so glänzend, wie es keiner kann, wenn er auch tausend sehende Augen im Kopse hätte? — Hörst du nicht, wie alle die Burschen und Mädels mit stillem Atem lauschen, wenn du erzählst? Bist du ha nicht ein König unter all den Sehenden, trotzdem du blind bist? Und lveißt du noch, als vor zwei Jahren der alte Kun Peters aus dem Fockmast gestürzt war? La lag.er und stöhnte vor Schmerz und fluchte und lästerte, und als man dich holte und du begannst mit deiner weichen, milden Stimme zu erzählen, da war Kun Peters still und er lauschte, und ganz sanft ist er gestorben. Und bist du es nicht, der die Hinicken rm Armeleutestübel durch deine Geschichten zur Ruhe bringt, ivenn sie schreit und tobt und alles zerschlägt?"
Arda holte tief Atem und schwieg, und von der Seite schaute sie gespannt nach Seede Bahlsen.
Dessen Gesicht war friedlich und ruhig geworden und ein Schimmer verklärter Freude hatte sich darüber gebreitet.
Seede ergriff Ardas Hand und behielt sie in seiner Linken, und mit der Rechten strich er darüber hin. Dann sagte er weich: „Und das Beste hast du vergessen. Durch meine Erzählerkunst habe ich dich ja gewonnen, das beste von all den Mädchen im Dorfe." — „Und das schönste," fügte er noch mit erschütternder Traurigkeit hinzu.
Aber Arda gab der erneuten düsteren Stimmung des Blinden nicht Raum.
Lachend rief sie: „Was weißt d» von meiner Schönheit! Wer weiß, gefiel ich dir, wenn du mich sehen könntest." Und sie drückte sich an ihn und küßte ihn auf die blinden Augen, dann! sprang sie aus und holte den kleinen Korb, aus dem sie gedörrten Fisch nahm, ihn entgrätete und die schneeweißen Stücke Seede in die Hand legte.
„So — mein Freund. Nun iß, und hier das Rundstück dazu."
Und während Seede aß, ging Arda den Deich hinunter. Sie bückte sich emsig und sammelte grünliche und rötliche Muschelchen, und ihr schlanker Körper bog sich elastisch und zeigte Formen von wunderbarem Ebenmaß, und ihr vom Bücken zart gerötetes Gesicht wurde von den starken Blondflechten liebreizend umrahmt. Sie sang leise ein altes Lied.
„Was singst du, Arda? Singe lauter, das Lied gefällt mir."
Arda kehrte mit dem vo» Muscheln angefüllten Körbchen zurück und setzte sich neben Seede.
Sie zog dann aus einem fteinen Täschchen von Seehundssell, das sie an ihrer Hüfte hängen hatte, allerhand Werkzeug: einen! kleinen Amboß mit einem spitzen Fuß, ähnlich dem Dengelamboß her Schnitter, ein Hämmerchen und einen Spitzmeißel.
Den Amboß trieb sie zn die Erde. Dann nahm sie eine Muschel, legte sie aus den Amboß, setzte in ihrer Mitte den Meißel und schlug dann mit dem Hammer kurz darauf, so daß die Muschel ein Loch bekam. Gar manche zersprang, aber vielt blieben doch ganz.
Und sie sang dazu:
Wenn die Woge rauscht Und die Möwe zieht —
Und das Segel mächttg bläht —>
Dann erklingt mein Lied:
Finnisches Mädel, lebe wohl.
Meere trennen unser Glück.
Und am fernen Seegestade Denk' ich gern an dich zurück.
Wo die Palme rauscht Und der Lotos blüht.
Braunes Mädel glühend küßt —
Dort erklingt mein Lied:
Finnisches Mädel, lebe wohl.
Meere trennen unser Glück.
Und am fernen Seegestade Denk 'ich gern an dich zurück. —
„Das Lied gefällt mir, Arda, woher hast du die Weise?" „Es ist ein alles, sinnländisches Lied. Petrow Tikander hat mirs gelernt."
„Der Findling? Seit wann lernt der dir Lieder?"


