Ausgabe 
18.5.1914
 
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Epalding war das diametrale Gegenteil, und vielkeicht Wäre die mittlere Linie zwischen dem Verhalten seines Vor­gängers und dem Verhalten Spaldings der richtige Weg gewesen. Aber Dora mußte sich sagen: diese mittlere Linie war ungemein schwer zu finden.

Was wollte sie denn von ihm? Er betrachtete sie als seine Chefin und als nichts anderes. Hätte sie denn das nicht erwartet, war das nicht naturgemäß, war das nicht seine Pflicht? Dorn hätte aber wahrscheinlich gar nichts Ausfallen­des in dem Verhalten Spaldings gesunden, wenn nicht Tante Schottelins mit ihren Nörgeleien gewesen wäre. Beständige Einflüsterungen und Beeinslussungen machen schließlich die besten Vorsätze wankend. Dora wollte sich unter keinen Um­ständen von Tante Schottelius irgendwie beeinflussen lassen, und doch fühlte sie, daß dies der Fall war. Sie ahnte, daß sie in einen inneren Konflikt kam, der so töricht, so über­flüssig, so unangebracht ivar, daß er ihr selbst lächerlich er­schienen wäre, das heißt in der Zeit, als ihre Gedanken! noch nicht Zwangswege gingen.

Abends unl acht kam Werner nach Saarkirchen geritten. Er lchtite die Teilnahme am Abendbrot, zu der ihn die Tante veranlassen wollte, ab, da er selbst soeben vom Tische kam. Dann sang Dora die Arie noch einmal durch, und sie sang sie mit solchem Schwung und solcher Begeisterung wie noch wie.

Wunderschön!" sagte Spalding halblaut, als sie geendet hatte, und diese Anerkennung machte ihr mehr Freude als viele Dinge in den letzten Jahren. Dann übte Spalding selbst noch ein paar schwierige Einsätze, plauderte dann anstands­halber noch einige Minute» mit den Damen und ließ sein P^rd vorführen, uin nach Hause zu reiten.

Am nächsten Morgen war er pünktlich um acht wieder da und erzählte, daß er von einem einstündigen Spazier­ritt komme, aus dem er auch in Klinterselde beim Grasen ge­wesen war, um diesen«Gutenmorgen" zu sagen. Werner schlug den Kaffee, der ihm angeboten wurde, nicht aus, denn er hatte noch nichts genossen. Dann wurde noch einmal die Arie geübt, ein paar schwierige Stellen Ivurdcn wiederholt, und Spalding erklärte schließlich:

Ein weiteres lieben wäre überflüssig und würde Sie pur austrengen, gnädiges Fräulein. Wir müssen uns aus Ihre Sicherheit und aui gutes Glück verlassen."

Um neun Uhr klang schon wieder der Husschlag seines serdes von der Straße her. Er jagte nach der Theresien- ütte hinüber, um niöglichst früh im Bureau zu sei».

Werner hatte init Graf Klintcr verabredet, daß ihn ieser am Abend mit dem Automobil zum Mnsikvcrcin ab- olte. Nach Schluß der Tienststundcn nahm Werner sein lbcndbrot zu sich, kleidete sich sorgfältig an und war auf die Minute fertig, als Gras Klinier vorfuhr. Eine Viertel­stunde vor acht betrat Gras Klinter mit Werner den Fest­saal des Hotels in Dasburg.

Die beiden Freunde kamen aber keineswegs z'u früh. Der große Fcstsaal strahlte schon ini hellsten Glanze der elek­trischen Lichter. Zur Rechten und zur Linken im Saal waren terrassenförmige Tribünen nufgebaut, und besonders aus der linken Seite saß schon eine Anzahl älterer Damen.

Diese Tribüne heißt der Drachenfcls!" raunte Klinter seinen! Freunde lächelnd zu.

Gegenüber dem Eingang befand sich die Bühne, zu deren Podium einige Stufen emporführten. Der Vorhang war ge- üssnet: man sah aus der Bühne die Dekoration eines Parkes. Vor der Bühne im Saale selbst stand eine Menge von Pulten und Stühlen, die wahrscheinlich sür das Orchester bestimmt waren. Auf der Bühne standen zivanzig bis dreißig Damen, fast sämtlich in hellen Kleidern, mit Notenblättern in den Händen.

«Unser Frauenchor", erklärte Graf Klinter:und da ist auch schon die Dirigentin, Frau Barbara Glover."

Ja, sie war es, mit der Werner im Eiscnbahnzuge die Begegnung aus der Fahrt von Nenenburg nach Dasburg

I ehabt hatte. Ein silbergraues Seidenkleid floß in langen falten an der herrlichen Figur der Frau herunter. Ein Bril- antenhalsschmuck und ein paar Brillanten im schön frisierten )aar erhöhten die Wirkung, welche die Erscheinung Frau Zarbaras ausübte. Die schön modellierten Arme Barbaras, die aus den weiten, kurzen Aermeln des Kleides hervor-: traten, waren ohne jeden Schmuck. Sie bedurften eines sol­chen auch lischt.

Graf Klinter brachte Werner bis aus das Podium und stellte ihn Frau Barbara vor. Sie hatte dem Chor gerade

noch einige Verhaltungsmaßregeln gegeben. Jetzt wandte sie sich rasch um, lächelte verbindlich und sagte:

Wir kennen uns bereits, wenn wir uns auch uicht vorgcstellt sind."

Dann reichte sie Werner die Hand zum Kusse.

Ich höre von unserm verehrten Grasen, daß Sic heute bereits iu liebenswürdigster Weise Aushilfe leisten. Ich danke Ihnen dafür und hoffe, Sic recht oft als Mitwirkendcn bei uns zu sehen. Sie haben wohl die Freundlichkeit, Graf Klinter, und stellen den Herrn Bergrat den Damen vor."

Graf Klinter erfüllte auch diese Pflicht, indem er jeder einzelnen Dame auf deni Podium Werner präsentierte und den Namen der Dame nannte. Nur bei Dora Buchwald, die unter den Sängerinnen stand, war das nicht nötig; sie begrüßte Werner mit einem freundlichen Kopfnicken.

Werner verbeugte sich dann auch noch gegen den Drachenfelsen", aus dem Frau Schottelius saß und herab­lassend dankte. Dann führte Graf Klinter Werner wieder voin Podiunl herunter und durch den Saal hindurch in eine» der Nebcnräume, wo er ihn mit dem hüttcndirektor Grau bekannt machte.

Unser verehrter Dirigent des Orchesters und des Männerchores", erklärte Gras Klintcr.Ich bringe Ihnen hier, Herr Direktor, ein wertvolles Mitglied sür unser» Ver­ein. Er begleitet ausgezeichnet, wie Sic heute abend sehen werden, er bläst Piston und ist als Sänger im Chor zu verwenden."

Seien Sie herzlich willkommen, Herr Bergrat", sagte Grau, der nicht bei den Buchwaldschcn Werken, sondern bei einer anderen Gesellschaft als Hüttcndirektor anestellt >var. Ich hoffe, Sie werden uns mit Ihren musikalischen Leistun­gen öfters erfreuen. Sie dürften sich schon heute abend über­zeugen, daß hier ein ernstes künstlerisches Streben vorhanden ist, und daß wir alle mit Leib und Seele der Musik ergeben sind."

Es herrschte nnziveiselhast eine begeisterte Stimmung, und etwas wie Weihe der Kunst war schon in dem rasch sich süllenden Saale bemerkbar. Der alte Geheimrat Kersten kam mit dem Cello im Arm, niit der Stahlbrille auf der Nase und sah dadurch so verändert aus, daß ihn Werner kaum tvicdercrkanute. Er kam aus dem Linimer, in dem die In­strumente gestimmt worden waren, und brachte behutsam das Cello auf den Platz, den er im Orchester einnehmeln sollte.

(Fortsetzung folgt.)

Der Blinde am Meer.

Roman von Karl Böttcher-Chemnitz. tNachdrnck verboten.)

1. Kapitel.

Langsam kehrte die Flut zurück.

Schon züngelten die Wasser den steinichten Damm hinauf. Die Wellen schoben und drängten sich in stetem auf und nieder, und ihre Rücken wölbten sich zu massigen Bogen, die in sich zn- sammcusiclen und als lange Grate wieder auscrstanden.

Ganz draußen aber kamen die schauinigcn Wellenrosse leb­hafter dahergcstürmt. .Sie bildeten eine weiße Gischtmauer, und einzelne Wasserstrahlen stiegen wie Türme in die Höhe und zerstoben dann in lausendtropsigem Sprühregen.

Die Frühniorgensonne übergoß dieses Flukenspicl mit leichte,» Rot, das sich mit dem Gelbgrün der Fluten mischte und nun als zart abgetöntes Orange glänzte.

Jeder daherrauschendc Wellenrücken zeigte neue Färbung, unh als die Wasser jetzt die Algen der Böschung umspielten, leuchtet« dunkles Smaragd.

Hier und da hob sich aus Pein leuchten »sersand mit kläg­lichen, Schrei eine Möwe empor. Die Flut überzog ihren reich­liche» Tisch mit einem feuchten Tuch und raubte ihnen die bequeme Atzung.

Durch die Hasenpsorte des kleinen Fischerdorfes wandert« Woge um Woge, und die breitbrüstigcn Segler, die abgetakelt im Schlamme hockten, hoben Kiel und Bug und schwankten nach links und rechts, erst ganz leise, vom Wellenstoß erzitternd, dann wie aus dem Schlafe, den die Ebbe ihnen beschert, erwachend und sich reckend und streckend, daß sich die Ankerketle klirrend spannte. Aus dem dunllen Schisisbauche stiegen bedächtig die Fischer. Sie rieben sich die Augen und spähten dann, an die Reeling gelehnt, seewärts.

Das Wetter wird gut, die Flut setzt ordnungsgemäß ein, ia einer Stunde kann der Schoner seine Fahrt beginnen.

Weitab vom Fischerdorf, wo der Deich in scharfem Winkel nach Westen springt und die Wellen der Nordsee am wildesten branden,