Wribrr-lKrgiment.
Roman von Oskar Klaußmann.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Dora hatte auch nie ein besonderes Interesse für einen Mann gehabt. Sie war eine nüchterne, ruhig überlegende Natur. Acußcrlichkeiten imponierten ihr nicht. Titel, Orden, Uniform, ein elegantes Aeußeres: Eigenschaften, die einzeln oder zusammen sonst viele Frauen bestechen, machten auf sie keinen Eindruck.
Einmal hatte sie jich für einen Mann interessiert, eine kurze Zeit laug und wohl mit einem romantischen Empfinden solaend. Der Retter des kleinen Mädchens, das bei», Aufenthalt in der Ramsau bei Berchtesgaden verloren gegangen war, Werner Spalding, war ihr in jener Stunde des rasenden Gewitters in malerischer, romantischer Pose eutgegengetreteu, mit dem geretteten Kinde auf oem Arm. Wie ein Engel, wie ein Halbgott erschien er damals den jammernden und sorgenden Frauen, welche mit den Eltern des verloren gegangenen Kindes bangten.
Der Mann hatte ihr auch imponiert. Er entzog sich durch schleunige Abreise allen Danksagungen, aller Anerkennung. Er hatte ein schlafendes Kino zufällig getroffen,
S iatte es mit sich genommen, und das war ja in Wirklich- eit keine Heldentat. Aber dieser Mann hatte sie doch einen Augenblick lang stark interessiert, und Dora hatte sogar versucht, das Bild. das sie von ihm in der Erinnerung hatte, mit Bleistift und Kreide festzuhalten. Aber, wie die Tante Scbottelius Kersten verraten hatte, war das Bild mißglückt. Wahrscheinlich hätte auch ein Künstler, der mehr Uebung im Zeichnen besaß als Dora, das Bild nicht ans der Er- innerung zu eigener Zufriedenheit zeichnen können. Von dem Manne, den sie in romantischer Pose gesehen, war schließlich nur eine schwache Erinnerung zurückgeblieben. Sie kannte seinen Nanren, den man in der Pension in der Ramsau aus deni Fremdenbuche festgestellt hatte.
Da kam eines Tages Geheimrat Kersten und schlug ihr vor, diesen Mann, den er gut kannte, als Direktor der Theresien-Hütte und später als Generaldirektor zu engagieren.
Im ersten Augenblick, als Geheimrat Kersten den Namen nannte, ries etwas in Dova laut und deutlich: „Rein, nein, um keinen Preis diesen Mann!"
Dann kam die vernünstige Erwägung, daß Werner Spalding ein bedeutender Fachmann und eine tüchtige Kraft sei und daß es sich sehr wohl empfehle, ihn für die Werke zu interessieren. Und außer dieser kühlen Erwägung gab es noch etwas anderes in Dora: ein Gemisch
von Neugier, von wicdererwachendem Interesse und ein nicht zu beschreibendes Gefühl, das man vielleicht als den Wunsch bezeichnen konnte, „mit dem Schicksal zu spielen". Das Schicksal hatte ihr diesen Mann einmal in den Weg
geführt, und nun sollte er dauernd in ihre Nähe konrmen. Dunkle, durchaus unklare, nicht definierbare Empfindungen waren es, die sie veranlaßten, ja zu sagen. Bon dicserck Augenblicke an aber war das Empfinden Doras ein wenig aus dem Gleichgewicht geraten. Sie bangte einen Augenblick, Spalding sänne die Stellung ablehnen; aber es kam sogar telegraphisch seine Zusage an Geheimrat Kersten. Dann wurde der Termin seiner Einkunft bestimmt, und Dora begann die Tage zu zählen, bis sie ihn Wiedersehen würde. Ihre Gedanken beschäftigten sich nrit dem Manne, den sie nur flüchtig gesehen hatte, der sie wahrscheinlich gar nickt kannte, in solchem Grade, daß ihr das lästig wurde. Sie wollte diese Gedanke» abschütteln, aber sie kamen immer wieder. Ihr Denken fing an zwangsläufig zu werden und sich gegen ihren Willen mit Spalding zu beschäftigen.
Dann kam er, und Dora fühlte sich wie erleichtert, tote von einer Spannung befreit.
Vom ersten Tage an hatte Tante Schottelius an Spalding alles mögliche auszusetzeu. Von der ersten Stunde an haßte sie ihn wie alle unverheirateten Männer, die in Doras Nähe kamen. Ihr gegenüber mußte Dora fortwährend die Handlungsweise Spaldings verteidigen. Es ivar merkvür- dig, daß sie das^überhaupt tat. Sie nahm sonst die Bemerkungen der gehässigen Frau, mit der sie zusammen lebte, ohne jede Gegenbemerkung aus. Sie hatte aber Spalding mehrere Male verteidigt, und deshalb gab ihr Tante Schottelius den Hieb, der auch richtig saß, indem sie erklärte, Dora fände alles gut, was Spalding täte.
Diese Behauptung war nicht wahr. Dora dachte gar nicht daran; int Gegenteil, sie war mit vielen Worten und Handlungen Spaldings gar nicht einverstanden. Wenigstens für den ersten Augenblick nicht. Wer wenn sie näher nachdachte, fühlte sie, >vie ihre Gedanken wieder einen Zivangs- weg gingen, wie sie aus einer Anklägerin Spaldings seine Verteidigerin wurde und wie sich ihr schließlich die Ueber- zcugung aufdrängte, daß er gar nicht anders handeln konnte, als er handelte, und daß das das Richtige Ivar, was er tat.
Gewiß, die Art und Weise, wie er Schranken zog zwischen sich und ihr, wie er absichtlich durch sein Betragen andeutete, daß zwischen ihm und ihr eine tiefe Kluft bestehe, die zu überbrücken ihm niemals einfallen ivürde, ver- letzte sie in manchen Augenblicken. Seine Unnahbarkeit, sein ostentatives Zurückhalten taten ihr sogar wehe. Aber konnte er anders handeln, wenn er klare Verhältnisse herbeiführen wollte, wenn ihm daran lag, in ihr nichts anderes zu sehen als die Herrin der Werke, die jetzt teilweise seiner Leitung anvertraut waren und später ganz und gar seiner Obhut überlassen werde» sollten? Sie ertappte sich auf dem Gedanken, daß sie sich das Rebcneinandcrleben mit ihm anders vorgestellt hatte. Er war das direkte Gegenteil seines Vorgängers, der sich ihr in aufdringlicher Weise genähert hatte, um sie gewissermaßen zu überrumpeln und zu einer Verlobung und Hock>zeit halb und halb zu zwingen.


