Ausgabe 
16.5.1914
 
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Der Nachtmensch.

Von Max Kretzer.

Otto Butterteich, einziger Hinterbliebener Sohn des verstorbenen Konlervensabrikanten August Buttcrteich, hatte täglich vierzig Mark 'iu verzehren, rein zu verzehren, denn für Wohnung, Kleidung ufw. orgte die ihrer Gesundheit wegen stets im Süden weilende Witwe eines Erzeugers noch, weil sie sich das teure Leben dieses Prackst- vrlchens noch lange erhalten wollte. Dafür sorgte überdies Otto schon von selbst, indem er cs so einzurichten wußte, daß von den vierzig Mark kein Pfennig übrig blieb. Das war Ehrensache. Otto Buttcrteich war nämlich ein Nachtmensch, wozu ihn schon, wie er durcharis ernst meitlte, die Stunde seiner Geburt, nämlich die mitter­nächtliche, gemacht habe. Er würde es also ftir eine direkte Fälschung der Tatsachen halten, wenn man behaupten wollte, er habe vor fünsnnddreißig Jahre» das Licht des Tages erblickt, ergo habe ihn gleich nach der Geburt die Nacht unter ihre Fittiche genommen. Es ist erklärlich, dass die häusliche Umgebung eitles derartigen Nachtmenschen es nicht leicht hat, mit ihm fertig zu werden, weil der Anachronismus eine völlige Umkrcmpelung der Verhältnisse bedingt. Als die Märthrcrin Numero eins, eine alleinstehende, würdige Danie, nach dreijähriger Ausdauer das Zeitliche gesegnet hatte (leider muhte sie am Tage begraben werden, was ihr Mieter geradezu als einen störenden Eingriff in sein Lebenspro- gramm betrachtete), sah sich Buttertcich genötigt, seinen Wigwam wo anders aufzuschlagen. Kaum hatte er, es war im Winter, am frühen Abend, seine schweren Koffer und Kisten zu der verwitweten Frau Bergwerksingenieur Gnadenast, bei der er die drei möblierten Vorderzimmer gemietet hatte, transportieren lassen, als auch schon der Konflikt begann.

Ich bitte um den Morgenkaffee," sagte er zum Mädchen, das sein Klingeln herbeigernfcn hatte.

Die breitgcsichtige Pomnierin glaubte ihn nicht richtig ver­standen zu haben. Jedenfalls zog sie es vor, nutzt erst zufragen, sondern die Lösung des Rätsels ihrer Herrin zu überlassen. Frau Bergtverksingenieur, eine noch gut aussehende, etwas stark von sich eingenommene Dame, trat in die Erscheinung.Ter Herr wünschen über den Morgenkaffee zu sprechen?"Im Gegenteil, meine Verehrteste, ich möchte ihn gern haben. Es ist bereits sieben Uhr morgens." Frau Gnadenast fuhr ein wenig zurück.Der Herr wollten wohlabends" sagen . . .Nein, nein, ver­ehrte Frau Doktor, morgens, morgens. Für mich ist es erst mor­gens. An diese Zeiteinteilung werden Sie sich gewöhnen müssen, es ist übrigens heute ausnahmsweise spät geworden. Sonst bin ich ei» Frühaussteher. Tja."

Frau Gnadenast glaubte, daß er seinen Scherz mit ihr treibe, und so sagte sic entgegenkommend:O, das tut nichts. Meine Tochter muß auch schon sehr früh heraus. Sie brauchen also nur zu bestellen. Der Kaffee wird Ihnen auf die Minute vorgesetzt."

Es lag nur zu nahe, daß Otto Butterteich, der in seiner eigenen Zeitrechnung lebte, das falsch ansfatzte:So so. Ihr Fräulein Tochter geht nachts ihrer Beichäitigung nach?" äußerte er sich lebhaft.DaS interessiert mich sehr. Was treibt sie denn? Was für einen Dienst hat sie? Tanzt sie? Ist sie Kassiererin? Viel­leicht Büscttdame?"Aber erlauben Sie mal!" unterbrach ihn die Frau Berglverksingenieur ganz entrüstet. Otto Buttertcich, mit seinem Verstände vorübergehend an das Tageslicht gerückt, bat um Verzeihung, als er erfuhr, dass Fräulein Lucie Gnadenast schon morgens früh um sieben Uhr nach richtiger Zeit von Hause fort müsse, da sie einen weiten Weg habe bis zu denr Fabrikkontor, wo sie Korrespondentin in Englisch und Fran­zösisch sei.

Ta haben wir ja einen ganz verrückten Menschen bekommen," sagte Frau Gnadenast ein paar Tage später gegen Abend zu ihrer Tochter, die hinten im Wohnzimmer vor dem NutzbaumtrumeaU stand, ihren Sanimethut, an dem sie Aendernng vorgenommen hatte, ausprobierte und dabei ihre stramme Figur unwillkürlich recken muhte. Draußen in der Fabrik hatte man englische Tischzeit, und so kam Lucie gewöhnlich gegen 6 Uhr nach Hause.

Das sind noch nickst die schlechtesten, Maina," gab sic zurück, ohne den Anblick ihres gesunden Spiegelbildes zu unterbrochen. -Die schlimmsten sind die dösigen, die wie die Hammel durchs Leben trotten. Was macht er denn so Verrücktes, wie?"

Die Nacht zum Tage."

Weiter nichts?"

Na hör mal, das ist doch gerade genug. Ein Bummelank erster Güte. Vor sechs Uhr morgens kommt er selten nach Hause. Dann schläst er, nachmittags um sechs Uhr trinkt er seinen Morgenkaffee und nimmt die übrigen Mahlzeiten ganz nach der Tageseinteilung «in. Aus das peinlichste, genau nach der Stunde. Er nennt sich mit Stolz Nachtmensch, eck könne gar nicht mehr anders leben."

Das ist ja großartig," warf Lucie lachend ein. i,Wers so haben kann! Was muß der alles zu sehen kriegen. Ich wollte, ich könnte auch mal so eine Nacht durchbummcln. Das wäre doch wieder mal etwas anderes. Seit einem Jahr habe ich keinen Ball mehr mitgemacht . . . Papa machte das übrigens auch manchmal. Das sei notwendig, um den Geist wieder einmal anfzufrischc», meinte er."

Mal, aber doch nicht immer . . . Na, ich werde das vier Wochen mit ansehen und ihm dann einfach sagen, daß w i r Tages­

menschen sind. Das wird er dann hoffentlich schon verstehen. Man wUl doch von seinen Vorderzimmern auch 'was haben. Leute ohne Berus sind mir übrigens ein Greuel."

..Im Gegenteil, ich finde, daß man sich eines solchen Men­schen erbarmeir muß. Man müßte versuchen, ihn wieder zu einer geregelten Lebensführung j» bringen. Wenn sch nur wüßte, ob er es mir danken würde."

Lucie zählte bereits fünfundzwanzig Jahre, sah aber frisch wie eine Zwanzigjährige aus. Erfahrung hatte sie allerdings tvic eine Dreißigjährige, die Ohren und Augen nicht umsonst offen hält, und die Furcht vor dem Ungeheuer Berlin längst verloren hat. Gestern abend, als Herr Buttcrteich bereits auf dem Wege war, sein Frühstück irgendwo einzunehmen, hatte sie sich seine Häuslich­keit vorne angesehen und dabei auch seine Photographien ver­schiedener Jahrgänge betrachtet. Der letzte Jahrgang interessierte sie natürlich am meisten. Gar kein übler Mann, das mußte sie sich sagen. Sie hatte sich einen vertrunkenen Kerl mit verquolleneiil Augen vorgestellt, und sah nun einen Menschen mit offenem Gesicht und merkwürdig hübschen Augen, die ihr allerdings etwas aufge­rissen vorkamen.

Etwas Neigung zum Fettansatz schien ja vorhanden zu sein, das kam aber jedenfalls von dem vielen Sitzen und vom Biere. So etwas ließ sich immer eher wegbringen als anbringen, und für die mageren Männer hatte sie nie etwas übrig gehabt. Ausschlaggebend waren der slotte Schnurbart unter der kühnsprechenden Nase und das üppige gekräuselte Haar über der sorgenlos gebauten Stirn. Herr Butterteich, Sie scheinen nicht ganzohne" zu sein. Sie müßten eigentlich daran glauben", sprach die gedankenvolle Lucie ganz bewußt Vor sich hin. Der Name war allerdings nicht heraus­fordernd zum Kampfe, aber mit dem ihrigen konnte sie auch keinen Staat machen.

Die ersten vier Wochen bekamen die beiden Damen ihren Mieter gar nicht zu sehen, was eine Folge der verschiedenen Lebensweise war. Wenn bei Gnadenasts die Sonne unterging, ging sie bei Butterteich auf. Eines Morgens, um sieben llhi? als Lucie wie gewöhnlich sortging, begegnete sie auf der Treppe einem Herrn, dessen Gesicht ihr bekannt Vorkam, obwohl er den Kragen des Pelz­paletots über die Ohren geschlagen hatte und den Zylinder etwas schief in die Stirn gerückt trug. Er schwankte bedenklich, und da er noch den freien Ton in der soeben verlassenen letzten Nacht-Bar in Gedanken hatte, so hielt er einen kleinen Flirt auf der stillen Treppe mit der ihm unbekannten Schönen für erlaubt, was er durch ein paar ganz kecke Redensarten andeutete. Er siel aber gründlich ab, indem er die Worte zu hören bekam:Bitte sehr, Herr Sonnenfeind, bringen Sie Ihre Belästigungeil >vo anders an."

Diese Bezeichnung blieb auf Otto Buttcrteich sitzen, denn sie erschien ihm als eine unverdiente, obendrein ganz vertrauliche Kränkung. Er. der ausgesprochene Typ des Berliner Nachtmenschen, der während zehn Stunden iin elektrischen Lichte förmlich schwamm und in deti Ballhäusern manchmal tausend geschminkte Sonnest leuchten sah, sollte ein Feind des göttlichen Lichtes sein? Diese kecke Feindin mitßte er scststellcn. Ganz gegen seine Geivohnheit legte er sich nicht gleich schlafen, sondern wusch sich die Augen mit kaltem Wasser, zündete sich eine frische Zigarre an und wartete das Erscheinen seiner verehrten Wirtin ab, die ihn erstaunt fragte, ob er schon ausgehen wolle. Worauf Herr Bntterteich ganz entrüstet erwiderte, daß es jaAbend" und er soeben erst nach Hatise ge­kommen sei.

Sie sind krank, mein Herr," sagte Frau Gnadenast ebenso ärgerlich als mutig.Denn Sie leiden an einer fixen Idee. Wenn das so ^weitergeht, werden wir noch mondsüchtig, natürlich am Tage. Schon vorhin sagte meine Tochter, ehe sie ging:Es ist jetzt Abend und bald kommt der Sonnenfcind nach Hanse".

Ei, ei, so eine hübsche Tochter haben Sie?" Weiter sagte Buttertcich nichts, denn er wußte Bescheid. Es war wohl bloß nicht Zufall, daß er Lucie des Morgens jetzt häufiger begegnete. Als das wieder einmal geschah, war er so verwegen, ihr seine Begleitung anzutragen.Haben Sic noch nicht genug von dem nächtlichen! Berlin?" sprach sie ohne Zaudern.Es gibt nichts mehr, es ist alles zu. Schämen Sie sich denn nicht? Sehen Sie sich »uv einmal im Spiegel an, adieu." Otto Butterteich fand diese Be­handlung unerhört. Ter Mann mit vierzig Mark täglicher Ver­zehrung regte sich iu ihm. So blieb er denn an ihrer Seite und schwor, sie in einem Auto bis zu der Fabrik zu fahren.Ist noch so viel übrig geblieben?" spottete Lucie.Wenn Sie allein fahre» wollen, puinpc ich Ihnen. Pfui, Sie duften ja nach Alkohol. Wer wird Sie jemals heiraten."

Das war der Gipfelpunkt für Butterteich.,Ich denke. Sie," stieß er grimniig hervor.Ich? Dann müssen Sie noch einmal geboren werden." Sie beschleunigte ihre Schritte.So hören Sie doch, mein verehrtes Fräulein," sagte Butterteich ganz auf­sässig,ich will mich ja auch schäme». Weshalb sind Sie kein» Nachtinenschin? Dann würden Sie mich schon mehr schätzen lernen." Lucie lachte.Ich danke. Sie sind ein Unglückswurm. Wenn Hie so sortwirtschaften mit Ihrer Gesundheit, sterben Sie bald." Bnttep- teich stöhnte.Dann retten Sie mich doch. Das ist der seligste Wunsch meiner Mama, sie würde Sie segnen." Lucie lachte wieotp. Ich bin doch keine Heilanstalt für Trinker." Butterteich stöhnte noch lauter, immer gleichen Schrittes niit ihr.Sic verkennen mich total, ich amüsiere mich ja nur. Ich kann nicht mehr inst