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Witwe eines Steuerkontrolleurs. Sie war herrschsüchtig und hatte nie Gelegenheit gehabt, diese Neigung zu betätigen. Ta wurde sie plötzlich als Gardedame zu Dora Buchwald beruscn und kam in Verhältnisse, wie sie sich früher gar nicht hatte träumen lassen. Dora Buchwald war wirklich etwas wie eine kleine Königin, und wenn man sie so nannte, so beging man keine Ilcbcrtrcibnng. Viele tausend Arbeiter, viele hundert Bcainte waren ihr untergeben: Hunderte von Geschäftsleuten und Industriellen anderer Art verdienten an ihr Geld »nd richteten sich nach ihr. Aber auch die Fernstehenden beugten sich vor dem vielen Gelde. DaS Bernlögen steckte ja vor allem i» den Werken, aber cs betrug doch mehr als zwanzig Millionen. Selbst auf die KreisverwaltuiP halte dieses Ver- mögen, hatten die Werke, hatte die Besitzerin indirekt Ein- sluß. Dora und ihre Werke stellten einen Faktor dar, mit dem selbst die Behörden sorgfältig in gewissen Augenblicken rechnen mußten. Und nun war Frau Schottelius gewissermaßen die „Königin-Mutter". Auch vor ihr beugte sich alle Welt, und das gefiel der eitlen »nd herrschsüchtigen Frau. Die kleinen Sorgen des Lebens waren von ihr abgefallen. Sie brauchte nicht mehr mit ihrer kleinen Pension zu rechnen.
Das alles hörte mit einem Schlage aus, wenn Dora heiratete. Dan» brauchte sie keine Gardedame niehr, danil verschivand Frau Schottelins gewissermaßen wieder in der Versenkung. Sie zog sich in ihr mitteldeutsches .Heimatstädtchen zurück, und wenn ihr Dora auch gewiß eine anständige Rente aussetzte, so hielt das zukünftige Leben doch gar keinen Vergleich mit dcni jetzigen aus. Imponieren konnte die Frau Steuerkontrollern: dann niemand in dem kleinen Orte, wenn sie auch viel Geld hatte, »nd die einzige Herrschaft, die sic ausüben konnte, erstreckte sich vielleicht auf ihr Dienstmädchen.
Frau Schottelins hatte also alle Veranlassung, zu verhindern, daß Dora Buchwald heiratete, oder mußte zum mindesten versuchen, diese Heirat möglichst iveit hinauszuschicben. Bisher hatte sie irgendwelche Furcht wegen einer Verhei ratung Doras nicht gehabt. Die erste gefährliche Person, die für sie erschien, war Werner Spalding. Er war der erste Mann, für den Dora sich lebhaft interessiert hatte: sic hatte ja sogar versucht, ihn aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Sie hatte ihn in Heldenhafter Pose gesehen, die selbst der Tante imponierte, und Frau Schottelins wußte, daß schon der flüchtige Eindruck, den Werner vor einem Jahre auf Dora gemacht hatte, bei dieser sehr nachhaltig gewesen war. Dadurch, daß Dora sich damit einverstanden erklärte, Spalding zu engagieren, bewies sie, welches Interesse noch immer bei ihr vorhanden war. Wenn sich Frau Schottelins daher nicht zur Wehr setzte, war sie innerhalb weniger Monate abgetakelt und kehrte in ihre kleine Heimatstadt zurück, Dora heiratete. Es lag also in ihrem Interesse, diese Heirat womöglich zu verhindern.
Aber cs kam doch noch etwas anderes dazu, was Frau Schottelins gegen die eigene Nichte gehässig machte. Frau Schottelins hatte einen einzigen Sohn, einen harmlosen, gutmütigen Landpastor, und selbstverständlich hatte sic daran gedacht, wie praktisch und hübsch es wäre, wenn Tora diesen Landpastor, ihren Vetter, heiraten würde. Dann blieb das große Vermögen in der Familie, und lvcn» der Sohn der Frau Schottelins auch die Bnchwaldschcn Werke nicht leiten konnte, so war ihm doch das Vermögen zu gönnen, wenn die Buchwaldsche Hinterlassenschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Tante Schottelins hatte Dora auch vorsichtige Andeutungen betreffs einer Heirat mit dem Sohne gemacht. Aber schon diese Andeutungen genügten, um Dora in Harnisch zu bringen. Sie machte der Tante eine Szene, die erste unangenehme, die Frau Schottelius mit ihr hatte, »nd erklärte ihr kategorisch, wenn sie noch einmal von diesem törichten Heiratsprojekt rede, müsse sie sofort das Haus verlassen. Das wollte natürlich Frau Schottelins nicht, denn die Vorteile, die das Bleiben für sie und auch indirekt fü« den Sohn brachte, waren zu groß. Aber sie war erbittert gegen Tora und deren Hochmut. Wiar denn ihr Sohn nicht gut genug, war er nicht ein angesehener, akademisch gebildeter Mann? Was war denn der Vater Doras gewesen? Ein halbgebildeter Techniker, der unter Benutzung der günstigen kimstände und der gewaltigen Entlvicklung der Industrie das Rieseuvermögen geschasscn hatte. Auf wen wartete Dora denn? Auf einen Prinzen?
Vielleicht hatte Tante Schottelius auch noch die Hoffnung, daß Tora doch noch einmal, nur um unter die Haube zn kommen, ihren Sohn nehmen würde, wenn alle anderen
HciratSprojcktc in die Brüche gingen, und daß das geschähe dafür wollte Frau Schottelius sorgen. Sie haßte alle Freier, nicht nur, weil sie durch diese um die Stellung kam, sondern sie sah gewissermaßen in jedem Manne, der sich Dora näherte, einen Räuber, der ihren Sohn um das Vermögen Doras bestahl.
Welch eine Gegnerin und Intrigantin Tora beständig um sich hatte, ahnte sie nicht. Sie kannte wohl die unangenehmen Charaktereigenschaften der absonderlichen Frau, die ihre Tante war. Aber sie mußte diese Absonderlichkeiten ertragen, sic brauchte die Tante, und nur wenn sic heiratete, erhielt sic die Selbständigkeit, die sie jetzt so sehr vermißte. Solange die Eltern und die Brüder lebten, hatte Dora eigentlich nie aus Heiraten gedacht. Als junges Mädchen schivürmte sie für die Kunst. Ihre Mutter hatte ihr zuliebe säst zwei Jahre in Leipzig verbracht, als Dora dort Gesang studierte. In Leipzig war cs natürlich auch amüsanter, als auf dein vereinsamten Schlosse im Jndustriebezirk, wo es säst gar. nichts von all den Dingen gab, die eine Frau interessieren.
Daun kam aber das Unglück über das Haus Buchwald. Erst starb die Mutter, kurze Zeit darauf der Vater. Dorg und ihre beiden Brüder erörterten dann ganz ernsthast und geschäftsmäßig die Frage der Verheiratung. Tie beiden Brüder »rollten vom Heiraten nichts wissen. Sie hatten ihre Schwester lieb, wenn auch in ihrer Weise, und wollten mit ihr znsammenleben.
„Dil bist für uns >vic Mutter und Frau," sagten sie zu Dora, „du sorgst für uiis in allen hanSivirlschaftlichcn Beziehungen,-wie dies nur eine Frau kann. Weshalb wollen >vir es besser haben? Wir ivisscn nicht, lvas ivir eintauschen. Wir müssen die Werke heraufbringen, uud haben mindestens zehn, fünfzehn Jahre hart zu arbeiten, bis die Werke auf der Höhe sind, die wir erreichen wollen. Dann können »ui« vielleicht an eine Heirat denken."
Da die Brüder um DoraS ivillcn nicht heiraten ivollten, konnte Dora auch nicht daran denken, sie zu verlassen. Der letzte Rest von Familiensinn und Familienzusammcnhangj wäre auch geschivunden, loenn sic geheiratet hätte und sort- gegangen iväre. Die Brüder sorgten auch dafür, daß sich niemand mit Heiratsabsichten Tora nähern konnte. Sie lvachten mit großer Sorgfalt über sie, und wenn ein Mann nur im entferntesten Miene machte, sich um ToraS Hand! zii bewerben, dann nahmen das die Brüder übel, dann scheuchten sic den Mann fort, selbst durch brüskes Verhalten, und Dora warnten sie:
„Der Ivill dein Geld und nichts anderes, das ist ein Mitgistjäger!"
Nur einem ihrer Freunde gestatteten sie den beständigen Verkehr im Hause: das tvar Graf Klinter. Ter üriippel schien ihnen ungefährlich, und sie wußte», daß Dora für ihn nichts empfand.
Tie Brüder Doras fanden einen plötzlichen, uucrwar- teteu Tod. Nachdem das erste Jahr der schwersteil Trauer vorüber >var, mußte Tora klihl und geschästsinäßigl die Frage erwägen, ob sie niit Hilfe des Geheimrats Kerstew die Werke weiter leiten, oder ob sie sich von allem zurückziehen sollte. Sie hatte in der Tat an die Gründung eine« Attieugesellschast gedacht; denn daß der richtige Mann, den sie liebte, uud der ihr aus selbstloser Neigung nahte, der! Mann, der auch gleichzeitig befähigt war, die Leitung der ausgedehnten Werke zu übernehmen, jemals erscheinen würde, das glaubte sie nicht. Vielleicht erhoffte sie es: aber die Erfüllung dieser Hofsnung schien iveuig ivahrschcinlich. Sic wußte, daß das Geld, das große, riesige Vermögen, das sie besaß, insofern verhängnisvoll für sie ivurde, als sie nicht an die Aufrichtigkeit der Neigung eines Mannes! glauben konnte.
„Er ivill dein. Geld, er will sich hier in das warme Nest setzen," das war der erste Gedanke, der immer wieder bei ihr austauchte, »vcnn sich ihr ein Mann näherte. In solchen Augenblicken hörte sie ihre Brüder wieder reden, uud sie wußte es: das Mißtrauen, das die Brüder in sie gelegt hatten, würde sic nie verlassen.
Es gab auch in Saarkirchest und Umgegend keinen Manu, der nach Stellung uud Qualitäten sich zum Gatten für Tora geeignet hätte. Aus Reisen halte man nur fläche tigc Bekanntschaften gemacht, zumal als Tora mit Dante Schottelius allein reiste uud verpflichtet war, zurückgezogen zu leben.
(Fortsetzung folgt.)


