Wnlier-Krgiment.
Lionian von Oskar Kl außmann.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Dora errötete, wohl über den Lobspruch Und nickte zustimmend, als Graf Klinter sagte:
„Die Begleitung war aber auch ebenso diskret wie geschickt. Warten Sie nur, mein werter Herr, Sie werden im Musikverein gewaltig mit Ihrer Begleitkunst hergenonr- me» werden. Sie werden wahrscheinlich sogar morgen noch anderweitig aushelsen müssen."
„Dazu werde ich mich schiver ohne Probe entschließen", meinte Werner.
„Ach, es handelt sich ja nur um Kleinigkeiten, um einfache Lieder von Schubert. Die Hauptsache ist die große Arie, mit der morgen das gnädige Fräulein den Vogel abschießen wird. Mir ist um den Erfolg jetzt gar nicht mehr bange. Mich entschuldigen die Herrschaften, ich nmß nach meinem Bureau. Ich habe hier auch nichts mehr zu besorgen."
Graf Klinter empfahl sich sehr eilig, und Werner blieb mit den Damen allein.
„Wann befehlen Sie die nächste llebung?" fragte er ganz dienstlich Dora.
„Die Arie ist sehr anstrengend," erklärte Dora, „ich möchte indes noch einmal proben. Es ist mir sehr peinlich, Ihre Zeit derart in Anspruch zu nehmen."
„Bitte, bestimmen Sie nur, ich stehe jederzeit zur Verfügung. So viel ist augenblicklich nicht auf dem Werk zu tun, daß ich nicht ein paar Stunden erübrigen könnte. Wenn cs Ihnen recht ist, gnädiges Fräulein, proben wir heute abend iwch einmal und dann nwrgen vormittag, noch besser aber in den frühen Morgenstunden. Sie haben dann Zeit, um Ihre Stimme bis zum Abend auszuruhen, und die beiden Proben werden das Zusammenspiel sehr fördern. Sie bedürfen keiner Probe mehr, soweit es sich um die Gesangspartie handelt, denn die beherrschen Sie vollständig in korrektest - t Weise. Es handelt sich eben nur noch um das Neben der gemeinsamen Einsätze und der Ucbergänge. Wann befehlen Sie heute abend?"
Auf Doras Stirn erschien ein leichter Schatten, ihre Brauen zogen sich etwas ärgerlich zusammen. Werner ivar doch gar zu dienstlich, und zwar bei einer Gelegenheit, >vo es sich nicht uin den Dienst handelte.
„Sie sind sehr freundlich, Herr Bergrat," entgegnete sie, sich zur Liebenswürdigkeit zwingend: „wenn Sie schon die große Güte haben wollen, noch zweimal mit mir zu proben, so würde ich bitten, heute abend um acht und morgen früh vielleicht um acht. Ich weiß, daß Sie sehr zeitig aufstehen."
Werner erhob sich und wiederholte:
„Heute abend um acht und morgen um acht."
Dann wandte er sich zum Gehen, und Frau Schotte« lius sagte etwas erstaunt: „Sie trinken doch wenigstens ein« Tasse Kaffee mit uns?"
Aber Werner erklärte: „Ich muß nach dem Bureau, ich habe eine Berechnung fertig zu machen, und möchte bitten, mich zu entschuldigen."
Dora klingelte und befahl, das Automobil für Werner bereitzuhalten.
Fünf Minuten später fuhr er ab.
Frau Schottelius schien ärgerlich.
„Er hat es ja fürchterlich eilig. Will er damit Diensteifer zeigen? Ich weiß nicht, er ist so kurz und gemessen, als erwiese er Dir eine Gnade."
„Nicht doch, Tante," antwortete Dora etwas ärgerlich: „ich verstehe ihn sehr ivohl. Er will eine scharfe Grenze zwischen allen privaten und dienstlichen Dingen uns gegenüber ziehen. Er will es mich nicht fühlen lassen, daß er mir irgendeinen Gefallen erweist, sondern stellt sich ganz und gar auf den Standpunkt einer gewissen Pflichterfüllung. Wenn er anders wäre, würde er weder dir noch nur recht sein."
Tante Schottelius war es gewöhnt, das letzte Wort zu haben, und in der Regel war dieses letzte Wort eine kleine Bosheit. Deshalb sagte sie auch ruhig und doch, wie sie wußte, Dora damit treffend:
„Du findest alles richtig, was der Mann macht."
Dann verließ Frau Schottelius, als ob nichts vor- gefallcn wäre, das Zimmer.
4. Kapitel.
Hin und her, aber immer nach gleicher Richtung, gehen die Teile einer Maschine, eines mechanischen Werkes, denen der Menschengeist die Bahn vorgeschriebe» hat. Aber einzelne Teile dieses Menschcnwerkes werden gezwungen, einen andern Weg zu gehen, anders zu laufen als die Hauptteile. Durch Hebel und Verbindungsstücke, die mit ihren Enden oder Stiften in Schlitzen oder Nuten laufen, wird ein Teil der Maschine veranlaßt, in anderem Tempo oder nach anderer Richtung zu gehen. Dieser Teil ist „zwangsläufig", wie der Techniker sagt: er läuft einem Zwange solgend und nicht nach dem Gesetz wie die anderen Teile der Maschine.
Dora hatte sich, soweit es ihr möglich war, durch populäre und leichter verständliche Werke auch mit dem Maschinenwesen vertraut zu machen gesuckit. Sie kannte den Ausdruck „zwangsläufig" genau, und wußte, >vas er bedeutet.
Ja, es gab in ihrem Innern, in ihrem Fühlen und Denken auch etlvas Zwangläufiges. Ihre Gedanken gingen in gewissen Augenblicken einen absonderlichen Weg. selbst wenn sie es nicht wollte. Tante Schottelius hatte es gesagt:
„Du findest alles richtig, lvas der Mann macht!"
Geheimrat Kersten behauptete immer, Tante Schottelius sei eine Schwätzerin, die nicht weiter sehen könne als ihre Nasenspitze reiche. Aber er kannte diese Frau nicht genügend! sie war auch bösartig und intrigant. Sie hatte Zeit ihreä Lebens in kleinen Verhältnissen zugebrachl und war dit


