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Bolf auch Fragen betreffs der Wirtschaft, und Werner äußerte hin und ivieder, allerdings sehr selten, irgend welche persönlichen Wünsche.
Das Essen war rasch beendet, und Werner begab sich nach dem Arbeitszimmer, um sich hier einen Augenblick auf die Chaiselongue zu legen, und die Zeitungen zu lesen.
Tie Telephonglocke schrillte. Es mußte etwas Wichtiges sein, daß man ihn während der Mittagpause störte.
Graf Klinter war am Telephon.
„Meine herzlichen Glückwünsche, mein werter Herr Bergrat. Aber um dieser Glückwünsche willen habe ich Sie nicht in Ihrer Mittagsruhe gestört. Ich habe eine tvichtige Privatangelegenheit, die nicht mich, sondern Fräulein Buchwald bctrisst. Tresse ich Sie »och in Ihrer Wohnung, ivenn ich in fünfzehn Minuten mit meinem Auto dort bin?"
„Jawohl, und cs soll mir ein Vergnügen sein. Ihnen persönlich für Ihre freundlichen Glückwünsche zu danken."
„Also auf Wiedersehen!"
Graf Klinter schien ziemlich eilfertig zu sein. Was mochte er nur haben? Hoffentlich nicht irgendwelche Ovationen und Demonstrationen wegen der Ernennung Werners zum Bergrat. Aber Werner konnte es sich schon denken; es gab wahrscheinlich ein ossizielles Beglückwünschungs-Diner in Saarkirchen, und Klinter sollte die Einladung überbringen. Der direkte Weg wäre aber doch jedenfalls der bequemere gewesen. 1
Noch vor Ablauf der fünfzehn Minuten hörte man das Hupensignal des gräflichen Autos.
Werner, der an Liebenswürdigkeit und Höflichkeit Klinter nicht nachstehen wollte, ging vor die Tür, um den Gast zu empfangen, und traf im Vorgarten Klinter, der eilfertig neben ihm die Treppe hinaushumpelte.
„Eine Staatsaktion," sagte Graf Klinter mit ironischem Lächeln; „Sie müssen Ihre verehrte Chefin aus schwerer Verlegenheit reißen, und ivenn Ihnen die Sache nicht angenehm ist, so richten Sie Ihren Zorn gegen mich; ich trage die Schuld daran. 1 — Nein, nein, keine Zigarre; Sie müssen gleich mit mir fort, und während der Autofahrt rauche ich nicht. Morgen ist, wie Sie wissen, die Aufführung im Musikverein. Fräulein Buchtvald singt die große Arie der Rezia aus dem zweiten Akt des „Oberon"; wissen Sie, die berühmte Bravourarie: „Ozean, du Ungeheuer". Selbstverständlich, warum soll sie die Arie nicht singen? Alle Sopranistinnen, die etwas können, singen sic. Nebenbei bemerkt, hat Fräulein Buchwald musikalisch etwas weg. Sie hat in Leipzig auf dem Konservatorium zwei Jahre studiert. Sie wollte einmal sogar zur Bühne gehen, aber ihr Vater hat sich energisch dagegen gewehrt, und heute lacht sie selbst über den Gedanken. Sie hat aber eine vortreffliche Stimme nnd eine fehr gute Schule. Werden Sie nicht ungeduldig, mein werter Herr Bergrat! Die Begleitung ftir morgen abend hatte ein Musiker aus Neuen'burg übernommen. Der Mann hat sich durch irgendeinen unglücklichen Zufall heute früh die rechte Hand verstaucht, und mit der kranken Vorder- flosfe kann er natürlich nicht Klavier spiele». Ich habe bei den Uebungen Fräulein Buchlvqld begleitet, aber für die öffentlichen Aufführungen sind meine Kräfte doch zu schwach. Sie waren neulich so leichtsinnig, mir zu sagen, daß Sie früher viel Begleitung auf dem Klavier geleistet hätten, und ich habe Sie sofort als Aushilfe vorgeschlagen. Bei den eigentümlichen Beziehungen zwischen Ihne» und Fräulein Buchwald war cs der Dame peinlich, sich selbst an Sie um Hilfe zu wenden, und ich habe ihr gesagt, ich würde mit Ihnen reden. Das ist der Grund meines Kommens. Sie zürnen mir vielleicht?"
„Ganz und gar nicht, mein werter Herr Kollege," antwortete Werner. „Ich bin gern bereit, Aushilfe zu leisten, wen» es nur geht. Es kommt natürlich auf einen Versuch an. Die Arie und die Begleitung sind mir nicht unbekannt. Im Gegenteil, ich habe diese Arie schon mehrmals pei öffentliche» Ausführungen begleitet. Ob Fräulein Buchwald und ich uns in kurzer Zeit ordentlich aufeinander einüben werden, ist ja fraglich; aber ich ivill mein Möglichstes tun."
„Bei gutem Willen geht alles, Herr Bergrat, und Fräulein Buchwald loird sich natürlich alle Mühe geben, um Ihnen Ihr schweres Amt zu erleichtern."
„Mein werter Herr Graf," entaegnete Werner, „tun Sie mir den einzigen Gefallen und lassen Sie den „Bergrat" beiseite. Sie waren früher so freundlich, mich als Fache genosten zu betrachten und Kollege zu nennen. Warum wollen Sie eine Scheidewand zwischen uns aufrichien?"
Klinter lächelte und reichte Werner stumm die Hand.
„Ich bin bereit, Herr Kollege," erklärte Werner.
„Mein Auto steht vor der Tür, Ivir können sofort ab»
fahren."
„Einen Augenblick müssen Sie warten, Herr Kollege. Ich muß wenigstens den Anzug wechseln; in diesem Bureauanzug kann ich nicht zu den Damen hinausfahren, und ich verspreche Ihnen, in fünf Minuten fertig zu sein. Sic sollten doch wenigstens eine Zigarette rauchen, um fich die Zeit zu vertreiben, bis ich zurückkomme."
Eine Viertelstunde später fuhr das Auto des Grafen Klinter auf der Schloßrampe in Saarkirchen vor. Frau Schotlclius empfing die Herren, wünschte Werner steif und feierlich Glück zu seiner Ernennung und begann dann gleich mil wichtiger Miene zu erzählen:
„Tora war ganz unglücklich, daß ihr der Begleiter fehlte. Sie war darauf gefaßt, morgen gar nicht zu fingen, bis der Herr Gras Sie, Herr Bergrat, vorschlüg. Da ist Tora."
„Ich habe ihn gliicklich eingefangcn!" rief Klinker Dora zu, als diese in den Salon trat. ^,Er ist wie immer hilfsbereit und hat die Begleitung der Arie schon öfters gespielt."
„Nochmals meinen Glückivunsch und besten Dank für Ihre freundliche Hilfsbereitschaft."
„Mein gnädiges Fräulein, ich kann natürlich keine Garantie für das Gelingen übernehmen, aber ich will mir alle Mühe geben, um die Begleitung zu leisten. Ich sehe, der Flügel ist geöffnet, und die Noten stehen aus dem Pult. Darf ich erst ein- oder zweimal rasch die Begleitung durchspielen, um wieder sicher zu werben?"
„Wir gehen unterdes nach dem Park, uni Sie nicht zu stören", erklärte Dora.
Werner eilte nach dem prachtvollen Konzertflügel, der im Salon stand, griff probeweise einige Akkorde und begann dann die Begleitung herunterzuspielen.
Gras Klinter und die beiden Damen waren kaum einige Schritte von der geöffneten Flügeltür des Salons entfernt, als sie die Akkorde des Flügels vernahmen. Gras Klinteri blieb einen Augenblick stehen und sagte dann:
„Sie können mit der Begleitung zufrieden sei», gnädiges Fräulein. Der Mann beherrscht das Instrument."
Nach einer halben Stunde kehrten Dora, Frau Schot- telius und Gras Klinter wieder nach dem Salon zurück, und Werner erklärte:
„Nun bin ich ivieder sicher. Wenn es Ihnen gefällig ist, gnädiges Fräulein, können wir probieren."
Gras Klinter und Frau Schottelius bildeten das Publikum, das sich indes diskret in den Hintergrund zurückzog. Tora trat mil dem Notenblatt neben den Flügel nnd fehle auf ein Kopfnicken Werners richtig ein. Sie hatte eine wohlgeschultc, sehr kräftige und ausgiebige Stimme. Nach wenigen Takten bemerkte auch Werner, wie sicher Dora sang, und daß ihr Vortrag von alle» dilettantische» Ungezogenheiten frei war.
Ohne Unterbrechung war die lange Arie durchgcspiclt und dnrchgesungeu. Als Dora mit der anstrengenden Leistung fertig war, holte sie tief Atem und sagte:
„Das ging."
Werner hütete sich sorgfältig, irgendwelche schnicichcl- haflen Bemerkungen zu mache», sondern antwortete ganz in ihrem Sinne:
„Jawohl, es ging, und wenn wir noch zwei- oder dreimal üben, glaube ich, können wir es versuchen."
Gras Klinter und Frau Sck) 0 tteli»s hatten laut Beifall geklatscht, als Dora mit ihrer Arie fertig war, und Frau Schottehius konnte sich nicht enthalten zu benicrkenr
„Tu Haft wundervoll gesungen, mein Kind. So fchvil hast du noch nie die Arie gesungen wie jetzt."
tFvrtfchung folgt.)
Landerherrliche Gerechtsame und bürgerliche Abgaben im Amt Stehen.
(Nach dem Salbuch von 1587.;*)
Bon Dr. H. B e r g 6 r - Gießen.
II. Die D o rs scha f t en.
Landgraf Ludwig IV. von Marburg besaß außer in Gießen die landesherrliche Oberhoheit mit den daraus hergeleitete» G«»
"l Urkunde des Haus- und Staatsarchivs ju Darmstadt»


