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Spalding sagte zu, ohne lange Einwendungen zu mache». Das war dem Geheimrat lieb, denn er batte es eilig. Er hatte die Nachricht erhalten, daß sein Sohn, der bei der Schutztruppe in Ostafrika stand, nicht unbedenklich erkrankt sei, und er fuhr von Spalding direkt zur Post, um an das Kolonialamt zu depeschieren.
Ter nächste Tag war ein Sonntag. Werner inachte einen weiten Ritt am frühen Morgen und war vormittags gegen elf lsthr wieder in Klinterfelde. Graf Klinter hatte ihn wohl komme» sehen, denn er war vor der Tür, gls Werner vom Pferde stieg.
„Ich belege Sic gleich mit Beschlag; Sie bleibe» zum Frühstück und zum Diner bei mir. Machen Sie keine Umstände, wir sind beide ganz allein. Ich tue es aus krassem Egoismus. Ich will Ihnen meine Werke zeige», soweit sie am heutigen Sonntage im Betrieb sind, und ich will von Ihrer Unterhaltung und Ihrer Kritik profitieren. Ich hosse, Sie sind nicht durch anderweitige Engagements in Anspruch genommen."
„Nein, ganz und gar nicht," antwortete Werner.
„Ich vermutete das," meinte Gras Edmund, „weil auch der Geheimrat heute Tischgast in Saarkirchen ist."
„Der Geheimrat ist ein alter Freund des Hauses, der wie ein Verwandter betrachtet wird," sagte Werner.
Graf Edmund schien eine Bemerkung aus der Zunge zu haben, unterdrückte sie aber.
„Ich sehe es Ihrem Pferde an, daß Sie einen weiten Ritt gemacht haben. Sie werden hungrig sein, also erst das Materielle, erst das Frühstück; dann Werkbesichtigung, dann eine nicht zu kleine Fachsimpelei, dann das Diner und danach eine gemütliche Plauderei. Das wollen wir als Programm festhalten. Sie sehe», ich verfüge über Sie, als wären wir alte Freunde. Aber wir haben durch unseren Beruf so viele Berührungspunkte miteinander, daß es mich ausrichtig freue» würde, mich Ihren Freund nennen zu dürfen."
Der Sonntag in Klinterfelde verlies wirklich sehr anregend. Graf Edmund zeigte sich als ein ebenso liebenswürdiger Mensch wie kluger Geschäftsmann. Er hatte einen starken kausinännischcn Zug in seinem Charakter und verstand es, Konjunkturen voraus zu ahnen und die Verhältnisse klar zu beurteilen. Werner zweifelte nicht daran, daß die Bemerkung, die der Geheimrat bei der ersten Begegnung mit Klinter auf der Chaussee nach Saalkirchen gemacht Hatte, sich erfüllen würde, nämlich, daß Graf Edmund schließlich ein gewaltiges Vermögen erwerben würde. Dabei gab sich der Graf ebenso bescheiden wie liebenswürdig und natürlich.
Als ani Abend Werner sei» Pferd bestieg, konnte er sich sagen, daß er wirklich mit diesem strebsamen, zielbewußten Manne eine aufrichtige Freundschaft geschlossen hatte.
„Also auf Wiedersehen Dienstag abend," lauteten die letzten Worte des Grafen; „vergessen Sie ja nicht, in den Mnsikverein zu kommen, und seien Sic recht pünktlich."
„Natürlich Gesellschaftstoilette," sagte Werner.
„Ja, steigen Sie nur in Ihren Frackanzug. Es ist eine estanfführung, und Sic sind zum erstenmale da. Reiten ie geradeaus über Saarkirchen; Sie haben bessern Weg, und ich glaube, Sie sparen ein paar Kilometer gegen den Weg über Dasburg. An einem Sonntag abend ist soviel Trubel und Skandal auf der Straße von Dasburg, daß es sich schlecht dort reiten läßt. Ihr Pferd hat jetzt stundenlang im Stall gestanden und ist etwas unruhig. Wenn Sie nach Norden, direkt nach Saarkirche», reiten, haben Sie vortrefflichen, glatten Weg, und von Saarkirchen »ach Ihrer Wohnung kennen Sie ,a den Reitweg am Birkenwäldchen entlang ganz genau."
Die elf Kilometer Wegs von Klinterfelde bis Saar- kirchen waren bald zurückgclegt, und Werner kam am Parke des ehemalige» Schlosses vorbei. Er sah die Fenster im Erdgeschoß des Schlosses erleuchtet. Der Geheimrat war wohl noch Gast der Damen; vielleicht waren auch noch andere Gäste vorhanden.
„Es freut mich nur, daß man mich nicht auch zu der Gesellschaft geladen hat," sagte sich Werner, „und daß man mich überhaupt mit Einladungen verschont. Ich will wenigstens die Sonntage ganz und gar für mich haben und werde gottesfroh sein, wenn man mich völlig in Ruh läßt. Es ist immer ein zweifelhaftes Vergnügen, im Hanse seiner Vorgesetzten zu verkehren, noch dazu, wlnm es sich um eine Dame bandelt. Je iveniger ich mit der Chefin zu tun
habe, desto besser. Wirklich, das arme Weib tut mir leidik Sic hat doch auch Anspruch darauf, von einem Manne geliebt zu werde» und Lebensglück zu genießen. Aber >vi« ein Verhängnis steht vor allem, >vas diese Dora Buchwald glücklich umchen könnte, jedenfalls der Gedanke an ihren Reichtum. Jeder heiratsfähige Mann, der ihr naht, muß i!; verdächtig sein. Sie mutz zur Pessimistin und Menschen- verächtcriu werden. Was mag sich schon an sie herangedrängt haben, ivie viele Männer mag sie von der schleck)- testcn Seite kennen gelernt haben! Entweder wird sie auf alles Familienglück verzichten müssen, oder sie ivird einmal einen unüberlegten, vielleicht verziveifeltcn Schritt tun und einem Lumpen in die Hände fallen, der sic unglücklich macht. Sie verdiente wahrlich ein besseres Schicksal. Welch ein entzückendes, sonnenhelles Lächeln hatte ihr Gesicht. Und durch die harte Schule des llnglücks ist sie auch gegangen. Umsomehr hätte sie Anspruch auf Glück."
Diese Gedanken spann Werner noch weiter aus, als er sich in seiner Wohnung befand und hier noch bei einer Zei- garrc ein Buch las. Der Sonntagabend war ein für allemal der eingehenden Lektüre von literarischen Neuerscheinungen der verschiedensten Art gewidmet.
Der nächste Morgen, der Montag, brachte eine Ueber- raschnng. Als püntllich um 8 Uhr Werner sein Bureau betrat, fand er Inspektor Lenste neben seinem Schreibtisch stehend, und der Inspektor machte ein so feierliches Gesicht, daß Werner fosort mit Recht vermutete, cs sei irgend etwas vorgesallen. Nachdem Werner Hut und lleberzieher abgelegt hatte, wendete er sich zu Lenske mit den Worten:
„Sic habe» gewiß eine eilige dienstliche Sache." Lenske verbeugte sich und sagte feierlich:
„Es ist allerdings eine dienstliche Sache, aber ich darf wohl sagen, es ist mir ein Herzensbedürfnis, Ihnen meine besten Glückwünsche auszufprechcu, und ich gebe viel darauf, daß ich der erste bin, der Ihnen Glück wünschen darf" „Was ist denn los, liebster Inspektor?" fragte Werner lustig. „Wozu diese feierliche Miene, und wozu gratulieren Sie mir denn? Ich habe doch, so viel ich iveiß, heute nicht Geburtstag."
Mit feierlicher Geste wies Lenske ans den Arbeitstisch Werners, aus dem geordnet die Postei»gange lagen, welche der Direktor selbst öffnen sollte. Oben aus diese» Postsackieu lag ein Brief mit der Adresse: „An den .königlichen Bcrg- rat.Herr» Werner Spalding, Thcresien Hütte bei Dasburg."
Der Brief trug das Siegel der Oberberghauptmaun- schaft in Berlin.
Werner betrachtete den Brief erst sorgfältig. Dann schnitt er ihn mit dem Brieföffner aus und entnahm ihm die Mitteilung, daß er durch königliche Entschließung zum Bergrnt ernannt sei. Es handelte sich um nichts als um eine Titelverleihung, die aber doch jedenfalls angenehm war und dadurch besonders wertvoll lvnrde, daß sie früher erfolgte, als Werner nach dem Turnus erwarten durfte. Er reichte Lenske die Hand und sagte:
„Ich danke Ihnen herzlich, mein werter Herr Inspektor. Es ist eine lleberraschung für mich, ich habe wirklich noch nicht geglaubt, Bergrnt zu werde». Ich verdanke das wohl meinen! Buch über die nordaincrikanische Stahlindustrie. Nochmals herzlichen Dank, nicht nur sür Ihre Glückwünsche, sondern auch für die Art und Weise, wie Lie mir dieselben übermittelt haben. Erhalten Sie mir Ihre gute Gesinnung und Freundschaft, mein werter Herr Inspektor. Sic wissen, es liegt mir viel daran, mit meinen Mitarbeitern auf freundschaftlichem Fuße zu stehen."
„Das wissen wir alle, Herr Bergrat," antivortetc Lenske, „und die Freude sämtlicher Beamten, auch der Arbeiter, die bereits von Ihrer Beförderung Kenntnis haben, ist groß und ansrichtig. Ich erlaube mir, die Bitte vorzutragen, daß Sic die Beamten sämtlich nacheinander oder gruppen- weise empfangen. Eie haben alle das Bedürfnis, Ihnen Glück zu ivünschen, und auch die Arbeiter haben mir den Wunjjch geäußert, eine Deputation zu schicken."
„Ich stehe Beamten und Arbeitern gern zur Verfügung," antwortete Werner; „es liegt niir nicht etwa an der Ehrung, sondern an der freundlichen Gesinnung. Die ist in einem Betrieb mehr wert als alles andere."
Die Beamten aus dem Betriebe und aus den Bureaus traten gruppe,iiveise ein und sprachen ihre Glückwünsche aus. Schließlich kam eine Deputation der Arbeiter unter Führung des ältesten Oberschmelzers Wolter vom Martin- Werk; und ihnen alle» dankte Werner mit .Händedruck nutz


