Ausgabe 
13.5.1914
 
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Weider-KegLnienl.

Pionmn von Oskar Klaußmann.

(Nachdruck verboten.) lFortsctzung,)

Am nächsten Sonntag vormittag machte Spalding Graf Klinter einen offiziellen Besuch, Diese erste Visite be­schränkte sich aber nicht auf die üblichen zehn Minuten; man geriet sofort in ein sehr animiertes Gespräch über Fachangelegenheiten, Gros Klinter fragte Werner direkt um Rat wegen Anlage einer Anstalt znm Röste» von ;Unk- blcnde, Werner hatte als Bcrgrefcrendar auf einem solchen Werke gearbeitet und konnte mit guten Ratschlägen und einer Menge statistischer Daten sofort zur Verfügung stehe». Der Besuch dehnte sich auf anderthalb Stunden aus, und die beiden Fachleute freundeten sich an, wenigstens lvar wischen ihnen ein liebenswürdiger und intimer Verkehr ür die Folgezeit garantiert.

Der Graf erwähnte, daß er noch für denselben Tag zu'den Damen in Saarlirchen geladen sei,

Die Einladung habe ich schon seit vierzehn Tagen, und cs handelt sich nicht allein um das Frühstück, sondern auch um etivas Musik, Ich beabsichtige natürlich, Sic sofort für unsern Musikvcrei» anzuwerben. Ich hoffe, Sie sind einiger­maßen musikalisch,"

Nun, so viel, wie man für das Haus braucht," ant- lvortetc Werner;in Amerika habe ich mir das Pistonblascn angewöhnt, gcdekilc cs aber hier natürlich nicht zu treiben," Im Gegenteil, Sie werden mit Ihrem Piston hochlvill kouimen sein, wenn große Orchesteraufsührungeu im Musik- Verein stattsinden. Wir haben in vierzehn Tagen eine Aus­führung, zu der ich Sie jetzt schon ecnlade, und ich hoffe. Sie werden mir keinen Korb geben, denn Sie sollen, bei diese lcgenheit eingeführt werden. Der Musikvcrein ist gewiss '.maßen der Mittelpunkt unserer Geselligkeit, Es gibt jv> noch einen zweiten Verein, einen Reit- und Fecht­verein; aber der ist exklusiver, weil c? dort wirklich auf Reiten und Fechten ankommt. Beim Musikvcrein dagegen gibt es auch schweigende, sogenannte befördernde Mitglie­der, und alles, was sich Zur Gesellschaft des Jndustriebc- Zirks zählt, gehört dein Musiivcreiu an,"

,Zzch habe auch ein gewisses Talent, mit Lieder am Klavier zu begleiten. Als Student, ja als Bergrcscrcndar hat man mich damit häufig in Anspruch genommen,"

Bravissimo!" rief Graf Klinter,Ich bin also in der Lage, in Ihnen unserer verehrten Vorsitzenden Frau Bar­bara Glover ein sehr wertvolles Mitglied zuzuführen," Frau Barbara Glover ist die Vorsitzende?"

Ja, ncan betrachtet das hier als ganz selbstverständ­lich, denn sic ist die tonangebende Dame, Sie versteht auch viel von Musik, Sie ist die Dirigentin der Damenabteililng, und ich fahre zu Fräulein Buchwald, um mit ihr für die nächste Chorprobe zu üben. Frau Barbara Glover hält näm­

lich sehr strenges Regiment und verlangt von den Damen, die im Chor initsingen, nicht Nur voue Hingabe an die Kunst, sondern auch strengste Disziplin."

Den ganzen Sonntagnachmittag verbrachte Werner Spalding mit der Skizzterung der automatischen Walzens straße», nach der im Bureau die Zeichnungen entworfen! werden sollten. Stundenlang saß Werner über das Reiß- breit gebeugt oder am Sel>rcibtisch, mit den Berechnungen, von Walzenkalibern und Zahnrädern beschäftigt. Dann er­ledigte er einige Privatkorrespondenz und ging zeitig zur Ruhe, Um sechs Uhr machte er am Montag seinen Morgen­ritt und um acht Uhr war er im Bureau derTheresien-Hütte, Es waren reichlich Bestellungen eiügegangen, eine gewal­tige Korrespondenz lvar am Montag mit Hilfe der Steno­graphen zu erledigen. Dann machte Werner den üblichen Rundgang durch das Walzwerk und durch den Raum, in dem die Martin-Oesen standen, besichtigte das Fortschreiten der Bauten bei der elektrischen Schmelznnstalt und kehrto mit Inspektor Lenske, der ihn begleitet hatte, wieder nach dem Bureau zurück, (

Im Laufe der Woche machte Graf Klinter seinen Gegen­besuch, Auch erfuhr Spalding gelegentlich, ohne danach zu fragen, aus welchem Grund sein Vorgänger, Direktor Franz, seine Stellung hatte verlassen müssen. Die Hütte >var in musterhaftem Zustande; die Besitzer der Hütte hatten; also mit ihm durchaus zufrieden sein können, und dennoch war ihm eines Tages gekündigt worden,

Direktor Franz hatte sich in seine Cheftn verliebt, und da sie ihn, immer sehr freundlich entgegenkam, hatte er sich zu einem Heiratsantrag verleiten lassen. Er wurde ab­gelehnt, machte aber doch noch einen Annähcrungsversnch. Darauf verreisten die Damen und kehrten erst zurück, nach­dem Direktor Franz schon eine neue Stellung in Ober­schlesien angetreten hatte,

3, Ka p i t cl, -

Nach einige» Tagen kam Kersten und lud Werner eben­falls zu der Aufführung des Musikvereins ein,

Sie sind ja musikalisch, soviel ich weiß. Aber auch wenn das nicht der Fall wäre, müßten Sie als beförderndes Mitglied cintrete». Der Musikverein ist hier nun einmal der Mittelpunkt der Geselligkeit, und es liegt in Ihren« Interesse, sich so rasch wie möglich mit der Gesellschaft bekannt zu machen. Nebenbei bemerkt, herrscht auch ein ehrliches künstlerisches Streben in dein Verein, durch das man nmvillkürlich mit fortgerissen wird. Ich selbst streiche iin Orchester das Cello, was ich mir noch vor einigen Jah­ren nicht hätte träumen lassen. Aber die Begeisterung hat auch mich gepackt; ich habe meine Jugenderinnerungen her­vorgesucht, habe ivieder fleißig Cello geschabt, icnd heute arbeite ich im Orchester mit, als ob ich dafür bezahlt würde. Es ist für unsere Gegend ein Glück, daß hier, wo das Mate­rielle durch di^ Industrie so sehr zur Geltung kommt, aucb ein Stück Idealismus durch den Musikverein gcivahrt wird/