Ausgabe 
11.5.1914
 
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tJimritten der gldnjcnbett (Vriobricfiiraor, dort, wo fast an lidern Dause die schreieichen Nomen der Filmfabrikanten und pilmverleiber doppelt und dreifach sich gegenseitig das Leben schwer machen, liegt das Cafä, das nachmittags zwischen fünf und neun Uhr zum Sammelpunkt aller derer wird, dieder Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe", auf die Parole der ent- meisten Theaterkunst schwören:Das Wort ist tot, es lebe die Veste!" Einstmals galt das Wort als das Pulver des Dichters, da aber, wie Männiglich bekannt, auf vielen Unserer Bühnen dieses Pulver schon seil Jahren unnütz verschossen wird, so muhte na­turgemäß eine Reaktion cinlreten, die sich auch dann in dem sogenannten Kino entlud: ob gesund, oder ungesund, das mag die Zukunst lehren. Ein junger Heißsporn von Dichter, der vor- jüusig mehr redet als bildet, hat in sehr zornigen Ausbrüchen deni Kino den Dodesstoß zu versehen gesucht mit der Phrase vom erdrosselten Wort". Ach, du lieber HiMniel, ttrie gern wünsch­ten wir, dah cs solcher beizeiten und an richtiger Stelleer­drosselten Worte" unzählige gäbe, bevor sie in der modernen Tbealcrei unser aufhorchendes Ohr enttäuschten und beleidigten! ,,Dic Ohre» sind die Almosencmpjäiiger des Geistes", sagt Debbel in diesem Zusammenhang, denn nichts kmm höher erheben und nichts kann tiefer erniedrigen, als das ausgesprochene Wort: nichts

E wer auch kan» zersetzender wirken, als das vor hundert Ohren allcnde unschöne Wort, deni für empfängliche Gemüter durch »ieses Privilegium der Oessentlichkeit jeder Anstoh genommen wer­den soll. Wenn ich die Wahl habe zwischen einem dummen Zeug schwatzendcn^Poetastcr (mag sein Organ auch noch so herrlich klin­gen) und einer mit den Augen sprechenden, sonst stummen Schön­heit, so ersreuc ich mich am Anblick dieser und >agc jenen zu allen Teufeln.

Es ist sechs Uhr, ein neuer Thespiskarren hat sich brausten gerade entleert, und sein Strom trägt mich mitten hinein in den groben übersülltcn Raum, in dem die Köpfe von Männern, Frauen und Kindern von einem grau-blauen Dunstschleier sanft umzogen sind, so dah sie wie in einem Lustmeer zu wogen scheinen. Das elektrische Licht gleißt über kahle Schädel und buntbcse- derte und -bewimpelte Damenhüte, währeird durch die großen, un- verhüllicn Spiegelscheiben das Strastenleben seinen huschenden Schimmer sendet. Obwohl ich bereits zum dritten Male hier bin, must ich mich wieder zu orientieren versuchen: denn diese Glatt­rasierten und diese ovalen Mädchengesichter mit dem Duseausdruck rrm den verzogenen Mund sehen sich alle ähnlich, sobald man sic in Masse» steht. Erst allmählich heben sich die Charaktcrköpsc ab, denen aber Sorge und Enttäuschung den Stempel sriiher Zermürbtheit «usgedrück» haben. Thalia, die ewig Blühende, lockte den Jüng­ling mit ihrem Musengesang: sie blieb jung und Herrscherin, kr aber diente ihr getreulich als Knecht, wurde alt und grau da­bei, ohne von ihr erhört zu werden, und verlieb schnöde ihren Provinztempcl, dieweil Berlin zum Zentrum einer neuenKunst­branche" wurde. Tennam Film hängt, zum Filme drängt doch alles." Frei nach Goethe. Draußen werden die Großen und die Ganzgrosten unter Schmeichelworten von den Filmdirektoren

f >ekapert: hier sitzen die Kleinen und Verkümmerten, die Austen- eiter, und warten geduldig, bis der vielvermögcnde Filmregisseur ich ihrer erinnert. Jene erhalten fürstliche Gagen, diese hier ihr Kinobrot", pro Ausnahmetag von sechs Mark an! Und doch vieles Gedränge, dieses Reißen um den ersten Platz, auf dem man eines Tagesentdeckt" werden könnte. Um als Filmstar in riesengroßen Buchstaben aus benr Plakat zu prangen. Zwar äußert «s niemand laut, aber selbst der Zermürbteste liegt diese Hoss- nung still im Busen. Und nun erst das junge Volk, die Werdenden, die Rosenroten! Das Ewigweibliche voran. Da sitzen zwei »redliche Krabben im Mier von 14 und 10 Jahren Und passen ihre Ziga­retten mit unbestreitbarem Talent. Einfach und schick gekleidet, mit ut bürgerlichem Anstrich. Haarschnecken über den Ohren, das bil- >ge Modchütchen keck aus dem Gesicht gerückt. Man könnte sie tttr Schülerinnen halten, wenn nicht schon der leichte Firnis der Frühreife auf ihren glatten Wangen läge. Ihr Blick ist über­legen, sorglos - mäuncrsrcundlich, und als am Nebentisch, aus eines Glattrasierten Mund die Frage kommt:Na, Lotte, hast wohl Arbeit bekommen? Du bist ja so vergnügt", ertönt ds von der jüngeren witzig zurück:Morgen in Neu-Filmersdorf, Lene und ich zusammen, das gibt wider 'ne Sache ohne Ende. Hast Du noch Zigaretten?" . . .Neu-Filmersdori" ist eine Scherz- bczcichnung für Neu-Babelsberg, weil sich dort große Film­ateliers befinden. Gleich den Artisten spricht man hier nur von Arbeiten", tvie überhaupt alles solide und anständig Zugcht. Es ist bekannt, daß sich gerade die Artisten, die überwiegend an jedem Abend den Tod vor Augen haben, durch ein tadelloses Familienleben auszeichnen, und unwürdige Eleniente von sich abschütteln. Die Gefahr schließt zusammen, und die Aufregungen des Berufes suchen nach einem Ausgleich im stillen Winkel. Und diese hier betrachten sich alle als halbe Artisten, tvas wohl mit dem neugcschassenen Berufe zusammen hängt, der an Stelle des Wortes das Jonglieren mit Ausdruck und Bewegung verlangt. Nur der Glanz des gutsituierten Artistentums fehlt, die teuren Toiletten der Damen, die auffallenden Brillantringe an derben und an zarten Fingern, womit schon äußerlich die hohen Gagen angedeutct werden. Selten ein Prunken mit Klcidungsauswand, feilen jemand, deni man es schon seiner Aufmachung nach ausähc, daß er srch nach

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hier verirrt habe. Denn alle nehinen diesen Weg de« MütsenB, Es ist sozusagen das Artistcntum des vierten Standes, rein sozial gemeint, denn ich sehe es vielen an, dah sie von unbekanntest Höhen kommen, nur beschwert mit den, Gepäck der Enttäuschung. Charakterspieler, erste und zweite Liebhaber, Helden, Väter und Mütter, komische Alten, sentimentale Liebhaberinnen, erste Kräfte, Chargen und Statisten, oder dasgroße Gezumve" und daskleine Gezumpe", wie die Filmsprache Solisten und Eonrparserie von­einander trennt,i sie alle lassen sich hier friedlich in denselben! großen Kunsttopf werfen, aus dent sie später, hübsch sortiert, in die diversenKientöppe" wandern. Es gehört für den Mimen viel Entsagung dazu, plötzlich als Unbekannter zu lichtspielen, nach­dem sein ganzes Leben dahin gegangen war, sich einen Namen zu schassen, ob in Dingsda mit 1400 Eimvohnern oder in Berlin mit zwei Millionen. Er war immerhin ein Mensch mit Namen, wenn vielleicht auch nur aus dem Theaterzettel. Das Kino aber raubt ihm diesen Namen (abgesehen .von denGrößen"), macht ihn einfach zunr toten Mann, und das ist das Tragische im Leben eines Filmschausvielers, wogegen sich die Filinisten mit aller Macht wehren sollten, denn es ist geradezu unsinnig, auf einem Kiuo- zettel die Personen ohne Nennung der Agierenden anzuführen. Wen interessiert es zu lesen:Fabrikant Mever", tvenn er nicht zugleich den Verkörperer dieses uns ganz gleichgiltigen Herrn Meyer kennen lernt. Das eben ist! die Verbiirdung zwischen Theater und Publikum: daß ein bekannter Mensch als ein anderer zu uns sprechen, im Kinobrauch zu unsnrimen" soll im Sinne der Gebärdenspicle der alten Rönrer. Das Bclvußtsein, nicht bloß alsSache" vorgesührt zu werden, erweckt den Ehrgeiz und läßt die Ziele wachsen. Möglich, daß sich anfangs Mancher Kino- darstellcr selbst sträubte, in einem blutigen Kolportage- oder in einem Hanswurstiadcnsilm genannt zu werden, und daß dadurch der allgemeine Namentvd zur Gewohnheit wurde, so gut aber der Zirkusclowu und derdritte Mörder" tn Macbeth (einen Namen (selbst auf der Schmiere) zu Markte trägt, ebensogut könnte cs auch der Filmist von seines Gnaden tun. Man wüßte dann doch wenigstens, wer der Attentäter war.

Am Eingang sieht es wie ein Anslauf aus. Soeben hat ein Filmregisseur das Lokal betreten, und ein Dutzend Kinoschauspicler umringt ihn, um sich bemerkbar zu machen. Ms kleines Gefolge ziehen sie hinter ihm her, dem äußersten Ende des Casäs zu, wo die Abschlüsse staltsinden. Ein langer, etwas dünner Mime löst sich von der Gruppe los und stolziert, das Monokel kühn eingeklemmt, in nachlässiger Haltung durch die Reihen. Ich fahre aus. Wie? Giampielro wieder auserstandcn? Sucht er noch als Geist nach einer Metropolmaske?" Die fabelhaste Aehnlichkeit dieses Doppelgän­gers frappiert mich, allerdings eines Doppelgängers, der mehr nach dem Kinobrot als nach Austern (wie einst Giampielro) aus- lugt. Eine Fallstafs-Figur hemmt seinen Lauf.Na, nüe aeht's?" fragt er mit Gönnermiene.Man flimmert sich so durch", ant­wortet ider Dicke imd drückt ihn iusick i ein ein Bauch ganz lieblos gegen den Marmortisch. Denn fürchterlich ist schon die Enge, weil der Thespiskarren draußen immer neue Zufuhr bringt, hllles schwatzt, raucht und begrüßt sich von Tisch zu Tisch. Die Kunstvertvandischasl ist im schönsten Gange.

Ich durchschreite das Lokal und erhasche im Fluge verschiedene Typcti, die mich mehr an einen Friseurladeu als an die Herberge der Kinola (so habe ich bie Muse des Kinos getauft) erinnern. Einer mit verdächtig vor die Ohren gestrichenem Schmalzhaar fällt mir besonders aus. Es sitzen auch Weiber herum, die mau nicht recht rubrizieren kann. Ein echter Kinoschauspieler klärt mich aus. AlsoSchmeißfliegen", die sich aus wehrloses Fleisch setzen, um freigewerblich mitzusaugen! Das ist der Kummer der anständigen Filmisten: daß sich allerlei sremde Elenwnte in ihre Gilde einschmuggeln und leider auch bei so manchem Ktnoregisseur Gehör finden. Denn das Kinobrvt untcrschetdet sich von dem gebackenen dadurch, daß es sehr im Preise schwankt: und beim Gesilmtwerden braucht man nicht zu reden, sondern manchmal nur die Hände zu erheben. Armer Romeo vom Hoftheater zu Kleinschwätzingen, der du deine Schritte nach der großen Kinostadl gelenkt hast in der phantastischen Vorstellung, dich mit einer Riesengage von sechs Millionen Sehhungrigen als zweiter Darrp Waiden bewundert zu sehen, wie werden deine Hoffnungen von diesen Buschkleppern hier an die Wand gedrückt!

Nicht weit von ihm, im äußersten Winkel, hock! einsam eine verhärml auSsehcnde Schöne, ebenfallsbesseres ThcMer" Ihre seinen Züge interessieren mich, denn ich muh an eine Slilleidende in irgend einem Stück von Ibsen denken. Ich beobachte, wie die dünnen Finger verstohlen in die Handtasche greisen und eine Semmel dem Munde zusühren. Dann tritt einer der Ftlni- rcgisseure, dessen Gesicht mich an Emil Thomas erinnert, aus die Bessere zu und entfaltet besondere Höflichkeit. Ich höre, wie « mit der Dame verhandelt, sehe, wie ihre Wangen sich röten und ihre Augen auslcuchtendcn Glanz bekommen. Eine kleine Vorbesprechung erst. Dagegen kommt's mit dem Romeo schon zum Abschluß. Die freudige Aufwallung unterdrückend, unterzeichnet er im Stehen den Aufnahmeschein.vJch höre so etwas wiezwanzig Mark", bevorzugte Taxe. Der Kinolauf kann beginnen! Aller Aufmerk­samkeit wendet sich dem Auserwählten zu, dem das Blut wieder durch die Adern rinnt. Zwei verkannte Asta Nielsens treten sofort aus ihn zu und gratulieren ihm. Der hübsche Junge gefällt und